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Förderung schulischen Lernens im Konzept 'Bewegte Schule'

Zwischenprüfungsarbeit 2003 25 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Veränderungen der Lebenswelten von Kindern

3. Das Konzept der „Bewegten Schule“

4. Förderung schulischen Lernens durch bewegte Unterricht
4.1 Wahrnehmung und Bewegung – Lernen mit allen Sinnen
4.2 Bewegtes Lernen
4.3 Bewegter Schultag
4.4 Bewegungs- und Entspannungspausen im Unterricht
4.5 Der Klassenraum als B ewegungsraum - das bewegte Sitzen
4.6 Der Sportunterricht

5. Bewegte Pause
5.1 Der Pausensport
5.2 Gestaltung des Pausenhofs

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kinder und Jugendliche benötigen möglichst vielfältige Bewegungsanreize für ihre Entwicklung. Je größer der Aufforderungscharakter dabei ist, desto mehr sprechen die Kinder darauf an. Das natürliche Umfeld bietet leider immer weniger solcher Anreize, weshalb im Alltag vieler Kinder und Jugendlicher Bewegung eine untergeordnete Rolle spielt. Sie sitzen den ganzen Vormittag in der Schule und den Rest des Tages stundenlang vor dem Fernseher, dem Computer oder machen Hausaufgaben, natürlich im Sitzen. Das heißt immer mehr Kinder bewegen sich immer weniger.

Durch das ständige Sitzen nimmt die Zahl haltungsschwacher Kinder und Jugendlicher ständig zu. Entsprechende Befunde können mittlerweile bei mehr als der Hälfte aller Heranwachsenden erhoben werden, wobei schon ein extremes Ansteigen der Auffälligkeiten bei Kindern im Grundschulalter beobachtet werden kann.

Aufgrund der immer stärker eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen und der vermehrt auftretenden Sitztätigkeiten auch außerhalb der Schule, wird künftig dem Spiel und Bewegungsleben in der Schule eine wachsende Bedeutung zukommen.

Auf den folgenden Seiten möchte ich über das Konzept der „Bewegten Schule“ und dessen Umsetzung in die Praxis berichten. Dabei habe ich mich insbesondere mit der Förderung des schulischen Lernens befasst.

Unter Punkt 2 habe ich mich mit dem Problem der „veränderten Lebenswelten von Kindern“ beschäftigt, um somit die Notwendigkeit einer „Bewegten Schule“ zu verdeutlichen. Anschließend stelle ich unter Punkt 3 das Konzept der „Bewegten Schule“ vor. Unter 4. gehe ich dann auf die „Förderung des schulischen Lernens durch den bewegten Unterricht“ ein, den ich in sechs Unterpunkte gegliedert habe. Dabei spreche ich das „Lernen mit allen Sinnen“ und „das bewegte Lernen“ sowie auch den „bewegten Schultag“, die „Bewegungs- und Entspannungspausen“, das „bewegte Sitzen“ und den „Sportunterricht“ an. Darüber hinaus stelle ich unter 5. die „bewegte Pause“ und ihre zwei Unterpunkte „Pausensport“ und „Pausenhofgestaltung“ vor. Abschließend berichte ich in meinem „Fazit“ unter Punkt 6 über meine Erfahrungen mit diesem Thema.

2. Veränderungen der Lebenswelten von Kindern

Die Lebensbedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, sind gekennzeichnet durch den zunehmenden Verlust der Eigenständigkeit, durch den Mangel an unmittelbaren körperlich-sinnlichen Erfahrungen. Technik und fortschreitende Motorisierung haben den Körper an den Rand gedrängt, Leistungen scheinen vor allem über den Kopf erreicht zu werden. Durch die Medienwelt strömt auf die Kinder eine Vielfalt an Informationen ein, die sie kaum mehr verarbeiten können. Diese Informationen werden vorwiegend passiv aufgenommen.

Bereits im Grundschulalter verbringen viele Kinder mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule.

So sind immer mehr Kinder in ihrer Bewegung eingeschränkt und die Anzahl an übergewichtigen und haltungsschwachen Kindern nimmt zu. Die Kinder sitzen den ganzen Vormittag in der Schule und somit ist der natürliche Wechsel zwischen Spannung und Entspannung außer Kraft gesetzt. Spannung findet nur noch im Kopf statt, aber nicht mehr im ganzen Körper. Der entstehende Stress wird nicht mehr abgebaut und letztendlich wird heute die Freizeit von den modernen Medien dominiert.

