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Ethisch gute Entscheidungen treffen. Die goldene Regel als Wegweiser

Unterrichtsentwurf 2018 31 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Sachanalyse

2. Didaktische Analyse
2.1 Fachbezogene didaktische Überlegungen
2.2 Situation der LAA und schulische Rahmenbedingungen für die Stunde

3. Lernfeld
3.1 Didaktische Reduktion
3.2 Voraussetzungen der Lerngruppe bezüglich der Kompetenzen
3.3 Kompetenzerwartungen der Stunde
3.4 Differenzierungsmaßnahmen

4. Begründung methodischer Entscheidungen

5. Verlaufsplan

6. Literaturangaben

7. Anhang

Vorwort

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Mt 7,12)

Die „Goldene Regel“ stellt eine Grundregel des menschlichen Zusammenlebens dar. Im Rahmen der ethischen Erziehung im evangelischen Religionsunterricht wird sie als Ausspruch Jesu vorgestellt und somit als christlicher Wert. Doch nicht nur das Christentum kennt die „Goldene Regel“. Sie ist in nahezu allen Religionen und Kulturen aufzufinden und somit für alle Menschen ein grundlegendes Moralprinzip. Besonders für Kinder bietet sie durch ihre Einfachheit und Klarheit eine Hilfestellung im alltäglichen Leben und kann als Wegweiser den Weg in schwierigen Situationen aufzeigen.

Im Rahmen der Unterrichtseinheit „Regeln halten Regeln brechen“ reflektieren die SuS ihren Umgang mit Regeln und deren Bedeutung in ihrem Leben. Anhand von Dilemmasituationen erkennen sie, dass manchmal Regeln gebrochen werden müssen, um ethisch korrekt zu handeln und es nicht immer eine eindeutig richtige Entscheidung gibt. Das Thema der Lehrprobenstunde ist fest im Lehrplan des Saarlandes für das Fach Evangelische Religion in Klassenstufe 3/4 verankert. Die „Goldene Regel“ lässt sich thematisch in den Lernbereich 3.2: „Handeln in Verantwortung“ einordnen. Zudem bietet es sich an den Lernbereich 5.2: „Religiöse Vielfalt bei uns“ mit einzubeziehen umso zu verdeutlichen, dass die „Goldene Regel“ für alle Menschen von Bedeutung ist.[1] Die Lehrprobenstunde wurde als fünfte Stunde der Einheit konzipiert. Zu Beginn erfolgt eine kurze Aktivierung des Vorwissens, bevor die SuS eine Beispielgeschichte kennenlernen. Sie benennen die möglichen Entscheidungswege und formulieren im Rahmen eines spontanen Anspiels den inneren Konflikt der Hauptperson. Die SuS erhalten die „Goldene Regel“ des Christentums, des Islams und des Judentums als Wegweiser in schwierigen Situationen und erhalten so eine Hilfestellung, ethisch gute Entscheidungen zu treffen. Durch die interreligiöse Perspektive erkennen sie, dass die „Goldene Regel“ für alle Menschen eine wichtige Regel des Zusammenlebens darstellt. Das zentrale Anliegen der Stunde lautet: „Die SuS lernen die „Goldene Regel“ (Mt 7,12) als Entscheidungshilfe kennen und wenden diese in einer Beispielgeschichte an. Sie erkennen, dass die „Goldene Regel“ nicht nur für Christen von Bedeutung ist.“

