Lade Inhalt...

Zusammenhänge zwischen Grammatik und mentalen Prozessen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 23 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Über die kognitiven Hintergründe deutscher Klammerkonstruktionen
1.1. Allgemeines
1.2. Abfolge prädikativer Elemente im Nebensatz
1.3. Kognitive Funktion des Prädikats
1.4. Klammerung und Wortstellungsregularitäten antizipatorisch-regressiver Wortbindungsmechanismus und Thema-Rhema-Gliederung des Satzes
1.4.1. Diskursive Gewichtung innerhalb der sprachlichen Äusserung

2. Zur Analyse der Verarbeitung abstrakter Konzepte mittels Präpositionen
2.1. Allgemeines
2.1.1. Definition
2.2. Zur Tiefenstruktur von Präpositionen
2.2.1. Beschaffenheit des durch Präpositionen erstellten Wirklichkeitsmodells
2.3. Präpositionsverwendung als mentale Handlung

3. Versprachlichung abstrakter Wirklichkeitsmodelle
3.1. Allgemeines zur Sprachproduktion
3.1.1. Unterschiedliche Bewusstseinsgrade der Spracherzeugung: zur Problematik der Produktionsbeschreibung
3.1.2. Erzeugung grammatischer Formen
3.2. Wortstellung (Rückblick auf die organisierende Funktion von Klammerung und Präpositionen in der Linearstruktur)
3.2.1. Reihenfolge der Wortgenerierung
3.2.2. Organisierendes Einsatzmoment von Klammerung und Präpositionen
3.3. Die diskursive Bedeutung von Klammerung und Wortfolge dargestellt am Beispiel des zusammengesetzten Satzes
3.3.1. Das Satzgefüge
3.3.2. Satzgefüge als Abbild mentaler Wissensrelationen
3.3.3. Oberflächenstrukturelle Diskrepanz zwischen Wortfolge und Logik
3.3.4. Beispiele extraponierter Satzteile und deren kognitive Bedeutung

4. Schlusswort

Bibliographie

Einleitung

Zur Einführung in das Thema „Probleme des Zusammenhangs zwischen Grammatik und mentalen Prozessen“ nimmt das Buch „ Grammatik und mentale Prozesse[1] – Grundlage dieser Arbeit – einen wissenschaftshistorischen Rückblick auf die Entwicklung der Psycholinguistik vor unter Berücksichtigung philosophiegeschichtlicher Einflüsse auf die Sprachtheorien des 19.Jh. Freilich gibt es diesbezüglich viel Erwähnenswertes, z.B. Humboldts energeia-Konzept von Sprache oder Hegels Verständnis vom Geist als sprachgebundener Vermittler zwischen Subjekt und Objekt, sowie Bühlers handlungstheoretische Bestimmung deiktischer Elemente. Die Liste liesse sich beliebig erweitern, doch möchte ich dies der Leserin dieser Arbeit ersparen und stattdessen einen zielgerichteteren Weg zu meinen Interessen an der Beziehung zwischen Grammatik und mentalen Prozessen einschlagen.

Zunächst sei mir ein Hinweis auf einige terminologische Ungenauigkeiten gestattet, die sowohl bei den erwähnten Linguisten als auch sonst oft in der Fachliteratur vorzufinden sind. Clemens Knoblochs[2] Kritik an der heute ausführlichen Debatte über „Sprache und Bewusstsein“ soll die Reichweite der hier in Frage stehenden Beziehung vor Augen führen:

„ Meist scheitern ernsthafte Auseinandersetzungen schon daran, dass unklar bleibt, ob unter „Sprache“ das Anthropologicum („Sprache schlechthin also, die menschliche Sprachfähigkeit), die Gesamtheit des Sprechens in einer Einzelsprache oder eben diese Einzelsprache als System lexikalisch-grammatischer Ordnungen und Schemata gemeint ist.“[3]

In Bezug auf diese Arbeit lautet die Antwort hierauf, dass zwei grammatische Phänomene der deutschen Sprache im Hinblick auf deren kognitive Hintergründe interessieren, nämlich a) die Klammerung b) die Verwendung von Präpositionen.

a) Die Satzklammer ist charakteristisch für die deutsche Syntax. Da es sich hierbei um eine strukturelle Komplizierung handelt[4], ist die Frage nach dem daraus gezogenen Nutzen für die Alltagskommunikation beachtenswert. Für ihre Beantwortung erweist sich die Untersuchung von Hans-Werner Eroms[5] als hilfreich.
b) Die Verwendung von Präpositionen im Deutschen ist mir aufgrund dessen allgemein problematischen Charakters sowohl für den Fremdsprachenerwerb als auch in der alltäglichen Sprachverwendung ins Auge gestochen. Die Rückschlüsse auf kognitive Prozesse, die beim Vergleich von Konstruktionen wie „das Buch fiel vom Regal“ und „das Buch fiel aus dem Regal“ gezogen werden können, werden Thema des zweiten Kapitels sein.

