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Sprachkrise, Ereignishaftigkeit und Epiphanie in Hugo von Hofmannsthals "Ein Brief"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

Hinführung und Fragestellung

1. Begriffe
1.1 Sprachkrise
1.2 Ereignis und Ereignishaftigkeit

2. Analyse
2.1 Sprachkrise als Ereignis
2.2 Epiphanie als kleine Ereignisse und Überwindungsversuche

Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Hinführung und Fragestellung

Die Epoche der Moderne prägt die Jahrhundertwende um 1900 literarisch durch die Hinterfragung von traditioneller Erzählformen.1 Neue Stilrichtungen und Ausdrucksformen be­wirken einem Umbruch in der Literatur. Vor allem die Infragestellung des „Ichs“ verändert die Literatur der Jahrhundertwende.2 Ebenfalls zu dieser Zeit, im Jahr 1902, erscheint ein Brief von Hugo von Hofmannsthal, in dem die epochentypische Sprach- und Identitätskrise ihren Höhe­punkt findet.3 In diesem fiktionalem Brief entschuldigt Lord Chandos sich bei seinem Freund Francis Bacon dafür, dass es so lange keinen Briefverkehr zwischen den beiden gab.4 Als Grund für Chandos' Stillschweigen stellt sich eine tiefe Skepsis heraus, die eigene Sprache angemes­sen zu verwenden.5 Diese Verunsicherung ist charakterisierend für die Sprachkrise.

Der Chandos-Brief und die Epoche seiner Entstehung sind für den wissenschaftlichen Diskurs interessant. Besonders in wie fern die in dieser Epoche vorherrschende Sprachkrise den Chandos-Brief beeinflusst. In diesem Kontext spielt der Begriff der Ereignishaftigkeit und die Frage, ob diese im Chandos-Brief vorhanden ist, eine prägende Rolle. Auch die Entwicklung des Begriffes der Epiphanie ist signifikant für diese Thematik.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Sprachkrise, Ereignishaf- tigkeit und Epiphanie im Chandos-Brief. Hinsichtlich der Thematik ergeben sich die Fragen, wie die Begriffe Sprachkrise und Ereignis zu definieren sind und in welchem Kontext die Be­griffe zur Epoche der Moderne stehen. Außerdem versucht die Arbeit die Frage zu beantworten, ob diese Sprachkrise in Hofmannsthal Chandos-Brief gelöst wird.

Diese Fragen sollen in zwei Kapiteln beantwortet werden. Das erste Kapitel widmet sich der Darstellung der theoretischen Grundlagen und somit der Definition von Sprachkrise und Ereignis. Darauf aufbauend steht im Fokus des zweiten Kapitels die Analyse des Chandos- Briefes auf der Grundlage der zuvor definierten Begriffe. Hierbei wird untersucht, inwiefern die Ereignishaftigkeit und die Sprachkrise mit dem Chandos-Brief zusammenhängen und ob die Sprachkrise im Chandos-Brief überwunden wird. Ein Fazit mit einer Ergebniszusammen­fassung und einem kurzen Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten beschließen die Ar­beit.

1. Begriffe

Im nachfolgenden Kapitel sollen die Begriffe Sprachkrise und Ereignis, sowie Ereignishaf- tigkeit im literaturwissenschaftlichen Kontext erläutert werden.

1.1 Sprachkrise

Schon Mitte 1880 entsteht die Epoche der Moderne,6 doch besonders durch die Jahrhundert­wende 1900 wird diese geprägt. Eine Epoche des Wandels und Umbruchs.7 Bedingt durch die Industrialisierung und neuen Erkenntnisse in der Wissenschaft beschleunigt sich das Zeitemp­finden der Menschen dieser Zeit.8 Neue Medien wie die Zeitung und Werbung entstehen und auch die Technik und die Medizin entwickeln sich weiter.9 Die neuen Entwicklungen stoßen beim Volk sowohl auf Faszination als auch auf Abwehr und Verunsicherung10. Auch auf die Literatur haben die gesellschaftlichen Entwicklungen Einfluss. Durch die Einführung der Schulpflicht wird die Gesellschaft intellektueller und somit erweitert sich sowohl die Leser­schaft als auch die Autorschaft und insgesamt wächst der Buchmarkt.11 Literatur entwickelt sich zu dieser Zeit schnell und Autoren stehen vor der Herausforderung, ständig Neues zu prä­sentieren. Aus diesem Grund wächst das Gattungssystem und es entstehen viele Mischformen.12 Auch die Themen der Literatur werden breiter gefächert und alle möglichen gesellschaftlichen Themen können bedient werden. Die Modere Epoche zeichnet sich in der Literatur durch In­fragestellung von traditionellen Schreibstilen aus.13

