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Welche Berufsrolle können akademisch qualifizierte Pflegekräfte in einem psychiatrischen Krankenhaus übernehmen? Erstellung eines Konzepts zur Einführung von fachführenden Pflegeexpert/innen

Masterarbeit 2019 115 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Kurzfassung

Abstract

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Gegenstand der Arbeit
2.1 Relevanz des Themas
2.2 Fragestellung
2.3 Ausgangslage
2.3.1 Die Klinik
2.3.2 Der Pflegedienst

3 Stand der Forschung

4 Theoretischer Rahmen
4.1 Internationale Entwicklungen
4.2 Entwicklungen in Deutschland
4.2.1 Akademisierung des Pflegeberufes
4.2.2 Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegefach- personen in Deutschland
4.3 Besonderheiten der Pflege in der Psychiatrie
4.3.1 Pflege in der Psychiatrie
4.3.2 Akademisch ausgebildete Pflegekräfte in der Psychiatrie
4.3.3 Pflegeforschung in der Psychiatrie
4.4 PEPPA-Framework

5 Methodik
5.1 Instrument zur Erfassung von Pflegesystemen
5.2 Workshop mit Fokusgruppen

6 Durchführung
6.1 Instrument zur Erfassung von Pflegesystemen
6.2 Workshop mit pflegerischen Leitungen und Pflegenden

7 Ergebnisse
7.1 Ergebnisse aus der Befragung mittels IzEP©
7.2 Ergebnisse aus den Workshops
7.3 Schwerpunkte der neuen Berufsrolle
7.4 Konzept
7.4.1 Zusammenfassung des Vorhabens
7.4.2 Ausgangslage
7.4.3 Ziele
7.4.4 Umsetzungsstrategie

8 Diskussion und Empfehlungen

9 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang F

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Bedanken, die mich bei der Anfertigung dieser Masterarbeit unterstützt und motiviert haben.

Besonderer Dank geht hierbei an Frau Prof. Dr. Katharina Rädel-Ablass und Herrn Dipl. Pflegewirt (FH) Andreas Spiller, MBA; die meine Masterarbeit betreut und begutachtet haben. Für die Geduld, die konstruktive Kritik und die hilfreichen Anregungen bedanke ich mich recht herzlich.

Ein weiteres Dankeschön geht an die Arbeitsgruppe des IzEP©, welche mir das Instrument für den Zweck meiner Arbeit kostenfrei zur Verfügung gestellt hat.

Auch allen Mitarbeitern der Evangelischen Lukas-Stiftung Altenburg gebührt mein Dank für die Unterstützung beim Erstellen der Arbeit. Dazu gehören auch die Teilnehmer der Befragung und der Workshops, ohne die meine Arbeit nicht hätte entstehen können. Vielen Dank für die Informationsbereitschaft.

Zuletzt bedanke ich mich bei Evelyn Meyer für die unermüdliche Geduld und Hilfsbereitschaft bei der Korrektur meiner Arbeit.

Julia Schirner

Naumburg, September 2019

Kurzfassung

Einleitung und Fragestellung: Der Einsatz akademisch ausgebildeten Pflegepersonals im Sinne von Pflegeexperten*innen stellt in Deutschland noch immer die Ausnahme dar. Auch im Bereich der psychiatrischen Pflege fehlt es an Konzepten, Rahmenbedingungen und Tätigkeitsbereichen für akademisch qualifiziertes Pflegepersonal. Die vorliegenden Arbeit stellt folgende Forschungsfrage: Welche Berufsrolle können akademisch qualifizierte Pflegekräfte in einem psychiatrischen Krankenhaus wie der Evangelischen Lukas-Stiftung Altenburg in Zukunft übernehmen?

Methode: Anhand der ersten fünf Schritte des PEPPA-Frameworks von Bryant-Lukosius und DiCenso werden die Bedarfe für die Einführung einer neuen Berufsrolle erfasst und strukturiert. Dabei wird mittels einem Instrument zur Erfassung von Pflegesystemen (IzEP©) zunächst die Organisation des Pflegedienstes dargestellt. Anschließend werden mit Hilfe eines Workshops ein Anforderungs- und Tätigkeitsprofil für die neue Berufsrolle aus Sicht der Pflegenden erfasst.

Ergebnisse: Anhand des zuvor ermittelten Anforderungs und Tätigkeitsprofils wird ein Grobkonzept als Teilschritt zur Implementierung akademischen Pflegepersonals in der Psychiatrie erstellt. Dabei wird zunächst auf die Einführung fachführender Pflegeexperten*innen im Rahmen einer dualen Führungsstruktur eingegangen. Das Tätigkeitsfeld der fachführenden

Pflegeexperten*innen umfasst vor allem die individuelle fachliche Entwicklung der Pflegenden und eine Supportfunktion in schwierigen Pflegesituationen.

Fazit: Mit dem Konzept zur Einführung von fachführenden Pflegeexperten*innen ist ein erster Vorschlag für die Implementierung akademischen Pflegepersonals in der Evangelischen Lukas-Stiftung Altenburg erarbeitet. Für die tatsächliche Umsetzung des Konzeptes gilt es jedoch zunächst einen strukturierten Gesamtumsetzungsplan zu erstellen und die neuen Anforderungen und Tätigkeitsprofile mit allen Berufsgruppen des multiprofessionellen Behandlungsteams abzustimmen.

Abstract

Introduction and research question: The use of academically trained nursing staff in the sense of nursing experts is still the exception in Germany. There is also a lack of concepts, framework conditions and areas of activities for academically trained nursing staff in the area of psychiatric care. This thesis poses the following research question: What professional role can academically qualified caregivers play in a psychiatric hospital like Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg in the future?

Method: Based on the first five steps of the PEPPA-Framework by Bryant-Lukosius and DiCenso, the needs for the introduction of a new professional role are determined and structured. The organization of the nursing service is first described using an Instrument to Assess Nursing Care Delivery Systems (IzEP©). Subsequently, with the help of a workshop, a requirement and activity profile for the new professional role is determined from the perspective of the caregivers.

Results: Based on the previously established requirement and activity profile, a rough concept is prepared as a sub-step for the implementation of academic nursing staff in psychiatry. First, the introduction of an advanced nursing expert within the framework of a dual leadership system is discussed. The field of activity of the advanced nursing expert comprises above all the individual professional development of the caregivers and a support function in difficult nursing situations.