Dem passiven Konsum audivisueller Medien steht auf den 1. Blick der aktive Umgang mit dem Computer gegenüber. Viele Kinder schätzen diese Computer-spiele, weil sie für längere Zeit in Spannung gehalten werden, weil sie gewinnen wollen und so ein Gefühl der Befriedigung und Selbstbestätigung des eigenen Körpers erreichen. Aber diese Spannung wird nicht abgebaut, sondern es wird neuer Stress erzeugt. Auch ein Nachlaufspiel in Bewegung erzeugt Spannung, dabei hat das Laufen eine befreiende Wirkung, im Computer ist es nie zu Ende, man kann es nicht selber steuern, sondern alles ist von anderen vorprogrammiert.

„Wahrnehmung und eigene Erfahrung dürfen nicht den Interpretationen der Medien geopfert werden. Die Welt muss für die Kinder wieder körperlich-sinnlich erfahrbar werden. Die Wirklichkeit muss gespürt, Ereignisse müssen nachvollzogen, Zusammenhänge selbst entdeckt werden. Nur so können Kinder die Welt verstehen und ihren Aufbau für sich selbst rekonstruieren. Die Erfahrung des „Selber-wirksam-seins“ stellt die Basis für die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens dar. Der Verlust an unmittelbaren körperlich-sinnlichen Erfahrungen, der Mangel an Möglichkeiten sich über den Körper aktiv die Umwelt anzueignen, führt unweigerlich zu der Beeinträchtigung kindlicher Entwicklung.“[1]

Besonders in Großstädten ergibt sich für die Kinder und Jugendlichen, die sich bewegen wollen, das Problem der fehlenden Bewegungsräume. Es werden Hoch-häuser gebaut und die Spielplätze werden vergessen. Das Problem des Bewegungsmangels wird auch in den Wohnungen vieler Leute deutlich, denn in den modernen Wohnungen ist meist das Kinderzimmer als kleinster Raum konzipiert. Auch die Eltern sind oft kein Vorbild die Bewegungsaktivitäten ihrer Kinder zu unterstützen, denn Ausflüge am Wochenende finden im Auto und selten zu Fuß oder mit dem Fahrrad statt.

Die Folgen sind, dass immer mehr Kinder Auffälligkeiten in der Alltagsmotorik aufweisen. Grundlegende altersspezifische koordinative Fähigkeiten sind nicht mehr im notwendigen Maße vorhanden. „Aufgrund der mangelnden Ver-arbeitungsmöglichkeiten der auf die Kinder einströmenden Reize und mit der Einschränkung ihrer Handlungs- und Bewegungsmöglichkeiten kommt es in zunehmendem Ausmaß zu Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung und zu Verhaltensauffälligkeiten. Krankheiten mit psychosomatischen Ursachen nehmen zu: Allergien, Kopfschmerzen, Nervosität, körperliche Auffälligkeiten.“[2]

Der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Die Folgen für das Gesundheitswesen lassen sich nur erahnen. Die Zahl der übergewichtigen Schulanfänger steigt ständig. Darüber hinaus sind viele Jugendliche physisch und psychisch wenig belastbar, da es an entsprechenden Reizen mangelt, die Anpassungsprozesse hervorrufen; Herausforderungen fehlen.

Früher hatten die Kinder genügend Bewegung nach und außerhalb der Schule und konnten das Stillsitzen größtenteils kompensieren. Heute hingegen muss die Schule einen aktiven Beitrag zur Bewegung der Kinder leisten, um nicht schon früh zur Entstehung von Bewegungsmangelerkrankungen beizutragen. Leider werden die Kinder in den meisten Schulen auf bewegungsfeindliches Material gesetzt und nach wie vor zum Stillsitzen erzogen. Die Schule trägt damit im Moment eher zur Zunahme von Haltungsschäden, Übergewicht, Herz-Kreislaufproblemen, Verhaltensauffälligkeiten und motorischen Schwächen bei. Bereits bei Kindern im Grundschulalter sind solche Defizite in erschreckend hoher Zahl zu beobachten. Da die Schule vermehrt die damit verbundenen Folgen wie Unruhe, Konzentrations- und Lernschwächen u. ä. zu bewältigen hat, muss es schon deshalb in ihrem Interesse sein, einen aktiven Beitrag zur Verminderung dieser Probleme zu leisten. Denn die Ursache liegt auch darin, dass die Bewegungsräume in der Schule den körperlichen und seelischen Bedürfnissen der Kinder nach Bewegung wenig oder überhaupt nicht gerecht werden.

