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Der schwache König und der starke Held. Marke und Tristan in "Tristan" von Gottfried von Straßburg

von Johanna Seitz (Autor)

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

1. EINLETTUNG

2. BEGRIFFSERLÄUTERUNGEN
2.1. Das Vorbild von Artus und Artushof
2.2. Der Artusritter

3. MARKE- EIN SCHWACHER HERRSCHER?
3.1. Die Stärken der Marke-Figur am Text
3.2. Die Schwächen der Marke-Figur am Text

4. TRISTAN- DER LISTIGE HELD
4.1. Tristan und seine Stärken
4.2. Tristan und seine Schwächen

5. EIN RESÜMEE

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Während ein Großteil der Forschung in Gottfrieds Tristan-Roman auf der Suche nach der Verbindung von Tristan und Isolde ist, soll diese Arbeit die Beziehung zwischen Marke und Tristan in einem zu bestimmenden Rahmen näher erklären. Die These lautet hierbei: Sind Stärken und Schwächen tatsächlich Charaktereigenschaften mit derer es Marke als Herrscher und Tristan als Held zu erklären genügt? Und wie lassen sich die Zweithauptcharaktere in Hinblick auf gegebene, höfische Machtverhältnisse genauer in Verbindung setzen.

Zum einen ist die Legende um Artus und den Arthushof ein wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Literatur, zahlreiche Romane und Erzählungen widmen sich Artus. Zum anderen betrifft dies eine Zeit, in der minne einen Ausdruck vieler Facetten einer Beziehung darstellen konnte und kann. Nicht nur die Beziehung zwischen Liebenden und deren Qualen, auch die Relationen zu Familie und einem guten Freund können über den minne -Komplexes ermittelt werden. In dieser Arbeit soll aber ebenjenes Prinzip der zweigeschlechtlichen minne ausgegrenzt werden, nicht nur aufgrund des starken Forschungsfokus darauf, auch wegen der minneclichen Besonderheit, mit der sich Marke und Tristan begegnen: halb Familie, halb Herrschaftsverhältnis und auch zum größten Teil Freundschaft verbindet die beiden Protagonisten miteinander. Was Marke zum Herrscher macht sind nicht nur die zu erforschenden Stärken, ebenso die Schwächen machen seine Person zum Anführer dieses Werkes, welches noch „heute zu den umworbensten Romanen des Mittelalters“1 zählt. Gerade Marke wird in der Forschung oft nur als schwacher König dargestellt, der dem Ideal des Herrschertums zu dieser Zeit nicht oder nur zu Beginn nachkommt. Hauenstein schreibt hier von einer erforschten Schuldfrage Markes, welche zur Grundlage des Protagonisten wurde.2 Sie selbst erforscht die Figur des Marke3 mittels seiner Schwächen, welche vor allem, so ein Ansatz ihrer Forschungslösung, als Kritik Gottfrieds an der höfischen Welt gesehen werden kann.4 Markes Schwäche, erläutert HEER, werden vor allem im Morolt-Kampf sichtbar.[4] Allerdings stellt sich hier die Frage, wie er in eine solche Bredouille kommen konnte. Dazu kommt die außerordentliche Darstellung Tristans, die ein Gegenüberstellen mit dem Helden in der außerordentlichen Darstellung Tristans schwierig und dramaturgisch unmöglich machen.

Betrachtet man ebenjene Situation exemplarisch einmal umgekehrt, so konnte Tristan ohne die ausweglose Situation Markes nicht in die wunderbare Position des Sich-Brüstens geraten und hätte wiejeder andere ,gewöhnliche‘ Ritter seiner aventiure nachgehen müssen. Doch Tristan­dies wird den zweiten Teil dieser Arbeit bilden- bewältigt seine Herausforderungen, die notwendig sind, um Anerkennung und ere als Ritter in der höfischen Welt zu erlangen, mit nichts weiter als seiner Fähigkeit der list, welche neben Naturgegebenheiten, oder einer Art Talent, Ertrag einer außerordentlich gründlichen höfischen Erziehung mit einem hohen Bildungsgrad ist.5 Diese These ist gewagt und ihre Untersuchung im Umfang dieser Arbeit nicht zu bewerkstelligen. Doch soll im Folgenden ein Weg aufgezeigt werden, der das Thema des starken Helden und des schwachen Königs in ein anderes Licht rückt. In der Forschung erhielt dieser Roman des 12. Jahrhunderts6 nicht erst seit Kurzem große Aufmerksamkeit, was nicht zuletzt der besonderen Dreier-Konstellation und Ansicht Tristans als Wunderkind geschuldet ist. Auch der Hof ist hier im Sinne des Artushofes ein wichtiger Bestandteil, um die beschriebene Welt in einen bestimmten Rahmen einordnen zu können. Es soll gesagt sein, dass jene Charaktere, vor allem die der Hauptfiguren, keine direkte Rolle darstellen, sondern viel mehr als ein Gerüst verstanden werden müssen, dem sich Gottfried als Autor und auch als auktorialer Erzähler angenähert und sich exemplarisch an tatsächlichen Zeitgeschehnissen orientiert hat.7

