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Die Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen in Frankreich

Eine Betrachtung des öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurses

Bachelorarbeit 2020 59 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Geschlechterstruktur der französischen Sprache

3 Die Entstehung der sprachlichen Geschlechterordnung
3.1 Feminine Berufsbezeichnungen im Mittelalter
3.2 Der Einfluss der Académie Française im 17. Jahrhundert
3.3 Les Remarques sur la langue françoise
3.4 Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Zeitspiegel

4 Die Kontroverse: Regierung vs. Académie Française

5 Empirische Analyse aktueller Feminisierungstendenzen in Frankreich
5.1 Wörterbücher
5.2 Stellenanzeigen im Internet
5.3 Zeitungen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Übersicht Feminisierung Wörterbücher

Abb. 2: Übersicht Zusatz (H/F) Stellenanzeigen

Abb. 3: Übersicht Stellenanzeigen gesamt

Abb. 4: Übersicht Stellenanzeigen Norden/Süden

Abb. 5 : Übersicht Feminisierung Zeitungen

1 Einleitung

Im Jahr 1906 wurde die Französin Marie Curie als erste Frau an den Lehrstuhl für Physik der Sorbonne berufen. Dies war gewiss ein Fortschritt bezüglich der Integrierung von Frauen in traditionell männliche Berufe. Dennoch musste Curie den maskulinen Titel professeur führen.[1] Ebenso wurde die französische Geheimagentin Dominique Prieur noch im Jahr 1988 mit folgenden Worten beschrieben: „[…] le capitaine Prieur, enceinte, rentrait à Paris […].“[2] Diese prominenten Beispiele verdeutlichen die Tatsache, dass die Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen in Frankreich schon lange eine Problematik darstellt. Das Thema lässt sich dem Bereich der feministischen Linguistik zuordnen, welche davon ausgeht, dass Frauen erhebliche Nachteile haben, wenn sie in der Arbeitswelt oder politischen Ämtern mit maskulinen Bezeichnungen versehen werden.[3]

Die Feminisierungsdebatte ist aktuell in Frankreich aus zweierlei Hinsicht sehr präsent. Einerseits wurde vor etwa 20 Jahren im Jahr 1999 ein wegbereitendes Regelwerk zur Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen veröffentlicht. Darüber hinaus publizierte die seit ihrem Bestehen gegen feminine Bezeichnungen gerichtete französische Sprachinstitution Académie Française im Jahr 2019 einen Erlass, welcher in Zukunft mehr feminine Bezeichnungen im aktuellen Wörterbuch der Académie verspricht. Diese beiden Ereignisse bieten den Anlass, die aktuellen Feminisierungstendenzen in Frankreich zu prüfen und der Fragestellung nachzugehen, ob sich feminine Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen inzwischen in Frankreich durchgesetzt haben.

Zur Beantwortung der Fragestellung wird im zweiten Kapitel die Theorie des generischen Maskulinums beschrieben, auf welches in der empirischen Analyse Bezug genommen wird. Nachfolgend soll das dritte Kapitel die Situation im französischen Mittelalter darstellen sowie das anschließende Verschwinden femininer Bezeichnungen erklären. Im vierten Kapitel wird die bedeutsame Kontroverse zwischen der Regierung sowie der Académie Française dargestellt, welche in dem bereits genannten wichtigen Regelwerk von 1999 mündete. Auf diesem Regelwerk soll die darauffolgende Analyse im fünften Kapitel basieren. Dort wird zunächst die aktuelle Situation femininer Bezeichnungen im wissenschaftlichen Bereich der drei wichtigsten Wörterbücher Le Petit Robert, Larousse sowie dem Dictionnaire de l‘Académie Française untersucht. Daraufhin soll der öffentliche Diskurs von Stellenanzeigen im Internet betrachtet werden. Schließlich wird der öffentliche Diskurs der Tageszeitungen Le Monde sowie Le Figaro beleuchtet. Ein Fazit fasst in Kapitel sechs alle wichtigen Ergebnisse zusammen und gibt einen kurzen Ausblick zum Thema.

