Lade Inhalt...

Karl Kraus' Kritik am Nationalsozialismus anhand seines Werks "Dritte Walpurgisnacht"

von Nico Drimecker (Autor) Jenny Krüger (Autor)

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung (Nico Drimecker & Jenny Krüger)

2. Karl Kraus und der Nationalsozialismus
2.1 Kraus’ Haltung und Kritik am Nationalsozialismus
2.2 Kraus’ Sprachanalyse des Nationalsozialismus (Jenny Krüger)

3. Sprachlicher Überblick
3.1 NS-Sprache
3.2 Kritik und Sprache von Karl Kraus (3.1 Nico Drimecker; 3.2 Jenny Krüger)

4. Die Dritte Walpurgisnacht
4.1 Inhalt und Aufbau
4.2 Analyse der Seiten 124 bis 131 (4.1 Nico Drimecker; 4.2 Nico Drimecker & Jenny Krüger)

5. Fazit (Nico Drimecker & Jenny Krüger)

6. Quellenverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis

7. 6.2 Weitere Quellen

1. Einleitung

„Der Nationalsozialismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert.“[1]

Die Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 leitet einen künftigen Umbruch ein, dessen gravierende Ausmaße scheinbar niemand hätte ahnen können. In scheinlegaler Weise wird mit dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ den Nazis der Weg zur ideologischen Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft in allen Facetten geebnet. Diese Entwicklung vollzieht sich so schleichend, dass die Bürger nicht begreifen, was mit ihnen und ihrem Land geschieht, vielmehr vertreten sie „Ihr Deutschland“ und unterstützen somit die Greueltaten der Nationalsozialisten. War diese Entwicklung nicht bewusst wahrnehmbar? War der Nationalsozialismus ein Sprudel, in dem jeder Gedanke versintert? Konnte als einziger Karl Kraus mit seiner Dritten Walpurgisnacht, die als „eine Prognose von Stalingrad und Auschwitz“[2] angesehen werden kann, diese Entwicklung voraussagen?

Im Seminar „Sprachkritik und Satire im Werk von Karl Kraus“ ist untersucht worden, inwiefern die Texte des Herausgebers der Fackel Kritik an dem gesellschaftlichen System der gerade herrschenden Zeit üben. Dabei ist insbesondere der sprachliche Aspekt, die satirische Darstellung, betrachtet worden. Schnell wurde deutlich, dass Kraus nicht nur an bestehenden Systemen Kritik übt, sondern vielmehr Zukünftiges voraussagt, so auch in der „Apokalypse“. Die Dritte Walpurgisnacht zeigt, wie Karl Kraus Sprache definiert, „deren Reinheit ihm als Maßstab für die Sauberkeit der Haltung galt“[3], und anhand dieser das Dritte Reich mit seinem Werk kritisiert. Sein Sprachverständnis zeigt die enge Verbindung von Sprache und Kultur auf, die sich gegenseitig stark beeinflussen.

Wir werden versuchen, auf die obigen Fragen Antworten zu finden sowie nachzuweisen, welche Besonderheiten sich in seinem postum veröffentlichten Werk nachweisen lassen.

2. Karl Kraus und der Nationalsozialismus

2.1 Kraus’ Haltung und Kritik am Nationalsozialismus

Unter Beachtung des Werdeganges von Karl Kraus wird schnell deutlich, dass Kraus zwar den Anfang des Nationalsozialismus, nicht aber den gesamten Umfang erlebt. Nichtsdestotrotz, „was Hitler und sein Regime für Deutschland, Europa und die Welt nicht nur bedeuteten, sondern auch noch bedeuten würden, das wusste schon damals niemand besser als Karl Kraus.“[4] Schon sehr früh, genauer 1933, erkennt er die sich teilweise schon ereignende Schrecklichkeit und den bevorstehenden Terror der Nationalsozialisten. Hierbei geht er nicht nur auf die Brutalität der Faschisten im Allgemeinen ein, sondern beschreibt vielmehr die grauenhafte Behandlung der Juden in erschreckenden Details. Kraus stellt die „…Herrschaft des deutschen Faschismus allein als geistesgeschichtliches Unglück dar, das durch Gedankenlosigkeit und Phantasiearmut der Menschen eingetreten sei.“[5] Jene Ursachen, die laut Kraus die Etablierung des Hitler-Regimes ermöglichen, führt Kraus auf den zunehmenden Sprachverfall zurück, hervorgerufen durch die Presse.