Conclusion: With the concept for the introduction of the advanced nursing expert a first proposal for the implementation of academic nursing staff at the Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg has been developed. For the actual implementation of the concept, however, a structured overall implementation plan must first be drawn up and the new requirements and activity profiles coordinated with all occupational groups of the multiprofessional treatment team.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Organigramm Pflegedienst stationärer Bereich

Abbildung 2: PEPPA-Framework (Bryant-Loukosius & DiCenso, 2004)

Abbildung 3: Gesamtprofil Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg

Abbildung 4: Detailprofil Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg

Tabelle 1: Besetzung Pflegedienst stationärer Bereich wochentags

Tabelle 2: Besetzung Pflegedienst stationärer Bereich am Wochenende und

an Feiertagen

Tabelle 3: Übersicht Rücklauf Fragebögen

Tabelle 4: Optimierungsbedarfe Pflegedienst (geclustert) (Schirner2019a und

Schirner 2019b)

Tabelle 5: Ergebnis Rolle akademische qualifizierte Pflegekräfte (geclustert)

(Schirner 2019a und Schirner 2019b)

Tabelle 6: Möglichkeiten und Hindernisse für die Einführung der neuen

Berufsrolle (Schirner 2019a und Schirner 2019b)

1 Einleitung

Der demografische Wandel bringt tiefgreifende Veränderungen in den Versorgungsbedarfen der Bevölkerung mit sich. Die wachsende Zahl immer älterer Menschen ist verbunden mit der Zunahme multimorbider, chronisch erkrankter und pflegebedürftiger Patient*innen. Zusammen mit den epidemiologischen Veränderungen führen diese zu umfassenden Veränderungen in den Versorgungsbedarfen. Hinzu kommt eine immer weiter zunehmende Komplexität in der Gesundheitsversorgung, welche begründet ist durch immer neue Möglichkeiten in der Prävention, der Diagnostik und durch neue Therapieformen (Wissenschaftsrat 2012, S. 7). Auch der Pflegeberuf1 stellt sich diesen Herausforderungen. Es entstehen neue pflegerische Handlungsfelder und Aufgabenbereiche

(Patientenedukation, Fallsteuerung, Gesundheitsförderung), die mit einer zusätzlichen Qualifizierung der Pflegenden verbunden sind.

Bereits 2012 empfahl der Wissenschaftsrat, 10 bis 20% eines jeden Ausbildungsjahrganges des Pflegeberufes akademisch zu qualifizieren, um den komplexen Aufgabenbereichen der direkten Pflege gerecht zu werden (Wissenschaftsrat 2012, S. 8).

Doch die Pflegepraxis ist nur unzureichend auf die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte2 vorbereitet, so dass sich die Pflegenden mit ihrem Können nicht gebraucht fühlen und akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen bisher überwiegend im Management oder im Ausbildungsbereich zu finden sind (Proksch 2015). Es herrscht noch immer Unsicherheit, hinsichtlich der Praxisintegration akademisch qualifizierter Pflegekräfte, da die Einsatzfelder und Implementierungsstrategien nicht klar definiert sind (Krautz 2017, S. 141-142).

Dabei belegen verschiedene Studien, dass hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen in den Krankenhäusern zu einer Verbesserung der Prozess und Ergebnisqualität, besonders bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen mit komplexen medizinischen und psychosozialen Problemlagen beitragen (Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen 2016, I).

Es ist die Aufgabe des Managements, die Einsatz- und Aufgabenfelder zu konkretisieren und zu definieren, aber auch deren Implementierung zu realisieren (Kaltenbach-Schmökel 2015). Das Management steht hier vor einer großen Herausforderung, da bisher wenig publiziert wurde, wie die Praxisintegration von akademisch qualifizierten Pflegekräften zu realisieren ist (Krautz 2017, S. 143).

Auch innerhalb der Berufsgruppe psychiatrisch Pflegender existieren nur unklare Vorstellungen darüber, welche Qualitäten die psychiatrische Pflege haben sollte und wie akademisch qualifiziertes Pflegepersonal in die Pflegepraxis integriert werden kann. Bisher ist zudem nicht klar, wie sich die Wirksamkeit der Pflege in der Psychiatrie und die von den Pflegenden durchgeführten Interventionen nachweisen lassen (Schulz 2003).

Die Rahmenbedingungen und Tätigkeitsbereiche in den psychiatrischen Einrichtungen sind dafür entsprechend anzupassen und es ist auch im psychiatrischen Setting ein Laufbahnmodell weiterzuentwickeln, dass die Implementierung von hochschulisch qualifizierten Pflegepersonen vorsieht (Genge et al. 2013).

Ziel dieser Arbeit ist, ein Konzept für die Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik zu entwickeln, das Tätigkeitsfelder für akademisch qualifizierte Pflegende definiert.

Die Vorgehensweise der Autorin für die Erstellung des Konzeptes orientiert sich am PEPPA-Framework (siehe Kapitel 4.4) von BryantLukosius und DiCenso. Es handelt sich dabei um ein anerkanntes Modell zur Einführung einer neuer Berufsrolle im Sinne einer erweiterten Pflegepraxis (Bryant-Lukosius und DiCenso 2004).

Im ersten und theoretischen Teil der Arbeit werden zunächst der Gegenstand der Arbeit und die Fragestellung, sowie die Ausgangslage erläutert. Es folgt ein kurzer Blick auf die aktuelle Forschungslage in Bezug auf den Einsatz von akademisch qualifizierten Pflegekräften. Anschließend werden die internationalen Entwicklungen im Bereich der erweiterten Pflegepraxis dargestellt. Als konkretes „Best Practice Modell“ dient die Rolle von Pflegeexperten*innen in der Schweiz, bevor die Entwicklungen in Deutschland zur Akademisierung und den Einsatz akademischer Pflegefachpersonen sowie die Besonderheiten der psychiatrischen Pflege betrachtet werden. Der theoretische Teil schließt mit der Vorstellung des PEPPA-Frameworks, welcher als Handlungsleitfaden für die Implementierung einer neuen Berufsrolle und damit auch für diese Arbeit dient.

Im zweiten und empirischen Teil der Arbeit erfolgt zunächst die Vorstellung der verwendeten Instrumente. Anschließend wird die Durchführung der Erhebungen genauer beschrieben, bevor die Ergebnisse und die damit verbundenen Schlussfolgerungen für ein Konzept zur Implementierung akademischer Pflegekräfte vorgestellt werden.