2 Die Geschlechterstruktur der französischen Sprache

Die französische Sprache besitzt mit dem Maskulinum und dem Femininum zwei grammatikalische Geschlechter. Ein drittes neutrales Geschlecht, mit welchem allgemeine oder geschlechterübergreifende Inhalte ausgedrückt werden können, existiert hingegen nicht.[4] Die französische Grammatik ist weiterhin durch die Regel des generischen Maskulinums gekennzeichnet. Dieses existiert in vielen Sprachen, ist jedoch im Französischen besonders stark präsent.[5] Das generische Maskulinum charakterisiert das Französische dadurch, dass bei Personenreferenzen im Plural die männliche Form die weibliche Form einschließen kann, dies jedoch nicht umgekehrt funktioniert.[6] Folgende Beispielsätze untermauern dies:

(1) Mon frère et mon père, ils sont partis.
(2) Ma mère et ma sœur, elles sont parties.
(3) Ma mère et mon père, ils sont partis.[7]

Weiterhin wird die männliche Form für universell-menschliche Sachverhalte angewendet. Es existiert zudem keine genuin-neutrale Form, in welcher Personen geschlechtsneutral benannt werden können. Als Beispiele dienen folgende Aussagen:

(4) Tous les hommes sont égaux en droits.
(5) Toutes les femmes sont égales en droits.[8]

Hommes wird an dieser Stelle generisch angewendet und bezieht sich auf Männer und Frauen, also auf Menschen allgemein. Femmes bezieht sich nur auf Frauen, jedoch nicht auf Menschen mit weiblichem und männlichem Geschlecht. Darüber hinaus fehlt im Französischen ein dritter sächlicher Artikel.[9] Der männliche Artikel le bedeutet einerseits der und das. Das männliche Pronomen il bedeutet gleichzeitig er und es:

(6) Il pleut.
(7) Il faut.
(8) Il est nécessaire.[10]

Für die französische Sprache hat dies auf der Bedeutungsebene weitreichende Folgen. Einerseits resultiert eine zwangsweise Einteilung in zwei grammatikalische Geschlechter. Andererseits ist das weibliche Geschlecht dem männlichen Geschlecht grammatikalisch untergeordnet.[11] Darüber hinaus werden Frauen und ihre Leistungen bei der Verwendung des generischen Maskulinums unsichtbar:

(9) Ils sont intelligents.[12]
(10) Un garçon et 30 filles se sont présentés à l’examen.Ils ont tous réussi.[13]

Mehrere Ansätze versuchen zu erfassen, wieso das Maskulinum die Norm darstellt, statt des Femininums oder einer anderen neutralen Form. Einerseits wird davon ausgegangen, dass es sich um einen Zufall handelt und zwischen Genus sowie dem biologischen Geschlecht (Sex) und dem sozialen Geschlecht (Gender) keine bedeutende gesellschaftliche Verbindung besteht. Grammatik ist demnach neutral sowie selbstständig und ergibt sich aus der Sprachpraxis und Sprachlogik. Dieses Argument bezieht sich auf die Markiertheitstheorie von Roman Jacobson, welcher davon ausgeht, dass das, was in allgemeinerer Bedeutung auftritt, der unmarkierte bzw. merkmallose Fall ist. Bezogen auf das grammatikalische Geschlecht vertritt das Maskulinum diesen unmarkierten Fall.[14] Strukturell gesehen ist das Maskulinum das festgelegte Genus, welches bei Koexistenz mit dem Femininum dominiert. Es wird als das unmarkierte Genus angesehen, da es uneingeschränkt auf männliche und weibliche Personen verweisen kann.[15] Das Femininum hingegen wird vom Maskulinum abgeleitet und stellt daher den markierten bzw. merkmalhaltigen Fall dar. Es kann nur eingeschränkt verwendet werden.[16]

Ein zweiter Ansatz besagt, dass Sprache eine abbildende Funktion der Wirklichkeit innehat und das dominierende männliche Geschlecht aktuelle Gesellschaftsstrukturen reflektiert. Das männliche Handeln vertritt eine kulturelle Vormachtstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Grammatik spiegelt demnach soziale Realität wider.

