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Das Nibelungenlied. Kann aus den Motivwechseln zwischen der Älteren Edda und dem Nibelungenlied auf eine Hofkritik geschlossen werden?

Seminararbeit 2011 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Mündliche Tradition des Nibelungenliedes
3.1. Handlungsmotive der Älteren Edda
3.2. Handlungsmotive des Nibelungenliedes
3.3. Zusammenfassung

4. Figurendarstellung im Nibelungenlied
4.1. Kriemhild
4.2. Hagen
4.3. Rüdiger
4.4. Zusammenfassung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Das Nibelungenlied ist eines der berühmtesten Stücke mittelalterlicher Epik und wurde bis in die Gegenwart hinein für Filme und Literatur adaptiert und rezipiert. Oft wird aber vernachlässig, dass es sich beim Nibelungenlied nicht um ein "literarische Original" handelt, sondern bereits die Adaption eines älteren Stoffkreises ist, der auf das germanische "heroic age" zurückgeht und in den Heldenliedern der Edda dokumentiert ist.1 Hierbei stellt sich die Frage, warum im Nibelungenlied einige Motive und Handlungsstrukturen der mündlichen Überlieferung, im Folgenden am Beispiel der Heldenlieder der Älteren Edda, verändert wurden. Daher werde ich versuchen diese Veränderungen zwischen der Überlieferung und dem Werk herauszuarbeiten und vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Gesellschaft zu interpretieren. Zudem werde ich versuchen einige Figuren, genauer Kriemhild, Hagen und Rüdiger, als Repräsentanten der höfischen Gesellschaft näher zu beleuchten und ihre Beweggründe und Charakterzüge herauszuarbeiten. Dies soll vor allem vor dem Hintergrundeiner eventuellen Hofkritik geschehen, da meiner Meinung nach die höfische Gesellschaft zum einen durch die geänderte Motivation der Figuren, zum anderen durch die Darstellung der Figuren selbst Kritik erfährt. Die Problematik ist hierbei, dass überlieferte Schriften des Mittelalters selten sind und meist in ihrem Charakter als fiktionale Werke nicht als authentische Gesellschaftsdarstellung gelten können, zudem kann „[d]as 'Nibelungenlied' [...] nicht wie ein höfisches Epos interpretiert werden. Eine durchgehende Sinnstruktur, wie in den Epen Chrétiens de Troyes und seiner deutschen Bearbeiter, gibt es im 'Nibelungenlied' nicht. Daher sind den Bemühungen um ein Gesamtverständnis enge Grenzen gesetzt.“2 Darüber hinaus sind Überlieferungen über die Gesellschaft des Mittelalters noch seltener und meist kann auch hier ein Allgemeingültigkeitsanspruch letztendlich nicht bewiesen werden. Nichtsdestotrotz kann man hieraus Schlussfolgerungen ableiten, die für die Interpretation des Nibelungenliedes hilfreich sind.

3. Mündliche Tradition des Nibelungenliedes

Als Charakteristika der Heldenepik geht auch dem Nibelungenlied eine mündliche Tradition voraus, die sich aus germanischen Sagen und historischen Figuren und Ereignissen bedient. Historische Adaptionen sollen hier aber unbetrachtet bleiben, stattdessen wird der Schwerpunkt auf die Heldenlieder der Älteren Edda gelegt und deren Motive mit denen des Nibelungenliedes verglichen. Hierfür wird besonders auf Das Kurze Sigurdlied und Das Atlilied eingegangen, um die meist wiederkehrenden Motive darzulegen und einen Vergleich zu den zwei Teilen des Nibelungenliedes erstellen zu können. Zudem werden Querverweise zu anderen Liedern hergestellt.

