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Der Angst ein Ende. Prüfungsangst verstehen, erkennen und adäquat handeln können

von Frederik Koenen (Autor) Michael Hansen (Autor)

Masterarbeit 2017 214 Seiten

Gesundheit - Gesundheitswissenschaften - Gesundheitspädagogik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Abstract

Inhaltverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1. Angst
1.1 Begriffsbestimmung Angst
1.2 Angst und ihre Auswirkungen
1.3 Arten von Angst
1.4 Begriffsbestimmung Angststörung
1.5 Entstehung von Angst/ Angststörungen
1.5.1 Lerntheoretische Sichtweise
1.5.2 Kognitive Sichtweise
1.5.3 Psychoanalytische Sichtweise
1.6 Klassifikation von Angststörungen

2. Prüfungsangst
2.1 Begriffsbestimmung Prüfung und Leistungsbewertung
2.2 Begriffsbestimmung Prüfungsangst
2.3 Abgrenzung der Angststörung von der Prüfungsangst
2.4 Modelle der Prüfungsangst
2.4.1 Drive Model
2.4.2 Interferenzmodell
2.4.3 Yerkes-Dodson-Regel
2.4.4 Fertigkeitendefizitmodell
2.4.5 Kognitiv-motivationale Modelle
2.4.6 Transaktionale Modelle
2.4.7 ABC-Schema
2.5 Prüfer als Angstfaktor
2.6 Anzeichen bei Prüfungsangst
2.7 Diagnoseinstrumente für Prüfungsangst

3. Arbeitsmodell für die Behandlung von Prüfungsängsten

4. Maßnahmen gegen Prüfungsangst
4.1 Kognitive Selbstanalyse
4.2 Fachliche Vorbereitung
4.3 Verbesserung des Zeitmanagements
4.4 Anwendung aktiver Lernmethoden
4.5 Entspannungstechniken
4.6 Förderung der Schlafhygiene
4.7 Vorbereitung auf eine Prüfungssituation
4.8 Tipps für eine aktive Prüfungsgestaltung
4.9 Prüfungssimulation
4.10 Tipps für die Vorbereitung auf schriftliche Klausuren
4.11 Umgang mit einem Blackout
4.12 Beratungsmöglichkeiten „Prüfungsangst“

5. Bedeutung des Themas „Prüfungsangst“ für die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege

6. Häufigkeit von Prüfungsangst und Vorkommen in der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung

7. Lernbegleitung im Ausbildungsprozess

8. Broschürenentwicklung zur Sensibilisierung prüfungsängstlicher Personen

9. Erste-Hilfe-Kasten bei akuter Prüfungsangst
9.1 Wingwave
9.2 Maßnahmen-Tool-Box
9.3 Fidget Cube

10. Diskussion

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

Anhang A Fragebogen zum Lernen im Studium (LIST)

Anhang B Fragebogen zur Selbstbeschreibung (TAI-G)

Anhang C Prüfungsangstfragebogen (PAF)

Anhang D Ausführlicher Instruktionstext PMR

Anhang E Lerntyp-Test

Anhang F Kompetenzprofil zur Selbsteinschätzung (Perspektive Lernende/r)

Anhang G Kompetenzprofil zur Selbsteinschätzung (Perspektive Lehrperson)

Anhang H Lernvertrag

Anhang I Broschüre

Abstract

Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen zum Thema Angst und insbesondere der Prüfungsangst. Ausgehend von der allgemeinen Darstellung der Inhalte übertragen die Autoren ihre Ergebnisse auf ihr Arbeitsfeld, als Berufspädagogen in der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung. Ziel dieser Arbeit ist es, den Berufspädagogen die Unsicherheit im Umgang mit prüfungsängstlichen Auszubildenden zu nehmen, indem man ihnen Wissen über die Entstehung, die Anzeichen, die Diagnosemöglichkeiten sowie unterstützende Maßnahmen zur Bewältigung von Prüfungsängsten zur Verfügung stellt. Die Autoren erhoffen sich durch die Darstellung eines Konzeptes zur curricularen Einbindung von Lernbegleitung in den Ausbildungsprozess sowie einer Broschüre zur Sensibilisierung prüfungsängstlicher Personen und eines „Erste- Hilfe-Kastens“ für akute Prüfungsängste, die Kollegen in der Berufspädagogik dazu zu motivieren, Inhalte an ihren Institutionen umzusetzen. Das Ergebnis dieser Arbeit ist, dass das Thema trotz geringer Forschungslage über das Vorkommen dieser Problematik in der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung, eine hohe Relevanz haben muss. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Arbeit befähigt dazu Prüfungsangst adäquat zu begegnen und Sicherheit im Kontakt mit prüfungsängstlichen Personen zu erlangen.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Schülertypische Attribuierungen nach Versagen

Tabelle 2 Zusammenhang zwischen Prüfungsform und Kompetenzentwicklung

Tabelle 3 Erstbewertung von Prüfungssituationen nach dem ABC-Schema

Tabelle 4 Erst- und Neubewertung von Prüfungssituationen nach dem ABC-Schema

Tabelle 5 Subtypen prüfungsängstlicher Personen (in Anlehnung Zeidner, 1998, S. 52-53)

Tabelle 6 Kognitive Lernstrategien (in Anlehnung an Wild & Schiefele, 1994)

Tabelle 7 Metakognitive Lernstrategien (in Anlehnung an Wild & Schiefele, 1994)

Tabelle 8 Ressourcenbezogene Lernstrategien (Wild & Schiefele, 1994)

Tabelle 9 Auswertungsschlüssel LIST

Tabelle 10 TAI-G Itembeispiele

Tabelle 11 Auswertungsschlüssel TAI-G

Tabelle 12 Negative Selbstaussagen revidieren (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 78)

Tabelle 13 Symbole für die Bedeutung des Lernstoffs (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 119)

Tabelle 14 Funktionen der Grundstufe des Autogenen Trainings (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 88)

Tabelle 15 Übungen der Grundstufe des Autogenen Trainings (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 89)

Tabelle 16 Ausführliches Vorgehen des Autogenen Trainings nach J.H. Schultz (Knigge-Illner, 2010, S. 90-92)

Tabelle 17 Teilinstruktion zu PMR (in Anlehnung an Ohm, 1997, S. 32)

Tabelle 18 Tipps für eine aktive Prüfungsgestaltung (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S.192-197)

Tabelle 19 Empfehlungen zur Vorbereitung auf schriftliche Klausuren (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 208-214)

Tabelle 20 Kernelemente eines Lerntagebuchs (in Anlehnung an Winter, 2010, S. 262)

Tabelle 21 Suche nach dem Stress: Ein verblüffender Test (Besser-Siegmund, 2015, S. 24)

Tabelle 22 Übung: So mache ich Bedrohungen klein (in Anlehnung an Besser-Siegmund, 2015, S. 39-40)

Tabelle 23 Übung: Ein Duft für meine Sicherheit (in Anlehnung an Besser-Siegmund, 2015, S. 48)

Tabelle 24 Übung: Gute Stimmung gegen die Angst (in Anlehnung an Besser-Siegmund, 2015, S. 57)

Tabelle 25 Übung: Body-Scan (in Anlehnung an Besser-Siegmund, 2015, S. 59-60)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Der Schrei von Edvard Munch, verfügbar unter: http://www.arsmundi.de/de/806066/Bild-Der-Schrei-1895-gerahmt/806066.html

Abbildung 2 Der Teufelskreis (Eigene Darstellung)

Abbildung 3 Interferenzmodell (Eigene Darstellung)

Abbildung 4 Yerkes-Dodson-Regel, Verfügbar unter: http://www.studienstrategie.de/lernen/pruefungsangst-ueberwinden-lampenfieber-und-blackout-vermeiden/ [Stand: 21.12.2016]

Abbildung 5 Fertigkeitendefizitmodell (Eigene Darstellung)

Abbildung 6 Kognitiv-motivationale Modelle (Eigene Darstellung)

Abbildung 7 Störungsmodell Prüfungsangst (in Anlehnung an Fehm & Fydrich, 2011, S. 26)

Abbildung 8 Maßnahmenset zur Bewältigung von Prüfungsängsten (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 44)

Abbildung 9 Vergleichende Einschätzung von Gefahren und Gegenkräften (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S.50)

Abbildung 10 Cluster zum Lernstoff „Kognitive Lerntheorien“ (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 117)

Abbildung 11 Mind Map zum Thema "Kommunikationsmodelle" (Eigene Abbildung)

Abbildung 12 Wochenplan (Eigene Darstellung)

Abbildung 13 Vergessenskurve (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 171)