Ein dritter Ansatz verfolgt die These, dass der Sprache eine historische Weltanschauung zugrunde liegt, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse und Ideologien der Entstehungszeit wiedergibt. Grammatik besitzt somit gewisse historische Muster.[17]

3 Die Entstehung der sprachlichen Geschlechterordnung

3.1 Feminine Berufsbezeichnungen im Mittelalter

Das generische Maskulinum begann sich erst ab dem 17. Jahrhundert als grammatikalische Regel zu festigen. Frauen haben im Mittelalter aktiv am Arbeitsleben teilgenommen und die wirtschaftliche Entwicklung der Städte entscheidend geprägt. Frauen waren meistens als Arbeitskräfte innerhalb der Familie, Handwerkerinnen, Meisterinnen oder Lohnempfängerinnen tätig. Dennoch standen die Frauen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Arbeitgeber und waren nicht selbstständig.[18] Die Berufsbezeichnungen für Männer und Frauen wurden zudem gleichberechtigt benutzt. Frauen wurden im Femininum und nicht im generischen Maskulinum benannt, wodurch das Geschlecht deutlich erkennbar war. So geht beispielsweise aus dem Livre de la Taille, dem Verzeichnis für Steuerzahler und -zahlerinnen von 1296 – 1297 hervor, dass eine Weberin als tisserande, eine Handschuhverkäuferin als gantiere und eine Maurerin als maçonne bezeichnet wurde.[19] Aus dem Livre de Métiers, dem Verzeichnis der Gewerbe, aus dem Jahr 1271, geht hervor, dass Frauen neben haushaltlichen und handwerklichen Berufen auch prestigereiche Tätigkeiten ausübten wie beispielsweise den Beruf der autrice, procureuse, professeuse, écrivaine oder jugesse.[20] Darüber hinaus waren Frauen im medizinischen Bereich als barbières und miresses (Ärztinnen)[21] oder levatrices (Hebammen) tätig. Ende des 13. Jahrhunderts konnten ebenfalls 21 maîtresses d’école (Leiterinnen von Grundschulen für Mädchen) nachgewiesen werden.[22] Das Suffix - esse war im Mittelalter keine Seltenheit. Es wurde in adeligen Kreisen für Personenbezeichnungen wie beispielsweise comtesse, duchesse, princesse oder abbesse genutzt.[23] Auf der anderen Seite wurde das Femininum nicht bei allen Berufen angewendet wie beispielsweise bei den boulangers, armuriers (Waffenhändlern) oder liniers (Leinenwebern).[24]

3.2 Der Einfluss der Académie Française im 17. Jahrhundert

Mit dem Edikt von Nantes 1598 und dem Ende der blutigen Religionskriege entwickelte sich in Frankreich ein ausgeprägtes Gesellschaftsleben.[25] Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bildeten sich vor allem in Paris sogenannte Salons heraus, in welchen sich die adelige Gesellschaft über sprachliche Aktualitäten sowie Literatur austauschte.[26] In vorbereiteten Räumen trafen sich vor allem Mitglieder des höfischen Adels, bürgerliche Personen, Schriftsteller und Wissenschaftler, welche dort tanzten, musizierten, dichteten oder sich gegenseitig vorlasen . Diese Salons wurden vorzugsweise von Frauen geführt[27] und bildeten eine Gegenwelt zu jener des königlichen Hofes.[28] So hatten insbesondere die kultivierten Pariser Salondamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der französischen Sprache. Dennoch befand sich die französische Sprache zu diesem Zeitpunkt noch in der Entwicklung. Weder die Grammatik noch die Verwendung der grammatikalischen Geschlechter waren final festgelegt.[29]