Nach eingehender Beschäftigung mit den hier zugrundeliegenden Untersuchungen – insbesondere mit denen von Wilhelm Griesshaber und Hans-Werner Eroms für das erste und zweite Kapitel dieser Arbeit – bleibt mir einleitend nur noch das hier etwas zu kurz kommende, jedoch nicht weniger beachtungswürdige sprachphilosophische Moment der Auseinandersetzung mit dem Thema Grammatik und mentale Prozesse zu erwähnen. Die vorliegende Arbeit soll nebst der Zusammentragung von Ergebnissen auch über die vorgestellten Verhältnisbestimmungen reflektieren. Unter Berücksichtigung sprachphilosophischer Ansätze wird im dritten Kapitel modellhaftig die Prozessualität der Sprachproduktion – speziell fokussiert wird die Variation der Wortfolge und ihre Bedeutung für kognitive Verarbeitungsprozesse - dargestellt und dabei gleichzeitig Hypothesen und Ergänzungsmöglichkeiten zu den vorgestellten Ansätzen sichtbar gemacht.

1. Über die kognitiven Hintergründe deutscher Klammerkonstruktionen

1.1. Allgemeines

Die Satzklammer ist das Grundmuster des deutschen Satzes. Sie ist sowohl in Hauptsätzen als auch in Nebensätzen anzutreffen[6]. Deutsche Sätze weisen demnach folgender Aufbau vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Klammer kann entweder von der Personalform oder von unterordnenden Konjunktionen (z.B. als in vergleichenden Konjunktionalsätzen) eröffnet werden. Den zweiten Klammerteil können bilden: Verbzusatz, Infinitiv oder Partizip II. Die Stellung der Personalform ist vor allem für die Erkennung der Satzart entscheidend, jedoch ist dies für die folgenden Ausführungen weniger von Bedeutung als in erster Linie den kognitiven Verarbeitungssinn der Spaltung blockhafter Einheiten (z.B. des Prädikats; s. Kap. 1.3.) zu ermitteln.

1.2. Abfolge prädikativer Elemente im Nebensatz

Nebensätze zeichnen sich bekanntlich durch die Endstellung der Personalform aus. „Bei vergleichenden Nebensätzen mit der blossen Konjunktion als folgt die Personalform allerdings unmittelbar auf die Konjunktion: Der Grossvater hüstelte, als hätte er Asthma bekommen.“[7]. Gestützt auf die Weinrichsche Formel für den Verbkomplex im Deutschen und dessen jeweils ungestörte Abfolge im Nebensatz, nennt Eroms den Aufbau des Verbkomplexes im Nebensatz Grundlage für die kognitive Organisation jeglicher syntaktischer Strukturen; er spielt damit auf die starre Reihenfolge der Komponenten im rechten Klammerteil von Nebensätzen an. Ein Vergleich folgender Beispielsätze mag diese veranschaulichen:

(dass die Tür) nicht zugemacht werden konnte.

(obwohl er) ständig hüsteln muss.

(Der Grossvater), der Zigarren raucht,...

...möchte wissen, wer den Aschenbecher ausgeleert hat.