Als Ergebnis der Arbeit ist das aufgestellte Grobkonzept zur Implementierung von fachführenden Pflegeexperten*innen zu betrachten. Es folgen die kritische Auseinandersetzung mit den angewandten Methoden und weiterführende Empfehlungen für die Pflegepraxis. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung.

2 Gegenstand der Arbeit

2.1 Relevanz des Themas

Im folgenden Kapitel wird die Fragestellung der vorliegenden Arbeit erläutert und die Ausgangslage in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik beschrieben. Dabei wird auch die bisherige Aufbauorganisation des Pflegedienstes dargestellt. Die Akademisierung der Pflegeberufe wird seit vielen Jahren innerhalb der Berufsgruppe der Pflegenden diskutiert und gefordert. Jedoch ist bisher unklar geblieben, wozu diese Akademisierung beitragen soll oder kann (Krautz 2017, S. 140). Zudem gibt es innerhalb der Berufsgruppe der Pflegenden gegenwärtig Unsicherheiten, Ängste und Widerstände gegenüber einer neuen Rollen- und Aufgabenverteilung. Führt doch die Einführung eines neuen Qualifikationsniveaus zu einer weiteren Ausdifferenzierung von Aufgaben- und Verantwortungsbereichen (Jacobs et al. 2018, S. 168).

In bestimmten pflegerischen Tätigkeitsbereichen, wie z. B. der Patientenedukation und Beratung oder der Versorgungssteuerung ist jedoch bereits jetzt eine weitere Komplexitätssteigerung absehbar. Der Pflegeberuf muss sich an diese Erfordernisse anpassen. Pflegende müssen ihr eigenes pflegerisches und therapeutisches Handeln auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse reflektieren, pflegerische Interventionen hinsichtlich ihrer Evidenzbasierung kritisch prüfen und das eigene Handeln entsprechend ausrichten (Wissenschaftsrat 2012, S. 8). Nur so ist eine pflegerische Patientenversorgung auf Spitzenniveau möglich (DBfK 2019).

Für ein solches Vorhaben bedarf es nicht nur einer neuen und umfassenden Qualifizierung von Pflegefachpersonen, vielmehr muss das Pflegemanagement Strukturen schaffen, die es akademisch qualifizierten Pflegenden ermöglichen, ihre wissenschaftlich fundierten Kenntnisse und Fähigkeiten in die direkte Pflegepraxis zu integrieren. In der psychiatrischen Pflege zeigt sich ein zunehmender Begründungsdruck, da die Wirksamkeit der psychiatrisch-pflegerischen Interventionen bisher nur bedingt wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Zudem werden zunehmend Forderungen nach mehr Qualität im Rahmen der pflegerischen Versorgung innerhalb der Pflege in der Psychiatrie gestellt (Genge et al. 2013).

Der Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegekräfte in der Psychiatrie könnte diesem Begründungsdruck und den Forderungen gerecht werden.

Denkbar wären in diesem Zusammenhang auch positive Auswirkungen auf freiheitsentziehende Maßnahmen, Verweildauern, Wiederaufnahmeraten und Aggressionsereignisse (Holzke und Scheydt 2018).

2.2 Fragestellung

Mit der vorliegenden Arbeit sollen für die Evangelische Lukas-Stiftung Altenburg Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mögliche Tätigkeitsfelder für akademisch qualifiziertes Pflegepersonal erfasst und anschließend ein Konzept für die neue Berufsrolle erstellt werden.

Dazu wird folgende Forschungsfrage gestellt: Welche Berufsrolle können akademisch qualifizierte Pflegekräfte in einem psychiatrischen Krankenhaus wie der Evangelischen LukasStiftung AltenburgKlinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Zukunft übernehmen?

2.3 Ausgangslage

2.3.1 Die Klinik

Bei der Evangelischen Lukas-Stiftung Altenburg, für die das Konzept erstellt werden soll, handelt es sich um ein Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mit kirchlichem Träger. Das Krankenhaus bietet insgesamt 115 stationäre und teilstationäre Behandlungsplätze an. 42 dieser Behandlungsplätze sind für die tagesklinische Behandlung psychischer Erkrankungen vorgesehen. Auf vier Stationen können bis zu 73 Patienten stationär versorgt werden. Die Stationen haben sich im Laufe der letzten Jahre auf die Versorgung bestimmter Krankheitsbilder spezialisiert. So gibt es eine Station für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, eine Station mit gerontopsychiatrischem Schwerpunkt, eine Station für Patienten mit psychosomatischen Beschwerden sowie eine akutpsychiatrische Station.

Die Krankenhausleitung besteht aus Geschäftsführer, Chefarzt und Pflegedienstleiterin.

2.3.2 Der Pflegedienst

Während das ärztliche, psychologische und weitere therapeutische Personal dem Chefarzt der Klinik unterstellt ist, ist die fachliche und disziplinarische Vorgesetzte des gesamten Pflegedienstes die Pflegedienstleiterin.

Die Pflegekräfte einer jeden Station werden von jeweils einer pflegerischen Leitung und deren Stellvertretung geführt (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Organigramm Pflegedienst stationärer Bereich

Der Stellenplan des Pflegedienstes wird nach den Vorgaben der Psychiatrischen-Personalverordnung (Psych-PV) errechnet und umfasst derzeit über 100% der nach Psych-PV vorgegebenen Stellen im Pflegedienst

Der Pflegedienst umfasst im Jahresdurchschnitt 2019 71,52 Vollzeitstellen, davon entfallen 56,28 Vollzeitstellen auf den stationären Bereich der Klinik. Die Fachkraftquote liegt bei über 90%. Auf jeder Station ist eine Servicekraft eingesetzt, die unterstützend Servicetätigkeiten wie Essen vorbereiten oder die Reinigung der Betten übernimmt. Weiteres pflegerisches Hilfspersonal (Krankenpflegehelfer/ Altenpflegehelfer) ist lediglich auf der gerontopsychiatrischen Abteilung eingesetzt.

