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Staatliche Wissenschaftspolitik und die Entwicklung von Science Based Industries im Deutschen Kaiserreich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 22 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt:

Einleitung

1. „Triple Helix“ und „Mode 2“ - Wissenschaftskultur und Wissenschaftssystem im Deutschen Kaiserreich

2. Staatliche Wissenschaftspolitik - Das „System Althoff“

3. Leitbilder und Zielvorstellungen staatlicher Wissenschaftsförderung

4. Zur Rolle des Staates bei der Entwicklung wissensbasierter Industrien

Resümee

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Nachdem das Deutsche Reich 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia seine industrielle Entwicklung noch in einer Weise präsentiert hatte, die den Direktor der Berliner Gewerbeaka-demie Franz Reuleaux dazu veranlasste, die in Philadelphia gezeigten deutschen Produkte gemeinhin als „billig und schlecht“ abzuqualifizieren, stellte sich die Situation nur ein Vierteljahrhundert später völlig anders dar. Auf den Weltausstellungen in Chicago 1893 und Paris 1900 war es das Kaiserreich, welches sich als dynamischste Industriemacht Europas prä-sentieren konnte. Seine gesamte Darstellung und die Anzahl der errungenen Preise - in Chi-cago fiel allein ein Viertel an die deutschen Vertreter - waren hier zum Spiegelbild des wirt-schaftlichen und wissenschaftlichen Aufstiegs seit der Reichsgründung geworden.1

Zurückzuführen ist dieser Aufstieg des Deutschen Reiches zu einem der führenden Industrie-staaten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dabei wesentlich auf den Aufschwung der Naturwissenschaften, auf den wissenschaftlichen Fortschritt, welcher schließlich auch in die industrielle Produktion Einzug gehalten und in den Leitsektoren dieser „Zweiten Industriellen Revolution“, in der Chemie und Elektrotechnik, zur Entstehung wissensbasierter Industrien geführt hatte. Diese Verbindung von Wissenschaft und Industrie wiederum war zurückzu-führen auf eine zur damaligen Zeit in Europa beispiellose Kooperation der Trias Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Es war diese Zusammenarbeit, die das spezifisch deutsche Innova-tionssystem kennzeichnete, welches den Weg der wissensbasierten Industriezweige an die Weltspitze möglich gemacht hatte.

Bei der Untersuchung der Rahmenbedingungen und Triebkräfte, also der Ursachen für den Aufschwung der jungen Industrien, sind keine monokausalen Erklärungen möglich, sondern zahlreiche sich bedingende Determinanten gegeben, welche schließlich zu der beschriebenen Entwicklung geführt haben. In der vorliegenden Arbeit soll nun ein wichtiger Aspekt hinterfragt werden, nämlich inwiefern die staatliche Wissenschaftspolitik einen spezifischen Anteil an der Entwicklung der „Science Based Industries“ hatte, schließlich muss dem Staat doch eine bedeutende Rolle zugewiesen werden, da stets er die Rahmenbedingungen setzte, innerhalb derer alle anderen Akteure agierten. In erster Linie muss unter dem Begriff „Staat“

in diesem Zusammenhang das preußische Kultusministerium verstanden werden, welches im Kaiserreich faktisch die Funktion eines „Reichswissenschaftsministeriums“ inne hatte2, für die grundlegenden wissenschaftspolitischen Weichenstellungen verantwortlich zeichnete und unter der Ägide der herausragenden Persönlichkeit Friedrich Althoffs überhaupt erst den Übergang von der reinen Wissenschaftsverwaltung zur Wissenschaftspolitik erreicht hatte. Es war diese Politik, die einen entscheidenden Anteil am Aufschwung der deutschen Wissen-schaft besaß, eine Politik, die mit dem Auf- und Ausbau des deutschen Bildungs- und Hoch-schulwesens institutionelle Voraussetzungen geschaffen hatte, welche dann auch die Ent-stehung der wissensbasierten Industrien begünstigten.

