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"Empathie gibt's nicht im Appstore". Zu den empathielenkenden Strukturen in "Das Herzmaere"

Hausarbeit 2019 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Empathie. Mitleid. Sympathie. Definition der Grundlagenbegriffe
2.1 Empathie – Der wertneutrale „Als-ob-Zustand“
2.2 Mitleid – Die intensive Emotion
2.3 Sympathie – Die positive Wertschätzung

3 Modell zur Analyse von empathiefördernden Textstrukturen nach Verena Barthel

4 Analyse der empathiefördernden Strukturen in „Das Herzmaere“
4.1 Die Ebene des epischen Berichts in „Das Herzmaere“
4.2 Die Ebene der persönlichen Erzählinstanz in „Das Herzmaere“
4.3 Die Ebene der Figurenrede in „Das Herzmaere“

5 Fazit und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Empathie ist...

Mit den Augen des Anderen zu sehen,

mit den Ohren des Anderen zu hören,

mit dem Herzen des Anderen zu fühlen.1

Dieses Zitat wird so und in ähnlicher Form dem österreichischen Neurologen und Psychologen Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, zugeschrieben. In der heutigen Zeit kann der Eindruck entstehen, dass das, wie fast alles, durch einen Download einer App problemlos und schnell erledigt werden kann. „Empathie gibt´s nicht im Appstore“2 - oder doch? Natürlich kann niemand wirklich sehen, hören, fühlen was und wie ein anderer Mensch sieht, hört und fühlt. Es ist aber möglich, das, was wir von uns selbst kennen, nachzufühlen, also wie es sich für einen anderen Menschen anfühlt, anhört, aussieht. Fühlen muss man können und wollen. Ohne dieses Hineinfühlen in Andere ist das gemeinschaftliche Leben nur schwer möglich. Empathie bedeutet auch, zu verstehen, warum andere so und nicht anders reagieren und Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen zu registrieren und ernst zu nehmen. Sicher ist, dass wir diese Kompetenzen auch beim Lesen oder Hören und Verstehen von literarischen Texten benötigen. Und beim Schreiben wenden wir dementsprechende Techniken an.

In (mittelalterlichen) Texten finden sich Aspekte der Lenkung der Aufmerksamkeit und des Verstehens wie auch der Beeinflussung des Lesers. Doch wie und woran kann ich Empathie und ihre Steuerung sichtbar machen? Welche Analysemöglichkeiten habe ich? Diesen Aspekt untersuche ich in der Arbeit zunächst in theoretischer Form und im Anschluss am Beispiel der mittelhochdeutschen Versnovelle „Das Herzmaere“3 Konrads von Würzburg. Dabei interessieren mich zunächst die genaue Abgrenzung, aber auch Überschneidungen der zu Grunde liegenden Begriffe, wie auch die Herausforderungen, an Hand des Modells von Verena Barthel entsprechende empathiefördernde Strukturen im Text nachzuweisen und zu begründen. Zum Abschluss gebe ich zudem einen Ausblick, der auch auf die schulischen Aspekte Bezug nehmen wird. Diese Arbeit verfolgt nicht den Anspruch einer alle Betrachtungsmöglichkeiten umfassender vollständigen Werkanalyse. Auf Grund des tatsächlichen Umfangs einer alle Bereiche des verwendeten Modells beachtenden Analyse des Textes und der numerischen Begrenzung dieser Arbeit im Rahmen des Seminars „Mittelalterliche Literatur im Unterricht“ sehe ich die Hausarbeit als Ansatz und zugleich Anregung in diesem Bereich weiter zu forschen.

2 Empathie. Mitleid. Sympathie. Definition der Grundlagenbegriffe

I feel you. sagen die Menschen zueinander im Englischen oder Te siento. im Spanischen. Das Deutsche bietet keine passende Verbform, um das Gefühl des Sich-in-Jemanden-Hineinversetzens komplex zu erfassen. Wir beschreiben diesen Zustand mit „Empathie“, seltener mit „Einfühlung“oder „Nachfühlung“. Dieses Gefühlskonglomerat reicht von Sympathie zu Mitleid oder Antipathie und spiegelt das Spektrum menschlicher Affekte und Emotionen wider.

