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Das Konzept des Handelns bei Hannah Arendt

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2.1. Das Konzept des Handelns
2.1.1. Grundbedingungen für das Handeln
2.1.2. Der Bereich des Politischen
2.2. Die Beschaffenheit/Aporien des Handelns

3.1. Umgang mit den Aporien des Handelns
3.2. Lösungsmöglichkeit der Aporien des Handelns

4. Schlussbemerkungen

1. Einleitung

Das deutlichste Merkmal an Hannah Arendt’s philosophischem Werk ist dessen humanistische Prägung, vor allem aber dessen thematische und methodische Vielschichtigkeit. Sie entwirft kein klar umrissenes Konzept der politischen Theorie, keine Grundlage für einen stringenten ideologischen Entwurf. Ein zentrales Element ihrer Arbeit - auf dessen Grundlage Sie weitere Theorien entwickelt - ist allerdings das Konzept des gemeinschaftlichen politischen Handelns, einer elementaren menschlichen Fähigkeit, deren Zerstörung etwa die Entstehung totalitärer Herrschaften ermöglicht.

Die Verbindung von Denken und Handeln, von Philosophie und Politik, spielt für Arendt dabei eine entscheidende Rolle. Sie entgegnet damit sowohl der denkerischen Hilflosigkeit der neuzeitlichen Philosophen, als auch der Gedankenlosigkeit im Stil Eichmanns und der Gleichschaltung gedankenlos Handelnder, vor dem Erfahrungshorizont des europäischen 20. Jahrhunderts, das Weltkriege und totalitäre Systeme erlebt hat.

Das Konzept des gemeinschaftlichen politischen Handelns entwickelt sie in „Vita activa oder vom tätigen Leben“. Ausgehend von der Frage „Was tun wir wenn wir tätig sind?“ lässt sie in diesem Buch die „höchste und vielleicht reinste“ Tätigkeit - das Denken bzw. die vita contemplativa - außer Acht, und untersucht die grundlegenden Elemente des Tätigseins, die sich in Arbeiten, Herstellen und Handeln aufgliedern.

Die vorliegende Arbeit macht sich das Schlüsselkonzept des Handelns zum Thema. Da es bislang keine umfassende kritische Auseinandersetzung mit dem thematisch und methodisch äußerst vielschichtigen Werk Arendts gibt, und die Stellungnahmen und Lesarten zu ihrer politischen Philosophie sich in sehr unterschiedliche Standpunkte aufteilen, soll das Thema dieser Arbeit vornehmlich anhand des Primärtextes behandelt werden.

Im ersten Teil wird dazu das arendtsche Konzept des Handelns dargestellt, und die Schwierigkeiten, die sich aus dem Handeln für den Bereich des Politischen ergeben, aufgezeigt. Im darauf folgenden Teil wird zunächst behandelt, mit welchen Konzepten die Tradition der politischen Philosophie nach Plato auf die Aporien des Handelns reagiert. Dem wird abschließend der Ansatz von Hannah Arendt gegenübergestellt.

2.1. Das Konzept des Handelns

2.1.1. Grundbedingungen für das Handeln

Die menschliche Existenz ist abgesehen von Natürlichem oder menschlich Geschaffenem durch verschiedene Grundbedingungen geprägt. Die Tätigkeit der Arbeit - ein lebensnotwendiger, biologischer Prozess - ist durch das Leben selbst bedingt. Die Tätigkeit des Herstellens, die eine künstliche Welt von dauerhaften, von der Natur geschiedenen Dingen hervorbringt die dem Menschen ein Zuhause bieten, ist durch Weltlichkeit und die Angewiesenheit des Menschen auf Gegenständlichkeit und Objektivität bedingt. Das Handeln ist in Abgrenzung dazu die einzige Tätigkeit, die sich unabhängig von Dinglichkeit und Materialität direkt zwischen den Menschen abspielt. Die Grundbedingung für das Handeln sind dabei Pluralität und Natalität.1

Die Pluralität - die Tatsache, dass nicht ein sondern viele Menschen die Welt bevölkern - drückt sich in zweierlei Hinsicht aus: durch Gleichheit und Verschiedenheit. Gleichheit bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die grundsätzliche Gleichartigkeit der Menschen, als Voraussetzung für Verständigung und Austausch. Die Verschiedenheit drückt sich in der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen aus. Dies beschränkt sich jedoch nicht auf ein schieres „Anders-sein“, wodurch sich die Menschen voneinander unterscheiden, vielmehr zeichnet sich nur der Mensch dadurch aus, dass er diese Verschiedenheit von anderen bzw. seine Einzigartigkeit durch Sprechen und Handeln aktiv zum Ausdruck bringt.2

Die Natalität - das Geborenwerden eines Menschen in eine bereits existierende Welt - beinhaltet den Kern des Neubeginns. Die Natalität, die Geburt eines Menschen, stellt für Arendt einen Anfang und ein Beginnen dar, dem man entspricht, indem man in der Welt selbst etwas aus eigener Initiative beginnt. Indem man handelt und Initiative ergreift schaltet man sich in die Welt ein und bestätigt das Initium, das die Geburt darstellt. Arendt lehnt sich mit dieser Auffassung an Augustin, der die ursprüngliche und radikale Bedeutung des „Anfangs“ erkannte: „damit ein Anfang sei wurde der Mensch geschaffen, vor dem es niemand gab“3. Augustin hat sich damit gegen die griechische und römische Annahme gestellt, nach der sich alles kreislaufartig von Zeit zu Zeit wiederholt. Er vertrat vielmehr die Ansicht, dass die Zeit nicht an Kreisläufe gebunden sein könne, da Neuanfänge sonst nich möglich seien. Er sieht die Erschaffung der Welt als absolutes principium (vor dem Nichts war) von der Schöpfung des Menschen, dem initium (vor dem es anderes aber nicht Andere gab) klar getrennt. Arendt fasste diesen Gedanken auf, und sah in dem Umstand, dass der Mensch durch seine Natalität selbst ein Anfang, ein initium in der Welt ist, die Ursache für die menschliche Fähigkeit Initiative ergreifen bzw. etwas neues anfangen zu können.4