Zunächst soll nun in Kapitel eins das Wissenschaftssystem des Kaiserreiches charakterisiert, sodann in Kapitel zwei ein Abriss zur staatlichen Wissenschaftspolitik gegeben und in Kapitel drei nach den Motiven staatlicher Wissenschaftsförderung gefragt werden. Kapitel vier hat schließlich die Rolle des Staates bei der Entwicklung wissensbasierter Industrien zum Thema - unter besonderer Berücksichtigung der chemischen Industrie als geradezu einem Paradebeispiel einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Industrie. Dabei soll die Frage beantwortet werden, ob und gegebenenfalls welche Strategien zur gezielten Förderung der neuen Industrien von Seiten des Staates existierten und wie ihr Anteil zu bewerten ist.

Zum Themenkomplex der Verwissenschaftlichung der industriellen Produktion ist bisher eine Vielzahl an Publikationen erschienen, vor allem technik- und wissenschaftshistorischer sowie soziologischer Provenienz. An Darstellungen zur Entwicklung von Industrieforschung und „Science Based Industries“ sind dabei die Arbeiten von Ulrich Marsch und Walter Wetzel hervorzuheben3. Zur staatlichen Wissenschaftspolitik wurden in der vorliegenden Arbeit eine Reihe an Darstellungen verwendet, deren Erkenntnisse hier besonders in Bezug auf die Ent-wicklung wissensbasierter Industrien ausgewertet und gegenübergestellt wurden4.

1. „Triple Helix“ und „Mode 2“ - Wissenschaftskultur und Wissenschaftssystem im Deutschen Kaiserreich

Voraussetzung für den industriellen Aufschwung des Deutschen Reiches, welcher aus der Verbindung von Wissenschaft und Industrie resultierte - einer Verbindung, die Wissenschafts- kultur und Wissenschaftssystem des Kaiserreiches prägte - war der Aufschwung der Natur- und Technikwissenschaften im 19. Jahrhundert.

Charakteristisch für diesen Aufschwung war eine zunehmende allgemeine Hinwendung zu den Naturwissenschaften und damit verbunden ein Fortschrittsglauben, der den Großteil der Menschen erfasste, die sich nun etwa von einem Fortschritt in Naturwissenschaft und Medizin einen allgemeinen Menschheitsfortschritt und von einem künftigen „naturwissenschaftlichen Zeitalter“ eine Besserung ihrer materiellen Verhältnisse erhofften. So waren Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit ein fester Bestandteil der Wissenschaftskultur des Kaiserreiches.5

In den deutschen Ländern hatte der Aufschwung der Natur- und Technikwissenschaften ein-gesetzt, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Unterrichtswesen neben die humanistische Bil-dungstradition ein verstärkt praxisbezogenes Erziehungssystem mit technisch-naturwissen-schaftlichem Schwerpunkt gestellt und damit auf die Anforderungen der beginnenden Indus-triealisierung reagiert wurde. Auf die Hochschulen übertragen, mündete dieses duale System in den Konkurrenzkampf zwischen Universität und Technischer Hochschule, der schließlich mit der Gleichstellung beider Institutionen und der Etablierung der Naturwissenschaften an den Universitäten endete. An den Hochschulen hatte sich so der Aufstieg der Technik- und Naturwissenschaften vollzogen, der nun auch einen Ansehensgewinn für Naturwissenschaftler und Ingenieure und deren zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz mit sich brachte6.

Diese Entwicklung trug zur Überwindung der jahrhundertelangen kulturellen Trennung von Wissenschaft und Technik bei7, als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Wirtschaftswachstum nicht mehr voneinander zu trennen waren. So ist für das Kaiserreich eine „gegenseitige Interessenverflechtung“ von Wirtschaft und Wissenschaft zu konstatieren: die Industrie war zunehmend an den Forschungsergebnissen der Wissenschaft, die Wissenschaft aber auch zunehmend an der industriellen Entwicklung und Nutzung ihrer Erkenntnisse interessiert8. Damit waren endgültig die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit der Wissenschaft mit Industrie und Technik gegeben. Wissenschaft war jetzt - mit ihrem Einzug in die industrielle Produktion - kommerzialisierbar, sie besaß einen reellen Nutzen für Wirtschaft und auch Politik, weshalb der Staat als dritter Akteur diese Zusammenarbeit administrativ unterstützte. Am Ende sollte dies alles zu einer institutionalisierten Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mit dem gemeinsamen Ziel des Fortschritts führen.