Neben den Salons der Damen formten sich in Paris ebenfalls private Kreise, in denen gebildete Männer über die Sprache, die Literatur sowie das Theater diskutierten.[30] Zu diesen Kreisen gehörte jener des jungen Autors Valentin Conrart, welcher ein reicher Bürger war und dessen Zuhause bald das Zentrum des Cercle Conrart wurde.[31] Der Kreis schloss sich aus zehn Männern zusammen, welche alle einen prestigereichen Beruf ausübten.[32] Die Männer trafen sich ab 1629 mindestens einmal wöchentlich, um über die Fragen der Sprache, des guten Stils sowie des Ausdrucks zu diskutieren.[33] Kardinal Richelieu, Berater sowie Minister des Königs und bekannt für sein Streben nach politischer Macht, erfuhr von diesem Kreis. Richelieu war sofort von der Idee begeistert eine Académie zu gründen, da in den großen italienischen Städten bereits derartige Institutionen existierten.[34] Er schlug den Schriftstellern und Grammatikgelehrten um Conrart im Jahre 1634 vor, diese unter seiner Obhut rechtlich anzuerkennen und zu fördern. Die sprachinteressierten Herren willigten nach kurzem Zögern einiger Mitglieder ein, welche Richelieu zunächst reserviert begegneten.[35] Bald darauf zählten 40 männliche Mitglieder zum engsten Kreis der sogenannten Académie Française. Das ihnen von Richelieu verliehene Siegel trug die Inschrift A l’immortalité [36] und prägte damit deren zukünftige Bezeichnung und Aufgabe. Les immortels erhielten ihre Ämter auf Lebenszeit und sollten die französische Sprache für die Nachwelt bewahren und beschützen.[37] Conrart zielte in Artikel 25 der von ihm entworfenen Statuten hauptsächlich auf Regulierung, Normierung und Reinheit der französischen Sprache ab. Den Künsten und Wissenschaften sollte diese eloquent und angemessen sein:

„La principale fonction de l’Académie sera de travailler avec tout le soin et toute la diligence possible à donner des règles certaines à notre langue et à la rendre pure, éloquente et capable de traiter les arts et les sciences.“[38]

Zu diesem Zweck sollte ein Wörterbuch, eine Grammatik, eine Rhetorik sowie eine Poetik erstellt werden: „Il sera composé un Dictionnaire, une Grammaire, une Rhétorique et une Poétique sur les observations de l’Académie.“[39] Ein erstes Wörterbuch erschien im Jahr 1694. Insgesamt gibt es heute acht Auflagen. Die neunte Auflage ist seit 1986 in Arbeit.[40]

Durch diese Entwicklungen wurde die weibliche Sprachnormierungsmacht der Salons erheblich eingeschränkt. Die Sprache mutierte zum männlich dominierten politischen Instrument,[41] nachdem diese zuvor über zwei Jahrzehnte außerhalb des Einflusses des Königshofes im Besitz des weiblichen Geschlechts gewesen war.[42]

3.3 Les Remarques sur la langue françoise

Die Académie beauftragte Claude Favre de Vaugelas mit der Erstellung eines ersten grammatischen Regelwerkes. Er galt als Sprachkenner und Wortführer der Gemeinschaft und verfasste im Jahr 1647 mit den Remarques sur la langue françoise das erste Sprachgutachten der Académie Française.[43] Folgende Aussage veranschaulicht den hohen Stellenwert des Autors innerhalb der Sprachinstitution: „[L]‘ Académie le [i.e. Vaugelas] regardait comme une de ses lumières, […].“[44] Einerseits prägte dieses Werk den Ausdruck des Bon usage (Guter Sprachgebrauch) sowie des Mauvais usage (Schlechter Sprachgebrauch). In Vaugelas Aufzeichnungen finden sich andererseits erste eindeutige Verweise darauf, dass das männliche Geschlecht das edlere Geschlecht ist.[45] Vaugelas diskutiert beispielsweise die Deklinierung eines Adjektivs, welches sich auf zwei Substantive von unterschiedlichem Geschlecht bezieht.[46] Im Mittelalter und auch noch während des 16. Jahrhunderts wurden Adjektive anhand des nächststehenden Substantives dekliniert: „Pendant tout le moyen âge, on avait la liberté de n’accorder qu’avec le substantif le plus voisin, et au XVIe siècle encore […].“[47] Folgende Beispielsätze unterstreichen dies:

(11) Pour rendre mon desir et ma peine éternelle.[48]
(12) Par consentement et délibération générale.[49]

Diese Regel änderte sich jedoch und anhand der lateinischen Grammatik musste es dann beispielsweise heißen: „Ce peuple a le cœur & la bouche ouverts à vos louanges.“[50] Aus sprachästhetischen Gründen befürwortete Vaugelas zunächst weiterhin die Deklinierung mit dem nächststehenden Substantiv: „Ce peuple a le cœur & la bouche ouverte à vos louanges.“[51] Bei anderen Schriftstellern des 17. Jahrhunderts lassen sich ähnliche Diskussionen finden, wie beispielsweise bei Chapelain, welcher vorschlug: „Comme si le meurtre et l’impureté pratiqués sans remords“[52] und somit anderer Meinung war als Vaugelas. Letztendlich schloss sich Vaugelas in den Remarques folgender Regel an: „Deux substantifs de genre différent veulent l’adjectif au masculin“[53] und formuliert eine eigene prägende Regel des Französischen:

„[…] parce que deux substantifs differents demandent le pluriel au verbe qui les suit, & dès que l’on employe le pluriel au verbe, il le faut employer aussi à l’adjectif, qui prend le genre masculin, comme le plus noble, quoy qu’il soit plus proche du féminin.“[54]

Vaugelas spricht schließlich von einer regelrechten Vorherrschaft des männlichen Geschlechtes: „Parce que le genre masculin est le plus noble, il prévaut tout seul contre deux féminins […].“[55] Dieses Gebot von Vaugelas, dass das Maskulinum das edlere Geschlecht ist und deshalb über dem Femininum steht, ist ein fester Bestandteil der französischen Grammatik. Es besteht in dem berühmten Lehrsatz Le masculin l’emporte sur le féminin weiter, welcher heute allen französischsprachigen Kindern von Beginn an vermittelt wird.[56]

Es ist deutlich erkennbar, dass die Schwierigkeiten rund um das Thema Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen in Frankreich ihre politischen sowie ideologischen Wurzeln in der französischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts haben.[57] Die Académie Française war, vertreten durch Vaugelas, maßgeblich an der Entstehung des generischen Maskulinums beteiligt. In der Literatur wird dieser Prozess im 17. Jahrhundert auch als „[…] mouvement de ‚masculinisation‘ […]“[58] sowie als „[…] masculinisation délibérée de la langue […]“[59] bezeichnet.