Abbildung 14 Strukturschema zum Thema „Lernpsychologie“ (in Anlehnung an Knigge-Illner, 2010, S. 165)

Abbildung 15 Lehnsesselhaltung (Knigge-Illner, 2010, S. 93)

Abbildung 16 Droschkenkutscherhaltung (Knigge-Illner, 2010, S. 93)

Abbildung 17 Lernbegleitungsprozess (Kuckeland & Schneider, 2011a, S. 16)

Abbildung 18 Koodinatensystem zur Lerntypenbestimmung ( Vester, 2012)

Abbildung 19 Das Erzeugen "wacher" REM-Phasen (Verfügbar unter https://wingwave.com/coaching/was-ist-wingwave.html)

Abbildung 20 Fidget Cube

Abbildung 21 Funktionen des Fidget Cubes (verfügbar unter: https://www.kickstarter.com/projects/antsylabs/fidget-cube-a-vinyl-desk-toy [Stand: 23.01.2017]

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“

Epiktet (griechischer Stoiker und Philosoph)

Einleitung

Wohl jeder Mensch kennt die mehr oder weniger ausgeprägte Unruhe, die einen in der Zeit vor oder in der Prüfung befällt. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Unruhe, angesichts der Wichtigkeit einer Prüfung, völlig normal. Sie ermöglicht es, sich voll und ganz auf die bevorstehende Prüfung zu fokussieren und angemessen mit dieser Situation umzugehen. Wenn aber ein bestimmtes Maß überschritten und aus der Unruhe Angst wird, ist es höchste Zeit etwas dagegen zu tun.

Die Autoren dieser Arbeit, die seit sechs Jahren als Berufspädagogen im Gesundheitswesen an Gesundheits- und Krankenpflegeschulen tätig sind, hatten in ihrer bisherigen Berufslaufbahn wiederholt Berührungspunkte zu Auszubildenden, die unter Prüfungsängsten litten. Bei der Unterstützung dieser Auszubildenden fiel auf, dass sowohl die Auszubildenden selbst, als auch die Autoren nicht genau wussten, wie sie diesen begegnen sollten. Maßnahmen wurden zwar ergriffen, ohne aber genau zu wissen, warum der Auszubildende Angst hat und wodurch diese begründet war. Es war frustrierend zu erleben, dass Maßnahmen, die man „aus dem Bauch heraus“ wählte überhaupt keinen Erfolg brachten und die Prüfungsängste sogar verschlimmerten. Auf der Suche nach Hilfe im Kollegenkreis wurde schnell deutlich, dass auch dort lediglich erfahrungsorientiert gehandelt wurde und spezielles Wissen fehlte. Auch im Rahmen ihres Studiums nahm das Thema „Prüfungsangst“ keinen großen Stellenwert ein und sorgte so nicht für einen Wissenszuwachs. Da die Autoren sogar erlebten, dass Auszubildende nicht zu ihrer Abschlussprüfung erschienen und ihre Ausbildung abbrachen, entschied man sich für die Auseinandersetzung mit dem Thema „Prüfungsangst“ in dieser Arbeit.

Da Berufspädagogen im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit häufig mit solchen Problemen konfrontiert werden und es immer wieder Unsicherheiten in der Auseinandersetzung mit prüfungsängstlichen Personen gibt, lauten die Ausgangsfragen dieser Arbeit, was genau unter Prüfungsangst zu verstehen ist, welche Ursachen diesen zugrunde liegen, wie Prüfungsangst zu erkennen ist und welche Möglichkeiten es gibt die Auszubildenden in ihrer Problematik zu unterstützen. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben müssen Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege diverse Prüfungssituationen meistern, um ihren beruflichen Abschluss zu erlangen. So ist in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe in der Krankenpflege festgelegt, dass die Auszubildenden drei schriftliche, drei mündliche und einen praktischen Prüfungsteil mindestens mit der Note „ausreichend“ bestehen müssen, damit die Ausbildung als erfolgreich abgeschlossen gilt. Dieser Leistungsdruck kann für die Auszubildenden durchaus hemmend wirken, da sie in einer „Leistungsgesellschaft“ alles daran setzen, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen und Karriere zu machen, aber von ihren Prüfungsängsten daran gehindert werden. Trotz vorhandenen Wissens kann es dazu kommen, dass Menschen ihr Wissen in der Prüfungssituation nicht abrufen können. Der Professor für Wirtschaftspsychologie Sven Litzcke benennt, dass sich Menschen mit Prüfungsangst häufig unter Wert verkaufen (Litzcke 2003, S.1). Im schlimmsten Fall führen diese emotionalen Belastungen zu regelrechten Sinnkrisen und depressiven Verstimmungen, die dazu führen können, dass der Auszubildende dem Leistungsdruck entrinnen möchte und seine Ausbildung abbricht. Zwar existieren leider keine Daten zu Ausbildungsabbrüchen, aufgrund von Prüfungsängsten, für die Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung, aber es liegen Daten zu dieser Problematik aus dem Handwerk vor. Das Meinungsforschungsinstitut TNS EMNID hat 400 Handwerksauszubildende mit einer abgebrochenen Berufsausbildung nach Gründen für den Abbruch gefragt. 22 Prozent der Befragten gaben als Grund Prüfungsangst für den Ausbildungsabbruch an (Westdeutscher Handelskammertag, 2002, S. 47). Wie Berufspädagogen diesem entgegenwirken und die Auszubildenden in emotionalen Krisen sinnvoll unterstützen können, ist integraler Bestandteil dieser Arbeit. Hierbei liegt der Fokus insbesondere auf der mündlichen sowie schriftlichen Prüfungsform. Gerade die mündliche Prüfungsform stellt für den Auszubildenden eine besondere Belastung dar, da der Auszubildende sich und sein Wissen präsentieren muss.

Zu Beginn dieser Arbeit wird der Begriff Angst definiert und die wichtigsten Theorien zur Angstentstehung dargestellt. Um die pathologischen Angststörungen von der Prüfungsangst abgrenzen zu können werden diese kurz beschrieben. Im Anschluss widmen sich die Autoren der Begriffsbestimmung „Prüfung“ und umfassend der Prüfungsangst. Nach einer definitorischen Einordnung folgen Entstehungsmodelle, mögliche Symptome und Diagnosemöglichkeiten. Sehr ausführlich werden im Anschluss unterschiedliche Maßnahmen zur Unterstützung prüfungsängstlicher Personen erläutert, um anschließend einen Transfer zur Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege zu schaffen. Neben der Begründung für die Bedeutung der Thematik bei der Arbeit von Berufspädagogen an Gesundheits- und Krankenpflegeschulen, liefern die Autoren mögliche praktische Umsetzungsmaßnahmen, die zum Teil in den Ausbildungsprozess curricular implementierbar sind. Neben der Beschreibung einer möglichen curricularen Einbindung von Lernbegleitung, der die Auszubildenden bereits in ihrer Prüfungsvorbereitung unterstützt, stellen die Autoren eine Informationsbroschüre für Auszubildende zu dieser Thematik sowie ein Beispiel zur Gestaltung eines Erste-Hilfe-Kastens für akute Prüfungsangst zur Verfügung.

Zur besseren Lesbarkeit der Arbeit wurde vorwiegend nur die männliche Personalform verwendet, auch wenn Personen beiderlei Geschlechts gemeint sind.

1. Angst

1.1 Begriffsbestimmung Angst

Der Begriff Angst gehört zur indogermanischen Wortgruppe von „eng“, im Sinne von „Enge, Beklemmung“. Durch eine Weiterbildung der Wurzel „angh“ (eng, einengen, zusammendrücken oder –schnüren) ist das Wort Angst entstanden. Die Wortgruppe benennt also eine körperliche und seelische Einengung (Pietrass, 1995, S. 39). Des Weiteren ist der Begriff Angst eng verwandt mit dem lateinischen Wort „angustus“, welches die Bedeutung „eng“, „beengend“, „die freie Bewegung hindernd“ hat (Menge & Güthling, 1965, S. 7). Laut dem deutschen Duden (2017a) liegt die Bedeutung des Wortes Angst ebenso in einem mit Beklemmung, Bedrückung, Erregung einhergehenden Gefühlszustand oder ein undeutliches Gefühl des Bedrohtseins. Der Begriff Angst beschreibt also eine Art Gefahrensignal für unseren Organismus. Diese Gefahr kann entweder in der Phantasiewelt des Menschen liegen oder aber real sein. Je nachdem, welche Bedeutung der Mensch einer anderen Person, einem Gegenstand oder einem Tier (Spinne et cetera) zuschreibt, kann dieses bei dem Betroffenen Angst auslösen. Hiervon abzugrenzen ist die reale Angst, die in lebensgefährlichen Situationen wie beispielsweise bei einem Terrorangriff auftritt und fast alle Menschen betrifft. Hier wird automatisch ein Gefühl der Angst ausgelöst, das die Gefahr signalisiert und so vor einer vitalen Gefährdung schützt (Flöttmann, 2015, S. 15). Angst ist also ein Phänomen, welches jeder Mensch wohl schon in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität erlebt hat. Somit erscheint es auch schwer, Angst als einen allgemeingültigen Begriff zu definieren (Möller & Laux, 2015, S. 106).

