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Die Unnatürlichkeit aller Himmelskörper. Astronomie, Weltbild und Körpergeschichte im Wandel

Prüfungsvorbereitung 2020 5 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt

Thesenpapier zur mündlichen Prüfung BA Kulturwissenschaften - Einführung in die Körpergeschichte

Vorwort:

Das folgende Thesenpapier ist eine kurze und aphoristische Vorbereitung im ersten Semester um mit Materialien von Nietzsche, Merleau-Ponty, Adorno/Horkheimer, Butler und Labouvie die Himmelskörper zu ergreifen- um so adäquate Begriffe und Verhältnisse aus Natur und Kultur zu (er)finden. Denn ohne solche Klärung und Zuordnung wären alle weiteren Begriffe, Horizonte und Körper, sowohl der Natur als auch der Kultur und der Wissenschaften, bloße Ideen eines falschen Bewusstseins und begreifen nicht den Kern der Dinge: Das es da überhaupt keinen Kern, keine Essenz und keine Substanz mehr gibt. Und wer doch anders spricht sagt: Ich bin im Kern immer noch ein Tier und kann die Sterne weder be- noch ergreifen.

Denn die Beweislast und Erniedrigung müssen umgekehrt werden - nicht die Kultur hat sich der Natur und ihrer Wissenschaft zu beugen, sondern genau andersherum, wie es eben der Reihenfolge des Ackerbaus entspricht:

Sonst hätte sich das mit der Menschwerdung auch gespart werden können und die Menschen wären deutlich glücklichere Affen geworden und hätten das Erkennen und den Griff zu den Sternen nicht zu erfinden brauchen, wenn da die Grundprämise der Erkenntnis und Erfindungen vergessen wird, wenn da nicht begriffen wird: Alles was der Mensch erblickt und ergreift wird zugleich damit Kultur; die Naturwissenschaft ist dabei nur ein Werkzeug dieses Blickes (zugegeben in einigen Fällen gar unersetzbar), jedoch nicht der Blick selber und vor allem nicht der Gegenstand selbst. Dieser ist schon längst Körper der Kultur geworden, nicht mit sich selbst identisch und hat keine Substanz.

Gegenwärtig nur für eine Kulturwissenschaftlerin die ECTS vergibt, aber perspektivisch für alle verworfenen Sternenformationen; und im Besonderen für alle Naturwissenschaftler*innen - die wohl einsehen müssen, dass es unter ihnen keine Naturschaffenden geben kann; und sie also Kulturschaffende sind und sich also einzureihen haben unter die Wissenschaft der Kulturen!

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I) Es gibt keine natürlichen oder vordiskursiven Körper, es gibt keine Substanz der Körper

so gibt es keinen Rückgriff auf den Körper, der nicht bereits durch kulturelle Bedeutung interpretiert ist“ (Butler 1991: 26) - und dieses gilt ebenso für astrologische wie für biologische Körper. Merkur trägt seinen Namen, weil er schnell wie ein Götterbote kreist; Venus trägt den Namen der Göttin der Schönheit, weil sie hell erleuchtet sichtbar ist; Neptun ist Blau wie die Farbe des Meeres, und sein Gott; Pluto ist Gott der Unterwelt und am weitesten von der Sonne entfernt; Jupiter ist der größte Planet und zugleich König der Götter. Der Mond hat in verschiedenen Sprachen verschiedene Geschlechter - so ist auch der Griff nach den Körpern am Sternenhimmel bereits kulturell interpretiert (Zeitangaben mit Teichmann 1996: 10ff):