3.1. Handlungsmotive der Älteren Edda

Das Kurze Sigurdlied behandelt thematisch den ersten Teil des Nibelungenliedes und enthält Vorausdeutungen, die dem zweiten Teil betreffen. Es beginnt mit dem Treueschwur zwischen Sigurd und den Brüdern Gunnar und Högni, sowie der Andeutung einer freundschaftlichen Verbindung zwischen den Beteiligen, wenn zu lesen ist, dass sie zusammen „tranken und sprachen manchen Tag“.3 Es folgt die Brautwerbung um Brynhild. Hier wird deutlich dargestellt, dass Sigurd zwar mit ihr das Bett teilt, es aber zu keinerlei Körperkontakt kommt, er sogar ein Schwert zwischen sie beide legt und Sigurd die „Maid“4, also die Jungfrau Brynhild an Gunnar übergibt. Brynhild möchte deshalb den Tod Sigurds, da er entweder tot der ihr Mann sein soll5 und wiegelt Gunnar unter dem Vorwand auf, er solle „ein mächtigerer Fürst als die andern“6 werden, sonst würde sie ihn verlassen. Dieser holt Rat bei seinem engsten Vertrauten Högni ein, der ihn an die geschworenen Eide erinnert und Brynhild als Anstifterin erkennt.7 Schließlich wird Gotthorm, der Jüngste der Brüder zum Mord an Sigurd aufgereizt, da dieser nicht an Eide gebunden ist. Er verwundet Sigurd tödlich, wird aber selbst von diesem getötet. Der sterbende Sigurd erzählt seiner Frau Gudrun, dass ihre Brüder, von Brynhild angestachelt, ihn töteten. Brynhild tötet sich selbst und weissagt sterbend von der Heirat Gudruns mit Atli und ihre Rache an ihm und den gemeinsamen Kindern für den Mord an Gunnar, da dieser heimlich die Schwester Atlis liebt.

Ähnlich schildert es Das Alte Sigurdlied, das nur als Fragment überliefert ist und aus der Wölsungensaga rekonstruiert wurde.8 Allerdings sind hier der Frauenstreit und die Beleidigung Brynhilds durch Gudrun ausschlaggebend für den Mord an Sigurd.9 Das Erste Gudrunlied behandelt Gudruns Klage um Sigurd, die Verfluchung ihrer Brüder und den Selbstmord der Anstifterin Brynhild.10 Im Zweiten Gudrunlied spielt Brynhild keine Rolle, die Brüder Gudruns töteten ihrem Mann aus Neid. Anschließend folgt eine Voraussagung Gudruns über den Tot der Brüder. Atli, der auf Drängen ihrer Mutter Gudruns zweiter Mann wird, träumt von seiner Ermordung und der Tötung der Söhne.11

Das Atlilied behandelt den Untergang der Burgunden, also thematisch den zweiten Teil des Nibelungenliedes. Sigurd spielt hier keine Rolle, folglich wird sein Tod auch nicht von Gudrun gerächt. Vielmehr schickt Atli nach den Burgunden und lädt sie zu sich an den Hof ein und verspricht ihnen Geschenke, mit der Absicht den Nibelungenschatz in seine Gewalt zu bringen. Gudrun versucht noch ihre Brüder Gunnar und Högni zu warnen und Gunnar nimmt, obwohl Högni der Warnung der Schwester versteht, die Einladung an und deutet den Untergang seines Geschlechts an, sollte er nicht zurückkehren.12 Am Hof Atlis werden beide, Gunnar sofort und Högni nachdem er acht Männer getötet hat, gefangen genommen und Atli fragt Gunnar, ob er sein Leben „mit Gold erkaufen“13 wolle. Dieser verlangt daraufhin das Herz Högni14, da er der einzige außer ihm ist, der das Versteck des Nibelungenhortes kennt, und verweigert selber die Preisgabe des Geheimnisses, woraufhin er Harfe spielend im Schlangenhof stirbt.15 Gudrun rächt den Mord an ihrer Sippe, indem sie die gemeinsamen Kinder tötet und Atli ihre Herzen zu essen gibt, wobei sie ihn verhöhnt. Anschließend tötet sie Atli im Schlaf und verbrennt seine Halle.16 Das Grönländische Atlilied gibt diese Handlung ebenfalls wieder, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung.