Im stationären Bereich arbeiten vier Pflegende mit Fachweiterbildung psychiatrische Pflege, zwei weitere Pflegende befinden sich gerade in der entsprechenden Fachweiterbildung. Eine Pflegekraft hat die Weiterbildung zur Pflegefachkraft für Gerontopsychiatrie absolviert. Bisher verfügen neben der Pflegedienstleitung lediglich zwei weitere Pflegende über einen akademischen Abschluss (Bachelorabschluss). Diese beiden Pflegenden sind einer Führungsposition (Leitung der Tagesklinik und Leitung der Station 1B) eingesetzt sind.

Pflegerische Besetzung der Stationen

Die Pflegenden auf den Stationen befinden sich durch ein 2018 eingeführtes Dienstplansystem, welches individuell auf Ausfälle im Pflegedienst reagiert, in einer regelmäßigen Rotation auf den verschiedenen Stationen, wobei jede Pflegefachkraft einer festen Station zugeordnet ist.

Wochentäglich fungiert je eine Stationsleitung als koordinierender Leitungsdienst. Diese koordiniert die Pflegenden bei Personalausfällen und Leistungsspitzen. Zudem sind die Stationen in der Woche wie folgt besetzt:

Tabelle 1: Besetzung Pflegedienst stationärer Bereich wochentags

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Besonderheit der Station 2 B ist eine zusätzliche Pflegekraft, die entlassene Patienten, die ein erhöhtes Risiko zur Wiederaufnahme haben, in ihrem Wohnumfeld aufsucht und bis zu 6 Wochen im Anschluss an die Entlassung nachbetreut.

Am Wochenende sind die Stationen wie folgt besetzt:

Tabelle 2: Besetzung Pflegedienst stationärer Bereich am Wochenende und an Feiertagen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Stand der Forschung

Pflegeexperten*innen im Sinne einer erweiterten Pflegepraxis (Advanced Nursing Practice) stellen hierzulande immer noch eine Ausnahme dar. Bisher sind weder deren Aufgaben noch deren Kompetenzen genau definiert. Studien, die sich mit dem Outcome von akademisch qualifizierten Pflegenden in Deutschland befassen, sind entsprechend selten (Genge et al. 2013, S. 247).

Zur Beurteilung der Auswirkungen einer hochschulischen Qualifikation der Pflegenden auf die Versorgung ist also ein Blick auf die internationale Studienlage notwendig, die im folgenden Kapitel dargestellt wird.

Angemerkt sei, dass sich die Ergebnisse aufgrund der unterschiedlichen Ausbildungs- und Gesundheitssysteme nur bedingt auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen (Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen und Katholische Stiftungsfachhochschule München 2014, II). So kommt eine systematische Literaturrecherche des Instituts für Public Health zu dem Ergebnis, dass ein signifikanter positiver Zusammenhang zwischen einem erhöhten Anteil an Pflegenden mit einem Bachelorabschluss am Gesamtpflegepersonal und dem Patienten-Outcome besteht. Der erhöhte Einsatz von akademisch qualifizierten Pflegenden führt zu einer Reduktion

- der Mortalitätsraten
- der Anzahl an postoperativen Komplikationen
- der Dekubitusraten (Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen und Katholische Stiftungsfachhochschule München 2014, II).

Wortans et al. (Wortans et al. 2006) beschreiben weitere Vorteile beim Einsatz von akademischen Pflegenden. So sind Patient*innen weniger über ihren eigenen Gesundheitszustand besorgt, wenn sie von einem*r Pflegeexperten*in betreut werden, im Vergleich zur Betreuung durch eine*n Ärzt*in. Pflegende sind in der Lage eine offenere Beziehung zu den Patienten*innen aufzubauen und verständlicher mit den Patienten*innen zu kommunizieren. Zudem nehmen sich Pflegende mehr Zeit für die Patienten*innen und können so besser auf deren individuelle Bedürfnisse eingehen.

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK 2019) beschreibt verschiedene Vorteile beim Einsatz von Pflegeexperten:

- Wettbewerbsvorteile für die Unternehmen, die Pflegeexperten*innen beschäftigen, durch zusätzliche pflegerische Angebote, welche die Kunden*innen und Patienten*innen an das Unternehmen binden;
- Weiterentwicklung der Krankenhausorganisation durch den Einsatz von Pflegeexperten*innen;
- Stärkung der Berufsgruppe der Pflegefachpersonen durch ein Vorantreiben der Professionalisierung der Pflege;
- gesteigertes Patienten*innen-Outcome, da durch den Einsatz von Pflegeexperten*innen zu erwarten ist, dass das Risiko z. B. für Stürze, Dekubitus und nosokomiale Infektionen sinkt;
- positive wirtschaftliche Effekte: Durch sinkende Verweildauern, kann die gleiche, bzw. eine verbesserte Leistung in kürzerer Zeit erbracht werden.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Integration von akademisch ausgebildeten Pflegekräften mit deren spezieller Expertise auch in Deutschland zu einer Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung führen kann.

4 Theoretischer Rahmen

Im vierten Kapitel dieser Arbeit wird ein kurzer Einblick in die internationalen Entwicklungen zu Implementierung akademisch ausgebildeter Pflegekräfte gegeben. Als „Best Practice Modell“ wird ein Beispiel in der ambulanten Versorgung in der Schweiz vorgestellt, bevor eine Beschreibung der Entwicklungen in Deutschland folgt. Nachdem die Besonderheiten der psychiatrischen Pflege erläutert werden, schließt das Kapitel mit der Beschreibung des PEPPAFrameworks von Bryant-Lukosius und DiCenco.

4.1 Internationale Entwicklungen

Der Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen ist auch international nicht einheitlich geregelt. Dabei folgen die deutschsprachigen Länder den Entwicklungen in den USA oder Großbritannien (Schubert et al. 2018, S. 90).

Es wird aber auch deutlich, dass die Grenze zwischen dem medizinischen und pflegerischen Handlungsfeld keine statische Größe ist, sondern sich durch die wandelnden Bedarfe und Verhältnisse stets flexibel darstellt.

Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen arbeiten am häufigsten in der Rolle, die unter dem breiten Schirm des „Advanced Nursing Practice“ (ANP) fällt. Die Rollen und Kompetenzen hierzu sind dabei aber auch international nicht einheitlich geregelt (Schubert et al. 2018, S. 90). Die Bezeichnung „Advanced Practice Nursing“ oder „Advanced Practice Nurse“ werden in der Regel als Oberbegriffe verwendet.