Der amerikanische Physiologe Walter Cannon beschrieb mit seiner Theorie „Fight- or- flight“ („Kampf oder Flucht“) die körperlichen Veränderungen, die der Kontakt mit einer gefährlichen Situation im Organismus auslöst. Durch das Erblicken einer angstauslösenden Situation, aktiviert diese über den Hypothalamus den Sympathikus, was wiederum im Nebennierenmark zu einer Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin führt. Über diesen zentralnervösen Weg reagieren auch andere periphere Organe (Herz, Lunge et cetera) auf die Sympathikus- Aktivität. Es werden direkte physiologische Reaktionen in Gang gesetzt, wie die Erhöhung der Herzfrequenz, die Steigerung der Durchblutung der Muskeln, der Haut und des Gehirns. Die erweiterten Bronchien sowie eine tiefere Atmung ermöglichen dem Organismus eine höhere Sauerstoffaufnahme. Durch diese Mechanismen ist es möglich, dass der Organismus entweder mit einem aggressiveren Verhalten oder mit Flucht auf die Situation reagiert (Wippert, 2009, S. 22-25). Eine Definition zu Angst ist im klinischen Wörterbuch Pschyrembel Pflege niedergeschrieben. Hier wird Angst definiert als: „unangenehm empfundene, eine Bedrohung oder Gefahr signalisierende Emotion, die sich von auf konkreter Furcht beruhendem Unwohlsein bis hin zu existenzieller Angst steigern kann“ (Wied & Warmbrunn, 2012, S. 30). Eine weitere sehr treffende Definition von Angst stammt von Dieter Hackfort und Peter Schwenkmezger. Die Autoren definieren Angst als eine „(…) kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahren- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen. Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann“ (Hackfort & Schwenkmezger , 1985, S. 7). Hier wird „Angst“ also als ein Konstrukt gesehen, welches sich durch verschiedene Reaktionen zeigt. Angst besteht immer aus vier Komponenten. Dies sind zum einen körperliche Symptome, wie die Stresshormonausschüttung oder die Herz- Kreislauf- Aktivierung und zum anderen kognitive Aspekte, die sich in der Bewertung der Situation wiederspiegeln, blitzartig erscheinen und häufig gar nicht bewusst wahrgenommen werden. Zudem spielen Emotionen eine Rolle. Dies sind Gefühle, die mit der Angst einhergehen, wie Bedrohung oder Hilfslosigkeit. Die vierte Komponente läuft auf der Verhaltensebene ab, indem es beispielsweise zu einem Flucht- oder Vermeidungsverhalten kommt (Kircher, 2012, S. 219). Der norwegische Maler Edvard Munch stellte in seinem Gemälde „Der Schrei“ (siehe Abbildung 1) aus dem Jahr 1910 relativ deutlich dar, wie sich Angst auf die emotionale Situation eines Menschen auswirkt. Einen Unterschied gibt es in der Verwendung der

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Der Schrei von Edvard Munch, verfügbar unter: http://www.arsmundi.de/de/806066/Bild-Der-Schrei-1895-gerahmt/806066.html

Begriffe Angst und Furcht. Angst beschreibt wie benannt einen Zustand, der mit einem negativen Gefühl der Anspannung einhergeht und sich auf eine mögliche Bedrohung in der Zukunft richtet. Die Art der Bedrohung bleibt dabei aber relativ vage. Der Begriff „Furcht“ bezieht sich im Gegensatz dazu auf eine tatsächliche Bedrohung, zum Beispiel in Form einer giftigen Schlange. Furchtreaktionen erscheinen dabei intensiver, da sie einen direkten Fokus haben. Durch das Wegfallen des sichtbaren Reizes klingen diese Reaktionen aber auch deutlich schneller wieder ab. Der Zustand der Angst hält länger an und es handelt sich eher um eine ständige Wachsamkeit vor einer zu erwartenden Gefahr, wobei die Quelle der Bedrohung unklar bleibt. Währenddessen geht die Furcht mit einer deutlichen Alarmreaktion einher (Becker, 2011, S. 10-11).

1.2 Angst und ihre Auswirkungen

Angstreaktionen sind nicht nur biologisch bestimmt, sondern insbesondere durch Lernprozesse auch kulturell entwickelt oder sozial vermittelt (Morschitzky, 2009, S. 3).

Jede Angst spiegelt sich aber in verschiedenen Symptomen wieder. Es kann zu einer Veränderung der Verstandsfunktion, der Körperfunktionen sowie zu einer Veränderung des Verhaltens kommen.

Die Verstandsfunktion des Gehirns befähigt das Individuum normalerweise Situationen realistisch wahrzunehmen, zu bewerten und adäquat zu handeln. Bekommt ein Mensch aber Angst, beispielsweise bei einer Massenpanik in einem Fußballstadion aufgrund eines Großbrandes, kann er die Verstandsfunktion nicht mehr zielgerichtet einsetzen. Er läuft panisch umher, ohne sich sinnvoll zu schützen. Jegliche Angst die nicht verdrängt wird, gelangt in das Bewusstsein und beeinflusst sowohl die Wahrnehmung, als auch die Konzentrationsfähigkeit (zum Beispiel in Prüfungen).

Des Weiteren kann es bei auftretenden Ängsten zu veränderten Körperfunktionen kommen. Hier sind zu nennen:

- Allgemeine Reizbarkeit und Überempfindlichkeit
- Leichte allgemeine Mattigkeit, besonders in den Armen und Beinen
- Schwindel
- Innere Unruhe
- Müdigkeit, die sich bis zur Ohnmacht steigern kann
- Schlafstörungen
- Engegefühl im Hals
- Brechreiz/ Übelkeit
- Heißhunger
- Mundtrockenheit
- Schweißausbrüche
- Vasomotorische Phänomene (niedriger Blutdruck)
- Zittern an den Gliedern
- Herzschmerzen/ Herzklopfen
- Störungen der Atmung (Hyperventilation)
- Diarrhöen
- Harndrang (Flöttmann, 2015, S. 25)

In Bezug auf eine Verhaltensänderung kann Angst bei einem Menschen entweder Flucht oder Angriff auslösen. Bei den Individuen wo Angst Angriff auslöst, ist häufig zu beobachten, dass sie versuchen ihre Angst zu überspielen. Sie treten forsch und übermütig auf und versuchen durch besonders mutiges Verhalten ihre Angst zu überwinden. Im Gegensatz dazu führt die Angst bei Anderen dazu, dass sie versuchen die angstauslösenden Situationen zu vermeiden (Flucht). Zudem kann Angst auf der Verhaltensebene eine stärkere Bindung hervorrufen. Menschen suchen insbesondere dort Schutz, wo sie sich am sichersten fühlen (Familie oder Partner) (Flöttmann, 2015, S. 23-28).

1.3 Arten von Angst

Der deutsche Professor der Psychologie Ralf Schwarzer (2000) unterscheidet Angst in drei Angstformen: die Existenzangst, die Leistungsangst und die soziale Angst.

Die Existenzangst beruht laut Schwarzer auf den Erlebnissen in der Vergangenheit. Existenzangst schützt die Individuen vor Situationen, in denen sie körperlichen Schaden nehmen könnten. Diese Angst wird nochmal unterteilt in die Todesangst (Altersangst, Krankheitsangst et cetera); die Verletzungsangst (Unfallangst, Flugangst, Höhenangst et cetera) und die Angst vor Unheimlichkeiten (Dunkelangst, Gewitterangst, Spinnenangst et cetera).

Bei der sozialen Angst steht die Bedrohung des Selbstwertes im Vordergrund. Diese Angst tritt zum Beispiel auf, wenn sich das Individuum von anderen beobachtet fühlt. Personen haben dadurch Angst sich zu blamieren oder sich lächerlich zu machen. Schwarzer zählt hierzu den Scharm (Angst vor dem anderen Geschlecht, Sexualangst et cetera), die Verlegenheit, die Publikumsangst (zum Beispiel Angst vor seinen Vorgesetzten) oder die Schüchternheit.