3.4 Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Zeitspiegel

Soziale Veränderungen haben neben den sprachlichen Einflüssen am Übergang zur Neuzeit die Produktivität und Vitalität femininer Berufsbezeichnungen beeinflusst.[60] Während Frauen im 17. und 18. Jahrhundert tonangebend in den Salons dominierten und viele bekannte literarische Werke herausbrachten,[61] machte sich dennoch eine zunehmende Frauenfeindlichkeit in Frankreich seit dem Mittelalter breit.[62] Der Erfolg der weiblichen Literaten schlug sich nicht einmal in einer akzeptierten Berufsbezeichnung nieder. Die weibliche Berufsbezeichnung autrice wurde entweder ganz abgelehnt oder nur abwertend eingesetzt.[63] Vor dem 16. Jahrhundert gab es jedoch viele andere anerkannte weibliche Berufe und Berufsbezeichnungen.[64] Danach verloren die Frauen das Recht eine berufliche Ausbildung anzutreten und konnten darüber hinaus keine Bediensteten mehr einstellen. Das Textilgewerbe wurde zum Beispiel während der Renaissance von Männern dominiert. Den Frauen blieben lediglich weniger angesehene Tätigkeiten wie beispielsweise das Spinnen oder die Fertigung von Stoffen übrig.[65] Aufgrund dieser gesetzlichen Regelungen wurden Frauen aus vielen Berufen verdrängt. Die weiblichen Berufsbezeichnungen verschwanden oder hatten lediglich noch die Bedeutung Ehefrau von. Vorerst waren davon nur handwerkliche Berufe betroffen. Mit der Einschränkung der Rechtsfähigkeit von Frauen übertrug sich diese Entwicklung auch auf prestigereiche Branchen.[66] Avocate war zum Beispiel lediglich die Ehefrau des Anwalts, vergleichbar sind notaresse (Ehefrau des Notars), mairesse (Ehefrau des Bürgermeisters) sowie ambassadrice (Ehefrau des Botschafters).[67] Weiterhin trugen die Französische Revolution sowie die napoleonische Ära wenig zur politischen und wirtschaftlichen Selbstständigkeit der Frau bei. In dieser Zeit tauchten vermehrt Personenbezeichnungen mit ausschließlich männlichem Charakter wie dantoniste, ultra-patriote oder ultra-révolutionnaire auf. Frauen spielten zu dieser Zeit im politischen Leben so gut wie keine Rolle.[68] Vielmehr wurden am Ende des 18. Jahrhunderts, im Zuge der Reorganisation des Landes im Jahr 1791, neue männliche Berufsbezeichnungen eingeführt wie beispielsweise préfet oder sous-préfet. Ein weiblicher Präfekt war noch im 19. Jahrhundert unvorstellbar. Deshalb war unter la préfète lediglich la femme du préfet zu verstehen.[69] Auch dies zeigt die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen des 19. Jahrhunderts von ihrem Ehemann. Ihr Tätigkeitsfeld beschränkte sich lediglich auf den häuslichen Bereich.[70]

Dadurch dass Frauen keine politischen Ämter und bürgerlichen Berufe mehr ausüben durften, verschwanden viele weibliche Berufsbezeichnungen. Frauen konnten lediglich manuelle oder prestigeärmere Berufe ausüben. Für diese Tätigkeiten waren und sind feminine Berufsbezeichnungen durchaus üblich (Bsp.: vendeuse).[71] Hier gab es jedoch häufig kein männliches Pendant, da Männer einige Berufe üblicherweise nicht ausübten wie beispielsweise den Beruf der sage-femme.[72]

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die soziale Stellung der Frau. Schon während des ersten Weltkrieges sowie der Zwischenkriegszeit (1918-1939) begannen Frauen in die Berufswelt der Männer einzutreten. So waren Frauen bald nicht mehr nur in der Hauswirtschaft tätig, sondern beispielsweise auch im Handel und Verkehr als gérante (Leiterin) oder conductrice (Fahrerin) sowie in der modernen Armee als aviatrice (Fliegerin) oder parachutiste (Fallschirmspringerin). Frauen wurden sogar politisch aktiv und arbeiteten als députée, mairesse oder ambassadrice. Dennoch wurden derartig moderne feminine Berufsbezeichnungen von puristischen Sprachinstanzen, wie der Académie Française, offiziell abgelehnt. Die Anhänger dieser konservativ geprägten Institution beriefen sich bei der Benennung von Frauen auf die maskuline Berufsbezeichnung oder versuchten die feminine Form zu umschreiben.[73] Die Anhänger der Gegenseite, jene der feministischen Linguistik sowie der französischen Regierung, sprachen sich hingegen verstärkt für eine geschlechtergerechte Sprache aus. Im Folgenden soll auf diese bedeutende Kontroverse zwischen der französischen Regierung und der Académie Française am Ende des 20. sowie zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Frankreich eingegangen werden.