Im weiteren Verlauf (er)kläre ich die Leitbegriffe Empathie, Sympathie und Mitleid und definiere sie für diese Arbeit, da diese die Grundlage für das Analysemodell von Verena Barthel bilden.

2.1 Empathie – Der wertneutrale „Als-ob-Zustand“

Um herauszufinden, welche Textstrukturen Empathie begünstigen, ist es notwendig, diesen Begriff erst einmal genauer zu (er)fassen. Er bildet die Grundlage für die beiden anderen gedanklichen Einheiten. Die Entwicklung des Ausdrucks lässt uns in der heutigen Zeit und im weiteren Verlauf der Arbeit „Einfühlung“ - ich persönlich bevorzuge den Begriff „Nachfühlung“ - und „Empathie“ weitgehend synonym verwenden. Es handelt sich um die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Erlebensweise anderer Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühls- und Stimmungslage nachzuempfinden“.4 Um die Perspektive eines anderen einnehmen zu können, müssen dessen Emotionen und Stimmungen zunächst erschlossen werden. Das Wissen um die Bewusstseinsinhalte des Gegenübers können entweder von außen oder durch Kommunikation direkt erschlossen werden. Dabei ist Empathie vom Begriff der „Identifikation“ unbedingt abzugrenzen. Während die Erfahrung von Empathie einen „Als-ob-Zustand“ hervorruft, verlangt die Identifikation eine absolute Verinnerlichung einer anderen Person bis zum vollkommenen Verschwinden der eigenen Person während des Vorgangs des Hineinversetzens/ Nachfühlens. Eine Identifikation mit einer fiktiven Person ohne einen letzten Vorbehalt wird durch das stets vorhandene Bewusstsein des zuvor erwähnten „Als-Ob-Zustands“ verhindert. Empathie mit einer solchen erdachten Figur entsteht also, sobald sich der Rezipient in diese Figur einfühlen kann. Zwei Pole der Empathieförderung gilt es hier zu bemerken. Der Rezipient benötigt neben Informationen zur Gefühlswelt der Figur auch ein Verständnis für das Wie und Warum ihrer Handlungen. Mit anderen Worten benötigt er das Bewusstsein um die Motivationen des Figurenverhaltens. Um diese Empathieförderung umzusetzen, werden bestimmte narrative Techniken wie zum Beispiel Emotionsberichte, Figurenreden oder Bewusstseinsdarstellungen angewandt und so Einblicke in das Innere der Figur vermittelt. Es ist unangemessen, Empathie ausschließlich mit positiven Argumenten zu belegen. Die Einfühlung/ Nachfühlung ist zunächst wertneutral, weshalb an dieser Stelle die Qualität der Inhalte als unerheblich zu bewerten ist. Bevor ich genauer auf die Sympathie eingehen werde, möchte ich festhalten, dass für die literaturwissenschaftliche Betrachtung und Analyse auch deshalb das Konzept der Empathie gewählt wird, da es an der Möglichkeit der Nachprüfbarkeit von Identifikationserscheinungen mangelt, wenn das nicht sogar unmöglich ist.