Die Leistungsangst entsteht, wie die soziale Angst, durch eine Bedrohung des Selbstwertes. Das Individuum hat in einer bestimmten Situation Angst vor einer schlechten Leistung und/oder Angst vor der Reaktion einer anderen Person. Leistungsangst tritt verstärkt in Schulen auf, zum Beispiel in Form von Prüfungs- oder Lehrerangst (Schwarzer, 2000, S. 104).

1.4 Begriffsbestimmung Angststörung

Wie beschrieben, ist Angst ein völlig normaler emotionaler Zustand. Jedes Individuum hat in verschiedenen Situationen unterschiedlich starke Angst, so dass sie auch als ein Persönlichkeitsmerkmal gesehen werden kann. Tritt Angst aber in einem deutlich erhöhten Ausmaß auf oder in Situationen, in denen dies unsinnig ist, handelt es sich um eine eigenständige psychische Störung, eine Angststörung. In der Regel wird die Angst als äußerst stark erlebt und körperliche Symptome zeigen sich, die das alltägliche Leben der Betroffenen beeinflussen (Volz & Stieglitz, 2010, S. 5).

Das Verhältnis zwischen der subjektiv erlebten Bedrohung und den erlebten Ängsten steht dabei in keinem Verhältnis zueinander. Zwar sind sich die Betroffenen dem bewusst, können diese unangemessene Affektivität aber nicht unter Kontrolle bringen oder mit Bewältigungsstrategien begegnen. Vielmehr versuchen die Betroffenen die angstauslösenden Situationen zu meiden.

Viele normale Ängste können zu einer Angststörung führen, wenn der Betroffene versucht die Angstgefühle zu unterdrücken oder zu verdrängen und daher zu vermeiden. Hierbei gibt es einen Unterschied zwischen passiver Vermeidung (zum Beispiel Ausweichen von vermeintlich gefährlichen Situationen) oder aktiver Vermeidung (sofortige Flucht et cetera).

Drei verschiedene Bedingungen können pathologische Ängste hervorrufen:

- Falsche Bedrohungseinschätzung: Es findet beispielsweise eine Fehleinschätzung von angstauslösenden Faktoren statt und so wird eine wenig oder nicht bedrohliche Situation als sehr bedrohlich erlebt.
- Gestörte Alarm- oder Bedrohungsstrukturen: Es liegen Krankheitsprozesse des Gehirns vor (zum Beispiel epileptische Angstattacken).
- Nicht Abklingen des Warnsignals Angst: Der Betroffene ist nicht in der Lage sich an den Angstreiz zu gewöhnen, sondern es kommt zu einer Erregungs- und Angsteskalation (Morschitzky, 2009, S. 16-21).

1.5 Entstehung von Angst/ Angststörungen

Unterschiedliche Faktoren können zu einer Angststörung führen. So kann es beispielsweise sein, dass eine genetische Vulnerabilität vorliegt und manche Menschen leichter als andere mit Angst auf einen bestimmten Reiz oder eine bestimmte Situation reagieren. Auch erlebte Krisensituationen, wie der Tod eines Familienangehörigen oder der plötzliche Jobverlust, kann eine Angststörung hervorrufen. Zur Erklärung der Entstehung einer Angststörung stehen unterschiedliche Sichtweisen oder Modelle zur Verfügung. Grundsätzlich gibt es drei Sichtweisen in der Psychologie, die die Entstehung von Ängsten erklären. Diese sind: die Reiz- Reaktions- Psychologie (Lerntheorie), die kognitive Psychologie und die Psychoanalyse. Im Folgenden stellen die Autoren die einzelnen Gebiete anhand ausgewählter Theorien und Modelle vor.

1.5.1 Lerntheoretische Sichtweise

Da jeder Mensch von Geburt an eine bestimmte Angstdisposition mitbringt, kann sich das Angstverhalten im Kindesalter aber auch lebenslang durch Lernprozesse verändern. Das heißt, es ist möglich jede Art von Angst zu erlernen, aber auch wieder zu verlernen. In Bezug auf lerntheoretische Modelle, entwickeln sich Ängste durch die wiederholte Erfahrung mit unangenehmen Situationen. Dieser Vorgang der „Konditionierung“ wird unterteilt in die „klassische Konditionierung“ und die „operante Konditionierung“.

Die „klassische Konditionierung“, begründet durch den russischen Mediziner und Physiologen Iwan Pawlow, ist eine Lernform bei der ein Organismus eine Verbindung zwischen zwei Reizen lernt. Diese wird gebildet zwischen einem neutralen Reiz (bedingter Reiz) und einem biologisch relevanten (unbedingten) Reiz (löst biologisch vorgegebene Reflexreaktion aus). Das Ergebnis ist, dass durch eine mehrfache Kopplung dieser Reize aus dem ehemaligen neutralen Reiz ein Reiz wird, der eine (bedingte) Reflexreaktion auslöst. Ein treffendes Beispiel für das Erlernen von Angst ist das im Jahre 1920 an der Johns- Hopkins- Universität in Baltimore (USA) durchgeführte „Little- Albert- Experiment“. Hierbei wurde dem kleinen Albert (11 Monate) unter anderem eine Ratte gezeigt, vor der er sich nicht fürchtete. Anschließend ertönte aber immer, wenn Albert die Ratte sah, ein lauter Knall. Nach sieben Durchgängen reagierte Albert mit Furcht auf die Ratte, selbst dann, wenn kein lauter Knall ertönte. Interessanterweise übertrug Albert seine Angst auf alle Gegenstände, die der Ratte ähnelten. Das weiße Fell wurde auf Gegenstände, wie einen Pelzmantel oder den Bart des Weihnachtsmannes übertragen. Dieses Phänomen, wobei konditionierte Reize die ähnlich sind dieselbe Reaktion auslösen, wird als Generalisierung bezeichnet.

Bei der operanten Konditionierung, geprägt von dem US- amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner, führen die Konsequenzen für ein bestimmtes Verhalten zu einer gesteigerten oder verminderten Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens. Ein zentraler Bestandteil der operanten Konditionierung ist die Verhaltenskontingenz, die die konsistente Beziehung zwischen einer Reaktion und den Reizbedingungen beschreibt. So kann es sein, dass die Verhaltenskonsistenz die Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens beziehungsweise der Reaktionswahrscheinlichkeit entweder erhöht oder vermindert. Hierbei gilt als Verstärker all das, was die zukünftige Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens erhöht. Insgesamt gibt es vier verschiedene Arten von operanter Konditionierung:

- Positive Verstärkung: Belohnung eines bestimmten Verhaltens (materiell oder immateriell) durch Geld oder Lob et cetera.
- Negative Verstärkung: Beseitigung eines bestrafenden Ereignisses und dadurch bedingt Erzielung eines gewissen Belohnungseffektes.
- Bestrafung: Verwendung einer unangenehmen Konsequenz (Schreien et cetera), um die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens zu minimieren.
- Löschung: Nichtbelohnung eines Verhaltens oder Wegnahme von positiven Verstärkern, dadurch Erlöschen eines bestimmten Verhaltens.

Ein bedeutendes Modell der lerntheoretischen Angstentstehung ist die Zwei- Faktoren- Theorie von Mowrer aus den 1940er- Jahren. Dieses Modell vereint die beiden Lernformen der klassischen und operanten Konditionierung, indem die Angst durch die klassische Konditionierung erworben und durch die operante Konditionierung aufrechterhalten wird. Im Sinne der klassischen Konditionierung wird ein unkonditionierter Reiz, der eine unkonditionierte Reaktion hervorruft, mit einem neutralen Stimulus gekoppelt. Hierdurch wird aus dem neutralen Stimulus ein konditionierter Stimulus, der nach der Konditionierung eine konditionierte Reaktion hervorruft. So kann es sein, dass Verhaltensweisen den Kontakt mit dem konditionierten Reiz über ein Flucht- oder Vermeidungsverhalten beenden und eine als negativ erlebte Situation dadurch vermieden wird. Dies wiederum führt zu einer negativen Verstärkung, wodurch das Flucht- und Vermeidungsverhalten stetig zunimmt (Morschitzky, 2009, S. 307-308).

Erlebt zum Beispiel ein Mensch eine sehr hohe Menschendichte in einer U-Bahn (unkonditionierter Reiz), die bei ihm das Gefühl der Angst hervorruft (unkonditionierte Reaktion), kann dadurch die U-Bahn zum konditionierten Reiz werden. Es kann dazu kommen, dass dies zu einer Angst vor dem U-Bahn- Fahren führt (konditionierte Reaktion). Dadurch, dass der Betroffene dann versucht das U-Bahn- Fahren zu vermeiden, kann es zu einer Verstärkung der Angst kommen (Morschitzky, 2009, S. 304-307).