Der Begriff ANP beinhaltet zumeist eine vertiefte und erweiterte Pflegepraxis. Diese bezieht sich auf fünf Bereiche:

- ganzheitlichen Sicht auf die Patienten*innen und Angehörige in ihrem alltäglichem Umfeld;
- Aufbau einer therapeutischen Beziehung zu Patient*innen und Angehörigen inklusive einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit
- ethische Entscheidungsfindung gestützt auf fundiertes, theoretisches Wissen und eine klinischen Expertise
- Entwicklung einer evidenzbasierte Pflege (Schubert et al. 2018, S. 90)

Für die professionelle Pflege hat sich durch die Einführung von APN ein hohes Maß an beruflicher Autonomie entwickelt. So verfügen zum Beispiel Pflegeexperten*innen ANP in Australien, Großbritannien, den USA oder Schweiz über die Kompetenzen und das Recht Diagnosen zu stellen, Sachmittel, Therapien und Medikamente zu verordnen, diagnostische Tests anzuordnen oder Untersuchungen durchzuführen (DBfK 2019).

Die Rollen und Funktionen des akademisch ausgebildeten Pflegepersonals, welches in der klinischen Pflegepraxis tätig ist, werden vom jeweils erreichten akademischen Grad bestimmt.

Pflegefachpersonen mit einem Bachelorabschluss sind international meist in der direkten klinischen Pflegepraxis tätig. Während Pflegefachkräfte mit einem Masterabschluss am ehesten im Bereich der erweiterten Pflegepraxis zu finden sind (Schubert et al. 2018, S. 90).

Ein Beispiel aus der Schweiz

Auch in der Schweiz ist der Einsatz von akademisch qualifizierten Pflegepersonal nicht einheitlich geregelt. Jedoch werden in der Schweiz zunehmend spezielle Berufsrollen für akademisch ausgebildete Pflegende geschaffen. Ein Beispiel gibt hier die ambulante Versorgung (Spitex).

Dort sind Pflegeexperten*innen mit Masterabschluss und Fachweiterbildung in gerontologischer Pflege weiterhin in der direkten Pflegepraxis mit Patienten*innen und Angehörigen tätig. Sie erheben bereits zur Aufnahme des*r Patienten*in eine umfangreiche geriatrische Anamnese. Dazu gehören, neben der Einschätzung der gesundheitlichen und sozialen Situation, auch die körperliche Untersuchung der Patienten*innen. Die von Pflegeexperten*innen erhobenen Einschätzungen und geplanten Interventionen werden an alle an der Versorgung beteiligten Gesundheitsfachpersonen übermittelt (Ludwig 2015, 82ff).

Bei einer Spezialisierung im Bereich des Schmerzmanagement dürfen Pflegeexperten*innen in Absprache mit dem Hausarzt die medikamentöse Schmerzeinstellung übernehmen und nicht medikamentöse Maßnahmen verschreiben. Die Pflegeexperten*innen übernehmen zudem eine fachliche Führungsaufgabe. Sie organisieren Weiterbildungen für die Kollegen*innen und geben ihr Fachwissen im Kollektiv weiter. Von anderen Pflegefachpersonen werden sie in komplexen Pflegesituation hinzugezogen um die konkreten Interventionsbedarfe einzuschätzen. Zudem beteiligen sich die Pflegeexperten*innen aktiv an Projekten der Pflegeforschung und haben ein umfangreiches Netzwerk zu anderen Pflegeexperten*innen (ebd.).

Das Beispiel macht deutlichen, dass im Rahmen der erweiterten pflegerischen Versorgung die Pflegeexperten*innen eine eigenständige Rolle in der adäquaten Versorgung der Bevölkerung übernehmen (Ludwig 2015, 82ff).

4.2 Entwicklungen in Deutschland

4.2.1 Akademisierung des Pflegeberufes

Während mittlerweile der Hauptfokus der Akademisierung auf dem Nutzen für die zu Pflegenden liegt, zielten die Reformbestrebungen in den 1990er Jahren zunächst auf die Anhebung der Qualifikationsniveaus von Lehr- und Leitungskräften ab (Krautz 2017, S. 141).

Nach der Veröffentlichung von „Pflege braucht Eliten“ durch die Robert Bosch Stiftung 1992, entwickelten sich neben Management und Pädagogikstudiengängen zusätzliche Pflegestudiengänge.

So entstanden Studienangebote mit Fokus auf der Pflegewissenschaft und -forschung. 2010 wurden erstmals grundständige Bachelorstudiengänge angeboten (Bettig und Göppert 2017, S. 131132; Haas und Wagner 2018). Seit wenigen Jahren gibt es in allen deutschen Bundesländern ausbildungsintegrierte Studiengänge. Darin wird die dreijährige Pflegeausbildung mit einem Bachelorstudium über sechs Semester eng verzahnt. Nach vier Jahren können die Absolventen*innen ein Pflegeexamen und einen Bachelorabschluss vorweisen (Proksch 2015). So gibt es ein ausdifferenziertes Angebot von Bachelor und zunehmend auch Master-Studiengängen mit pflegerischem Schwerpunkt (Bettig und Göppert 2017, S. 131-132; Haas und Wagner 2018).

Bei der Entwicklung neuer Aufgabenfelder sind jedoch die unterschiedlich erworbenen Kompetenzen der Bachelor und Masterabsolventen*innen zu berücksichtigen.

Dabei ermöglicht der Bachelorabschluss als erster akademischer Grad wissenschaftlich fundiertes Wissen zu erwerben und zu verstehen sowie das Erarbeiten von Problemlösungen in dem jeweiligen spezialisierten Fachbereich. Die Absolventen*innen sind in der Lage wissenschaftlich fundierte Urteile abzuleiten und gesellschaftliche, wissenschaftliche und ethische Erkenntnisse zu berücksichtigen. Sie sind in den Kliniken eher als Spezialisten für bestimmte Krankheitsbilder zu finden.

Masterabsolventen*innen sind darüber hinaus befähigt, aufgrund ihres komplexeren Wissens Problemlösungen auch in neuen und unvertrauten Situationen zu entwickeln und in einem breiteren multiprofessionellen Zusammenhang zu setzen. Sie können demnach mit Komplexität umgehen und weitgehend selbstgesteuert eigenständige forschungs oder anwendungsorientierte Projekte durchführen (Feuchtinger 2016).