2.2 Mitleid – Die intensive Emotion

Das Mitleid ist eine Sonderform der Empathie. Das Leid der Figur/en überträgt sich auf den Rezipienten des Textes. Diese Berührung äußert sich durch einen heftigen Affekt beziehungsweise eine intensive Emotion, verbunden mit der Sicherheit, dass beim Mitleiden kein persönlicher Schaden entsteht. Die Definition von Mitleid hat sich von ihren griechisch-römischen Wurzeln entfernt, die im Mitleid noch „eine gefährliche Bedrohung der gelassenen Seelenruhe“5 sehen. Im Mittelalter gilt das Mitleid hingegen als Heilmittel. Es erfolgt ein Rückgriff auf das neutestamentarische Gottesbild des barmherzigen Vaters und des barmherzigen Sohnes. Der neuhochdeutsche Begriff Mitleid geht auf die lateinischen Begriffe misericordia und compassio zurück, wobei das erstgenannte als Mitgefühl mit anderen Menschen und das zweitgenannte als Mitleid mit dem leidenden Gott, also nicht zwischen Menschen zu erfassen ist. Misericordia äußert sich darin, dass sich das Mitleid in helfenden Taten nach außen trägt, während compassio passiv, also eher tatenlos mitleidend erfolgt. Interessant ist, dass compassio auch Feindesliebe oder Nächstenliebe bedeuten kann und dann im Sinne des menschlichen Erlernens von Mitleid mit dem Nächsten eine imitatio Christi und damit ein Zugang zu Gott erfolgt.

Der Rezipient verfolgt beim fiktionalen Text niemals eine Reinform der misericordia, denn er kann der fiktiven Figur nicht helfend zur Seite stehen und verbleibt daher in der untätigen compassio als einzig mögliche Reaktionsform. Das ist aus mittelalterlicher Sicht dann als positiv zu bewerten, wenn dadurch zur misericordia erzogen wird oder aber wenn die compassio in einem heilsgeschichtlichen Kontext steht. Das Entstehen von Rezipientenmitleid unterliegt Bedingungen auf Basis von Textsignalen. Zu den mitleidsfördernden Textstrukturen zählen folgende Muster:

(1) Einer Figur A zugeschriebenes Leid fördert das Mitleid des Rezipienten mit dieser Figur.
(2) Das von einer Figur A manifestierte Mitleid mit einer Figur B fördert das Mitleid des Rezipienten mit den Figuren A und B.
(3) Das Mitleid des Erzählers mit der Figur A fördert das Mitleid des Rezipienten mit dieser Figur A.
(4) Der Appell des Erzählers an den Rezipienten, Mitleid mit der Figur A zu entwickeln, fördert das Mitleid des Rezipienten mit dieser Figur A.6

Die Reaktion des Rezipienten erfolgt nicht immer einheitlich. Leid und Mitleid können völlig unterschiedlich bewertet werden und führen daher zu unterschiedlichem und kontextabhängigem Reagieren.

Mitleid und Leid können der Kategorie moralisch legitimiertes Mitleid, dem rein affektiven Mitleid oder aber dem rational verweigerten Mitleid, beziehungsweise der Schadenfreude zugeordnet werden. Zwei nicht unerhebliche Einflussgrößen sind hier die Intensität der Leiderfahrung sowie die Gerechtigkeit versus Ungerechtigkeit des Leides. All dies muss vor dem Wertehorizont betrachtet werden, der für diesen Text aktiviert wurde. Insistiert der Text auf dem Leid der Figur, wird also dasselbe sehr detailliert und/ oder wiederholt beschrieben, so handelt es sich um ein intensives Figurenleid, dass mit Hilfe des Textes dargestellt wird. Es erscheint unverdient, wenn diese Figur nicht gegen die vom Text aktivierten Wertehorizonte verstoßen hat. Daraus ergeben sich vier Möglichkeiten, wobei die intensivste Mitleidsform beim Rezipienten durch tief und unverdient vermitteltes Leid ausgelöst wird. Nach einem ersten Affekt durchdenkt der Leser/ Hörer das Erfahrene und kann es nachvollziehen und nochmals rational bestätigen. Das Mitleid der Figuren untereinander ist als moralisch legitimierbar zu verstehen und ist vor dem mittelalterlichen Wertehintergrund zunächst einmal als positives zwischenmenschliches Verhalten zu bewerten. Wird Mitleid im Text sehr oberflächlich vermittelt, das bedeutet, es wird nur kurz oder sogar nur einmalig erwähnt kann es zu nicht mehr als affektivem Mitleid führen, da eine Reflexion der Situation nicht stattfinden kann. Scheint das Leid verdient, wird aber tief vermittelt, dann erfolgt in der Reflexion durch den Rezipienten ein rational verweigertes Mitleid, da dies der zuvor vermittelte Wertehorizont nicht zulässt und kann sogar zur Schadenfreude führen.