1. Sachanalyse

Die goldene Regel Als „Goldene Regel“ bezeichnet man den Vers Mt 7,12: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Dieser Ausspruch ist eine ethische Schlüsselstelle in der Bergpredigt Jesu. Die Bergpredigt stellt die erste der fünf großen Reden Jesu dar, die das Grundgerüst des Matthäusevangeliums bilden. Sie beginnt in Kapitel fünf mit den Adressaten und den Seligpreisungen (5,3 – 5-16), konkretisiert sich in einer Art „Programmtext“ mit der Auslegung der Gesetze und Verhaltensweisen, welcher in der „Goldenen Regel“ gipfelt (5,17-7,12) und schließt mit den Perspektiven für ein gutes Leben.[2] In ihr wird sowohl die Ethik als auch die Theologie Jesu im Matthäusevangelium ausgelegt. Hierzu zählt die Hoffnung auf die Himmelsherrschaft durch die Sendung Jesu, die Nähe Gottes, das Motiv der Versöhnung und der Nächstenliebe.[3] Die „Goldene Regel“ schließt den großen Mittelblock der Bergpredigt und setzt einen starken Schlussakzent. Durch den Verweis auf das Gesetz und die Propheten wird sie auf eine Stufe mit den Geboten der Gottes und Nächstenliebe gehoben.[4]

Nicht nur für Christen stellt die „Goldene Regel“ eine zentrale Regel des Zusammenlebens dar. In nahezu allen Religionen und Kulturen ist die „Goldene Regel“ schon früh aufzufinden und „kann daher als gemeinsames Erbe der Menschheit angesehen werden.“[5]

Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.“ Judentum (Rabbi Hillel, Sabbat 31a)

„Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.“ Islam (40 Hadithe (Sprüche Muhammads) von an-Nawawi 13)

„Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral.“ Hinduismus (Mahabharata XIII, 114,8)[6]

Diese exemplarischen Beispiele aus den Weltreligionen zeigen, dass das Christentum hier keinesfalls einen alleinigen Anspruch auf die „Goldene Regel“ innehat. Meist wird sie jedoch in einer negativen Form ausgelegt. In den synoptischen Evangelien überliefern sowohl Matthäus (Mt 7,12) als auch Lukas (Lk 6,31) die Regel in der positiven Formulierung. Dies kann als Aufforderung verstanden werden, „den ersten Schritt der Liebe zu tun und nicht auf die Initiative des Nächsten zu warten“[7].

In der jüdischen Tradition wird die „Goldene Regel“ in Form einer Geschichte erzählt. Der Überlieferung nach kam ein Heide zu Rabbi Hillel (80 v.u.Z. bis 30 u.Z.) und fragte, ob er ihn die Thora lehren könne. Rabbi Hillel antwortete: „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun. Das ist die ganze Thora, alles andere sind nur Kommentare.“[8]

Die muslimische „Goldene Regel“ findet sich in den Hadithen (arab. Erzählungen, Überlieferungen), welche Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed überliefern. Sie unterscheidet sich von den anderen genannten „Goldenen Regeln“ durch die Formulierung: „Keiner von euch ist ein Gläubiger...“. Dadurch wird immer wieder der Vorwurf laut, sie würde sich nur auf das Verhalten unterhalb der Muslime beziehen und sei für Nicht-Muslime ungültig. Jedoch könnte an dieser Stelle kritisch hinterfragt werden, „wen und was man sich in welcher Religion unter dem Begriff Bruder, Nächster bzw. Anderer vorstellen soll“.[9] Der Imam Sadiq formulierte die „Goldene Regel“ auf kollektiver Basis mit dem Grundsatz der Gerechtigkeit: „Der gerechteste des Volkes ist der, der für die Leute das wünscht, was er sich selbst wünscht, und für die Leute das nicht wünscht, was er selbst nicht wünscht (Bihar-ul-Anwar Band 75, S.24)“[10]. Eine solch universalistische Lesart ist in der heutigen Zeit der Globalisierung und Pluralisierung unabdingbar. Der Grundgedanke der „Goldenen Regel“ verbindet alle Religionen und Kulturen und stellt somit ein gemeinsames Ideal aller Menschen dar.