Ein weiteres lerntheoretisches Modell, welches die Entstehung von Ängsten beeinflussen kann, ist das von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura geprägte „Modelllernen“. Hierbei erfolgt das Lernen über Beobachtung und Einprägung. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch einmal erfolgreich erlernte Verhaltensweisen auf andere Situationen überträgt und sich erhofft, dass diese gleichgut funktionieren. Erfolgt dies nicht, entwickeln sich Ängste, da die Person denkt sie kann die Situation nicht bewältigen. Auch Emotionen, wie ein ängstliches Verhalten der Eltern, können über diese Vorbilder erlernt werden und sich auf das eigene Verhalten auswirken (Morschitzky, 2009, S. 312).

Nach dem um kognitive Aspekte erweiterten sozialkognitivem Lernmodell werden vorwiegend die Verhaltensweisen erlernt, die soziale Bestätigung bekommen. Die soziale Rückmeldung führt zu einer Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Das heißt es entsteht der Glaube daran unbekannte Situationen erfolgreich bewältigen zu können. Die negative Einschätzung einer bedrohlichen Situation führt zu einer stärkeren Wahrnehmung der negativen Aspekte. Gerade deshalb erscheinen diese Situationen als wesentlich aussichtsloser.

1.5.2 Kognitive Sichtweise

Eine wichtige Ergänzung zu den lerntheoretischen Ansätzen bei der Entstehung von Ängsten stellen die kognitiven Angsttheorien dar. Hier wird die Angst als emotionaler Zustand gesehen und es wird versucht vorwiegend die mit den Ängsten verknüpften Erwartungen und Bewertungen zu analysieren.

Im Modell der kognitiven Schemata von Beck entstehen Angststörungen durch kognitive Schemata (Gedächtnisstrukturen) der Betroffenen, die die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Umgebung beeinflussen. So können Gedanken, Körperreaktionen oder bestimmte Situationen entsprechende Schemata aktivieren. Diese Informationsverarbeitungen sind einseitig und formen dadurch pathogene Interpretations- und Verhaltensmuster. So besteht im Falle einer Angststörung die Einseitigkeit darin, dass gewisse Gefahren überschätzt und die eigene Bewältigungsfähigkeit in Bezug auf die Gefahr unterschätzt wird. Betroffene empfinden also für spezielle Stimuli (körperliche Symptome et cetera) Angst, weil sie diese für gefährlich und sich selbst für zu schwach halten (Bassler & Leidig, 2005, S. 20-21).

Der deutsche Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Lang beschreibt in seiner Informationsverarbeitungstheorie der Furcht, dass der Mensch furchtrelevante Informationen in seinem Gedächtnis, in Form von sogenannten „Furchtnetzwerken“, abspeichert. Ausschlaggebend ist, welche Informationen abgespeichert worden sind, welche Reize Angst auslösen, welche kognitiven/motorischen und physiologischen Reaktionen sich zeigen und welche Bedeutung diesen beigemessen wird. Es wird deutlich, dass die Menschen eine selektive Aufmerksamkeit für bedrohliche Reize entwickeln (Morschitzky, 2009, S. 314).

Ein weiteres Modell zur Erklärung der Entstehung der Angst beziehungsweise der Angststörungen, insbesondere der Pannickattacken, bildet das von Margraf und Schneider modifizierte Teufelskreismodell der Angst. Hierbei ist entscheidend, wie jemand die körperlichen Veränderungen, die durch die Angst ausgelöst werden wahrnimmt und bewertet.

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Abbildung 2 Der Teufelskreis (Eigene Darstellung)

Mit dieser negativen Bewertung wird der „Teufelskreis der Angst“ (siehe Abbildung 2) in Gang gesetzt, den die Autoren im Folgenden erläutern möchten. Zu Beginn hat die betroffene Person einen Gedanken, eine Erinnerung oder sie bemerkt eine körperliche Veränderung. So kann es beispielsweise sein, dass der Betroffene denkt sein Herz würde schneller schlagen (Auslöser). Da sich keine Erklärung für diese Veränderung ergibt, folgt der nächste Prozess der „Wahrnehmung“. Es tritt die Vorstellung in Kraft, dass man herzkrank wäre. Man bewertet diese Wahrnehmung unmittelbar und macht sich Gedanken beziehungsweise interpretiert die Wahrnehmung als Gefahr. In der benannten Situation könnten gegebenenfalls die Gedanken auftreten, dass es zu einem Herzinfarkt führen könnte. Dies ruft bei dem Betroffenen Angst hervor. Durch diese Angst entwickeln sich weitere körperliche Symptome, wie zum Beispiel Schwitzen oder Übelkeit. Zudem bekommen sie das Gefühl, dass das Herz noch schneller schlagen würde. Dieser zweite Auslöser führt zu einer weiteren Wahrnehmung von Symptomen, wie zum Beispiel einer Ausstrahlung der Schmerzen in die linke Brust. Weitere Gedanken, wie Todesangst oder die Befürchtung das Bewusstsein zu verlieren, entwickeln sich. Dies erzeugt weitere Angst und noch mehr Angstsymptome werden sichtbar. Der Kreislauf kann mehrmals durchlaufen werden, so dass sich die Angst stetig weiter aufschaukelt und sich zunehmend weitere körperliche Symptome zeigen. Zudem geben Margraf und Schneider an, dass der Teufelskreis an jeder Stelle in Gang gesetzt werden kann. So ist es möglich, dass der Kreislauf durch Gedanken, ebenso wie durch die Wahrnehmung der körperlichen Veränderungen beginnen kann. Entscheidend ist immer, dass die inneren Reize als Gefahrensignale interpretiert und somit stetig stärker werden (Margraf & Schneider, 2013, S. 9-14).

Ein zentrales kognitives Modell, insbesondere für die Entstehung und die Aufrechterhaltung sozialer Ängste, stellt das Modell der britischen Psychologen David M. Clark und Adrian Wells dar. Auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen entwickelt der Betroffene eine Vielzahl von Gedanken über sich selbst beziehungsweise über seine soziale Umgebung. Clark und Wells gehen davon aus, dass jede soziale Situation Gedanken auslösen kann, die sich vordergründig um die Gedanken drehen, ob und wie eine andere Person eine negative Bewertung über die eigene Person abgibt. Dies kann für den Betroffenen zu ungünstigen Verhaltensweisen führen, indem die Person sich beispielsweise selbst zu viel Aufmerksamkeit schenkt und das Handeln eher auf längeres „Grübeln“ fokussiert, als auf eine konsequente Problemlösung. Des Weiteren kann es zu einer verzerrten Bewertung der eigenen Person und seinen Gefühlen kommen und somit auch zu einer Fehlinterpretation des eigenen Handelns aus Sicht der anderen Person. Verhaltensstrategien, wie Vermeidungsverhalten, werden angewandt, um der gegebenenfalls gefährlichen Situation zu entrinnen. Begleitend treten körperliche und kognitive Symptome auf, die dazu führen, dass die Angst bestehen bleibt (Büch, Döpfner & Petermann, 2015, S. 14).

Die Stressbewältigungstheorie des Psychologen Richard Lazarus bildet eine weitere Möglichkeit auf kognitiver Ebene die Entstehung von Ängsten zu erklären. Die zentrale Aussage dieser Theorie ist, dass kognitive Faktoren den Prozess der Emotionsauslösung und –regulierung steuern. Diese Emotionen werden erst im Anschluss an die Bewertung einer Situation ausgelöst. Lazarus unterscheidet die Bewertung einer Situation in verschiedene Stufen: die Primär-, Sekundär- und Neubewertung. In einem ersten Schritt (Primärbewertung) geht es um die subjektive Bedeutsamkeit einer Situation in Bezug auf das Wohlergehen der entsprechenden Person. So werden Situationen entweder als bedrohlich oder als irrelevant eingestuft. Wird der Reiz als bedrohlich wahrgenommen, überlegt die Person, welche Bedeutung der Reiz für sie hat und ob dieser bewältigbar erscheint. So kann die Situation zum einen als bedeutungslos, günstig oder stressauslösend gesehen werden. Wird ein Reiz als bedrohlich eingestuft, erfolgt eine Sekundärbewertung mit der Folge einer möglichen Angstreaktion. Hierbei denkt das Individuum darüber nach, ob es geeignete Hilfsmittel oder Bewältigungsmöglichkeiten besitzt, um die bedrohliche Situation zu überwinden. Werden die zur Verfügung stehenden Ressourcen für ausreichend empfunden, stellt sich die Person dem entsprechenden Reiz. Sind diese zu gering, reagiert die Person mit Flucht. Eine Angstreaktion wird ausgelöst. Anschließend erfolgt eine Neubewertung der Reaktion(Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 230).