In mittelalterlichen Texten muss auch beachtet werden, dass das Leid der Figuren häufig ritualisiert ist.

So ist die Minneklage wie auch die Totenklage im höchsten Maße kodifiziert und ritualisiert. Weil die Unterscheidung zum Figurenleid im Text nicht immer eindeutig ist, gilt es hier an Merkmalen der Situation Kodex und Ritus zu entschleiern. Es ist „noch nicht geklärt, bis zu welchem Grad ein Kontrast zu rituell und individuell empfundenen Gefühl angesetzt werden muß“7, stellt die aktuelle Forschung fest. Darüber, dass Figurenleid Rezipientenmitleid oder sogar Sympathie auslöst, besteht aber Einigkeit. Daher erfolgt die Bewertung derselben zunächst einmal ohne die zuvor angeführte Unterscheidung zwischen ritueller oder individueller Wahrnehmung.

2.3 Sympathie – Die positive Wertschätzung

Die Sympathie ist eine weitere Sonderform der Empathie. Sie geht über die Empathie hinaus, da es bei ihr um die Wertschätzung des Anderen geht. Dabei verlangt sie eine positive Einstellung zum Gegenüber. Im modernen Sprachgebrauch verwenden wir Sympathie bei einer positiven Einstellung oder einer Affinität einem anderen Menschen gegenüber. Von seiner diachronen Bedeutung „zusammen leiden“, abgeleitet vom griechischen sympatheia, hat sich der Begriff deutlich entfernt. Sympathie kann als Gegenspieler zum Mitleid gesehen werden. Während Mitleid eine Empathieemotion, also eine vorübergehende Haltung zum Gegenüber, beschreibt, ist die Sympathie hingegen eine dauerhafte Haltung oder Einstellung, die zudem an eine positive Wertschätzung gebunden ist. Mitleid ist gebunden an das Leiden des Anderen.

Die Sympathie ist in narrativen Textstrukturen zweifellos nachweisbar. Ergänzend zu den Erzähltechniken, die empathiefördernde Einblicke ins Innere der fiktiven Person gewähren, benötigen wir - um von geförderter Sympathie sprechen zu können - darüber hinaus noch vom Rezipienten als positiv bewertete Inhalte. Im Text müssen dafür evaluative Strukturen platziert werden. Das kann explizit, zum Beispiel durch Erzählerkommentare oder eindeutig wertende Adjektive oder implizit, beispielsweise durch positiv wertende Räume oder Handlungen passieren. Hier steht, wie beim Mitleid auch, zudem das Problem des Rezipienten im Mittelpunkt. Den mittelalterlichen Rezipienten, für den der Stoff ausgelegt ist, müssen wir als annähernd idealen Rezipienten annehmen, da es zum einen an Überlieferungen zu diesem Betrachtungspunkt mangelt, zum anderen auch bei diesen Hörern/Lesern individuelle Unterschiede anzunehmen sind. Die Bewertung durch den (aktuellen) Rezipienten ist immer auch ein Spiegel der (aktuellen) Zeit. Die wertschätzenden Informationen zum Inneren und Äußeren der Figur stimmen immer mit den positiven Leitbildern des jeweiligen Wertehorizontes überein. Die vielfältigen mittelalterlichen Wertevorstellungen sind recht gut erschlossen. Für fast alle Werke ist ein christlicher Wertehorizont anzunehmen, darüber hinaus auch Überlagerungen und/ oder Verschmelzungen mit den archaisch-heroischen und höfischen Wertehorizonten. Die Schwerpunkte der verschiedenen gültigen Bewertungshorizonte gibt dem Hörer/Leser Richtlinien, wie er fiktive Figuren und ihr Handeln deuten kann. In „Das Herzmaere“ können wir recht gut bestimmen, um welches Publikum es sich ursprünglich gehandelt haben muss. Allgemeingültige Werte sind als sympathiestiftend oder -hemmend auszulegen, außer es kommt aus heutiger Sicht zu einer Neubewertung. Das mittelalterliche höfische Ideal unterliegt verbunden mit christlichen Werten des „Tugendkanon“, wie Barmherzigkeit, Milde und Nachsicht, Affektkontrolle und mâze des „Helden“. Momente der ira wie auch Gedanken zu religiösen oder kulturellen Unterschieden sind als Zeichen von Schwäche und Sünde auszulegen. Die Bewertung muss stets im Kontext der Zeit diskutiert werden.