Die Mutter zögerte, den Fernseher einzuschalten

Die Abfolge verbaler Elemente liesse sich demgemäss auf folgende Formel bringen:

Negator, Verbzusatz, Vollverb/Funktionsverbgefüge, Kausativauxiliar, Passivauxiliar/ Intransformativauxiliar/ Wahrnehmungsverb, Modalverb2, Modalverb1, Perfekt-/ Plusquamperfektauxiliar2, Perfekt/ Plusquamperfekt-auxiliar1, Modalverbepist/ werden, tun.“[8]

Die Bildung eines Hauptsatzes würde folglich, ausgehend von dieser kohärenten Prädikatsstruktur, auf der Vorversetzung des Finitums beruhen. Neben dem Konjunktionalsatz gibt es noch zwei Nebensatzarten, die dieser Vorversetzungs- Tendenz folgen und somit von ihrer artgemässen Form abweichen: Konstruktionen mit Ersatzinfinitiv, z.B. ...dass er das hat erledigen wollen und dialektale Wendungen wie z.B. ehe sie rausz sindt komen. Hier lässt sich die für Nebensatzkonstruktionen unübliche Vorversetzung des Finitums erkennen und damit – so Eroms – die manifeste Tendenz zur Klammerbildung, deren Motivation wohl, wie im folgenden erklärt wird, im kognitiven Bereich zu suchen ist.

1.3. Kognitive Funktion des Prädikats

Dass in Sätzen wie: Susanne will das Buch auf den Tisch legen die Prädikatsteile ein Ganzes bilden, kann wohl nicht bestritten werden. Hier lassen sich Spuren synthetischer grammatischer Formen erblicken, in denen sich finite und infinite Morpheme zu einem Bedeutungsganzen vereinten[9]. Warum also nicht die Einheit beibehalten und sagen: *Susanne will legen das Buch auf den Tisch. ? Die Auffindung des Finitums scheint – nach Eroms[10] – in erster Linie für die Erkennung der Satzart nützlich zu sein. Sie ermöglicht den Aufbau einer Spannung, die sich spätestens mit der Äusserung des rechten Klammerteils löst. So ist es naheliegend anzunehmen, die gesamte syntaktische Struktur entstehe in Abhängigkeit des Finitums, und zwar als Resultat einer kognitiven Bedeutungsstrukturierung nach seiner Erwähnung. Es nimmt sogleich eine zentrale Stellung für die Abtrennung der Satzglieder ein. Im Rahmen einer erweiterten Dependenzgrammatik definiert Eroms das Prädikat als „Kopf der Propositionsmitteilung“[11], das heisst somit, als Ausgangspunkt für die abstrakte Anordnung der Satzglieder, die sich hierarchieförmig von ihm aus verzweigen.

Die kognitive Strategie, verbale Glieder gemäss ihrer Kohärenz in Nebensätzen zu organisieren, hat, so Eroms folgende Vorteile: „Einmal wird so gleichsam eine diskursiv unbeeinflusste Abfolge erzeugt, und zwar eine, die auch real vorkommt, nämlich in den so häufigen Nebensätzen, andererseits ist diese Anordnung auch unter einer logischen oder satzsemantischen Betrachtungsweise adäquat,(...)“[12] Dass die so abgerufene kohärente Sequenz im Dienste diskursiver Ziele gespalten wird, kann nur verständlich werden, wenn erstens die Gliederung der Klammerteile unter dem Gesichtspunkt der Thema-Rhema-Organisation betrachtet, zweitens, die Klammerung in ihrem Zusammenspiel mit der Valenz und der Wortstellung des Satzes beschrieben wird.

1.4. Klammerung und Wortstellungsregularitäten: antizipatorisch-regressiver Wortbindungsmechanismus und Thema-Rhema Gliederung des Satzes

Die mentale Satzverarbeitung hat im Grunde das Ziel, von der Linearstruktur zu einer Hierarchiekonstruktion zurückzufinden, an deren Spitze – wie im vorigen Kapitel erklärt – das Prädikat steht. Eroms sieht die Klammerung – neben Wörtern, Morphemen, Intonation, Diskuswörtern als Verarbeitungssignal im Dienste der Rekonstruktion dieser abstrakten Hierarchiestruktur. Es ist also für die Erfassung dieses Rekonstruktionsprozesses lohnenswert, den internen Aufbau der Verbklammer darzulegen.