Es lässt sich also festhalten, dass grundsätzlich folgende Motive eine Rolle in den Heldenliedern der Älteren Edda spielen: Zum einen geht es um Brynhilds Rache an Sigurd aufgrund des Betrugs bei der Brautwerbung und der Zuneigung zu ihm und ihren Freitod. Zudem spielt das Brechen der Eide durch die Brüder Gunnar und Högni eine wichtige Rolle, sie stiften ihren jüngsten Bruder, bis auf die Ausnahme im Alten Hamdirlied, in dem der Mordakt als „Högnis Tat“17 bezeichnet wird, zum Mord an Sigurd an. Zum anderen wird Atlis Verrat aus Habgier behandelt, der dann durch Gudrun, die seine Frau geworden ist, gerächt wird.

3.2. Handlungsmotive des Nibelungenliedes

Die teilweise lose Verknüpfung von Sigurds Tod und Atlis Verrat erfährt im Nibelungenlied seine konkrete Ausformung. Auch hier sind die zentralen Motive von Verrat und Mord präsent, allerdings verschiebt sich die Handlungsintention und - motivation der Figuren, bzw. die Figuren selbst wechseln innerhalb des Handlungsmotivs.

Zunächst ist das Mordmotiv an Siegfried zu erläutern. Während er in den Eddaliedern noch an Stelle von Gunther um Brünhild warb, wird sie im Nibelungenlied dahingehend getäuscht, dass Gunther zwar um sie wirbt, ihr aber suggeriert wird er sei Siegfrieds „herre“18, zudem gewinnt Gunther nur aufgrund der Hilfe von Siegfried bei den Wettkämpfen mit Brünhild. Auch ist die Rolle Siegrieds bei der Entjungferung Brünhilds nicht klar. Ist noch in den Eddaliedern klar die Rede davon, dass er zwar mit Brünhild das Bett teilte, aber es zu keinerlei Kontakt kam, stellt sich die Situation jetzt anders da. Brünhild, die den Betrug an ihr ahnt, möchte nicht eher mit Gunther die Ehe vollziehen, bis sie Gewissheit über die vermeintliche Vasallenstellung Siegfrieds hat und durch ihre walkürenhaften Kräfte hat Gunther dem nichts entgegenzusetzen und bitte erneut Siegfried zur Hilfe. Mit seiner übermenschlichen Kraft ringt er sie nieder und fügt ihr dabei „groezlîchen wê“19 zu, bis er sie ans Bett fesselt und sie „Guntheres wîp“20 wird. Nach dem Frauenstreit gelobt Hagen gegenüber Brünhild Siegfried zu bestrafen und redet vehement auf Gunther ein, ihm würden „undertân vil der künege lande“21, wenn er Siegfried töten würde. Gunther stimmt letztendlich zu und Hagen entlockt Kriemhild unter einem Vorwand Siegfrieds verwundbare Stelle. Sie töten Siegfried, dem sie zwar nicht durch Eide oder Schwurbrüderschaft verbunden sind, aber der den Burgunden immer ein treuer Freund war, hinterrücks auf einem Jagdausflug. Kriemhild schwört Rache und Hagen nimmt ihr den Nibelungenhort ab. Brünhild verschwindet als Handlungstragende aus dem Epos, nachdem sie Genugtuung erfahren hat.22

Jahre später heiratet Kriemhild dann Etzel und lässt, immer noch durch den Gedanken an Rache motiviert, unter einem Vorwand ihre Brüder in das Land Etzels einladen.23 Etzels Motivation ist also nicht Habgier, sondern Zuneigung zu Kriemhild. Auch diesmal ahnen die Burgunden, genauer gesagt Hagen, die Falle24, machen sich aber trotzdem auf den Weg. Am Hof Etzels kommt es dann nicht sofort zum Kampf, stattdessen versucht Kriemhild einige hunnische Krieger gegen Hagen aufzuhetzten. Als das nicht gelingt, überredet sie Blödel, den Bruder Etzels, gegen Dankwart, Hagens Bruder, zu kämpfen, nachdem dieser ebenfalls nicht gegen Hagen selbst kämpfen will. Blödel wird aber von Dankwart erschlagen, woraufhin hunnische Krieger die wehrlosen Knechte der Burgunden erschlagen. Damit beginnt die Schlacht, bei der die Kämpfer der Hunnen und Burgunden, sowie Rüdiger samt Gefolge und die Truppen Dietrich von Berns erschlagen werden. Am Schluss überleben von den Kämpfern nur Gunther, Hagen und Hildebrand, der Waffenmeister Dietrichs, und Dietrich selbst. Kriemhild fordert von Hagen, er möge ihr zurückgeben, was er ihr genommen habe, dieser will das Versteck des Nibelungenhortes aber nicht preisgeben, solange einer seiner Herren noch lebe. Daraufhin lässt Kriemhild ihrem Bruder Gunther den Kopf abschlagen und bringt ihn Hagen. Als dieser immer noch über das Versteck schweigt, schlägt sie ihm mit dem Schwert Siegfrieds ebenfalls den Kopf ab, woraufhin Hildebrand den tapferen Krieger rächt und Kriemhild erschlägt.25