3 Modell zur Analyse der empathiefördernden Textstrukturen nach Verena Barthel

Ich beziehe mich im Folgenden Abschnitt auf das 2. Kapitel ihres Buches8. Ich habe mich für das Modell Verena Barthels entschieden, da sie in ihrer Forschungsarbeit ein Analysemodell entwickelt hat, das einen praktikablen und gewinnbringenden Zugang zu mittelalterlichen Texten verspricht.

Dabei ist sich die Verfasserin der inhärenten Problematik [...]stets bewusst. Konkret benennt sie vorab die Schwierigkeit […, dass] die Reaktion eines zeitgenössischen Rezipienten in der Regel nicht über- liefert ist. Selbst wenn es einen solchen Fall gebe, lasse sich diese individuelle Empfindung nicht verallgemeinern. Ebenso wenig könne man den Einfluss von Gestik, Mimik und Intonation eines damaligen mündlichen Vortrags auf seine Zuhörer [nachvollziehen …]. [Sie setzt] als Grundlage und Grenze ihrer Erkenntnisse überwiegend den überlieferten Text an […].9

Die Begriffsdefinitionen bilden die Grundlagen des Modells. Die oben erwähnten Signale lassen sich auf narrative Strukturen zurückführen, wobei deren Gewichtung gleichwohl unterschiedlich ausfällt. Die Fokalisierung steht im Mittelpunkt der Betrachtung, hier besonders die interne Fokalisierung, da sich die Erzählperspektive in die Figur verlagert und die Erzählstimme die Welt durch die Augen der Figur beschreibt. Wir erfahren Einblicke in ihr Innenleben, ihre Gedanken und Gefühle. Dabei verschmilzt der Wissenstand von Figur und Rezipient. Zwei mögliche auftretende Techniken mit starkem Fokalisierungseffekt sind die Bewusstseinsdarstellung mit der Psychonarration, dem Soliloquium und der erlebten Rede sowie die Informationslenkung mit der Anwendung von Zeit-, Raum- und Innensichtfiltern. Sie nehmen großen Anteil an der Lenkung von Texten, sind aber nicht allein dafür verantwortlich.

Beim Aufbau der Analyse gilt es nach Barthel außerdem drei Textebenen zu unterscheiden. So lässt sich der zu untersuchende Text strukturieren und die Empathielenkung (und ihre Sonderformen) genauer betrachten. Die Ebene des epischen Berichts beschreibt dem Hörer/Leser Handlungen und Figuren und tritt stark zurück, ja verschwindet fast hinter dem „epischen Bericht“. Im besten Fall geschieht das gleich-gewichtet, alle Abweichungen gilt es zu deuten. Der mittelalterliche Erzähler wird der Ebene der persönlichen Erzählinstanz zugeordnet. Er tritt sehr gern und häufig in Form eines expliziten persönlichen Sprechers hervor und nutzt eine Metaebene, um sich über Figuren und Handlungen zu äußern. Er kommentiert und wendet sich explizit an den Hörer oder Leser. Beide Ebenen bilden durch ihren Bezug zum Erzähler eine Einheit. Eine weitere Ebene ist die der Figurenrede. Hier entsteht die Illusion einer Unmittelbarkeit. Diese narratologischen Rahmenbedingungen sind in den Texten gemäß Barthel gut zuordenbar und klar abgrenzbar. Zur Verdeutlichung habe ich die Überblicksdarstellung von Verena Barthel in den Anhang eingefügt.10