2.1.2. Der Bereich des Politischen

Wie bereits gesagt wurde, unterscheidet Arendt das Handeln klar von den anderen Tätigkeiten des Arbeitens und Herstellens als einzige Tätigkeit, die unmittelbar zwischen den Menschen stattfindet. So wenig das Handeln mit der dinglichen Welt verknüpft ist, so sehr hängt es jedoch mit dem Sprechen zusammen. Gerade durch sein Sprechen und Handeln drückt der Mensch aktiv seine Einzigartigkeit aus, und vermittelt seiner Mitwelt ‚wer er ist‘. Dieses Enthüllen der eigenen Persönlichkeit, das auch beim Sprechen über an sich objektive Dinge stattfindet, nennt Arendt den „Subjektiven Faktor“5, der von allen Konzepten der politischen Philosophie ignoriert wird, die den Bereich des Politischen aus einem materialistischen Ansatz heraus verstehen wollen (sie nennt als Beispiele hierfür die marxistische Terminologie für das Verhältnis zwischen dem Bereich des Politischen und der objektiv-gegenständlichen Welt, sieht an diesem Ansatz jedoch nichts neues, da er bereits bei Plato und Aristoteles zu finden ist). Den Bereich des Politischen bezeichnet sie vielmehr als „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“6.

Das Arbeiten und Herstellen sind Tätigkeiten, die ohne Sprechen und der Anwesenheit anderer Menschen in Isoliertheit stattfinden können. Das Handeln hingegen vollzieht sich nur innerhalb einer Mitwelt, im Bereich der menschlichen Angelegenheiten. Die personale Einmaligkeit des Einzelnen kann nur in Interaktion mit der Mitwelt, durch Sprechen und Handeln zum Vorschein kommen. Die Resultate des Handelns und Sprechens sind dabei nicht greifbar wie Produkte des Herstellens, sie sind deshalb allerdings nicht weniger wirklich.

Da ein Mensch in eine Welt hineingeboren wird, in der bereits Menschen existieren und existiert haben, ist er demnach ein „Neuankömmling“ in einem bereits bestehendem Bezugssystem menschlicher Angelegenheiten.

Dieses Bezugssystem, das sich aus den Handlungen der einzelnen (und jeder für sich einzigartigen) Menschen konstituiert, ist mit seinen „...zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen...“7 äußerst komplex. Die Handlungen eines Neuankömmlings vollziehen sich daher nur im Zusammenwirken mit den bereits existierenden Strukturen. Sie erzielen nie eindeutig die intendierten Absichten, da das Resultat der Handlungen vielschichtigen Beeinflussungen unterworfen ist: „...die Folgen einer Handlung, die als solche ihren Ursprung außerhalb des menschlichen Bezugssystems haben kann, [schlagen] in das Medium des unendlichen Gewebes der menschlichen Angelegenheiten hinein [...], wo jede Reaktion gleichsam automatisch zu einer Kettenreaktion wird und jeder Vorgang sofort andere Vorgänge veranlaßt.“8

2.2. Die Beschaffenheit/Aporien des Handelns

Arendt leitet daraus mehrere Konsequenzen für die Beschaffenheit des Handelns ab: zum einen die Schrankenlosigkeit des Handelns, und zum anderen die Unabsehbarkeit der Folgen des Handelns und die Unwiderruflichkeit des Handelns.

„Schrankenlosigkeit erwächst aus der dem Handeln eigentümlichen Fähigkeit, Beziehungen zu stiften, und damit aus der ihm inhärenten Tendenz, vorgegebene Schranken zu sprengen und Grenzen zu überschreiten.“9 Da es dem Handeln immanent ist, Anfänge zu setzten und Bezüge zu stiften anstatt zu stabilisieren und zu begrenzen, weisen die Schranken und Gesetze, die den politischen Bereich stabilisieren sollen stets eine starke Fragilität auf. Einerseits werden sie durch das beziehungsstiftende Handeln der zeitgenössischen Menschen herausgefordert, anderseits durch jede neue Generation, die als Neuankömmlinge im bestehenden Bezugssystem ihr initium durch Handeln und Sprechen zur Geltung bringt.

[...]


1 Arendt, Hannah: Vita activa oder vom tätigen Leben. München, Zürich: Piper 2002, S.17 (In den folgenden Fußnoten mit „VA“ gekennzeichnet)

2 VA, S.213

3 Augustinus: De Civitate Dei XII,20. Zit. nach VA, S.216

4 Saner, Hans: Die politische Bedeutung der Natalität bei Hannah Arendt. In: Ganzfried, Daniel; Hefti, Sebastian (Hrsg.): Hannah Arendt - Nach dem Totalitarismus. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1997, S.108

5 VA, S.226

6 VA, S.225

7 VA, S.226

8 VA, S.237

9 VA, S.238

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638492447
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53928
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Konzept Handelns Hannah Arendt Politik Kritik Carl Schmitt Strauss

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