Die Theorie der „Erlernten Hilflosigkeit“ des amerikanischen Psychologen Martin E.P. Seligman versucht zu erklären, unter welchen Bedingungen ein Mensch Nichtbewältigung erwartet, wodurch wiederum Angst ausgelöst werden kann.

Seligman nimmt die Reaktion von Individuen auf Ereignisse in den Blickpunkt, die unvorhersehbar beziehungsweise subjektiv unkontrollierbar erscheinen. Auf wiederholte Erfahrungen mit diesen Situationen wirken sich sogenannte spezifische Attributionsprozesse aus, die darüber entscheiden, ob man einer Situation mit Hilfslosigkeit begegnet oder nicht. Diese Attribuierungen finden auf drei Ebenen statt. In der ersten Dimension benennt Seligman die zeitliche Erstreckung der Nichtkontrollierbarkeit. Diese Dimension beinhaltet die beiden Pole Stabilität („Ich werde immer versagen.“) versus Variabilität, wobei sich das Ergebnis entweder auf eine chronische oder akute Hilflosigkeit bezieht. Die zweite Dimension benennt den Verallgemeinerungsgrad der Ursachenzuschreibung, mit den Polen Globalität („Ich versage überall.“) versus Spezifizität. Das Ergebnis dieser Dimension ist also entweder eine globale (situationsklassenübergreifende) oder eine spezifische (nur auf eine Situationsklasse oder sogar auf eine spezifische Situation bezogene) Hilfslosigkeit. Die dritte Dimension beinhaltet das Ausmaß der von der Nichtkontrollierbarkeit betroffenen Personengruppe und damit indirekt das Ausmaß der Eigenverantwortlichkeit für die Nichtkontrolle. Hierbei sind die Pole Internalität („Das Versagen liegt nur an mir.“) versus Externalität, wobei das Ergebnis eine persönliche versus eine universelle Hilflosigkeit beschreibt. Je globaler und stabiler die Ursachen für die Nichtkontrolle bewertet werden, desto größer ist die Hilflosigkeit. Diese Hilflosigkeit wird als Angst empfunden, da das eigene Versagen vermehrt auf internale und stabile Ursachen zurückgeführt wird. Ein weiterer angstauslösender Faktor ist, wenn das Individuum in der Akutsituation noch nicht entscheiden kann, ob die Situation noch kontrollierbar ist. Halten die Ängste an und die Person erlangt keine Kontrolle über die Ereignisse kann es zu Depressionen kommen. In der nachstehenden Tabelle sieht man ein Beispiel für schülertypische Attribuierungen nach Versagen.

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Tabelle 1 Schülertypische Attribuierungen nach Versagen

1.5.3 Psychoanalytische Sichtweise

Der Ursprung der psychoanalytischen Sichtweise der Angstentstehung liegt bei Sigmund Freud und seinem Instanzenmodell. Freud benennt, dass der psychische Apparat aus den drei Instanzen: „Es“, „Ich“ und Über- Ich“ besteht. Das „Es“, welches schon ab Geburt vorhanden ist, beinhaltet die Wünsche, Triebe und Bedürfnisse des Menschen. Es funktioniert nach dem „Lustprinzip“ und möchte seine Bedürfnisse, wenn es geht, direkt befriedigt haben und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf Andere. Das Über- Ich unterliegt dem Moralitätsprinzip und steht dem „Es“ gegenüber. Es beinhaltet das Gewissen, weiß über Gebote und Verbote und macht das, was man tun sollte. Das „Ich“, der kritische Verstand, wird vom Realitätsprinzip geleitet. Es entscheidet, ob sich das „Es“ oder das „Über- Ich“ durchsetzen, indem es sich an den Umweltgegebenheiten orientiert (Freud, 2009, S. 41-44). Zunächst ging Freud davon aus, dass Angst dadurch entsteht, dass sich unterdrückte, zumeist sexuelle Energie in Angst umwandelt. Hierzu kommt es, im Sinne des Instanzenmodells von Freud, dass unvereinbare Ansprüche von Es, Über-Ich und Umwelt im Ich einen Konflikt auslösen. Freud fasste dies in seiner „toxikologischen Angsttheorie“ zusammen. Im Verlaufe revidierte Freud seine Annahme und begründete in seiner zweiten Angsttheorie die Entstehung von Angst damit, dass Angst einerseits als Reaktion auf ein Trauma und andererseits als Reaktion auf eine äußere Gefahr entsteht. Dabei lassen sich angsterregende Triebsituationen auf äußere, zwischenmenschliche Gefahrensituationen zurückführen. Die Angst wird dadurch ausgelöst, dass die Triebwünsche des Es in den Vordergrund rücken und vom Über- Ich mit Bestrafung gedroht wird. „Trieberregungen, die als verboten erlebt werden, erzeugen Angst. Diese Angst setzt den Prozess der Unterdrückung- „Verdrängung“- dieser Regungen in Gang“ (Freud, 1926, S. 134). Der Hauptunterschied zu Freuds erster Theorie besteht darin, dass die Angst nicht im „Es“, sondern im „Ich“ stattfindet. Ängste stellen die Ursache der Verdrängung dar und werden nicht durch Verdrängung erzeugt. Diese zweite Theorie wird häufig auch als „Signaltheorie“ bezeichnet, wobei Angst als Gefahrensignal für die bewusst handelnde Persönlichkeit eines Menschen, dem „Ich“, dient (Bandelow, 2001, S. 75-76). Die heutige Psychoanalyse unterscheidet neben dem ursprünglichen Modell (Angst als Triebstau) drei Modelle der Angstentstehung:

- Angst als Folge eines Konfliktes (Konfliktmodell)
- Angst als Folge von Ich-Schwäche (Strukturschwächemodell)
- Angst als Bindungsverlustangst (bindungstheoretisches Modell).

Konfliktmodell:

In Bezug auf den psychischen Apparat von Freud wird das Ich von zwei Seiten bedrängt. Zum einen von den Triebansprüchen des Es und zum anderen durch das Gewissen (Über-Ich). Hierdurch entstehen Konflikte, die als zentrale Ursache von Angst gesehen werden können. Die Angstbildung, im Sinne des Konfliktmodells, entsteht in drei Phasen. Zu Beginn existiert eine „auslösende Situation“, die zu einer Stimulation von Triebimpulsen führt. Diese Triebimpulse müssen vom Bewusstsein ferngehalten werden, da sie verboten oder nicht kontrollierbar erscheinen. Durch die entstehende Angst soll sich an die Situation angepasst werden. Durch dieses Ausweichen werden jedoch frühere Konflikte wieder bewusst und die innere Konfliktspannung erhöht sich. Wenn die Abwehr der Angst jedoch versagt, erlebt das Ich die drohende Gefährdung durch die Triebimpulse bewusst, was wiederum zur Entstehung der Angst als Symptom führt (Morschitzky, 2009, S. 363).

Strukturschwächemodell:

Die Ich- Strukturen können aufgrund von traumatischen frühkindlichen Erfahrungen, konstitutionellen Gegebenheiten oder schlechten Entwicklungsbedingungen beeinträchtigt sein. Aufgrund dieser Schwäche können bereits kleinste innere oder äußere Bedrohungen vom Ich nicht mehr adäquat verarbeitet werden, wodurch es sofort zu einem ungehemmten und scheinbar grundlosen Angsteffekt kommt.

Bindungstheoretisches Modell:

Angst kann auftreten als Reaktion auf den Verlust einer fundamentalen Bindung. Bereits in der frühkindlichen Phase baut das Kind eine enge Beziehung zu einem Objekt auf (primäre Bezugsperson). Hierdurch kann die größte Angst vor dem Verlust des Objektes entstehen. Zunächst besteht die Angst in dem unmittelbaren Verlust des Objektes. Bei zunehmender kognitiver und affektiver Entwicklung entsteht Angst vor dem Verlust der Liebe des Objektes. Ein bindungsunsicherer Mensch hat in der Phase der frühen Kindheit keinen stabilen Halt erfahren, zum Beispiel durch eine Trennung der Eltern et cetera. Durch mangelnde Beziehungserfahrungen können die Menschen keine stabilen Objekt- und Selbstrepräsentanzen entwickeln. Sie benötigen deshalb ein „Hilfs- Ich“, da sie ein unsicheres Selbstbild haben. Das Alleinsein wird dabei häufig als gefährlich erlebt (Morschitzky, 2009, S. 365).

1.6 Klassifikation von Angststörungen

Die internationale Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterteilt in phobische Störungen sowie andere Angststörungen, die im Kapitel: „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F40-F48)“ zu finden sind.