2. Didaktische Analyse

2.1 Fachbezogene didaktische Überlegungen

Ethisches Lernen im Religionsunterricht Ethisches Lernen gilt heute als wichtiger Bestandteil des Religionsunterrichtes. Jedoch handelt es sich hierbei nicht um eine Gleichsetzung mit dem Ethikunterricht. Während die Ethik die „(wissenschaftliche) Reflexion moralischer Praxis mit dem Interesse an ihrer theoretischen Durchdringung, Systematisierung und Rechtfertigung“[11] betont, zeichnet sich das ethische Lernen im Religionsunterricht dadurch aus, dass Ethik und Moral in Relation zur Gottesbeziehung gedacht werden.[12] Durch diese Letztbegründung aus dem christlichen Glauben heraus bietet der Religionsunterricht einen Sinn für ethisches Handeln und kann den SuS somit zu einer religiösen Identität verhelfen. Zusammenfassend werden demnach „ethische Fragestellungen im Horizont theologisch-ethischer Verortungen angegangen“.[13] Jedoch bleibt zu beachten, dass die als „spezifischen christlichen Werte“ bekannten Normen und Handlungsanweisungen, wie beispielsweise die Feindesliebe, nicht nur vom Christentum für sich reklamiert werden können. Das Ideal der Feindesliebe lässt sich ebenso im älteren Judentum auffinden. Ebenso sieht es mit der „Goldenen Regel“ aus, die im Zentrum der Lehrprobenstunde steht.

Um ethisches Lernen im Religionsunterricht anzubahnen stellt Hans-Georg Ziebertz vier idealtypische Konzepte vor: Wertübertragung, Werterhellung, Wertentwicklung und Wertkommunikation. In der Lehrprobenstunde werden besonders die Konzepte Wertentwicklung und Wertkommunikation angesprochen, weswegen diese nun kurz skizziert werden.[14]

Als berühmtester Vertreter des Konzepts der Wertentwicklung kann Lawrence Kohlberg angesehen werden. Hierbei werden Lernprozesse gesucht, durch die die Kinder ihre moralische Urteilsfähigkeit stufenweise, von einem egozentrischen Denken, hin zu einem prinzipiengeleiteten Denken im Erwachsenenalter entwickeln können. Laut Kohlberg befinden sich Kinder im Grundschulalter auf der Stufe zwei des moralischen Urteilens. Diese beschreibt er mit den Worten „Fairness als direkter Austausch Was ist dabei für mich drin?“. Somit sind die Kinder in dieser Zeit besonders durch ihr Eigeninteresse und ihre eigenen Vorteile angetrieben. Zu Menschen, die zu ihnen fair sind, sind sie ebenfalls fair. Die „Goldene Regel“ folgt ebenso dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Jedoch bietet sie eine Weiterentwicklung, indem sie dazu auffordert, alle Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Das Konzept der Wertkommunikation setzt auf eine Förderung der Kommunikations und Argumentationsfähigkeit, sodass die Kinder in der Lage sind, ihre Entscheidungen und Wertvorstellungen zu beschreiben und zu vertreten. Hierbei werden Wertkonflikte vorgetragen, welche die Heranwachsenden argumentativ lösen sollen. Sie lernen zu begründen, Entscheidungen abzuwägen und steigern so ihre ethische Kompetenz. In der Lehrprobenstunde wird den SuS ebenfalls eine Konfliktsituation dargeboten, anhand derer sie sich für eine Position entscheiden müssen. Hierbei sollen sie die „Goldene Regel“ als Entscheidungshilfe nutzen.