Die Frage, ob Gottfried in Marke eine Regierungskritik äußern oder nur den Reiz der „stilisierten Figur“8 Tristan als Widererkennung zum Erfolg seines Romans benutzen wollte, wird in dieser Arbeit allerdings keinen Raum finden. Deutlich soll hingegen die Verschiedenheit der Auslegung jener Zuweisungen wie Stärke und Schwäche, durch die Relationen, in denen sie stehen gemacht werden. Hierbei wird ein Vergleich in unterschiedlichen Textpassagen Anhalt und die einleitende Begriffserklärung einen gemeinsamen Ausgangspunkt für Leser und Schreiber geben.

2. Begriffserläuterungen

2.1. Das Vorbild von Artus und Artushof

Um Parallelen zwischen Marke und dem Idealbild Artus‘ zu erkennen, soll vorab eine kurze Übersicht über das Bild des Herrschers Artus dargestellt werden. Auch sein Hof, welcher eine wichtige Funktion einnimmt, wird in Ergänzung zum Idealherrscher Anerkennung finden.

Artus, als repräsentative Handlungsfigur9 eines Herrschers oder Königs, kennzeichnet sich im Besonderen durch milte und ere aus. Dabei versteht sich die ,Rolle‘ des idealen Herrschers bei Artus vor allem auch in Zusammenhang mit dem Hof und höfischen Vorstellungen jener Eigenschaften, wenn man sie so nennen möchte. Dabei sind gewisse Grundsätze in der höfischen Welt zu berücksichtigen, beispielsweise die höfische zulil. welche das Benehmen am Hof und die manchmal durch Gewalt zu erzwingende Einhaltung von Hierarchien beschreibt, durch welche am Hofe eine notwendige Ordnung entsteht.10 Ein zweiter wichtiger Grundsatz ist der der höfischen Kultur, welche sich durch eine ,Kultur der Sichtbarkeit[4] kennzeichnet. Das Äußere eines Hofmitgliedes wird hier als Einheit von Kleidung, Haut und Haar untrennbar mit seinem wahren Wesen gleichgesetzt.11 Die Beschreibung des Äußeren von König Artus ist damit auch eine Beschreibung seiner inneren Qualitäten. Der Hof entscheidet nicht nur über die Anerkennung von Personen, sondern auch über die Schande, damit ist also alles, was eine Person für den Hof darstellt und was über sie gesprochen wird, mit ihrer Stellung gleichzusetzen.12 Grundsätzlich gilt es aber für die Hofmitglieder,jede Schande zu vermeiden und so viel ère wie möglich zu erlangen.13 Außerdem korrespondiert ère nach Wenzel auch mit „der ideellen Gesamtverfassung der Herrschaft so, wie die Ehre des Einzelnen der idealen Entsprechung von adliger Qualität und adliger Erscheinung“.14 Diese „öffentliche Bestätigung von Statusqualität“15 schlägt sich ferner bei König Artus in der Herrschaftsqualität nieder. Seine Anerkennung fußt auf jenem Gedanken und spiegelt die Möglichkeiten seiner feudalen Machtausübung wieder. Zuletzt bleibt noch die triuwe anzuführen, welche wahrscheinlich am ehesten mit der heutigen Vorstellung von gegenseitiger Loyalität in personalen Beziehungen zu beschreiben ist. Die triuwe realisiert die staatlichen Strukturen, welche im Gegensatz zu den Personen nicht austauschbar sind.16 Eine solche Gegebenheit ist nicht nur verbindend, sondern auch eine Rechtsverpflichtung,17 anjene schon genannte Eigenschaften aufbauend angeknüpft sind. Artus als ideale Form eines Herrschers besitzt all diese und verfügt über sie eloquent und offenbar so eindrucksvoll, dass er die uneingeschränkte Unterwerfung einiger herausragender Ritter erhielt. Chretien de Troyes verfasste eine Liste dieser Ritter, auf der auch Tristan enthalten ist. Er ist damit ein Artusritter und verfügt also über besondere Eigenschaften, die einen Artusritter hervorstechen lassen.