4.2.2 Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegefach personen in Deutschland

Im deutschsprachigen Raum befindet sich die Rollenentwicklung der akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen noch in den Anfängen, wodurch die Bezeichnung der Rollen uneinheitlich ist (Schubert et al. 2018, S. 90). So bleibt den meisten akademisch ausgebildeten Pflegekräften eine wirksame Berufseinmündung vorenthalten (Proksch 2015). Es fehlen sowohl eine klare Abgrenzung zu den Aufgabenfeldern der nicht akademisch ausgebildeten Pflegekräfte (KaltenbachSchmökel 2015), als auch vordefinierte Tätigkeitsbereiche, die auf die unterschiedlichen Kompetenzen der verschiedenen Qualifikationsstufen eingehen. So sind Bachelorabsolvent*innen laut Schubert et al. (2018, S. 90) bereits in Stabsstellen (z.B. Qualitätsmanagement) zu finden, in Führungspositionen eingesetzt oder als Advanced Nurse Practitioner (ANP) eingesetzt. Nur langsam werden Tätigkeitsfelder für Pflegende mit Masterabschluss definiert.

Zu den pflegerischen Tätigkeiten sind in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben im Rahmen einer Übertragung von Tätigkeiten des ärztlichen Dienstes an die Pflege hinzugekommen. Ärztliche Aufgaben werden in einem erheblichen Umfang die Pflegenden delegiert. Es entstehen spezielle Handlungsfelder für die Pflegekräfte (z.B. die Gabe von Zytostatika im Rahmen einer systemischen onkologischen Therapie oder die Übernahme von Verbandswechseln, auch bei schwierigen Wundverhältnissen) ohne die Ausweitung ihrer Handlungsautonomie (Geithner et al. 2006, S. 32).

Auch wenn die allgemeine Studienlage bezüglich der Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten an Pflegekräfte ist sehr dünn ist (Schmülling 2015), so befürworten die Mehrzahl der 2014 in einer Studie befragten Ärzte*innen eine verstärkte Delegation von Tätigkeiten an Pflegende im Rahmen einer erweiterten Pflegepraxis.

Zu den Tätigkeiten, bei denen eine mögliche verstärkte Delegation von den Ärzten*innen prinzipiell befürwortet wird, gehören:

- Blutentnahmen
- Verabreichen von Infusionen und Injektionen
- Durchführen von bestimmten Tests
- Verbandswechsel und Wundkontrollen
- Aufnahme- und Entlassungsmanagement
- Nachsorge
- Dokumentation und Kodieren (Protschka 2014).

Auf eine klare Ablehnung für die Übernahme durch Pflegende treffen jedoch Tätigkeiten:

- körperliche Untersuchungen x Anamnese
- Schreiben von Arzt-/Entlassungsbriefen
- Medikamentenmanagement und Ausstellen von Folgerezepte
- Durchführung von kleineren Eingriffen, Biopsien, Sonographien (Protschka 2014).

Tätigkeitsbereiche, die aktuell bereits mittels Delegation an Pflegende übergeben werden, dürfen nach Meinung der Ärzte*innen also auch weiterhin übernommen werden. Eine Ausweitung der pflegerischen Handlungsbereiche nach internationalen Vorbild im Sinne von ANP und eine damit verbundene Erweiterung der Handlungsautonomie der Pflegenden wird bisher jedoch durch die Ärzte*innen abgelehnt.

Dabei ist das Modell der erweiterten Pflegepraxis in einigen deutschen Krankenhäusern bereits etabliert. So arbeiten zum Beispiel im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf oder an den Universitätskliniken Freiburg, Bonn und Halle Pflegeexperten*innen in den verschiedenen Bereichen und werden für erweiterte pflegerische Interventionen eingesetzt, dazu gehören zum Beispiel die eigenständige Vermittlung von Entspannungstechniken im Rahmen der Arbeit als „Liaison Nurse“ (DBfK 2019).

Die einzelnen Tätigkeitsfelder der Pflegenden sind danach bereits den Qualifikationsprofilen zugeordnet. So sind Pflegende mit Bachelorabschluss eher als Spezialisten*innen für ein bestimmtes Krankheitsbild zu finden. Sie unterstützen die Pflegeentwicklung beim Erkennen von Problemen und Entwicklungsbedarfen bei der evidenzbasierten Versorgung einer spezifischen Personengruppe.

Die Masterabsolventen sind hingegen eher generalistisch tätig. Sie unterstützen zum Beispiel die Planung und Realisierung von Pflegeentwicklungsprojekten oder die fachliche Entwicklung der Kollegen über ein spezielles Erkrankungsbild hinaus (Feuchtinger 2014).

Weiterhin stellt der Einsatz von Pflegeexperten*innen die Qualitätsentwicklung durch evidenzbasierte Pflege und Umsetzung aktueller Forschungserkenntnisse in der Pflegepraxis sicher. Zudem unterstützen Pflegeexperten*innen die fachliche Entwicklung der Kollegen*innen durch Schulungen und Beratungen in schwierigen Pflegesituationen, im Einarbeitungsprozess neuer Mitarbeiter*innen und der Teilnahme an interdisziplinären Fallbesprechungen (DBfK 2019).

4.3 Besonderheiten der Pflege in der Psychiatrie

4.3.1 Pflege in der Psychiatrie

Die Auffassung von psychiatrischer Pflege hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Früher grenzte sich die psychiatrische Pflege eher zur allgemeinen Pflege ab, der Pflegealltag wurde durch psychiatrischtherapeutische Begriffe bestimmt. Mittlerweile identifiziert sich die psychiatrische Pflege eher mit den Begriffen der allgemeinen Pflege. So änderte sich auch die Begriffsbezeichnung von der psychiatrischen Pflege hin zur Pflege in der Psychiatrie (Sauter und Bischofberger 2004, S. 40). In der Psychiatrie tätige Pflegepersonen sind also in erster Linie Teil der Berufsgruppe der Pflegenden und in zweiter Linie psychiatrisch Pflegende. Viele übergeordnete Anforderungen und Probleme im Rahmen des Professionalisierungsprozesses lassen sich also ebenso im psychiatrischen Bereich wiederfinden (Schulz 2003).

Auch die Pflege in der Psychiatrie wird durch die verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt. Dabei findet die Pflege nicht mehr nur im stationären Setting sondern auch im ambulanten Sektor statt (Richter 2017). Die psychiatrische Pflege untersteht also ebenso einen Innovations- und Veränderungsdruck, wie die allgemeine Pflege.

