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Wha gwaan? Eine soziolinguistische Betrachtung des jamaikanischen Patois unter Berücksichtigung der aktuellen Pidgin- und Kreolforschung

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pidgin- und Kreolforschung
2.1. Pidgin
2.2. Kreol
2.3. Kreolistik
2.4. Vorkommen von Pidgin und Kreolsprachen
2.5. Entwickelungsprozesse

3.Entstehung des Patois
3.1. Historischer Überblick Jamaikas
3.2. Kolonialisierung und Sklaverei
3.3. Einflüsse auf das jamaikanische Patois

4. Heutige soziale Situation in Jamaika

5. Äußere Einflüsse auf die Sprache: Reggae, Clashes und Dubplates: Profilierung durch Musik

6. (Un-)Bewusste Auseinandersetzung mit Sprache
6.1. Versuche der Verschriftlichung
6.2. Bekämpfung des Analphabetismus
6.3. Code-switching

7. Einige Sprachbeispiele
7.1. Satzbau
7.2. Zeitenbildung
7.3. Pluralbildung
7.4. Verneinung

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wha gwaan[1] ? Das mag sich so mancher denken, der sich überlegt, wie man auf die Idee kommt, sich bei einem so vielfältigen Themengebiet, wie dem der Soziolinguistik, ausgerechnet auf die Sprachentwicklung einer kleinen Insel irgendwo in der Karibik –Jamaika- und das dortige Kreol -Patois[2] - zu konzentrieren? Nun - den Anstoß zu dieser Hausarbeit gaben ausgerechnet Kommilitonen, die in ihrem Referat aus Unwissenheit über gerade dieses Thema ein Beispiel vortrugen, das sie als Black English bezeichneten, eine Verwechslung, die niemandem auffiel. Aus diesem Grund soll diese Hausarbeit ein wenig Aufklärungsarbeit leisten. Leider kann auf dieses Beispiel nicht genauer eingegangen werden, da es trotz mehrmaligen Nachfragen nicht möglich war, hierzu ein Handout oder weitere Informationen zu bekommen, weshalb bedauerlicherweise nicht näher erläutert werden kann, wo in diesem konkreten Fall der Unterschied zwischen Black English und Patois liegt.

Nach einem generellen Überblick über Pidgin- und Kreolsprachen, zu denen das Patois zählt, werden die historischen Hintergründe, die zur Entstehung dieser Sprache führten, kurz erläutert. Obwohl es sich hierbei um sehr umfangreiche Themengebiete handelt, soll aufgrund der Länge einer Proseminararbeit nur ein kurzer Gesamtüberblick gegeben werden, so wird beispielweise auf die für die Pidgin- und Kreolforschung grundlegende lingua franca aus Platzgründen nicht eingegangen. Für tiefergehende Analysen und Forschungsergebnisse wird deshalb auf das Literaturverzeichnis verwiesen.

Auch in der Kreolforschung, auf die im 2. Kapitel noch genauer eingegangen wird, spielt das jamaikanische Patois eine wichtige Rolle: die erste Konferenz über Kreolforschung fand 1959 in Jamaika statt. Durch jahrelangen Umgang mit jamaikanischer Musik und Kontakten zu Jamaikanern wuchs mit der Zeit immer mehr das Interesse für diese sehr interessante Kreolsprache, weshalb diese Hausarbeit ein willkommener Anlass war, mehr darüber zu erfahren. Dank eigener Erfahrungen konnte auch der Bezug zwischen Sprache und Musik hergestellt werden, weshalb auch hierzu einige kurze Erläuterung folgen werden.

Im letzten Kapitel werden einige konkrete Beispiele aus dem Patois folgen, die zumindest einen kleinen Einblick in diese doch sehr komplexe Sprache geben sollen.

2. Pidgin- und Kreolforschung

2.1. Pidgin

Vorrausgehend soll hier zum besseren Verständnis der folgenden Kapitel der Unterschied zwischen Pidgin und Kreol erläutert werden. Pidgin ist eine Zweitsprache, die unter erschwerten Bedingungen - meist weil eine gemeinsame Sprachgrundlage zwischen Gesprächspartnern fehlt - erworben wird. Da es sich hierbei nie um eine Muttersprache handelt, die von klein auf erworben wird, sondern immer neu dazugelernt werden muss, ist sie meistens nur auf das Nötigste beschränkt, was die Kommunikation ermöglicht. Es handelt sich somit nur um eine sehr spezialisierte, keinesfalls aber ausgereifte Sprache. Somit weicht sie auch in vielen Fällen von einer „Standardsprache“ ab, beispielsweise durch fehlende Markierungen in den Bereichen Tempus, Aspekt, Kasus, Numerus und Genus[3], worauf zum Teil später - in Kapitel 7 - noch genauer eingegangen wird.