4 Die Kontroverse: Regierung vs. Académie Française

In Bezug auf Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen lässt sich sagen, dass das Maskulinum im Französischen traditionell in dreifacher Funktion auftritt: Zur Bezeichnung des männlichen Geschlechtes (Monsieur le ministre), als generisches Maskulinum im Plural (Les ministres du gouvernement) sowie zur Bezeichnung des weiblichen Geschlechtes als generisches Maskulinum im Singular (Madame le ministre).[74] Insbesondere die letzte Funktion, die Verwendung des generischen Maskulinums zur Bezeichnung einer Frau, wird von französischen Feministinnen scharf kritisiert und abgelehnt.[75] Neben der dadurch hervorgerufenen sprachlichen sowie sozialen Degradierung der Frauen, erscheint es zudem befremdlich, dass die französische Presse den Mutterschaftsurlaub der damaligen Umweltministerin Ségolène Royal mit den Worten ankündigte: „[…] le ministre a pris son congé de maternité […].“[76]

Der sprachliche Umbruch in Frankreich bezüglich der Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen begann unter der Regierung des ehemaligen Premierministers Laurent Fabius. Die damalige Frauenministerin Yvette Roudy erkannte das Problem der Unsichtbarkeit der Frauen in der französischen Sprache. Roudy bestand als erste Ministerin auf die Anrede Madame la ministre.[77] Sie erreichte, mithilfe der Schriftstellerin Benoîte Groult, die Bildung einer Sprachkommission.[78] Die Académie Française versuchte erfolglos dieses Projekt zu stoppen.[79] Am 11. März 1986 wurde eine neue Regierungsrichtlinie zur Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen verabschiedet. Diese sah Regeln zur Femininbildung vor, welche ebenfalls männerdominierende Berufe und Funktionen erfasste. Diese Regeln sollten in allen offiziellen Dokumenten des Staates eingehalten werden. Es wurden Alternativbildungen vorgeschlagen, um abwertende sowie ungebräuchliche Formen zu vermeiden. Abgelehnt wurden beispielsweise Bildungen auf -esse (Bsp.: poetesse). Dieser Aufruf forderte ebenfalls geschlechtsneutrale Formulierungen in Stellenangeboten ein. Die Möglichkeit Feminina mit den Suffixen -euse und -teuse zu bilden wurde nur erlaubt, wenn das Basisverb erkennbar war (Bsp.: une vendeuse, une acheteuse). In allen anderen Fällen sollte die feminine Form mit der maskulinen Form sowie dem weiblichen Artikel gebildet werden (Bsp.: une professeur, une proviseur, une ingénieur).[80]

Die Académie hielt hingegen am Maskulinum fest und betrauerte im Jahr 1987 den Tod ihres ersten weiblichen Mitgliedes mit den Worten „[…] le décès de leur regretté confrère, Marguerite Yourcenar […].“[81] Das Hauptargument der Académie, weiterhin die maskuline Bezeichnung für Frauen zu benutzen, war, dass lediglich das nicht markierte Genus die Fähigkeit hätte die Merkmale beider Genera zum Ausdruck zu bringen. Bei einer Reform der Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen, welche die Gleichstellung von Männern und Frauen zum Ziel hat, müsste daher in allen Fällen dieses unmarkierte Genus verwendet werden:

„Le genre dit couramment ‘masculin’ est le genre non marqué, qu’on peut appeler aussi extensif en ce sens qu’il a capacité à représenter à lui seul les éléments relevant de l’un à l’autre genre. […] Il en résulte que pour réformer le vocabulaire des métiers, et mettre les hommes et les femmes sur un pied de complète égalité, on devrait recommander que, […] chaque fois que le choix reste ouvert, on préfère pour les dénominations professionnelles le genre non marqué.“[82]

[...]


[1] Vgl. Fischer (1985: 133).

[2] Anonym, Le Monde, 23.12.1988.

[3] Vgl. Hergenhan (2015: 99-100).

[4] Vgl. Hergenhan (2012a: 61).

[5] Vgl. Hergenhan (2012b: 7).

[6] Vgl. Hergenhan (2012a: 62).

[7] Schwarze (2008: 198).

[8] Hergenhan (2012a: 62).

[9] Vgl. Hergenhan (2012a: 62).

[10] Hergenhan (2004: 142).

[11] Vgl. Hergenhan (2012a: 62).

[12] Hergenhan (2004: 141).

[13] Ossenkop (2013: 177).

[14] Vgl. Hergenhan (2012a: 63).

[15] Vgl. Ossenkop (2013: 177).