1.4.1. Diskursive Gewichtung innerhalb der sprachlichen Äusserung

Um den Beitrag der Klammerung zum Diskursfortschritt zu ermitteln, gilt es grundsätzliche Thema-Rhema Gliederungsregeln zu beachten. Ihnen zufolge ist der kommunikativ beladene Teil der Äusserung am Ende eines Satzes zu positionieren[13] ; dies entspricht also der Stellung des rechten Klammerteils. Vorversetzte Teile (z.B. die Personalform) werden hingegen thematisch ausgezeichnet, das heisst sie beziehen sich auf einen satzintern (wie (1)) oder allgemein-kontextuell gegebenen Sachverhalt (wie (2)).:

(1) Gelesen hatte sie das Buch noch nicht.
(2) Erschossen werden sollte er als Hungretz, das fiel ihm wieder ein, als er durch die Stadt schlenderte und sich seinen augenblicklichen Namen einprägte (...)[14]

„Während in bedeutungsmässiger Hinsicht die Glieder sich von links nach rechts determinieren, werden sie von rechts nach links syntaktisch gebunden.“[15]. Diese semantische und syntaktische Gegenläufigkeit lässt sich auch dann erkennen, wenn Satzglieder im Vorfeld – entgegen der konventionellen Thema-Rhema Gliederung des Satzes – rhematisch ausgestattet werden. Die Wiederaufnahme nach links versetzter Satzglieder durch eine Proform ist dafür beispielhaft.

Ein Zuhause für ältere Menschen, umfassende Betreuung, individuelle Freiheit und gesicherte Versorgung im Alter – das will die künftige Bonifatius-Seniorenresidenz Neustift...nach Inbetriebnahme ihren Bewohnern bieten.[16]

Im Vorfeld erkennt Eroms hier die rhematische Kompaktheit. Diese wird durch die Proform das wieder aufgenommen und explizert; eine inhaltliche Wiederholung gewissermassen, die im ersten Klammerteil (will) gespannt wird, bis zu ihrer Lösung im letzten Klammerteil (bieten). Linker und rechter Klammerteil bilden so ein Bedeutungsganzes, in dem der linke die Struktur des rechten antizipiert und so Teile des Rhemas vorverarbeitet. Trotz der Tendenz, das Satz-Vorfeld rhematisch auszustatten, kann nicht davon die Rede sein, dass der rechte Klammerteil von seiner rhematischen Ladung entlastet wird; im Gegenteil erfüllt es hier zwei kommunikationstaktische Funktionen:

1. Es nimmt das ins Vorfeld versetzte Rhema wieder auf.
2. Es löst die vom Finitum erzeugte Spannung, die durch Vorwegnahme eines Teils der gesamten semantisch-syntaktischen Struktur zustande kommt, und markiert gleichzeitig die inhaltliche Kohärenz zum antizipierten rhematischen Teil.

Im Ganzen lässt sich also die Tendenz feststellen, das Rhema zunehmend in das Vorfeld zu verlegen. Dennoch ist aber der linke Klammerteil nicht als rein thematisch zu bezeichnen, sondern er nimmt vielmehr die kognitive Verarbeitung des Satzinhalts teilweise vorweg (Voraktivierung des rechten Klammerteils) oder bewirkt die Reiteration des Rhemas durch Wiederaufnahme des rhematisch ausgestatteten Vorfeldes.

[...]


[1] Redder Angelika et al. Grammatik und mentale Prozesse, Stauffenburg, Tübingen 1999, S. 1-9

[2] Knobloch Clemens.. Sprache und Sprechtätigkeit, Sprachpsychologische Konzepte, Niemeyer Tübingen 1994, S. 203-217

[3] ebd. S. 203

[4] Eroms Hans-Werner:Linearität, Kohärenz und Klammerung im deutschen Satz in: Redder Angelika et al. Grammatik und mentale Prozesse Stauffenburg, Tübingen 1999, S. 195-217, S. 196

[5] Ebd.

[6] Heuer Walter et al. Richtiges Deutsch, NZZ Verlag, Basel 1997, S. 201

[7] ebd., S. 207

[8] Eroms op. cit. S. 203

[9] ebd., S. 210

[10] ebd., S. 196

[11] ebd., S. 197

[12] ebd., S. 202

[13] Hatim Basil und Mason Ian: Teoría de la traducción, una aproximación al discurso, Ariel, Barcelon 1995, S. 308

[14] Eroms, op. cit., S. 215

[15] ebd., S. 211

[16] ebd., S. 210

Details

Seiten
23
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638491921
ISBN (Buch)
9783656792727
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53859
Institution / Hochschule
Universität Basel – Deutsches Seminar
Note
5,5 (CH)
Schlagworte
Zusammenhänge Grammatik Prozessen

Autor

Zurück

Titel: Zusammenhänge zwischen Grammatik und mentalen Prozessen