Im Zuge der Enthospitalisierung fand eine Neudefinition psychiatrischer Pflege zu Aspekten wie Kommunikation mit oder Einbeziehung von Angehörigen in den therapeutischen Prozess statt. Damit übernahm die psychiatrische Pflege innerhalb der Pflegelandschaft eine Vorreiterrolle (Schulz 2011). Im Mittelpunkt der Pflege in der Psychiatrie steht jedoch auch noch heute das Alltagserleben der Betroffenen. Dabei geht es nicht um den Klinikalltag, sondern um das individuelle Alltagsleben der Patienten*innen, auch und vor allem außerhalb der Institution in ihren gewohnten Umgebungen (Sauter und Bischofberger 2004, S. 50).

Die pflegerische Arbeit ist dabei stets durch Nähe und Empathie zu den Patienten*innen gekennzeichnet. Die eigene Persönlichkeit der Pflegenden wird zum therapeutischen Instrument (Sauter und Bischofberger 2004, S. 310). Ohne eine Beziehung der Pflegefachpersonen zu den Patienten*innen, können sie nicht bei der Lösung von Gesundheitsproblemen helfen und die Betroffenen bei der Gestaltung ihres Alltags unterstützen.

Psychische Störungen können jedoch den Aufbau und die Gestaltung einer solchen Beziehung erschweren. Beziehungsstörungen beeinflussen den Pflegeprozess, in dem Pflegemaßnahmen nur eingeschränkt wirksam werden können. Da die Qualität der interpersonalen Beziehung von der inneren Haltung der Pflegepersonen abhängig ist (Sauter und Bischofberger 2004, S. 323), ist es in einzelnen Situationen besonders wichtig, dass die Pflegenden ihre eigene Person und das Verhalten ständig reflektieren und ggf. korrigieren (Schmiedgen et al. 2014, S. 30). Der bedeutendste Punkt der Pflege in der Psychiatrie ist also der Beziehungsaspekt. Für Pflegende gilt es eine tragbare Pflege-Patientenbeziehung aufzubauen, damit pflegerische Interventionen ihre Wirkung entwickeln können.

Um die Pflege in der Psychiatrie auch über diesen Beziehungsaspekt hinausgehend interpretieren zu können, haben sich Pflegende mittlerweile mit spezifischen Interventionen in den therapeutischen Prozess eingebracht (Schulz 2003). Pflegende entwickeln also durch spezifische Interventionsangebote ihren eigenen Beitrag innerhalb des therapeutischen Prozesses.

Weiter vorangetrieben wird dieser Differenzierungsprozess durch neue Formen der Pflegeorganisation wie z. B. dem Primary Nursing. Eine höhere Kontinuität innerhalb des Pflege- und Behandlungsprozesses brachte eine Verschiebung der Verantwortung mit sich. Nicht mehr jeder ist weiterhin für alles verantwortlich (Schulz 2011).

Charakteristisch für die Tätigkeit der Pflegenden ist außerdem die Arbeit in multiprofessionellen Teams (Ahrens und Sauter 2013). Die interdisziplinäre Teamarbeit in psychiatrischen Kliniken ist bis heute wesentlich besser als im somatischen Bereich ausgeprägt (Schulz 2003). Ein positives Patienten*innen-Outcome ist nur dann möglich, wenn der Therapieprozess berufsgruppenübergreifend gestaltet wird und alle an der Behandlung beteiligten Professionen gemeinsam einzelne Interventionen abstimmen und ausrichten.

In der Perspektive bietet die Pflege in der Psychiatrie für Pflegeexperten*innen vielfältige Betätigungsfelder. Schon heute ist der Weg in Richtung mehr Verantwortung und zur Übernahme von differenzierteren Interventionen gelegt. Hier ist das Management der Institutionen und Kostenträger gefragt Strategien und Qualifikationsprofile zu entwickeln die in das Versorgungssystem übernommen werden können (Schulz 2011).

4.3.2 Akademisch ausgebildete Pflegekräfte in der Psychiatrie

In vielen Ländern arbeiten Pflegeexperten*innen mit akademischen Abschluss bereits seit Jahrzehnten im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie.

In Deutschland steckt deren Implementierung in der direkten Pflegepraxis vor allem in der Arbeitsfeldern der Psychiatrie und Psychotherapie noch in den Kinderschuhen (Schmitte 2016). Eine entsprechende Entwicklung ist aus Sicht der Autorin jedoch notwendig um den Professionalisierungsprozess der Pflegenden in der Psychiatrie weiter voranzubringen und die Entwicklung der differenzierten Tätigkeitsbereiche und der Autonomie der Pflegenden zu stärken. Dabei stehen die Fachweiterbildung „Pflege in der Psychiatrie“ und die Hochschulqualifikation nicht in Konkurrenz zueinander. Vielmehr sollten sie als ein sich ergänzendes, zwingend notwendiges Modell für eine nachhaltige Professionalisierung der Pflege in der Psychiatrie betrachtet werden (Jansen 2013).

Der Bedarf für akademisch qualifiziertes Pflegepersonal ist vielfältig. Im PSYCHiatrie Barometer 2017/2018 gaben 56 % der teilnehmenden Krankenhäuser einen eindeutigen Bedarf für Pflegekräfte mit akademischer Ausbildung an (Blum et al. 2018, S. 35-36).

Als mögliche Einsatzbereiche in der direkten Pflege wären denkbar:

- das Sektoren übergreifende „Case-Management“
-die fallführende psychosoziale Versorgung
- spezifische Settings (z.B. Akutversorgung oder Psychotherapie)
-Supervisions-, Beratungs-, Konsiliar- und Liaisondienste
-Wissensgenerierung im Sinne des „evidenced-based nursing“
-Pflegeberatung
- Übernahme von gruppentherapeutischen Angeboten (Blum et al. 2018, S. 33-34; Jansen 2013; Schmitte 2016).

Betrachtet man das Tätigkeitsspektrum, so setzen bereits 65 % der im PSYCHiatrie Barometer befragten Kliniken akademisch qualifizierte Pflegekräfte anders ein als ihre nicht akademisch ausgebildeten Kollegen. Der Einsatzbereich der akademisch qualifizierten Pflegekräfte liegt jedoch hauptsächlich in leitenden Funktionen oder in der Ausbildung und Praxisanleitung. Lediglich 41 % der Einrichtungen setzen bisher ihre akademisch ausgebildeten Pflegekräfte mit besonderen Tätigkeiten in der direkten Patientenpflege ein (Blum et al. 2018, S. 35-36).