[16] Vgl. Hajnal (2002: 5-6).

[17] Vgl. Hergenhan (2012a: 63).

[18] Vgl. Schafroth (1998: 158).

[19] Vgl. Schafroth (1998: 166-167).

[20] Vgl. Schafroth (2001: 130-131).

[21] Vgl. Hergenhan (2012b: 10).

[22] Vgl. Schafroth (1998: 160).

[23] Vgl. Stehli (1949: 1).

[24] Vgl. Schafroth (1998: 164).

[25] Vgl. Hergenhan (2012a: 93).

[26] Vgl. Frey (2000: 7).

[27] Vgl. Hergenhan (2012a: 93).

[28] Vgl. Hergenhan (2012a: 95).

[29] Vgl. Hergenhan (2012b: 11).

[30] Vgl. Frey (2000: 7).

[31] Vgl. Bourgoin (1971: 29).

[32] Vgl. Bourgoin (1971: 30).

[33] Vgl. Frey (2000: 5-6).

[34] Vgl. Mönch (1972: 27-28).

[35] Vgl. Hergenhan (2012a: 100-101).

[36] Vgl. Frey (2000: 19).

[37] Vgl. Stockhorst (2010: 460).

[38] Wolf (1972: 15).

[39] Wolf (1972: 15).

[40] Vgl. Académie Française http://www.academie-francaise.fr/le-dictionnaire/la-9e-edition (12.01.2020).

[41] Vgl. Hergenhan (2012b: 12).

[42] Vgl. Hergenhan (2012a: 100).

[43] Vgl. Weinrich (1960: 29-30).

[44] Frey (2000: 24).

[45] Vgl. Hergenhan (2012b: 11).

[46] Vgl. Hergenhan (2012a: 122).

[47] Brunot (1969: 366).

[48] Brunot (1969: 365).

[49] Brunot (1894: 266).

[50] Brunot (1894: 266).

[51] Brunot (1894: 266-267).

[52] Brunot (1966: 468).

[53] Brunot (1966: 468).

[54] Vaugelas (1659: 67).

[55] Marzys (2009: 617).

[56] Vgl. Hergenhan (2012b: 11).

[57] Vgl. Fracchiolla (2008: 8).

[58] Crouzet-Daurat (2017: 1).

[59] Cerquiglini (2018: 125).

[60] Vgl. Schafroth (1998: 478).

[61] Vgl. Schafroth (1998: 191).

[62] Vgl. Schafroth (1998: 185).

[63] Vgl. Schafroth (1998: 195).

[64] Vgl. Schafroth (2001: 131).

[65] Vgl. Schafroth (1998: 185-186).

[66] Vgl. Schafroth (2001: 131).

[67] Vgl. Schafroth (1998: 269).

[68] Vgl. Stehli (1949: 2).

[69] Vgl. Stehli (1949: 3).

[70] Vgl. Schafroth (1998: 185).

[71] Vgl. Ossenkop (2013: 183).

[72] Vgl. Hergenhan (2004: 144).

[73] Vgl. Stehli (1949: 5).

[74] Vgl. Schafroth (2001: 142).

[75] Vgl. Ossenkop (2013: 179).

[76] Hergenhan (2004: 151).

[77] Vgl. Schafroth (2001: 142).

[78] Vgl. Hergenhan (2004: 147).

[79] Vgl. Schafroth (2001: 141).

[80] Vgl. Viennot et al. (2015: 67-68).

[81] Schafroth (2001: 141).

[82] http://www.laicite-republique.org/feminisation-des-titres-et-des-fonctions-academie-francaise-14-juin-84.html (27.01.2020).

Details

Seiten
59
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346151742
ISBN (Buch)
9783346151759
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539340
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Romanistik
Note
1.3
Schlagworte
Feminisierung Gender Titelbezeichnungen Amtsbezeichnungen Berufsbezeichnungen Frankreich Französische Sprachwissenschaft Feministische Linguistik

Autor

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Titel: Die Feminisierung von Titel-, Amts- und Berufsbezeichnungen in Frankreich