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Célestin Freinet und die nach ihm benannte Schule

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wer war Célestin Freinet ?

Grundlegende Auffassungen und Inspirationsquellen

Grundzüge der Pädagogik

Die heutige Praxis

Markenzeichen: Schuldruckerei

Markenzeichen: Arbeitsmittel

Freinet in Deutschland

Resümee: Schwierigkeiten und Probleme

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Die Ursprünge der Freinet-Pädagogik gehen bis ins Jahr 1920 zurück. Damals versuchte der französische Dorfschullehrer Célestin Freinet in einer zweitklassigen Dorfschule in Südfrankreich eine andere Form der “Volksschule” zu entwickeln. Anstelle von Lehrerunterweisungen traten nun Exkursionen sowie Erkundungen der dörflichen Umgebung. Mit der von ihm entwickelten Schuldruckerei eröffnete sich für die Schüler die Möglichkeit, eigene Texte zu setzten und so eigene Zeitungen und vor allem eigene Bücher zu produzieren. Durch das Abtrennen von Klassenzimmerecken (Ateliers) ermöglichte er den Schülern gleichzeitig zu verschiedenen Themenbereichen zu experimentieren und zu arbeiten. Mit sogenannten Korrespondenzklassen wurden Bücher, Zeitungen und Dokumente ausgetauscht, woraufhin sich immer neue Anregungen und Arbeitsvorhaben ergaben. Freinet´s Interesse galt im Gegensatz zu vielen anderen Reformpädagogen der 20er Jahre jedoch nicht der Entwicklung einer besonderen Modelleinrichtung, sondern es ging ihm vielmehr um die Veränderung der normalen Staatsschule von innen heraus.1

Wer war Célestin Freinet ?

Am 15. Oktober 1896 wird Célestin Freinet in Gars als Sohn armer Kleinbauern aus Südfrankreich geboren, dem nur die Volksschullehrerlaufbahn eine Chance zum beruflichen Aufstieg ermöglichte. Im Oktober 1912 trat er ins Lehrerseminar in Nizza ein, wurde jedoch schon kurze Zeit später zum 1.Weltkrieg eingezogen. Nachdem er durch einen Lungensteckschuss schwer verwundet wurde, viel ihm das Sprechen sehr schwer und seine Lehrertätigkeit wurde stark beeinträchtigt. Darauf hin folgten einige Anstellungen als Vertretungslehrer bzw. Hilfslehrer, bis er schließlich 1934/35 mit seiner Frau Elise ein eigenes Landerziehungsheim in der Nähe des südfranzösischen Städtchens Vence gründete. Die Jahre des Krieges zwangen ihn zwar zu einer Pause von März 1940 bis Oktober 1941, doch übergreifend kann man betonen, das er bis zu seinem Tode am 8. Oktober 1966 grundlegend im Landerziehungsheim “Ecole Freinet” wirkte.2

Grundlegende Auffassungen Célestin Freinets und seine Inspirationsquellen Laizität und É cole Nouvelle

Der Begriff Laizität wird im Laufe der Französichen Revolution geprägt. Laizität beschreibt das Verhältnis von Kirche und Staat - nämlich die „grundlegende Neutralität des Staates allen Religionsgemeinschaften gegenüber“. Als Verkörperung dieses Prinzips gilt die „École laïque“ - die laizistische Primarschule in Frankreich. 1882 und 1886 werden in der Dritten Republik Gesetze erlassen, die den Religionsunterricht innerhalb der Schulen untersagen, religiöse Inhalte aus den Lehrplänen und geistlich geschultes Personal aus der Schule verbannen. Gleichzeitig wird die Schulgeldfreiheit (1881) und die Schulpflicht für alle Kinder französischer Staatsangehörigkeit im Alter von 6 - 13 Jahren (1882) angeordnet. Dies ermöglicht auch den Kindern der unteren Schichten den Zugang zur Bildung.3 Freinet greift diesen Gedanken auf. Gerade die Kinder weniger bemittelter Eltern sollen durch den Unterricht die Möglichkeit erhalten, ihre Persönlichkeit jenseits von Dogmen frei zu entfalten und sich später aktiv und kreativ in eine progressive Gesellschaft integrieren.