Zur Entstehung einer solchen Sprache führen oft neue Lebenssituationen, in denen die Sprecher sich nicht mehr ausreichend in ihrer bisherigen Muttersprache verständigen können, z.B. durch internationalen Handel, bei dem neue Bezeichnungen für Ware, Größe, Qualität, Preise etc. erlernt werden müssen. Oft führten aber auch Eroberung, Kolonialisierung und Sklaverei zur Bildung eines Pidgin, da die Dominierenden den Dominierten ihre eigene, neue Sprache aufzwangen, die aber meist nicht mehr vollständig erlernt werden konnte (aufgrund fortgeschrittenen Alters, fehlender Schulbildung, Zeitmangel etc.).

Meistens entwickelte sich eine Pidginsprache aber nicht nur aus zwei, sondern aus mehreren, unterschiedlichen Sprachen - so wie das Patois, auf das später noch ausführlicher eingegangen wird, das unter anderem Einflüsse aus dem Englischen, Portugiesischen, Spanischen, Indischen, Französischen und Afrikanischen enthält. Durch sich verändernde Umstände (beispielsweise die Verschiffung von Sklaven auf andere Kontinente) ist auch das Pidgin einem stetigen Wandel unterworfen. Somit kann eine solche, ohnehin schon sehr eingeschränkt nutzbare, Sprache schnell wieder aussterben wenn sie nicht mehr anwendbar ist, sie kann sich aber auch zu einer Muttersprache, einem Kreol, weiterentwickeln.

2.2.Kreol

Kreol kann die Fortsetzung des Pidgin sein. Während letzteres ausnahmslos als Zweitsprache auftritt, kann dessen Weiterentwicklung zu einem Sprachwandel führen, aus dem ein Kreol entsteht. Dieses kann dann in einer nachfolgenden Generation möglicherweise auch als eine Muttersprache erworben werden, die alle verbale Bedürfnisse einer solchen erfüllen kann, im Gegensatz zu einer nur eingeschränkt nutzbaren Zweitsprache. Dieser Prozess bedingt eine Erweiterung und Differenzierung des Pidgin, die zu einer qualitativen und quantitativen Elaboration der sprachlichen Ausdrucksmittel führt3. Was beiden Sprachen jedoch gemeinsam ist, sind die sprachspezifischen Einflüsse und allgemeinen Sprachentwicklungsmechanismen, die in sehr komplexer Weise auf diese einwirken[4].

2.3. Kreolistik

Kreolistik ist als eigenständige linguistische Disziplin noch relativ jung, erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie als solche anerkannt. Doch bereits 1914 bemerkte Hugo Schuchardt, der als Begründer der Kreolistik gilt, dass „die kreolischen Mundarten noch nicht voll gewürdigt worden“[5] sind. Dem wurde Abhilfe geschaffen, wenn auch erst einige Jahrzehnte später, mit der ersten internationalen Konferenz für Kreolstudien in Mona, Jamaika, 1959. Hier wurden hauptsächlich die drei Fragenkomplexe zur Entstehung der Pidgin- und Kreolsprachen, das Problem deren linguistischer Beschreibung und deren sprachlicher Variation behandelt.[6] Der zur folgenden Konferenz in Mona dazugehörige Sammelband[7] gehört bis heute zu den wichtigsten Dokumenten der kreolistischen Forschung. Beide Konferenzen werden noch immer als Meilensteine dieser Forschung angesehen.

Die Kreolistik beschäftigt sich aber keineswegs „nur“ mit linguistischen Aspekten. Wichtige Beiträge zur Erforschung dieser Sprachen kommen auch aus Bereichen wie Soziologie, Psychologie, Historie, Politik und Ökonomie, die zusätzlich Aufschluss über Entstehung und Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen geben, auf einige dieser Faktoren wird in späteren Kapiteln noch kurz eingegangen.

