Lade Inhalt...

Die Erlösung Angelburgs und die 2. Ehefrau in "Friedrich von Schwaben" unter Berücksichtigung des Feenmärchenschemas

Ausarbeitung 2012 6 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Das Feenmärchenschema in mittelhochdeutschen erzählenden Texten

Universität Paderborn SoSe 2012

Ausarbeitung zum Referat

Friedrich von Schwaben - Erlösung Angelburgs und die 2. Ehefrau

Zieht man zur Definition der Mahrtenehe Panzers Ausführungen heran, wie sie in der Enzyklopädie des Märchens beschrieben werden, liest man dort es handele sich um eine Ehe oder eheähnliche Verbindung eines Menschen mit einer Fee oder feenähnlichem Wesen. Ferner wird auf die explizite erotische oder sexuelle Komponente hingewiesen.1 Ebenso wird der unglückliche Ausgang der Feenliebe durch den obligatorischen Tabubruch in oben angeführter Enzyklopädie als gattungstypisch benannt.2 Auch Armin Schulz beschreibt unter anderem: „Die Fee verspricht dem Helden, gegen die Heiratszwänge der Feudalgesellschaft, Minne und erotische Erfüllung[...]. Der anderweltliche ,Überschuß' der Feenliebe kompensiert einen Mangel, den der jugendliche Protagonist in der ,normalen' Adelsgesellschaft hat, und genau dies erklärt wohl die Faszination des Erzähltyps.“3 Wie aber lässt sich das Epos Friedrich von Schwaben in diese Definition eingliedern? Oft wird es dem Schema der Mahrtenehe zugeschreiben, dennoch enthält es zum einem auch aventiurenhafte Züge, weshalb es eben auch als Minne- und Aventiurenroman bezeichnet wird4, und zum anderen lässt sich die oben genannte Definition nicht ohne weiteres auf die Handlungs- und Figurenstruktur des Friedrich von Schwaben übertragen. Ausgehend von dieser Problemstellung soll im Folgenden das Epos unter dem Aspekt von Angelburgs Erlösung und der zweiten Ehe Friedrichs mit Jerome beleuchtet werden und die in der Sitzung zusammengetragenen Ergebnisse, teilweise unter Bezug auf die thematisch zugehörige, vorangegangene Sitzung, aufgezeigt werden.

Wie bereits in vorangegangener Sitzung besprochen greift das Feenmärchenschema hier vor allem nicht, weil es sich bei Angelburg nicht um ein anderweltliches Wesen handelt. Sie ist ganz höfische Dame und Christin5, die verflucht wurde und somit erlösungsbedürftig ist. Alles an Magie in ihrem Umfeld bewirkt sie nicht selbst, sondern ist Teil ihres Fluches. Ebenfalls das Tabu dient nicht, wie in den anderen Mahrtenehetexten, zur Aufrechterhaltung der Beziehung mit dem menschlichen Partner bzw. zur Verdeutlichung der Kluft zwischen den beiden Welten, sondern ist Bedingung zu ihrer Erlösung. Und da Angelburg eben keine Fee ist fallen auch signifikante Merkmale der Fee weg und die vermeintliche Feenfigur verliert in jeder Hinsicht ihre Potenz. Angelburg ist fast gänzlich passiv, zwar führt sie Friedrich zu ihrem Schloss, aber nur weil sie seiner Hilfe bedarf. Die sonst allgegenwärtige Dominanz anderer Feenfiguren, oder gar das Auftreten als souveräne Herrscherfigur, Verführerin oder Fähigkeit Reichtum zu spenden fehlen. Sie ist auf Friedrichs Hilfe angewiesen, um erlöst zu werden, und muss sich darauf verlassen, dass Friedrich ihre Erlösung nicht verspielt. Er wiederum erhält nichts als Gegenleistung, weder Reichtum noch Herrschaftsansprüche, sondern handelt aus Heldenhaftigkeit.6 Zudem ist Friedrich völlig in der adeligen Gesellschaft etabliert, daher kann von der oben genannten Kompensation eines Mangels nicht die Rede sein. Und ebenfalls fällt eine prägnante Eigenschaft anderer anderweltlicher Frauenfiguren weg, da sie Teil des Tabus ist und somit getilgt wird: Erotische oder gar sexuelle Komponenten spielen keine Rolle, sondern sexueller Kontakt führt, neben dem Sehverbot, zum Tabubruch. Der vermeintliche Mahr ist also von Vornherein keiner, sondern ein Mensch, dem jede dem Mahr so typische Ambivalenz fehlt. Von Angelburg geht aufgrund ihrer Passivität, Handlungsunfähigkeit und vollkommen höfischen Haltung keine Bedrohung aus, sie ist als Figur völlig in der Minnethematik angelegt und wird nach den Aventiuren Friedrichs letztendlich erlöst. Ein Punkt, der ebenfalls nicht ins Bild der sonst konsequent scheiternden Feenlieben passt. Warum also wird hier dennoch von einem Feenmärchen gesprochen?