Um 2000 v. Chr. war die Welt eine Scheibe und der Himmel eine Decke; die Cheops-Pyramide („Horizont des Cheops“) wurde errichtet und nur der Pharao konnte zum Himmel aufsteigen um 400 v. Chr. wurde die Welt eine Kugel und das Zentrum des Universums, der Himmel wurde zu mehrere Schalen bis zum Fixsternhimmel; alle Sterblichen kamen unabhängig von Rang und Taten in die Unterwelt 46 v. Chr. wird der julianische Kalander eingeführt 7 n. Chr eine lange und mitunter sehr enge Konjunktion von Saturn (der als Stern der Jüd:innen galt) und Jupiter (schon damals Königsstern) kündigt als >Stern von Bethlehem< die Geburt eines Königs der Jüd:innen an erst 70 n. Chr. gewinnt der Glaube an einer leiblichen Auferstehung im Judentum an Bedeutung, der Himmel bleibt aber weiterhin von Gott und seinen Engeln vorbehalten, bereits der Versuch dahin ist strafbar wie die Geschichte vom Turmbau zu Babel erklärt (1. Mose 11,1-9); Menschen können jedoch nun ins himmlische Paradies ca. 1543 veröffentlicht Copernicus das heliozentrische Weltbild 1582 Einführung des gregorianischen Kalander - die 10 Tage Fehler die seit 46 v. Chr. angelaufen sind werden einfach übersprungen 1641 erklärt Decartes >das er sei, da er denke<, und die Welt im großen wie im kleinen ein Uhrwerk sei (und keine Sonnen-, Sand-, oder Wasseruhr) 1697 erklärt Newton das für Erde wie Himmel die gleiche Physik gilt 1781 wird der Planet Uranus überhaupt erst entdeckt und trägt als einziger Planet im Sonnensystem den Namen griechischer Gött:innen 1905 veröffentlich Einstein die Relativitätstheorie Um 1900 diskutieren Evangel:innen (u.a. E. Troeltsch und R. Bultmann) darüber, ob die Idee vom Himmel und dem Leben nach dem Tod nicht bereits eine Anmaßung Gottes sei 1961 verlässt der erste Mensch die Erde seit 1998 findet sich die ISS im Bau seit 2006 ist Pluto kein Planet mehr die erste bemenschte Marsmission ist noch dieses Jahrzehnt geplant Oder um mit Merleau-Ponty und seinem ersten Kapitel der >Phänomenologie der Wahrnehmung< (vgl. (1966 1945): 91ff) zu argumentieren, wo er folgendes an einem Haus exerzierte:

So wird der Himmel immer nur mit einem bestimmten Blick betrachtet. Der >Himmel an Sich< wäre sonst einerseits nicht einer dieser Erscheinungen, sondern eine Geometrie aus allen(!) möglichen Perspektiven, - d.h. aber: Ein nicht perspektivischer Term, da von dieser erst alle möglichen Perspektiven abgeleitet wären; und so wäre der Sternenhimmel der von nirgendwo gesehene. Aber Ich, Merleau-Ponty, Babylonier:innen, antike Ägypter:innen oder moderne Griech:innen sagen ja nichts anfechtbares, wenn gesagt wird: So erblicke ich den Sternenhimmel (und „als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das »Blatt« wäre, etwa eine Urform [...]“ - Nietzsche, Über Lüge und Wahrheit im ...). Oder aber der >Himmel an Sich< wäre anderseits von überall gesehen, der vollkommene Gegenstand, gänzlich durchsichtig, allseits durchdrungen, von einer aktuellen Unendlichkeit von Blicken, die sich im innersten überschneiden und nichts verborgen lassen - aber so wäre der Himmel zu jeder Zeit gesehen, was auch kein menschlicher Blick vollbringen kann. Mit Sehen sei beiläufig nicht die Funktion der Augen, sondern des Leibs/Minds gemeint: „Genauer gesprochen kann der Innenhorizont eines Gegenstandes nur selbst Gegenstand werden, indem die umgebenden Gegenstände zum Horizont werden. Sehen ist ein doppelgesichtiger Akt. [.] Mit anderen Worten: einen Gegenstand anblicken, heißt in ihm heimisch werden und von ihm aus alle anderen Dinge nach ihren ihm zu gewandten Seite erblicken“ (ebenda, S91-92).

Denn Sternenhimmel anvisieren meint also ein Verhältnis mit anderen Gegenständen anvisieren - ob Cheops-Pyramide, Horoskop, Teleskop, romantische Beziehung, sakrales Opfer oder Space Shuttle; und „durch diese Offenheit verfließt die Substantialität des Gegenstandes“ (ebenda, S94).