2.2. Der Artusritter

Die Hauptattribute eines Ritters sind in den meisten Fällen von Oberflächlichkeit und Ausdruck geprägt. Die höfische Abstammung ist damit unausweichlich für das Rittersein und geht einher mit einer besonderen Bildungserziehung und makellosem Konversationsverhalten. Die exzeptionelle Herkunft wird durch eine herausragende Leiblichkeit verbürgt.18 So ist das Aussehen immer Repräsentant der Position. Der Ritter selbst repräsentiert einen Hof und ist für den heldenhaften Schutz desselben zuständig. Bis zu diesem Punkt durchläuft er allerdings verschiedene Stufen und ist in jeder als abgeschlossenes Wesen erkenntlich gemacht.19 Die Einführung in den Kreis der Volljährigen und Wehrhaften stellt die Schwertleite.20 Im Leben eines Ritters wird die ständige neue Unterbeweisstellung seines Könnens verlangt.21 Dafür reitet- daher auch der Wortursprung von Ritter: das Pferd als animalischer Vertreter seiner Kräfte22 - er auf aventiure, welche in einem nicht-höfischen Raum stattfindet, weswegen der Ritter hier auch bei Verunstaltung seines Äußeren nicht seinen Status einbüßt. In der Zeit der aventiure, welche eine zufällige, keine sinnvolle Begegnung mit der Außenwelt darstellt,23 ist er meist bemüht sein Leben zu retten und auch das Leben anderer zu erleichtern, sei es eine Prinzessin oder eine zu erkämpfende Burg aus den Klauen eines Konfliktgegners zu befreien. Der ideale Ritter darf aber erst wieder in die höfische Welt zurück, wenn die Ordnung wiederhergestellt ist. Was der ovewü'wre-Ritter bei seiner Heimkunft erhält, ist nicht nur ère, auch ein Teil des Königreichs oder eine Frau werden ihm meist versprochen. Nach dem mittelalterlichen Verständnis ist der Held dem Ritter sehr ähnlich, er wird ,ungewöhnlich‘ geboren, hat eine hohe Abstammung und begibt sich auch auf einen Dienst in der Fremde. Nach der ,Abenteuerfahrt‘ kehrt er siegreich zurück und erleidet meist einen ungewöhnlichen Tod. Als idealisierter Vertreter der Gruppe‘, erfährt er Rache und Neid vom Hof und der Gesellschaft. Helden wie Ritter bedienen sich oft der Gewalt als legitimes Mittel, um eigene Interessen durchzusetzen. Dabei findet jene nur ihre Grenzen, „wo sie auf einen Stärkeren trifft“.24

Dieser Einblick in die komplexe Welt des höfischen Lebens auf Seiten des Herrschers und des Helden/Ritters soll Aufschluss über die nun folgenden verbindenden Elemente im Tristan­Roman geben, um die Stärken und Schwächen der Protagonisten einordnen zu können.

Es bleibt die Frage der besonderen Beziehung von Marke und Tristan und deren Auswirkungen aufeinander.

3. Marke- ein schwacher Herrscher?

Die Forschung ist sich einig darüber, dass die Marke-Figur im Verlauf des Romans einen Wandel vollzieht. Typisch für einen Protagonisten wird er in der Vorgeschichte vorgestellt und während der gesamten Erzählung Stück für Stück demontiert. Wodurch geschieht das und ist es Gottfrieds Ziel, dass Tristan als der strahlende Held den Kampf um Stärke gewinnt? Die eigentliche Frage ist hierbei, wodurch eine Figur stark oder schwach wirkt. Wird ein Herrscher nicht mehr als solcher anerkannt, wenn er Schwäche zeigt und, spannend im Falle Marke, kann eine Schwäche nicht auch eine Besonderheit, wenn nicht gar keine Stärke darstellen? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Hierfür soll ein Querschnitt der Forschung dargestellt und eine Übersicht der Marke-Problematik erstellt werden.