Es darf also nicht länger hingenommen werden, dass der Schulalltag der Kinder in den meisten Fällen durch passives und statisches Sitzen gekennzeichnet ist. Außerdem gibt es in den meisten Schulen statische Lehr- und Lernformen ohne Handlungsbezug, große Klassen in eingeschränkten, bewegungsunfreundlichen Klassenräumen mit starrem Schulmobiliar ohne Möglichkeit der Anpassung an individuelle Bedürfnisse und nur kurze Unterrichtspausen ohne aktiven Bewegungsausgleich.

Kinder wollen und müssen sich bewegen. Viele namhafte Pädagogen der Vergangenheit erkannten bereits die Wichtigkeit dieser Forderung. Gedanken der körperlichen Bildung und Gesamterziehung reflektieren sich auch verstärkt an reformpädagogischen Konzepten. „So ist bei Maria Montessori (1971, 31) zu lesen: „Von gleich großer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes ist seine eigene spontane Bewegung. Das Kind muss sich immer bewegen, kann nur aufpassen oder denken, wenn es sich bewegt. “[3]

Ebenso beachtet Petersen bei der Einrichtung seiner Jena-Plan-Schule besonders den Arbeits- und Pausenrhythmus. Eine tägliche Bewegung unter Leitung des Lehrers gehört zum festen Bestandteil seines Konzeptes. Dieses verdeutlicht, dass die Gedanken über die Rolle der Bewegung für die kindliche Entwicklung durchaus nicht neu sind.

3. Das Konzept der „Bewegten Schule“

Die bewegte Schule ist seit Mitte der 90er Jahre das Thema sportpädagogischen Handelns und Denkens. Sie wird derzeit in der Fachdidaktik und Schulsportpraxis so intensiv und breit diskutiert wie kaum eine andere Frage.

Das Konzept der „Bewegten Schule“ hat das Ziel, mehr Bewegung in die Schule zu bringen, die Schule als Bewegungsraum in den Blick zu nehmen, das gesamte Schulleben bewegter zu gestalten.

Nach dem Schweizer Sportpädagogen Urs Illi setzt sich das Konzept der „Bewegten Schule“ aus einzelnen Aspekten, wie bewegtem Lernen, bewegtem Sitzen, beweglichem Schulmobiliar, einer wohnlichen Schulzimmergestaltung, mentaler Entspannung, Entlastungsbewegungen, einer bewegten Pause und wahrnehmungsorientiertem Sportunterricht zusammen. Einzelne Elemente ergeben zusammen ein Konzept.

„Als gesicherte Erkenntnis gilt, dass Bewegung, sinnvoll in den Lebensvollzug der jungen Menschen integriert, über verschiedene Regulationsebenen des Organismus (psychische, physische, soziale) fördernd auf die Gesundheit im allgemeinen und auf Haltung, Bewegung und Verhalten im speziellen wirken kann.“[4]

Dies kann nicht allein durch den Sportunterricht realisiert werden. Körpergefühl und Bewegung und damit auch die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen kann sicherlich auch nicht mit einer dritten Sportstunde grundlegend geändert werden. Deshalb soll die Verantwortung nicht mehr nur dem Fachbereich überlassen werden, sondern die gesamte Schule soll in Bewegung kommen.

„Ein bewegungsarmer Schultag führt bei den Kindern zu Ermüdung, Unaufmerksamkeit, fehlender Motivation, Konzentrationsschwäche und zu einer schwächeren Sinneswahrnehmung.“[5]

Die „Bewegten Schule“ soll der zunehmenden Bewegungsarmut auf verschiedenen Ebenen entgegenwirken. Mit dieser Idee wird versucht, die Bewegung auch in andere Fächer und in die Pausen zu integrieren, da der Sportunterricht allein mit dieser Aufgabe überfordert ist. Allerdings kann und darf die Bewegung als Prinzip schulischen Lernens und Lebens keineswegs den Sportunterricht ersetzen, im Gegenteil. „Diese Art der Bewegung baut auf den gemachten Erfahrungen im Sportunterricht auf und stellt eine immer wichtigere Ergänzung dar in der von Bewegungsarmut gekennzeichneten Umwelt der Kinder und Jugendlichen.“[6]

[...]


[1] Niedersächsisches Kultusministerium: Bewegte Schule I, Kap. 1, S. 6

[2] Niedersächsisches Kultusministerium: Bewegte Schule I, Kap. 1, S. 6

[3] Müller, Christina: Bewegte Grundschule, S. 16

[4] Breithecker, Dieter: Bewegte Schule, S. 26

[5] Knauf Tassilo/ Politzky, Silke: Die bewegte Grundschule, S. 17

[6] Fischer, Dr.P.R.: Bewegte Schule, S. 10

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638491662
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53824
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Schlagworte
Förderung Lernens Konzept Bewegte Schule

Autor

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