2.4. Vorkommen von Pidgin und Kreolsprachen

Wie bereits erwähnt wurde, können die Ursachen für die Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen unterschiedlich sein, auch wenn sie stets das gleiche Ziel verfolgen: gelingende Kommunikation in einer multilingualen Gesellschaft. Somit ist auch keine geographische Bindung dieser Sprachen vorhanden, theoretisch sind sie überall möglich. Hauptsächlich entstanden sie aber in Gebieten, die von Handel und Kolonialisierung betroffen waren, wie in Westafrika oder dem Karibik- und dem Pazifikraum, in denen Kontakte zwischen europäischen und regionalen Sprachen stattfanden. Dies erklärt auch den starken Einfluss des Europäischen, da von diesem Kontinent aus nicht nur viel Handel getrieben, sondern eben auch viel erobert und kolonialisiert wurde. In einer 1977 von Ian Hancock veröffentlichten Auflistung von Pidgin und Kreolsprachen[8] werden von 127 nur 37 als nicht-europäisch-basiert angegeben, was auch die soziale Hierarchie der damaligen Zeit widerspiegelt. Denn Europäer als Eroberer standen in der Rangordnung über den Bewohnern der neu erschlossenen Gebiete, und somit setzten sie auch ihre eigene Sprache durch, was zu einer Überlagerung der ursprünglichen Sprache oder sogar zu deren Aussterben führen konnte.

Weltweit sprechen laut Schätzungen ca. 6-12 Millionen Menschen ein Pidgin, ca. 10-17 Millionen Menschen haben ein Kreol als Muttersprache, wobei englisch-basierte Kreols nach den französisch-basierten die am weitesten verbreiteten sind[9]. Hiervon sind ungefähr 2,5 Millionen dem Patois zu zuordnen, zusätzlich mehrere hunderttausende Sprecher dem britisch-jamaikanischen Patois[10]. Bei einer Einwohnerzahl von ungefähr 2,7 Mio.[11] Menschen macht die Anzahl der Patoissprecher somit einen Großteil der Bevölkerung aus. Solche Angaben sind allerdings kritisch zu betrachten, da es einerseits auch bis heute noch nicht gelungen ist, eine genaue Klassifizierung der Pidgin- und Kreolsprachen zu erstellen - wann es sich um eine regionale oder soziale Varietät handelt und ab wann um ein eigenständiges Sprachsystem - und andererseits ist auch das Wissen über deren Existenz noch unvollständig[12].

[...]


[1] Patois: Frei übersetzt: Was ist los?, umgs.: Was geht?

[2] Nicht zu verwechseln mit dem französischen Patois. Patois (auch Patwah) wird im linguistischen Bereich auch als jamaikanisches Kreol bezeichnet, da es aber heutzutage nicht mehr nur in Jamaika, sondern weltweit verbreitet ist, wird es in dieser Arbeit bewusst mit dem allgemein dafür gängigen, jedoch nicht-linguistischen Begriff Patois bezeichnet werden.

[3] Hellinger, Marlis: Englisch-orientierte Pidgin- und Kreolsprachen: Entstehung, Geschichte und sprachlicher Wandel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1985. S.1.

[4] Hellinger, 1985. S.XI.

[5] Hellinger, 1985. S. 27.

[6] Le Page, Robert B. (Hg.): Creole Language Studies. Proceedings of the conference on Creole language studies II. London: Macmillian 1961.

[7] Hymes, Dell: Pidginization and Creolization of Languages. Proceedings of a Conference held at the University of the West Indies, Mona, Jamaica, April 1968. Oxford: Cambridge University Press 1971.

[8] Hancock, Ian F.: Appendix: Repertory of Pidgin and Creole Languages. In: Pidgin and Creole Linguistics. Hg. v. Albert Valdman. Bloomington & London: Indiana University Press 1977. S. 370-372.

[9] DeCamp, David: The development of Pidgin and Creole Studies. In: Pidgin and Creole Linguistics. Hg. v. Albert Valdman. Bloomington & London: Indiana University Press 1977. S. 3-20. S. 6f.

[10] Smith, Norval: An annotaded list of Creoles, Pidgins, and mixed languages. The list. In: Pidgins and Creoles. An Introduction. (Creole Language Library; Volume 15). Hg. v. Jaques Arebds, Pieter Muysken, Norval Smith.. Amsterdam/ Philadelphia: John Bejamins Publishing Company 1994. S.341.

[11] Welt-in-Zahlen.de. Länderinformation. Jamaika.

http://www.welt-in-zahlen.de/laenderinformation.phtml?country=89. 12.12.2005.

[12] DeCamp, 1977.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638490955
ISBN (Buch)
9783638765541
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53726
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Eine Betrachtung Patois Berücksichtigung Pidgin- Kreolforschung Soziolinguistik Patwa Jamaika Kreolsprache

Autor

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