Ziel des Gesamtmodells ist es nun, auf allen drei Ebenen jeweils die zu unterscheidenden Strukturen zur Lenkung der Empathie, der Sympathie und des Mitleids aufzudecken und zu deuten. Für die Betrachtung der für die Hausarbeit relevanten Ebene der Empathie reichen hier völlig die quantitative und distributive Analyse der relevanten narrativen Techniken. Das Gewähren oder Verweigern von zum Beispiel Innenansichten sagt jedoch nichts über Sympathie oder Mitleid aus. Das bedeutet also für die weiterführende Suche nach sympathiefördernden Strukturen, dass über die empathiefördernden Signale hinaus noch positiv zu wertende Inhalte gefunden werden müssen, seien sie nun implizit oder explizit geäußert. Ähnliches gilt auch für die Untersuchung mitleidfördernder Strukturen, wobei hier, wie in Abschnitt 2.3 bereits erwähnt das Leid beziehungsweise Mitleid zentrales Betrachtungsmerkmal ist. „Barthel [gelangt mit Hilfe ihres Modells] in der Tat zu einer besonderen [Art und] Weise [der] durch den Text gestützten modifizierenden Bewertung der Darstellung [der Figuren der betrachteten mittelalterlichen Texte].“11

[...]


1 taff FB-Seite. https://www.facebook.com/taff/photos/empathie-istmit-den-augen-eines-anderen-sehenmit-den-ohren-eines-anderen-h%C3%B6renmi/10154422834437281/. 18.09.2015 (10.03.2019).

2 Kostadinovska, Elizabeta: Berliner Botschaften an die Welt. Zeitzünder. In: Signaturen. Forum für autonome Poesie. http://signaturen-magazin.de/elizabeta-kostadinovska--berliner-botschaften-an-die-welt.html (10.03.2019).

3 Konrad (von Würzburg): Heinrich von Kempten/ Der Welt Lohn/ Das Herzmaere. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Edward Schröder. Übersetzt, mit Anmerkungen versehen von Heinz Rölleke (Hrsg.). Stuttgart: Phillip Reclam 1968.

4 Brockhaus. Empathie. http://brockhaus.de/ecs/enzy/article/empathie (08.03.2019).

5 Barthel, Verena: Empathie, Mitleid, Sympathie: Rezeptionslenkende Strukturen mittelalterlicher Texte in Bearbeitungen des Willehalm-Stoffs. Berlin, New York: de Gruyter 2008 (= Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 50) S. 34.

6 Ebd. S. 36f.

7 Kasten, Ingrid, Jutta Eming u.a.: Zur Performativität von Emotionalität in erzählenden Texten des Mittelalters. Eine Projektskizze aus dem Berliner Sonderforschungsbereich `Kulturen des Performativen. In: Christoph Huber (Hrsg.): Encomia-Deutsch. Sonderheft der deutschen Sektion der ICLS. Tübingen 2000, S. 49.

8 Vgl. Barthel, Verena: Empathie, Mitleid, Sympathie. Berlin, New York: de Gruyter 2008 (= Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 50). S. 30-82.

9 Küenzlen, Franziska: Rezension über: Verena Barthel, Empathie, Mitleid, Sympathie. Berlin/New York 2008 (= Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 50), ZfdA140 (2011). S. 80.

10 Vgl. Barthel, Verena: Empathie, Mitleid, Sympathie. Berlin, New York: de Gruyter 2008 (= Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 50), S.81.

11 Küenzlen, Franziska: Rezension über: Verena Barthel, Empathie, Mitleid, Sympathie. Berlin/New York 2008. S. 81.

Details

Seiten
28
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346128201
ISBN (Buch)
9783346128218
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535542
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Empathie Sympathie Mitleid Märe Mittelalter Konrad von Würzburg Frau Mann Ritter

Autor

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