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II) Das Subjekt ist das Zentralgestirn des Sternensystems, nicht die Sonne

Oder um weiter mit Nietzsche und seinem Text >über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn< zu argumentieren, der mindestens Foucault und Adorno bekannt war und Fundament ihrer Arbeit: „ In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden [...] Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt.

Der christliche Gott ist im Verlauf der nordwestlichen Aufklärung ermordet worden und nicht mehr die hegemoniale Vorstellung über die Welt. Damit starb das bisherige Zentralgestirn der Erkenntnis, dass eine Navigation in Oben, Unten, Seitwärts oder Rückwärts ermöglichte. Damit im Irren weiterhin navigiert werden kann, um dieser Tat würdig zu erscheinen, um das Blut abzuwischen erfanden kluge Mensch sich nun selbst als heiliges Spiel (vgl. Nietzsche, der tolle Mensch).

So ist gegenwärtig die Vorstellung des Cartesianismus hegemonial, dass da der Mensch rational, souverän und selbstverantwortlich sei, eine kohärente Identität hätte und also ein Subjekt sei. Diese Vorstellung ist jedoch nicht bloßes Hirngespinst, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse - ein Subjektfetisch (Walter), ein normatives Phantasma (Butler), nicht Wahr oder Falsch, sondern Unverzichtbar (mit Adorno/Horkheimer)

Die kopernikanische Wende ist ein neuzeitlicher Mythos, um die eigenen Taten zu heiligen. Von zeitgenössischen Quellen wurde diese sogenannte Wende nicht als solche verstanden und auch wurde beiläufig die Erde im europäischen Mittelalter nie als Scheibe betrachtet - auch dies ist eine Dichtung der Neuzeit um sich als besonders klug darzustellen (Krüger: 2012). Die Aufklärung, die die Entdeckung Kopernikus für sich vereinnahmt, ist genau genommen das paradoxe Gegenteil der sogenannten Wende: Wurde doch nun das Ich, das Subjekt das Zentrum des Universums und nicht etwa die Idee eins Zentrums des Universums verworfen (vgl. Walter: 2015) Es ließe sich analog mit Kantorowitczs >die zwei Körper des Königs< argumentieren, dass hier, wenn überhaupt, keine Wende im Sinne eines Bruches stattgefunden hat, sondern eine Wende im Sinne einer Verschiebung, oder:

„Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“ wie Horkheimer und Adorno in der Vorrede die Zentralthese ihrer zwei Exkurse in >Dialektik der Aufklärung< formulierten (1988 1944) S6).

„[...]nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt, und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz: wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens herauskönnte, so wäre es sofort mit seinem »Selbstbewußtsein« vorbei [.] Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur [substanziellen] Wahrheit[.][:] Alle Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozeß so imponiert, fällt im Grunde mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir damit uns selber imponieren“ (Nietzsche - Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn)

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III) Die biologischen Körper sind mit astronomischen Körpern verschränkt

Am deutlichsten zeigte sich diese wissenschaftliche Neuorientierung einerseits in den Erkenntnissen der Astronomie, andererseits in der Anatomie

Labouvie, Himmelskörper - Menschenkörper - Frauenkörper Die Mechanisierung der Welt und das Entstehen des Subjekts können nicht getrennt behandelt werden. Im 16/17 Jahrhundert war die Verschränkung gar noch nicht seltene eine Personalunion - führende Gelehrte des europäischen Mittelalters waren oft zugleich Astronomen und Anatomen (mit ebenda 2ff):

Pomponazzi schrieb 1522: „dass die Welt regiert wird von Himmelskörpern, die sich wie ein Herz verhalten“ Ca. 1543 wird nicht nur Kopernikus heliozentrische Schrift >De revolutionibus< sondern auch Vesals anatomischen Werk >De humani corporis fabrica< veröffentlicht die Säftelehre Galens sah einen Kausalzusammenhang zwischen Sternenbewegungen und fließen der Körpersäfte Kepler sah 1621 in der Sphäre der Fixsterne die schützende Haut der Welt Galilei verglich 1623 die wärmespendende Sonne mit dem Herzen Harvey, Entdecker des Blutkreislaufes, hat umgekehrt 1629 das Herz als die „Sonne unseres Mikrokosmos“ bezeichnet Mit dem Teleskop ab 1609 wurde die Weltsicht beseitigt das nur unmittelbare Sinneswahrnehmungen die Wirklichkeit abbilden können und ab 1625 eröffnete das Mikroskop ein weiteres Universum - und eine Trennung zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Realität, die messbar, berechenbar und darstellbar ist, wurde notwendig (mit Labouvie).