Aufgrund des hohen gesellschaftlichen Drucks auf die Identitätssuche steht das Indivi­duum der Moderne vor einer Krise. Das autonome „Ich“ wird radikal in Frage gestellt Es ent­steht ein Bruch zwischen der Welt und dem Ich.14 Mit dem Identitätsverlust und dem Gefühl das Sprachvermögen zu verlieren, beschäftigt sich besonders die Literatur dieser Zeit. So ent­steht eine epochale Sprach- und Identitätskrise. Zuvor wird die Sprache genutzt, um ein Zugang zur Welt zu ermöglichen und diese zu strukturieren, doch nun wird über Beschaffenheit und Verwendung der Sprache reflektiert und die zuvor so selbstverständlich verwendete Sprache wird auf einmal in Frage gestellt. Aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts wird Sprache plötzlich zum Problem. Sie wirkt nicht mehr stabil., denn jede wissenschaftliche Entdeckung bedeutet, dass vorherige Vorstellungen überdacht werden müssen15 Es stellt sich die Frage, ob die sich rasch verändernde Welt noch mit einfachen Worten zu greifen ist. Die Autoren kom­men zu der Erkenntnis, dass mit Sprache und Literatur die objektive Wirklichkeit nicht mehr darzustellen ist. Zunächst scheint der gängige Wortschatz nicht mehr auszureichen, um kom­plexe wissenschaftliche Vorgänge zu beschreiben und schlussendlich können auch die ein­fachsten Dinge nicht mehr mit Hilfe von Sprache ausgedrückt werden.16 Die Sprache scheint verbraucht. Erkenntnisgewinn und Darstellung der Welt mit Hilfe von Sprache ist unmöglich geworden. Die Sprache scheint die wesentlichen Dinge in der Welt zu vereinfachen und die wahre Erkenntnis von der Schönheit und dem Zauber der Welt scheinen nichtmehr greifbar. Es entsteht ein Bruch zwischen Sprache und Realität. Die Autoren des jungen Wiens wie Friedrich Nietzsche, Rainer Marie Rilke, Stefan George und Hugo von Hofmannsthal erkennen diese Problematik und thematisieren sie in ihren Werken. Sie versuchen neue sprachliche Wege zu finden, um die Welt zu beschreiben.

1.2 Ereignis und Ereignishaftigkeit

In Erzählungen sind Ereignisse die „kleinste narrative Handlungseinheit“17. Sie beschreiben eine nicht alltägliche Veränderung eines Zustandes.18 Diese Veränderung können Einzelnen oder einem Kollektiv auffällig erscheinen.19 Einer Figur kann ein Ereignis wiederfahren oder sie kann durch eine Handlung selbst ein Ereignis hervorrufen. Die Figuren nehmen die Ereig­nisse wahr und beschreiben sie auch. Ereignisse können als Bruch im Geschehnis beschreiben werden, die das vorher Geschehende vom Zukünftigen unterscheidet. Deutlich werden Ereig­nisse auf der Erzählinstanz durch Markierungen wie „plötzlich“, „auf einmal“, oder „Es ge­schah an einem Montag“. Erst dadurch, dass die Ereignisse logisch-kausal und zeitlich ver­knüpft werden, kann eine Geschichte schlüssig werden.20