4.3.3 Pflegeforschung in der Psychiatrie

Auch wenn die Pflegeforschung in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, so wurden bisher Pflegemethoden der psychiatrischen Pflege kaum auf deren Evidenz hin untersucht. Ahrens und Sauter (Ahrens und Sauter 2013) gehen davon aus, dass es nur wenige „State of the Art Methoden“ in der psychiatrischen Pflege gibt.

So kann derzeit jede Pflegeperson bei typischen Phänomenen im Setting der psychiatrischen Pflege (z.B.: Hoffnungslosigkeit, Manie oder selbstverletzendem Verhalten) reagieren, wie sie selbst es für richtig hält. Das persönliche Erfahrungswissen, der Konsens im Team oder auch nur „Stationstraditionen“ entscheiden über das pflegerische Handeln.

Dabei ist es auch für die Pflegenden in der Psychiatrie notwendig, die Fachlichkeit psychiatrischer Pflege anhand von Forschungsergebnissen zu begründen (Schulz 2003). Pflegende können sich demnach nicht mehr nur auf Meinungen und ungeprüfte Theorien stützen. Sie müssen begründbare Entscheidungen treffen, die auch empirisch validierbar sind (Ahrens und Sauter 2013).

Eine Überprüfung von Ergebnisqualität ist jedoch nur möglich, wenn vorher Outcomes definiert wurden. Dafür ist die Vereinbarung von Therapiezielen ein wichtiges Element für die weitere Planung von Pflegemaßnahmen. Gesetzte Therapieziele sollten auch im psychiatrischen Setting ständig evaluiert und Maßnahmen entsprechend angepasst werden. Grundsätzlich ist zu beachten, dass gerade im psychiatrischen Bereich nicht alle Outcomes messbar sind, gleichwohl es eine Reihe von Trainingsprogrammen und Interventionen gibt, die sich messen lassen. Fraglich ist dabei, ob man mit einer solchen Fokussierung auf Messbarkeit nicht wesentliche Teile der Pflege vernachlässigt. Neben quantitativen Messverfahren sind also unbedingt auch qualitative Forschungsansätze anzuwenden. Dabei ist zu beachten, dass sich die Forschungsmethoden an den Bedürfnissen der tatsächlichen Adressaten der Interventionen, nämlich den Patienten*innen, ausrichten (Schulz 2002, S. 341).

Zudem weist die Forschung in der psychiatrischen Pflege Besonderheiten auf, die eine Operationalisierung von Parametern erschweren. Zunächst findet psychiatrische Pflege zumeist im interprofessionellen Team statt und leistet insofern immer auch einen Beitrag zum Behandlungserfolg. Dabei lässt sich jedoch der pflegerische Anteil am Behandlungsergebnis nur schwer herausarbeiten. Zusätzlich bietet das komplexe Feld der psychiatrischen Pflege inklusive der Orientierung auf Unterstützung im Alltag kaum Ansatzmöglichkeiten für einfache Forschungsdesigns (Schulz 2002).

Um pflegerische Interventionen in der Psychiatrie sicht- und vor allem messbar zu machen, gilt es einige Besonderheiten zu beachten, dennoch ist Pflegeforschung notwendig, um die Patienten*innen evidenzbasiert betreuen zu können. Dafür ist die Implementierung akademisch ausgebildeter Pflegekräfte in der direkten Pflegepraxis notwendig, nur so kann Forschung und Evidenzprüfung in der direkten Patientenversorgung vorangetrieben werden.

4.4 PEPPA-Framework

Bisher gibt es nur wenige vorhandene Daten zur erfolgreichen Implementierung akademischer Berufsrollen im Sinne einer erweiterten Pflegepraxis. Dabei ist zu beachten, dass der Prozess zur Implementierung und Bewertung von Berufsrollen im Sinne der erweiterten Pflegepraxis so komplex und dynamisch ist, wie die Rollen selbst. Es gilt verschiedene Ebenen und Professionen in die Entwicklung einer neuen Berufsrolle mit einzubeziehen, dabei sollte jedoch stets der Fokus auf den Bedürfnissen der zu Pflegenden liegen.

Genge et al. (2013) geben zum Beispiel einige Handlungsschritte, wie die Verteilung der Aufgaben und eine mögliche Beschreibung von Tätigkeitsbereichen der Pflegeexperten, vor. Diese Vorgaben sind jedoch nicht handlungsleitend beschrieben, so dass aus Sicht der Autorin erst ein Leitfaden zu erstellen gewesen wäre, dessen Wirksamkeit im begrenzten Rahmen der Arbeit nicht hätte überprüft werden können.

Der von Bryant-Lukosius und DiCenso (2004) entwickelte Leitfaden (Abbildung 2) zur Implementierung einer neuen Berufsrolle im Sinne einer erweiterten Pflegepraxis unterstützt dabei sowohl die Organisation als auch die Pflegeexperten bei der Einführung der neuen Berufsrolle. Dabei werden sämtliche Aspekte auf dem Weg zur erfolgreichen Einführung betrachtet und die Einführung handlungsleitend dargestellt. Das Framework ist bereits international, aber auch national (z.B. am Universitätsklinikum Freiburg) erprobt sowie in der Praxis bewährt (Feuchtinger 2014). Ein weiterer Vorteil des Frameworks ist, dass die Autorin bereits einmal damit gearbeitet hat und die Erfahrungen als positiv zu bewerten sind.

[...]


1 Zu den Angehörigen des Pflegeberufes zählen Pflegende mit abgeschlossener 3jähriger Ausbildung im Bereich der Krankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege, Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege. .

2 Der Begriff „akademisierter“ Pflege inkludiert Absolventen von grundständigen, dualen und aufbauenden Pflegestudiengängen gleichermaßen.

Details

Seiten
115
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346146168
ISBN (Buch)
9783346146175
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539244
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,7
Schlagworte
welche berufsrolle pflegekräfte krankenhaus erstellung konzepts einführung pflegeexpert/innen

Autor

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Titel: Welche Berufsrolle können akademisch qualifizierte Pflegekräfte in einem psychiatrischen Krankenhaus übernehmen? Erstellung eines Konzepts zur Einführung von fachführenden Pflegeexpert/innen