3.1. Die Stärken der Marke-Figur am Text

Die Macht eines Herrschers hängt stark vom Status seiner Person ab. Hierbei scheint es als ewiger Kampf, diesen nicht nur zu erlangen, sondern eben auch zu behalten, wobei letzteres oft schwerer erscheint. Die Stellung eines Königs ist damit auch an das Ansehen seines Hofes geknüpft und lässt sich am besten mit einem Grundsatz des Improvisationstheaters begreifen, der da lautet: „Den König spielen immer die Anderen!“25

Markes Rolle wird zu Beginn der Erzählung in Anlehnung an Artus dargestellt. Dieses Ideal, das hier präsentiert wird, schlägt sich nicht nur im gemeinsamen Schicksalsort Tintajel26 nieder. Auch wird Marke beispielsweise als würdig27, sogar als der würdigste beschrieben:

Ouch saget diu istörje von im daz,

[...]


1 HauensteinHanna: ZudenRollenderMarke-FigurinGottfneds ,Tristan‘. Göppingen 2006, S.l.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd., S.5.

4 Vgl. ebd., S.4.

5 Vgl. Anna Barandun: Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Strassburg. Zwei Liebende und ein Dritter. Tübingen2009, S.54f.

6 Vgl. Henkel, Nikolaus: Die Geschichte von Tristan und Isolde im Deutschen Mittelalter. Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-UniversitätFreiburg. In: Schriftenreihe derUniversitätRegensburg 17 (1990), S. 71-96, hier S.76.

7 Vgl. ebd., S.87.

8 Vgl. Hauenstein: Zu den Rollen der Marke-Figur in Gottfrieds ,Tristan‘, S.12.

9 Vgl. Armin Schulz: Erzähltheorie inmediävistischerPerspektive. Berlin2012, S.12.

10 Vgl. ebd., S. 48.

11 Vgl. ebd. S. 41.

12 Vgl. ebd. S. 43.

13 Vgl. ebd.

14 Horst Wenzel: Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur. In: Hedda Ragotzky und Horst Wenzel (Hg.): Höfische Repräsentation. Das Zeremoniell und die Zeichen. Tübingen 1990, S.171­208, hierS. 181.

15 Vgl. Schulz: Erzähltheorie inmediävistischerPerspektive, S.65.

16 Vgl. ebd., S. 19.

17 Vgl. ebd., S. 17.

18 Vgl. ebd., S. 87.

19 Vgl. Henkel: Die Geschichte von Tristan und Isolde im Deutschen Mittelalter, S.89.

20 Vgl. Barandun: Die Tristan-Trigonometrie des Gottfriedvon Strassburg, S.57.

21 Vgl. Hauenstein: ZudenRollenderMarke-FigurinGottfrieds ,Tristan‘, S. 32.

22 Vgl. Schulz: Erzähltheorie inmediävistischerPerspektive, S. 32.

23 Vgl. Hauenstein: Zu den Rollen der Marke-Figur in Gottfrieds ,Tristan‘, S. 27.

24 Schulz: Erzähltheorie inmediävistischerPerspektive, S.72.

25 Veit Güssow: Den König spielen immer die Anderen!. Statusbewusstsein als Grundlage der Rollenarbeit. (https://www.fnedrich- verlag.de/fileadmin/redaktion/sekundarstufe/Aesthetische_Faecher/Theater/Schultheater/Leseproben/Schultheate r_12_Leseprobe_l.pdf, Datum des Zugriffs: 11.05.2018)

26 Vgl. Hauenstein: Zu den Rollen der Marke-Figur in Gottfrieds ,Tristan‘, S.15.

27 RainerGruenter: Tristan-Studien. Heidelberg 1993 [Beihefte zumEuphorion, H.27], S.142.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346118837
ISBN (Buch)
9783346118844
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535546
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
Marke Tristan Strassburg Artus

Autor

  • Autor: undefined

    Johanna Seitz (Autor)

    2 Titel veröffentlicht

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