Unter phobischer Störung wird dabei eine Angst verstanden, die durch eindeutig definierte und eigentlich ungefährliche Reize hervorgerufen wird. Der Betroffene versucht diese Situationen in der Folge zu meiden oder mit Furcht zu ertragen. Neben Einzelsymptomen, wie Herzrasen et cetera zeigen sich häufig sekundäre Ängste, wie zum Beispiel Todesangst. Schon die alleinige Vorstellung, dass die belastende Situation auftreten kann, erzeugt bei der Person zumeist eine Erwartungsangst. Zu den prägnantesten phobischen Störungen gehören die:

- Agoraphobie
- Soziale Phobie
- Spezifische Phobie (Dilling, Mambour & Schmidt, 2015)

Agoraphobie:

Die Agoraphobie kann alleine oder in Kombination mit einer Panikstörung auftreten. Bei dieser Form der Angststörung handelt es sich um die anhaltende Furcht vor großen Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause oder dem alleine Reisen. Prägend ist, dass eine Flucht aus diesen Situationen oftmals nicht direkt möglich ist und die benannten Situationen so direkt vermieden werden. Gegebenenfalls treten Panikattacken auf, wenn sich die Individuen in menschenvollen Straßen oder öffentlichen Verkehrsmitteln et cetera befinden (Heinrichs, Alpers & Gerlach, 2009, S. 18-19).

Soziale Phobie:

Bei der sozialen Phobie beziehen sich die Ängste darauf in sozialen Situationen nicht aufzufallen. Der Betroffene hat Angst davor sich zu blamieren, unangemessen zu wirken oder Fehler zu machen. Häufig ist diese Angst in Gegenwart fremder Menschen, Autoritätspersonen oder bei Personen des anderen Geschlechtes anzutreffen. Im Gegensatz zu anderen Angststörungen ist die soziale Phobie relativ unauffällig bedeutet aber für den Betroffenen zumeist einen hohen Leidensdruck und behindert den Alltag erheblich. Häufig sind Menschen mit sozialer Phobie so sehr mit ihrer Angst beschäftigt, dass sie in den entsprechenden Situationen nicht adäquat handeln können. Diese Befürchtungen, nicht mehr korrekt handeln zu können, können körperliche Symptome, wie Schwitzen, Erröten et cetera hervorrufen. Dies wiederum kann dazu führen, dass sich die Angst verstärkt, da die Betroffenen denken ihre Gegenüber würden dieses Verhalten nun bewerten. Menschen mit Sozialer Phobie versuchen so zwangsläufig die angstbesetzten Situationen (Vorträge et cetera) zu vermeiden (Bandelow, 2001, S. 73-74).

Spezifische Phobie:

Bei einer spezifischen Phobie wird die Angst durch spezifische Situationen beziehungsweise Objekte ausgelöst. Diese auslösenden Stimuli werden unterschieden in:

- Tiertypus (Spinnen, Hunde et cetera)
- Umwelt- Typus (Gewitter, Dunkelheit et cetera)
- Blut- Spritzen- Verletzungs- Typus (Blut, Injektionen et cetera)
- situativer Typus (Zahnarzt, Höhen et cetera)
- anderer Typus (Phobien vor dem Ersticken, Krankheitsängste et cetera)

Bei den Betroffenen ruft der Kontakt mit dem Stimulus fast immer eine unmittelbare Furchtreaktion hervor, die sie dann versuchen zu meiden. Dieses Meidungsverhalten führt dann zu einer deutlichen emotionalen, sozialen und beruflichen Einschränkung (Bassler & Leidig, 2005, S. 102).

Die „anderen Angststörungen“ sind dadurch gekennzeichnet, dass die Manifestationen der Angst die Hauptsymptome darstellen. Hierbei wird die Angst hervorgerufen ohne an besondere Umgebungssituationen gebunden zu sein. Begleitend können depressive Verstimmungen und Zwangssymptome sowie Elemente einer phobischen Angst auftreten. Diese sind aber entweder sekundär oder geringer ausgeprägt. Zu den prägendsten „anderen Angststörungen“ gehören die:

- Panikstörung
- Generalisierte Angststörung
- Angst und depressive Störung gemischt (Dilling, Mambour & Schmidt, 2015)

Panikstörung:

Panikstörungen sind gekennzeichnet durch wiederkehrende, unerwartet auftretende Panikattacken, die innerhalb kürzester Zeit ihr Maximum erreichen. Sie werden begleitet von vielfältigen körperlich- vegetativen Symptomen, wie Brustschmerzen, Schwindel 0der Atemnot. Oftmals führen diese Symptome dazu, dass die Betroffenen denken sie müssten sterben, verlieren die Kontrolle oder werden verrückt.

Generalisierte Angststörung:

Die generalisierte Angststörung ist dadurch gekennzeichnet, dass es sich hierbei um eine für mindestens 6 Monate andauernde generalisierte Angst handelt. Diese Angst ist nicht auf eine bestimmte Situation in der Umwelt beschränkt. Die hauptsächlichen Symptome sind Befürchtungen (Sorge über zukünftiges Unglück et cetera), motorische Spannungen (körperliche Unruhe) sowie vegetative Übererregbarkeit (Tachykardien, Tachypnoe et cetera). Häufig betroffen sind Frauen, die länger andauernden Belastungen ausgesetzt waren. Der Verlauf ist schwankend, jedoch treten die Ängste an der Mehrzahl der Tage auf (Scherer & Kuhn, 2002, S. 70-71).

Angst und depressive Störungen gemischt:

Unter dieser Form sind Angststörungen zu verstehen, wobei gleichzeitig Angst und Depressionen bestehen, ohne dass einer der beiden Störungen eindeutig vorherrscht und somit eine eigene Diagnose rechtfertigen.

Da sich die Autoren nun intensiv mit dem Thema Angst und ihren pathologischen Erscheinungen beschäftigt haben, beleuchten sie im folgenden Kapitel den Kernpunkt ihrer Arbeit „die Prüfungsangst“.

2. Prüfungsangst

Zur besseren Verständlichkeit, was genau unter einer „Prüfung“ zu verstehen ist und welchen Sinn die eigentliche Leistungsbeurteilung an den Schulen hat, erläutern die Autoren dies im Folgenden.

2.1 Begriffsbestimmung Prüfung und Leistungsbewertung

Der Begriff „Prüfung“ leitet sich aus dem mittelhochdeutschen von dem Wort „prüeven, brüeven“ ab, was so viel bedeutet, wie: nachdenken, erwägen, beweisen, wahrnehmen, berechnen, erwägend hervorbringen, anstiften oder bewirken. Aufgrund der Diphthongierung ist aber davon auszugehen, dass der Begriff bereits aus dem lateinischen von dem Wort „probare“ abgeleitet wurde, was mit den Begriffen: erproben, prüfen, untersuchen, als tüchtig oder untüchtig zu erkennen, übersetzt werden kann. Der Begriff „Prüfung“, wie er heutzutage benutzt wird, ist also in der Bedeutung gleichzusetzen mit einem Verfahren, bei dem die Kenntnisse oder die Leistungen einer Person durch eine bestimmte Aufgabenstellung festgestellt werden soll (Duden, 2017b). Neben diesem Merkmal soll eine Prüfung Aufschluss darüber geben, ob eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt die als Ziel definierten Kompetenzen erworben hat. Häufig ist dies Voraussetzung dafür, um einen Leistungsnachweis beziehungsweise ein Zertifikat et cetera verliehen zu bekommen. Prüfungen können entweder eine prognostische Funktion, eine diagnostische Funktion oder eine Selektionsfunktion haben. Prognostische Prüfungen kommen vordergründig in Aufnahmeprüfungen oder im Rahmen der Prüfungsverfahren zur Bildungsbedarfsanalyse zur Geltung. Mittels eines Anteils aus dem Bildungsinhalt soll dabei eine Aussage getroffen werden können, wie der zu erwartende Erfolg zum Beispiel im Rahmen der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung ist. Bei den diagnostischen Prüfungen, die typisch in Form einer Abschlussprüfung auftreten, soll mittels einer Auswahl aus dem Bildungsinhalt eine aktuelle Aussage über die gesamten Inhalte des Sachgebietes getroffen werden. Mittels Selektionsprüfungen sollen zum Beispiel Bewerber ausselektiert werden. Hierbei wird die Messung von aktuellen Kompetenzen nur bedingt verfolgt und es steht eher das Aufdecken von Stärken und Schwächen im Vordergrund, die für das Berufsfeld benötigt werden (Müller, 2006). Jegliche Prüffunktion findet man in der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege wieder. Zum Beispiel in Form eines Assessment- Centers zur Bewerberauswahl, Probezeitprüfungen, Zwischenprüfungen und Abschlussprüfungen.