Interreligiöses Lernen Aufgrund der hohen Verbreitung und Bedeutung der „Goldenen Regel“ in nahezu allen Religionen bietet sich ein Aufgreifen dieser Pluralität im Sinne des interreligiösen Lernens an. Laut Beate-Irene Hämel und Thomas Schreijäck ist ein zeitgemäßer Religionsunterricht ohne Einbezug der interkulturellen Perspektive nicht mehr möglich. Es handelt sich hierbei um ein Leitprinzip, dem sich die Schulen insgesamt verpflichtet sehen müssen und welches selbstverständlich in den Unterricht einfließen muss.[15] Gerade an einer Schule im sozialen Brennpunkt, an der die Mehrzahl der SuS nicht getauft sind oder einer anderen Religion als dem Christentum angehören, bietet das interkulturelle und interreligiöse Lernen eine wichtige Grundlage für das gegenseitige Verständnis. Der evangelische Religionsunterricht bietet hierfür viele Anknüpfungspunkte. Hierbei ist zu beachten, dass für die SuS „das vermeintlich Eigenkulturelle bisweilen kaum weniger fremd erscheint, als das kulturell Eigene“[16]. Durch die Beschäftigung mit dem Fremden kann jedoch auch das Eigene verdeutlicht werden. So trägt das interkulturelle und interreligiöse Lernen auch zur Identitätsbildung bei. Die „Goldene Regel“ stellt eine Gemeinsamkeit zwischen den Religionen dar und zeigt somit, dass diese Regel für alle wichtig und bedeutend ist, nicht nur für Teilnehmer des evangelischen Religionsunterrichts. Durch die Nähe des Christentums zu Judentum und Islam, sowie die hohe Präsenz des Islams in der Lebenswelt der Kinder, ist eine Beschäftigung mit diesen Religionen sinnvoll und fest im Lehrplan des Saarlandes für das Fach Evangelische Religion vorgesehen.[17]

2.2 Situation der LAA und schulische Rahmenbedingungen für die Stunde

Rahmenbedingungen der Schule und Situation der LAA[18]

Situation der Lerngruppe

3. Lernfeld

3.1 Didaktische Reduktion

Zum besseren Verständnis der „Goldenen Regel“ der verschiedenen Religionen werden diese den Kindern sprachlich vereinfacht präsentiert (z.B. „Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest!“). Die Beispielsituation wurde in Bezug auf den Inhalt an die Lebenswelt der Kinder und das Alter konzipiert. Dennoch fordert sie die Kinder heraus und regt eine innere Auseinandersetzung mit dem Thema an. So wird eine bessere Identifikation ermöglicht. Auf eine ausführliche Reflektion des Rollenspiels wird aus Zeitgründen verzichtet. Dies wurde im Vorfeld mit Dilemmasituationen intensiv behandelt. Der Schwerpunkt liegt auf dem Treffen einer ethisch guten Entscheidung mit Hilfe der „Goldenen Regel“.

Der biblische Zusammenhang und die Bergpredigt, als auch die Entstehungshintergründe der „Goldenen Regel“, werden im Sinne der didaktischen Reduktion ausgelassen. Ebenso werden die „Goldenen Regeln“ des Islams und des Judentums nur genannt und nicht näher analysiert.

3.2 Voraussetzungen der Lerngruppe bezüglich der Kompetenzen

Im Folgenden werden die Voraussetzungen der SuS bezüglich der Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Personalkompetenz und Methodenkompetenz ausgeführt.[19]

Sachkompetenz

Die SuS haben Relevanz und Bedeutung einiger Regeln in ihrer Lebenswelt reflektiert und Regeln in Kategorien eingeordnet. Sie können sich in Dilemmasituationen positionieren und ihre Entscheidung in eigenen Worten begründen. Jedoch fällt es ihnen noch schwer, die möglichen Folgen einzuschätzen und in ihre Begründung einzubeziehen.

[...]


[1] Vgl. Ministerium für Bildung und Kultur, Lehrplan evangelische Religion (2016): S.26

[2] Vgl. Söding (2011): S. 13

[3] Vgl. ebenda S. 13 f

[4] Vgl. ebenda S. 33

[5] Sajak (2015): S. 145

[6] https://www.weltethos-praktisch.de/materialien_der_stiftung.html#mat02

[7] Sajak (2015): S. 147

[8] Stanford (2011): S. 20

[9] http://www.talktogether.org/index.php?option=com_content&task=view&id=263&Itemid=30

[10] http://www.eslam.de/begriffe/g/goldene_regel.htm

[11] Hilger (2014): S. 247

[12] Vgl. ebenda S. 252

[13] ebenda S. 255

[14] Vgl. ebenda S. 256f

[15] Vgl. Hämel (2012): S. 146

[16] ebenda S. 148

[17] Vgl. Ministerium für Bildung und Kultur, Lehrplan Evangelische Religion (2016): S. 36

[18] Vgl. Berg (2018)

[19] Vgl, Berg (2018)

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