Die Antwort liegt in der Auslagerung der Eigenschaften einer Feenfigur. Die Ambivalenz und der Verdacht des Dämonischen werden auf andere Figuren übertragen. Armin Schulz spricht hier von einer Spaltung der Figur. Die Fee, die als Aktant sowohl das gesuchte Objekt als auch das gegnerische Subjekt vereint, kann auf verschiedene Figuren aufgeteilt werden.7 Im Friedrich von Schwaben finden sich so statt nur einer Feenfigur verschiedene Figuren, die Aspekte eines Mahrs in sich vereinen. Die drei am stärksten in Verbindung stehenden Figuren sind zum einen Angelburg, ihre Stiefmutter Flanea und die Zwergenkönigin Jerome. Alle enthalten Aspekte der Fee und beziehen sich auf der Handlungsebene aufeinander. Zunächst sei hier auf das Verhältnis von Angelburg und Flanea hingewiesen. Angelburg und Flanea, die als Protagonist und Antagonist verstanden werden können, sind zwei Extreme der Feenfigur. Wie bereits erwähnt werden alle bedrohlich wirkenden Aspekte völlig von Angelburg abgekoppelt, denn sie befindet sie sich ganz in der Minnethematik, selbst ihre Erscheinung als Mensch-Tier-Mischwesen wird nicht als bedrohlich oder mythisch beschrieben, sondern vielmehr märchenhaft.8 Zudem wird durch das Anzeigen eines Fluches, den Angelburg hilflos und völlig unverschuldet ausgeliefert ist, der Dämonenverdacht zusätzlich entschärft.9 Alles Negative und Bedrohliche wird in diesem Fall auf Flanea verschoben. Sie ist die Figur, deren Sexualität als bedrohlich und unmoralisch inszeniert wird, indem sie zum einen hemmungslos ausgelebt wird, was Flanea zur Ehebrecherin macht und zudem dann zu Angelburgs Verfluchung führt, um zu verhindern, dass der Ehebruch öffentlich wird.10 Diese Bedrohlichkeit von Sexualität, aber auch eines selbstbestimmten Frauenbildes wird von Angelburg ferngehalten und auf eine andere Figur verschoben. Und letztendlich wird das durchweg Negative einer Feenfigur durch Flaneas Vernichtung selbst vernichtet.

Wie aber lässt sich Jerome einordnen? Sie ist am ehesten als Anderweltwesen definiert. Nicht nur, dass Jeromes Berg am ehesten als Grenzraum bezeichnet werden kann, auch kommt hier die Ambivalenz der Fee am stärksten zum Vorschein. Zunächst finden wir ähnlich wie bei Flanea eine bedrohliche Sexualität, denn Friedrich, der sie nicht attraktiv findet, vollzieht nicht ganz freiwillig den Beschlaf mit ihr. Daraus entsteht ein Kind, Zipproner, das später als Bindegleit der aufgespaltenen Frauenfigur dient. Denn nachdem Friedrich Angelburg erlöst hat und beide selbst einen Nachkommen gezeugt haben, tritt Zipproner in den höfische Welt ein. Sie hat ihre Mutter, also den anderweltlichen Raum verlassen, um ihren Vater zu sehen und betritt somit den höfischen Raum. Sie fungiert somit als Vorbote ihrer Mutter. Als Teil von Jerome, aber ohne jegliche Ambivalenz wird sie in den familiären Kreis aufgenommen und Angelburg wird für sie zur Mutterfigur, wie Zipproner gleichzeitig von Angelburg wie ihr eigenes Kind angenommen wird. Die Figuren Angelburg und Jerome nähern sich an, indem Jerome sich dem Ideal Angelburgs angleicht. Die Abspaltung der Figuren wird schließlich durch Angelburgs Tod ganz rückgängig gemacht. Sie selbst ist es, die um den Makel des unehelichen Kindes von Zipproner zu nehmen, Friedrich aufträgt Jerome zu heiraten.11 Somit werden beide Frauenfiguren eins und die anfängliche Bedrohlichkeit der Zwergin wird aufgehoben und sie wird ebenfalls zur guten Ehefrau und fürsorglichen Mutter. Auch erfährt hier das zunächst negative Konzept der Stiefmutter eine Aufwertung. Die anderweltliche Figur in Form von Jerome, die erst auf jegliche Weise von der Figur Angelburg, zwecks eindeutiger Humanisierung, ferngehalten wurde12, nähert sich ihr schließlich wieder an, bis ihre Funktion dieselbe ist. Angelburgs Tod ist somit in dem Sinne Notwendig um die Spaltung der Figuren aufheben zu können. Flanea hingegen, die in ihrer Statik alles Negative verkörpert und klar als Gegenspieler von Angelburg und Friedrich agiert, kann nicht integriert werden und muss durch ihre Vernichtung aus der Handlung verschwinden. Jerome hingegen, als dynamische Figur, steht in ihrer Ambivalenz zwischen den beiden statischen Figuren Flanea und Angelburg, fungiert als deren Bindeglied und gleicht sich im Verlauf der Handlung ausgehend von negativen Aspekt der Sexualität hin zu den positiven Aspekten Angelburgs an.13 So ist am Ende des Epos keinerlei Ambivalenz oder Bedrohlichkeit mehr vorhanden.