Jedoch ist laut Wolf Schmid nicht jede Zustandsveränderung ein Ereignis. Stattdessen gibt es zwei notwendige Bedingung, welche aus einer Zustandsveränderung ein Ereignis ma- chen.21 Zunächst einmal muss ein Ereignis immer Faktizität bzw. Realität besitzen, was bedeu­tet, dass in der Erzählung die Handlung wirklich vollzogen wird und nicht nur gewünscht und vorgestellt wird. Des Weiteren muss ein Ereignis Resultativität besitzen. Das heißt die Hand­lung muss vollendet sein, beziehungsweise soweit vollzogen werden, dass sie ein Ergebnis mit sich zieht.22 Neben den zwei notwendigen Bedingungen nennt Schmid noch fünf weitere Merk­male von Ereignissen, welche einen Zustand unterschiedlich stark ausmachen und somit dazu führen, dass ein Ereignis weniger oder stärker ereignishaft ist.23 Das erste Merkmal, welches in jedem Ereignis wenigstens teilweise erfüllt sein muss, ist die Relevanz.24 Das heißt, ein Ereignis muss für die Erzählung in einem bestimmen Maße relevant sein. Für die Relevanz von Ereig­nissen gibt es jedoch keinen Maßstab. Es ist relativ, wie entscheidend eine Zustandsverände­rung für eine Geschichte ist. Ein weiteres Merkmal von Zustandsveränderungen ist die Imprä- dikabilität. 25 Demnach wird eine Zustandsveränderung zum Ereignis, wenn die Veränderung eine Überraschung in der narrativen Welt und für alle Protagonisten ist. Die beiden ersten Merk­male von Ereignissen sind die Hauptkriterien, die mindestens in einem gewissen Maße erfüllt sein müssen, damit eine Zustandsveränderung zum Ereignis wird. Als drittes Merkmal nennt Schmid die Konsekutivität. 26 Ereignisse sind für eine Geschichte umso ereignishafter, je mehr sie die persönlichen Normen und die Welt der von der Veränderung betroffenen Person verän­dern. Auch die Irreversiblität eines Zustandes kann diesen zum Ereignis machen. Das heißt je unwahrscheinlicher es ist, dass das Geschehene ungeschehen gemacht werden kann, umso er­eignishafter ist der Zustand.27 Wenn ein Zustand Non-Iterativ ist, also sich nicht häufig wieder­holt, ist der Zustand ereignishaft.28 Die meisten Merkmale von Ereignissen sind nicht objektiv, sondern relativ und im Kontext der Geschichte entscheidend.29

2. Analyse

Hugo von Hofmannsthals Ein Brief gilt als Grundtext der Moderne, da die epochentypischen Merkmale, wie Umbruch des Literaturverständnisses, aber vor allem auch die Identitäts- und Sprachkrise in diesem Text thematisiert werden.30 Der fiktive Dichter Lord Chandos verarbeitet in seinem Brief an den Wissenschaftler Francis Bacon die geschichtlichen Ereignisse der mo­dernen Gesellschaft.31 Der Text von Hugo von Hofmannsthal soll in diesem Kapitel analysiert werden.

[...]


1 Vgl. Göttsche (1994): S.179.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd. S.181.

4 Vgl. Bartl (2002): S.21ff.

5 Vgl. Mauser (1977): S.119.

6 Vgl. Ajouri (2009): S. 11.

7 Vgl. ebd. S. 27.

8 Vgl. ebd. S. 11.ff.

9 Vgl. ebd. S. 149.

10 Vgl. Kimmich (2006): S. 38.

11 Vgl. Ajouri (2009): S. 17.

12 Vgl. ebd. S. 19.

13 Vgl. Göttsche (1994): S.179.

14 Vgl. Ziolkowski (1961): S.598.

15 Vgl. ebd. S.598.

16 Vgl. Ajouri (2009): S. 150.

17 Becker/ Hummel/ Sander (2018): S.104.

18 Vgl. Schmid (2014): S. 12.

19 Vgl. Seel (2003): S.39.

20 Vgl. Becker/ Hummel/ Sander (2018): S.104.

21 Vgl. Schmid (2014): S. 14.

22 Vgl. ebd. S. 15.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. ebd. S. 16.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd. S. 17.

27 Vgl. ebd. S. 18.

28 Vgl. ebd. S. 19.

29 Vgl. ebd. S. 22.

30 Vgl. Göttsche (1994): S. 181.

31 Vgl. ebd.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346131270
ISBN (Buch)
9783346131287
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537199
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Sprachkrise Hofmannsthal Chandosbrief
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Titel: Sprachkrise, Ereignishaftigkeit und Epiphanie in Hugo von Hofmannsthals "Ein Brief"