Damit hatte sich ein Wissenschaftssystem entwickelt, welches sich auch mit zwei aktuellen sozialwissenschaftlichen Begriffen charakterisieren lässt9. Einmal mit dem Begriff der „Triple Helix“, einem Modell, das - entworfen von H. Etzkowitz und L. Leydesdorff10 - eine Ver-flechtung der drei Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Industrie beschreibt, mit der die Grenzen zwischen diesen Akteuren fließend werden. Den zweiten Begriff prägten M. Gibbons und seine Co-Autoren 1994 in ihrer Analyse einer veränderten Form der Wissensproduktion heutiger Gesellschaften11, in der sie die Entstehung eines neuen Modus der Wissensproduk-tion - bezeichnet als „Mode 2“ - beschreiben, dessen Kennzeichen das Ziel der Gewinnung praktisch verwertbaren Wissens ist. Wissen wird hier gezielt transdisziplinär und anwen-dungsorientiert produziert, weshalb sich im Vergleich zum rein akademischen, disziplinären System der Wissensproduktion - dem „Mode 1“ - im „Mode 2“ auch eine größere wissen-schaftsorganisatorische Vielfalt findet, indem neben den Universitäten etwa zunehmend außeruniversitäre Institute an Bedeutung gewinnen.

Grundlegende Entwicklungen für beide Modelle lassen sich bereits für das Wissenschafts-system des Kaiserreiches konstatieren, etwa eine Verflechtung der drei Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mit ihrer sich gegenseitig ergänzenden Zusammenarbeit, in der sie Funktionen voneinander übernahmen, welche ein Akteur allein nicht mehr erfüllen konnte so-wie, aus dieser Zusammenarbeit resultierend, der Bedeutungsgewinn außeruniversitärer For-schung. Herausragende Bedeutung kam hier etwa den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesell-schaft (abgekürzt KWG) zu. Denn es war diese außeruniversitäre Forschung, welche in erster Linie etabliert worden war, um praktisch verwertbares Wissen zu gewinnen. Diese Entwick-lung soll im folgenden Kapitel skizziert werden.

[...]


[1] Siehe dazu Fuchs, Eckhardt: Das Deutsche Reich auf den Weltausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg, in:

Ders. (Hrsg.): Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, Comparativ 9.5/6 (1999), S. 61-89.

[2] Brocke, Bernhard vom: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kaiserreich. Vorgeschichte, Gründung und Ent-

wicklung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in: Ders./ Vierhaus, Rudolf (Hrsg.): Forschung im Span-

nungsfeld von Politik und Gesellschaft. Geschichte und Struktur der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesell-

schaft, Stuttgart 1990, S. 17-162, hier S. 77.

[3] Marsch, Ulrich: Zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Industrieforschung in Deutschland und Groß-

britannien 1880-1936, Paderborn u.a. 2000; Wetzel, Walter: Naturwissenschaften und chemische Industrie

in Deutschland. Voraussetzungen und Mechanismen ihres Aufstiegs im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1991.

[4] Hervorzuheben wären hier vom Brocke, 1990 (siehe Anm. 2) sowie Burchardt, Lothar: Wissenschafts-

politik im Wilhelminischen Deutschland, Göttingen 1975, welche besonders die Entstehungsgeschichte

der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft umfassend untersucht haben.

[5] Siehe dazu Wetzel, 1991, S. 268ff.

[6] Siehe ebd., S. 96-122.

[7] Vgl. ebd., S. 143. 8 Ebd., S. 123.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638490474
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53660
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte der Technik und der Technikwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Staatliche Wissenschaftspolitik Entwicklung Science Based Industries Deutschen Kaiserreich

Autor

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Titel: Staatliche Wissenschaftspolitik und die Entwicklung von Science Based Industries im Deutschen Kaiserreich