Somit ist klar warum hier ebenfalls vom Feenmärchenschema gesprochen werden kann. Trotz der Ähnlichkeit mit einem Minne- und Aventiurenroman und dem Fehlen einer typischen Feenfigur, ist die Fee doch präsent, wenn auch nicht in einer Person, sondern Aufgespalten in verschiedene Personen. Dies erfüllt den Zweck der Feenfigur ihre negative Seite zu nehmen. Angelburg als diese Feenfigur wird durch die Wegnahme alles Negativen zu einem Ideal in jeder Hinsicht. Nicht nur in der Minne, sondern später auch in der Ehe, als Mutter und als Christin. Durch diese Idealisierung wird ihre Erlösung überhaupt erst möglich und selbst ihr Tod ist idealisiert, ja sogar von Gott ohne jegliche pejorative Konnotation auferlegt. Er ist somit nicht als Scheitern der Erlösung zu sehen, sondern vielmehr als Erlösung in einem christlichen Sinne, jenseits des Mahrtenehenschemas.

[...]


1 Vgl. Röhrich, L.: „Mahrtenehe. Die gestörte Mahrtenehe“. In: Enzyklopädie des Märchens. Hg. v. Rolf Wilhelm Brednich. Berlin/New York: de Gruyter 1999. (Band. 9) S. 44-53. S.46.

2 Vgl. ebd. S. 50.

3 Schulz, Armin: „Spaltungsphantasmen. Erzählen von der ,gestörten Mahrtenehe“. In: Erzähltechnik und Erzählstrategien in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hg. v. Wolfgang Haubrichs. Berlin: Schmidt 2004. (Wolfram-Studien 18). S. 233-262. S. 234.

4 Vgl. Cieslik, Karin: „Angelburg, Flanea und Jerome. Zur Normenvermittlung im ,Friedrich von Schwaben'“. In: Ethische und ästhetische Komponenten des sprachlichen Kunstwerks. Hg v. Jürgen Erich Schmidt u.a. Göppingen: Festschrift Rolf Bräuer 1999. (= GAG 672), S. 21-36. S. 21.

5 Vgl. Linden, Sandra: Friedrich von Schwaben. Konstanz: Edition Isele 2005. S. 16.

6 Vgl. ebd. S. 42.

7 Vgl. Schulz: Spaltungsphantasmen. S. 239.

8 Vgl. ebd. S. 256.

9 Vgl. ebd. S. 238.

10 Vgl. Linden: Friedrich von Schwaben. S. 16f.

11 Vgl. Linden: Friedrich von Schwaben. S. 364f.

12 Vgl. Schulz: Spaltungsphantasmen. S. 250.

13 Vgl. Cieslik: Angelburg, Flanea und Jerome. S. 31.

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783346137388
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537431
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
erlösung angelburgs ehefrau friedrich schwaben berücksichtigung feenmärchenschemas
Zurück

Titel: Die Erlösung Angelburgs und die 2. Ehefrau in "Friedrich von Schwaben" unter Berücksichtigung des Feenmärchenschemas