Er strebt einen langsamen Wandel der Verhältnisse an und beginnt an der Basis - in der Schule.4 Er führt den Begriff Laizität aus seinem engen Rahmen heraus (Verhältnis von Kirche und Staat etc.) und verknüpft ihn mit seinen Unterrichtsideen. Laizität bezieht sich dann nicht mehr nur auf die Verabschiedung von religiösen Dogmen, sondern auf einen Unterricht mit dessen Hilfe sich die kindliche Persönlichkeit von allen möglichen Dogmen befreit und eigene Entscheidungen trifft.5 Freinet wendet sich damit gegen die traditionelle Schule, die er als „École caserne“ bezeichnet. Ab 1920 setzt sich Freinet mit Werken von Marx, Engels und Lenin auseinander. Im Hinblick auf die Auffassung des politischen Sozialismus einiger östlicher Pädagogen, die das Kollektiv über den Einzelnen stellen, setzt sich Freinet jedoch immer wieder für die Entfaltung des Individuums ein.6 Im Mittelpunkt seines Schaffens steht der unermüdliche Einsatz Freinets, seine Ideen und Inspirationen für die Praxis der Schule fruchtbar zu machen.

Einem Ruf an die Universität folgt er nicht, sondern bleibt an seiner kleinen Dorfschule in Bar-sur-Loup. Sein Handeln ist von Mitmenschlichkeit geprägt. Freinet war ein großer Verehrer des heiligen Franz von Assisi, weil dieser „ein christlich soziales Leben der Tat und nicht nur des Wortes lebte.“7 Freinet hat sich an den Ideen der „École Nouvelle“ orientiert. Diese Bewegung ist im Jahre 1921 auf einem Kongress in Calais als „Internationale Liga der neuen Erziehung“ von Adolphe Ferrière gegründet worden. Anhänger der „Ècole Nouvelle“ waren unter anderen John Dewey, Ovide Decroly und natürlich auch Adolphe Ferrière.8 Der Verdienst Freinets besteht nicht darin, eine neue Theorie oder ein eigenständiges pädagogisches Konzept entwickelt zu haben, sondern darin, bewährte Ansätze zusammengeführt und für die Praxis nutzbar gemacht zu haben. Ebenso wie John Dewey entwickelt Freinet seine Arbeitsmittel und Methoden für die schulische Praxis auf der Grundlage langjähriger Beobachtung und Erfahrung.9 Er selbst hat während seiner Ausbildung nicht die klassische universitäre Laufbahn beschritten. Ein Grund dafür ist die Praxisferne einer solchen Ausbildung. Freinets Ansichten sind deshalb besonders zu Beginn immer wieder von den Akademikern in Frage gestellt worden. Freinet ruft daher die Zeitschrift „Techniques de vie“ (1959, Cannes) ins Leben, in der die Kollegen die Möglichkeit haben, produktive Kritik zu üben.10 Wie auch John Dewey versucht Freinet den Unterricht lebensnah zu gestalten und die Schüler mit Kompetenzen und Wertvorstellungen im Hinblick auf die Teilhabe an einer modernen Gesellschaft auszustatten. Dazu gehört auch die Integration von neuen Medien und Techniken in den Schulalltag (Schuldruckerei, die Fertigung von eigenen Zeitungen und Büchern, Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten im Zusammenhang mit Kommunikationsprozessen). Maßgeblich ist auch der von Dewey geprägte Leitsatz „Learning by doing“. Auch bei Freinet spielt die Arbeit im schulischen Ablauf eine wesentliche Rolle. „Par la vie - pour la vie - par le travail“ (Durch das Leben, für das Leben, durch die Arbeit)!