Dieser Weg der Erkenntnis führte in Astronomie wie Anatomie zu einer „skeletthaften Verdünnung der Naturphänomene“ in Richtung eines zunehmenden Formalismus, der im kausal-mechanistischen Weltbild determinierter Gesetzlichkeit gipfelte. Anstelle einer ganzheitlichen Betrachtung rückte die Zerlegung (Sectio) in immer kleinere Untersuchungseinheiten; statt der Wesensfrage wurden mathematische Berechnungen, Messbarkeit und Funktionsweise zu den Achsen der wissenschaftlichen Erfahrbarkeit von Wirklichkeit (mit Labouvie).

Mit dieser astronomischen Verschiebung der Erde aus der Mitte des Universums rückten die Anatomen jedoch immer intensiver das ich ins Zentrum einer Spezialanalyse - erst um medizinischen später auch um anthropologischen-pädagogischen Diskurs. Hatte also die Erde ihre Einzigartigkeit eingebüßt, gewann der Mensch mehr und mehr an einmaliger Bedeutung. Und neben der Suche nach Außerirdischen setzt eine „Verortung der Geschlechter ein“ - also begann eine weitere Sectio in der *Mann und *Frau als unterschiedlich anatomische Geschlechtswesen markierte und sie als Gegensatzpaar im androzentrischen Weltbild verortete (ebenda, 13ff) - zuvor war der Mensch von der *Frau als ein nach innen gerichteter *Mann verstanden, eine Eingeschlechtlichkeitslehre. Die vormals durch Gott begründete (und damit auslegbare) Geschlechtlichkeit und soziale Rollen, wurde nun biologisiert begründet und fundamentiert.

So ist es auch kein Zufall, dass Atomphysik und rassifizierende und vergeschlechtlichende Biologism 400 Jahre später erneut zusammenfallen, wurde doch das Prinzip der Zerlegung bis zum vorläufigen Ende verfolgt: Bis zum vermeintlichen Atomkern, phantasmatischen Sexualhormon oder bis zur wahrhaftig falschen Zerlegung jüdischer, behinderte oder homosexueller Körper; und so „die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ (Horkheimer/Adorno (1988 1944) S9).

Literaturverzeichnis:

Butler, Judith (1991) - Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Horkheimer, Max und Adorno, Theodor W. (1988 1944) - Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag

Krüger, Reinhard (2012) - Kopernikanische Wende und die kosmologische Kränkung des Menschen der Neuzeit. Berlin: WEIDLER Buchverlag

Labouvie, Eva - Himmelskörper - Menschenkörper - Frauenkörper, Moodle

Merleau-Ponty, Maurice (1966 1945) - Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: deGruyter, Erfahrung und objektives Denken. Das Problem des Leibes S91-96

Nietzsche, Friedrich - Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn , Zeno.org 19/02/20

Nietzsche, Friedrich - der tolle Mensch, Zeno.org 19/02/20

Teichmann, Jürgen (1996) - Wandel des Weltbildes. Leipzig/Stuttgart: B. G. Teubner Verlagsgesellschaft

Walter, Janis (2015) - Der Fetischcharakter des Subjekts und sein Geheimnis. FU Berlin: BA

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Details

Seiten
5
Jahr
2020
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537667
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
Schlagworte
unnatürlichkeit himmelskörper astronomie weltbild körpergeschichte wandel
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Titel: Die Unnatürlichkeit aller Himmelskörper. Astronomie, Weltbild und Körpergeschichte im Wandel