3.3. Zusammenfassung

Zusammenfassend stellt sich das Nibelungenlied gegenüber seiner Vorlage so dar, dass zunächst die Motivation Brünhilds darin gegründet liegt, dass sie in ihrer Ehre gekränkt wurde, nicht durch die Brautwerbung und auch nicht, weil sie nicht Siegfried zum Mann erhielt, sondern durch den Kebsenvorwurf26, den weder Siegfried noch Gunther überzeugend entkräften, und der damit verbundene Verlust ihres Ansehens. Und nicht sie, sondern Hagen schwört Siegfried dafür Rache und überredet Gunther ihn aus Habgier zu töten. Auch wird der Mord von Hagen selbst begangen. Habgier spielt in der Motivation Etzels hingegen keine Rolle mehr, sondern es ist Kriemhild, die aus Rache die Handlung vorantreibt, die schließlich ein Blutbad und den Untergang der Burgunden und zahllose Verluste auf beiden Seiten zur Folge hat. Das Motiv der Versöhnung mit der Sippe und dem Kampf gegen einen gemeinsamen Feind fällt demnach völlig weg. Ursprünglich sollte die Heldendichtung Heldentum darstellen27, davon ist im Nibelungenlied nichts mehr übrig. Und während in den Eddaliedern meist akzeptierte, wenn auch grausame, Verhaltensweisen beschrieben wurden28, ist davon im Nibelungenlied nichts mehr zu spüren.

[...]


1 Vgl. Martin, Bernhard R.: Nibelungen-Metamorphosen. Die Geschichte eines Mythos. München: Iudicium-Verlag 1992. S. 40.

2 Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. 5. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2004. (=dtv 30778). S. 201.

3 Krause, Arnulf: Die Heldenlieder der älteren Edda. Stuttgart: Reclam 2007 (= Universal-Bibliothek 18142). S. 142.

4 Ebd. S. 143.

5 Vgl. ebd. S. 143.

6 Ebd. S. 144.

7 Vgl. ebd. S. 145.

8 Vgl. Krause: Die Heldenlieder der Älteren Edda. S. 128.

9 Vgl. ebd. S. 128.

10 Vgl. ebd. S. 134ff.

11 Vgl. ebd. S. 164ff.

12 Vgl. ebd. S. 194.

13 Ebd. S. 196.

14 Vgl. ebd. S. 196.

15 Vgl. ebd. S. 198f.

16 Vgl. ebd. S. 200f.

17 Krause: Die Heldenlieder der Älteren Edda.. S. 236.

18 Bartsch, Karl; Helmut de Boor; Siegfried Grosse: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch. - Neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam 2003 (= Reihe Reclam). S. 132.

19 Ebd. S. 206.

20 Ebd.

21 Ebd. S. 264.

22 Vgl. Bartsch: Das Nibelungenlied. S .332.

23 Vgl. ebd. S. 422f.

24 Vgl. ebd. S. 440.

25 Vgl. ebd. S. 710f.

26 Vgl. ebd. S. 256.

27 Vgl. Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. S. 203.

28 Vgl. Martin: Nibelungen-Metamorphosen. S. 77.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783346130327
ISBN (Buch)
9783346130334
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537426
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,0
Schlagworte
nibelungenlied kann motivwechseln älteren edda hofkritik
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Titel: Das Nibelungenlied. Kann aus den Motivwechseln zwischen der Älteren Edda und dem Nibelungenlied auf eine Hofkritik geschlossen werden?