Kraus’ Kritik am nationalsozialistischen System beruht auf einem intensiven Studium von Zeitungsartikeln, Berichten und teils gesammelten Sachinformationen, wobei die Kritik an der Sprache und Stilistik der Faschisten stets in den Vordergrund tritt. Kraus führt das Wesen des Faschismus auf ihren Gebrauch der Sprache, insbesondere einzelne sprachliche Formulierungen und Redewendungen, zurück, versucht und nicht den Charakter der Herrschaft anhand von sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Faktoren zu erklären . „Im Glauben an den absoluten Vorrang des Geistigen vor dem Gesellschaftlichen hoffte er, mit der Stilkritik deutlich zu machen, ’welche Wirklichkeit hinter den Redensarten hauste‘“.[6] Daraus wird ersichtlich, dass hier nicht von einer umfassenden Darstellung des Hitler-Regimes gesprochen werden kann. Eine universelle Beurteilung der Eigenarten einer Herrschaftsform kann nur aufgrund des Zusammenhangs zwischen Politik, Wirtschaft und Sozialem erfolgen, sollte jedoch niemals nur mittels der Sprache analysiert werden.

Seine Kritik und Einstellung zum Hitler-Regime beschreibt Karl Kraus in der 1933 entstandenen, aber erst in den 50er Jahren veröffentlichten Dritten Walpurgisnacht, „[der] umfangreichsten[n] Texteinheit der Fackel“[7]. Gründe für das Nicht-Erscheinen sah Kraus in gedanklichen als auch moralischen Motiven. Zu dem ersten ist zu sagen, dass „Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire sei“[8]. Aus moralischer Sicht, dem zweiten Grund, ist es Karl Kraus durchaus bewusst, dass seine Veröffentlichung den Opfern nicht helfen, sondern vielmehr schaden würde. Demnach entschließt er sich sein Werk nicht zu publizieren, um nicht ins Schussfeld der Faschisten zu gelangen. Ihm ist durchaus bewusst, dass er in einer Zeit lebt, in der Schweigen Gold bedeutet, das wohl größte Opfer für einen Kritiker.

2.2 Kraus’ Sprachanalyse des Nationalsozialismus

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel beschrieben, befasst sich Karl Kraus bei der Analyse des Hitler-Regimes hauptsächlich mit ihrem Sprachgebrauch. Aufgrund seines journalistischen Hintergrunds und seines besonderen Verständnisses von Sprache scheint Karl Kraus von dem herrschenden Sprachgebrauch der Presse nicht beeinflusst und somit weiterhin kritikfähig zu sein. Der gewöhnliche Zeitungsleser hingegen sei das nicht, da der Leser dem Mechanismus der Gleichschaltung als auch der Propaganda unterliegt und somit dem Glauben schenkt, was er in der Öffentlichkeit liest oder hört, ohne dies zu hinterfragen oder skeptisch zu lesen. Demnach scheint Karl Kraus in der Lage zu sein, hinter die Fassade der Formulierungen zu schauen und auf ihren wahren Kontext aufmerksam zu machen.

Als Beweismittel für seine Argumentation, der Leser sei in seiner Kritikfähigkeit eingeschränkt, führt er immer wieder die Umgangssprache der Nationalsozialisten an, den so genannten „NS-Jargon“. Darüber hinaus stützt er sich auf Neologismen und grammatikalische Fehler des Hitler-Regimes bei ihrer Propaganda. Kraus’ Hindeuten auf Fehler ist deutlich beabsichtigt, da seine Intention das Aufzeigen des zunehmenden Sprachverfalls darstellt, der zwangsläufig in (Un)-Kultur mündet. Darüber hinaus kann allgemein gesagt werden, dass „alle Strategien und Verfahren der Krausschen Textpoetik (…) im Dienst ideologisch und kulturpädagogisch motivierter Intentionen [stehen]““[9]. Bei seinen Untersuchungen, exemplarische Texte zu finden, verwendet er drei wesentliche Gestaltungsprinzipien, sogenannte Auswahlkriterien, um aufzuzeigen, was sich hinter den Formulierungen und Redewendungen verbirgt. Zum ersten vergleicht er die Sprache sowie die Kultur im dritten Reich mit der Wertordnung der klassischen bürgerlichen Literatur. Zweitens sucht er exemplarische Texte, allerdings nur solche, die er gezielt kritisieren kann. Zum Dritten gibt er diese in Form von Zitaten wieder, um seine Kritik verdeutlichen zu können.[10]