Die Prüfungen selbst können dabei mittels schriftlichen, praktischen oder mündlichen Methoden erfolgen. Diese Methoden bedienen sich unterschiedlichen Instrumenten, wie Klausuren, Hausarbeiten, Präsentationen, Prüfungsgesprächen, Projektarbeiten oder begleitenden Beobachtungen zum Beispiel im Berufsfeld Praxis. Je nach Prüfungsform kann der Prüfer unterschiedliche Kompetenzbereiche abprüfen (siehe Tabelle 2).

Mittels dieser unterschiedlichen Prüfungsverfahren soll das vorhergehende Lehren und Lernen abgeschlossen und neue Perspektiven für ein zukünftiges Lehren und Lernen eröffnet werden (Dany, Szczyrba & Wildt, 2008, S. 180-182).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 Zusammenhang zwischen Prüfungsform und Kompetenzentwicklung

Bei von Prüfungsangst Betroffenen löst häufig nicht nur das Prüfungsgeschehen selbst Ängste aus, sondern vor allem die eigentliche Angst vor der Leistungsbewertung durch eine dritte Person, so dass es auch notwendig erscheint sich mit diesem Begriff auseinanderzusetzen.

Werner Sacher versteht unter einer Leistung im pädagogischen Sinne: „Die zur Erlangung eines Zieles aufgewandte und auf einen Gütemaßstab bezogene Anstrengung, die sich im Erfolgsfall in Lernfortschritten niederschlägt“ (Sacher, 2011, S. 218). In dem Buch „Kleines pädagogisches Wörterbuch“ wird „Leistung“ als eine „Bezeichnung für jede mit Anstrengung verbundene Bewältigung einer Anforderung oder Aufgabe“ verstanden. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff Leistungsmessung definiert. Unter diesem Begriff wird die Erfassung oder Bewertung einer Leistung verstanden, die häufig in Form einer Note oder eines Prädikates erfolgt (Keller & Novak, 1993, S. 228). Die Funktionen der Bewertung einer Leistung werden in der Erfolgs- und Misserfolgskontrolle, als Erziehungsmittel und in der Förderung der Selbsteinschätzung gesehen. Die zentrale Funktion innerhalb der Gesellschaft scheint aber in der Auslese durch die Gruppierung von Kindern in Leistungsstarke und Leistungsschwache zu liegen (Keller & Novak, 1993, S. 230). Im Paragraph 48 Absatz 1 des Schulgesetzes für das Land Nordrhein- Westfalen wird benannt: „Leistungsbewertung (soll) über den Stand des Lernprozesses der Schülerin oder des Schülers Aufschluss geben; sie soll auch Grundlage für die weitere Förderung der Schülerin oder des Schülers sein. Die Leistungen werden durch Noten bewertet. Die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen können vorsehen, dass schriftliche Aussagen an der Stelle von Noten treten oder diese ergänzen.“ Leistungsbewertungen finden dabei, wie oben beschrieben, in Form von unterschiedlichen Prüfungsformen statt und haben als Folge immer einen bewertenden Faktor, durch eine Note oder einen verbalen Hinweis.

2.2 Begriffsbestimmung Prüfungsangst

Empfindet eine Person in einer bestimmten Situation Angst bezeichnet man dies als Aktualangst, manifeste Angst oder „state anxiety“ (A-State). "State anxiety kann als ein transitorischer emotionaler Zustand oder Zustand des menschlichen Organismus, der in der Intensität variiert und schwankt, im Laufe der Zeit konzipiert werden. Dieser Zustand ist charakterisiert durch subjektive, bewusst wahrgenommene Spannungsgefühle, Angst sowie der Aktivierung des autonomen Nervensystems" (Spielberger, 1972, S. 29, eigene Übersetzung).

Begrifflich davon abzugrenzen ist die Angst als Disposition, Ängstlichkeit im Sinne einer Persönlichkeitseigenschaft, welche auch als „trait anxiety“ (A-Trait) bezeichnet wird: „Trait anxiety bezieht sich auf relativ stabile individuelle Unterschiede in der Anfälligkeit für ängstliches Verhalten, das heißt, auf Unterschiede in denen Reizsituationen als gefährlich oder bedrohlich wahrgenommen werden" (Spielberger, 1972, S. 29, eigene Übersetzung). Aus dieser Unterscheidung ergeben sich zwei theoretische Perspektivebenen: Angst als Eigenschaft oder Angst als Zustand. Seit den Arbeiten der Forschergruppe um Spielberger (1966, 1972, 1975) findet diese Differenzierung, auf den diese Unterscheidung zurückgeht, besondere Aufmerksamkeit. Aktualangst wird von Menschen empfunden, wenn sie eine Situation als bedrohlich bewerten. Nach Spielberger unterscheiden sich Personen, die unter hoher „trait-Angst“ leiden, von solchen, bei denen dies nicht der Fall ist. Dies geschieht dadurch, dass sie eine größere Anzahl von Situationen als gefährlich und bedrohlich wahrnehmen und darauf auch mit intensiverer „state-Angst“ reagieren (Spielberger, 1972, S. 54).

Bei Prüfungsangst handelt es sich um Angst, die sich auf Prüfungen, also auf Situationen einer zielgerichteten Erhebung und Bewertung von Leistungen, bezieht. In diesem Zusammenhang wird oft von der „Bewertungsangst“ gesprochen. Prüfungsangst kann als „state anxiety“ verstanden werden, also als Angst in einer bestimmten Situation, in diesem Falle in Prüfungssituationen. Prüfungsangst kann vor, während oder auch nach der Prüfung erlebt werden (zum Beispiel in Erwartung der Prüfungsergebnisse). Übergeordnet umfasst prüfungsbezogene Angst vor allem folgende Komponenten: eine affektive Komponente (unlustvolles, nervöses Gefühl der affektiven Erregung), eine kognitive Komponente (Sorgen um einen drohenden Misserfolg und die möglichen Konsequenzen), eine physiologische Komponente (periphere physiologische Aktivierung mit Symptomen, wie erhöhter Herzfrequenz, Schwitzen oder Übelkeit) und eine motivationale Ich-Komponente (Flucht- und Vermeidungstendenzen).

Prüfungsängste gehören nach den Kriterien der wichtigen Klassifikationssysteme für psychische Störungen DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association; deutsche Version von Falkai & Wittchen, 2014) und der von der Weltgesundheitsorganisation (Dilling, Mambour & Schmidt, 2015) herausgegebenen „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10, Kapitel V) nicht ausdrücklich zu den dort definierten „Störungen mit Krankheitswert“. Dadurch liegt keine allgemein akzeptierte und damit verbindliche operationale Definition in der wissenschaftlichen Literatur vor. Aufgrund der nicht vorhandenen Definition wird der Begriff Prüfungsangst von den unterschiedlichen Autoren und Arbeitsgruppen nicht einheitlich verwendet. Während zum Beispiel Schwarzer (2000) Prüfungsangst auch als Leistungsangst bezeichnet, wird von einigen anderen Autoren, in Anlehnung an die englische Terminologie, von Test Angst gesprochen. Im englischsprachigen Raum wird überwiegend der Begriff „test anxiety“ genutzt.

Im Folgenden werden die in der Literatur am häufigsten auftretenden Definitionen dargestellt. Zeidner (1998, S. 4) definiert Prüfungsangst wie folgt: „Der Begriff Prüfungsangst bezieht sich auf psychische und physische Reaktionen, die mit einem möglichen schlechten Abschneiden oder Versagen in einer Prüfung einhergehen.“

Charles Spielberger, eine der prägenden Figuren der Prüfungsangstforschung, definiert Prüfungsangst folgendermaßen: „Personen mit starker Prüfungsangst lassen sich im Wesentlichen durch erlernte Gewohnheiten und Einstellungen beschreiben, die auch negative Selbstwahrnehmungen und Erwartungen einschließen. Diese Gewohnheiten und selbstabwertenden Haltungen begünstigen, das prüfungsängstliche Personen Ängste und körperliche Reaktion in Prüfungen und Bewertungssituationen erleben und beeinflussen die Art und Weise, wie diese Ereignisse interpretiert werden und wie die Personen darauf reagieren“ (1972a, S. 14, eigene Übersetzung).

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Details

Seiten
214
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346134462
ISBN (Buch)
9783346134479
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537307
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Bildung & Beratung Bethel
Note
Schlagworte
Angststörung Prüfungsangst Lernmethoden Prüfungsvorbereitung Prüfungssituation Angst Prüfung Klausur Klausurvorbereitung

Autoren

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Titel: Der Angst ein Ende. Prüfungsangst verstehen, erkennen und adäquat handeln können