Das Zitat spielt als Merkmal seiner satirischen Darstellung eine wesentliche Rolle. Kraus unterscheidet zwischen verschiedenen Zitatvarianten. Zum einen druckt er das bloße Zitat, welches eingeschoben wird, ohne direkten Kommentar. Einziges Hilfsmittel ist hierbei der Sperrdruck, welcher als indirekter Kommentar dient und auf die Vielseitigkeit des Zitats hinweisen soll. Beim Lesen baut der Leser bereits Vorurteile auf und ist der freien Urteilsbildung nicht mehr mächtig. Zum anderen verwendet Karl Kraus das glossierte Zitat, wobei das eigentliche Zitat mit erläuternden Randbemerkungen in einen neuen Text gesetzt wird. Es verleiht Kraus’ Worten mehr Eindringlichkeit, macht die Formulierungen der Nationalsozialisten unglaubwürdig und weckt somit in den Köpfen der Leser wesentliche Zweifel. Darüber hinaus nutzt Kraus die Montage mehrerer Zitate, in der einzelne Zitate zu einem Gesamtzitat kombiniert werden. Hier werden Kontraste zwischen den verschiedenen Arten des Sprachgebrauchs als auch der Sprechhaltung aufgezeigt.[11]

Des Weiteren („Darüber hinaus“) verwendet Kraus verschiedene stilistische Mittel, um seinen Gedankengängen Ausdruck zu verleihen. Anspielungen auf die damalig herrschende Diktatur sind gekennzeichnet durch „…politische Leerformeln, die für politische Kräfte stehen sollen, … [als auch die] Verwendung von unbestimmten Artikeln, bzw. das Weglassen von Artikeln“[12]. Darüber hinaus nutzt er verschiedene feststehende Formulierungen um seine Hilflosigkeit und ablehnende Haltung gegenüber dem dritten Reich zu verdeutlichen. So zum Beispiel „Neuerung, die mit der Elementarkraft einer Gehirnpest

Grundbegriffe vernichtet“[13] .

[...]


[1] Brodsky, Ellen (Produzentin): Infopedia. Zitatenbuch.

[2] Kraus, Karl: Dritte Walpurgisnacht. Erste Auflage. Frankfurt/M. 1989. S. 2.

[3] Wilpert, Gero von (hrsg.): Lexikon der Weltliteratur. Band 1. 2. Aufl. Stuttgart 1975. S. 897.

[4] Krolop, Kurt: Sprachsatire als Zeitsatire bei Karl Kraus/Kurt Krolop.-2. Aufl. Berlin 1992. S.57.

[5] Bähr, Rudolf: Grundlagen für Kraus’ Kritik an der Sprache im nationalsozialistischen Deutschland. Wien 1977. S. 91.

[6] Bähr. S. 92.

[7] Krolop, Kurt: Sprachsatire als Zeitsatire bei Karl Kraus/Kurt Krolop.-2. Aufl. Berlin 1992. S. 216.

[8] Krolop. S.54.

[9] Krolop. S. 216.

[10] Vgl. Bähr, Rudolf: Grundlagen für Kraus’ Kritik an der Sprache im nationalsozialistischen Deutschland. Wien 1977.S.97.

[11] Vgl. Bähr. S.99-110.

[12] Bähr, Rudolf: Grundlagen für Kraus’ Kritik an der Sprache im nationalsozialistischen Deutschland. Wien 1977. S. 77.

[13] Bähr. S. 76.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638491471
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53801
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,7
Schlagworte
Karl Kraus Kritik Nationalsozialismus Werks Dritte Walpurgisnacht Sprachkritik

Autoren

Zurück

Titel: Karl Kraus' Kritik am Nationalsozialismus anhand seines Werks "Dritte Walpurgisnacht"