Im Unterschied zu Dewey, der sich vorwiegend auf das Tun an sich konzentriert und den Gegenstand, mit dem etwas getan wird, als zweitrangig einstuft, sind Gegenstand und das Handeln bei Freinet von gleich großer Bedeutung.11 Im September 1922 las Freinet die „L´École active“ von Adolphe Ferrière. Hier findet er Rückhalt und Bestätigung in Bezug auf seine Ideen. Ferrière stützt sich unter anderem auf die Gedanken von Luther, Montaigne, Rousseau und Pestalozzi und spannt auf diese Weise einen Bogen zwischen der Vergangenheit und den Reformbemühungen der Gegenwart. Ferrière schreibt in der „Tatschule“: „Die spontane, persönliche und produktive Aktivität ist das Ideal der École Active. Man muss von den spontanen Aktivitäten der Kinder ausgehen, ausgehen von ihren manuellen, konstruktiven Tätigkeiten. Man muss ausgehen von ihren geistigen Tätigkeiten, von ihren Neigungen und Interessen ... von ihren moralischen und sozialen Äußerungen und davon, wie sie sich im freien, natürlichen täglichen Leben zeigen. Das ist der Ausgangspunkt von Erziehung.“12 Die Parallelen zu Montaigne sind offenbar: « Têtes bien faites et mains expertes plutôt qu´outres bien pleines. » (Wache Köpfe und geschickte Hände sind besser als mit unverdautem Wissensstoff vollgestopfte Köpfe (Schläuche).)13 1923 besucht Freinet die sogenannte „Emanzipierte Schule“ in Hamburg Altona. Dort trifft er Peter Petersen. Freinet zeigt sich beeindruckt von der Idee der Einheitsschule. „Ich glaube, es ist gewaltig, alle Kinder dazu zu verpflichten, vier Jahre zusammenzuleben. Wann wird dieser erste Schritt einer einheitlichen Schule bei uns getan werden? Man sagt oft, die Reichen werden es vorziehen, ihre Kinder in freie Schulen zu schicken, so dass diese doch wieder eine gewisse Bevorzugung erfahren werden. Das deutsche Gesetz (Reichsgrundschulgesetz von 1920) hat diesem Ausbrechen vorgebeugt. Von 1924 oder 1925 an dürfen die freien Schulen keine Kinder unter zehn Jahren mehr aufnehmen. Die einheitliche Schule bis zum 10. Lebensjahr ist also in Deutschland Wirklichkeit geworden.“14 Freinet ist in Bezug auf seine Ideen auch wesentlich von Ovide Decroly beeinflusst worden. Dies wird im Abschnitt zur Praxis der Freinetpädagogik ausführlich aufgegriffen werden.

Grundzüge seiner Pädagogik Um Freinet´s Lebenswerk zu würdigen, muss man drei Bereiche ins Auge fassen:

1. Seine Tätigkeit als pädagogischen und politischen Schriftsteller.

Bezüglich seines pädagogischen Schrifttums ist festzuhalten, dass er kein geschlossenes Lehrwerk hinterließ, sondern eher kleinere Gelegenheitsschriften aus der Frühzeit seines Schaffens. In ihnen erweist er sich jedoch zum einen als Praktiker, dem das geringste Detail in der Organisation des Schulalltags wichtig genug war, um es zu bedenken und anderen dazu Anregungen zu geben. Zum anderen erweist er sich auch als Empiriker, der durch das genaue vorurteilsfreie Beobachten der kindlichen Entwicklung Gesetzmäßigkeiten entdeckte und daraus Konsequenzen für das pädagogische Handeln ableitete.15 Im “Essai de Psychologie sensible appliquée à l´Éducation” erläutert Freinet seine Erkenntnisse bezüglich der psychischen Entwicklung des Kindes näher. Seine zentrale These innerhalb des Werkes lautet: “Das Leben ist nicht ein Zustand, sondern ein Werden.” Damit spricht er dem Leben zu, dass es ein dynamischer Prozess des Werdens ist, der, so Freinet, durch drei Entwicklungsphasen gekennzeichnet ist. Diese drei Entwicklungsphasen sind besonders deutlich ausgeprägt und werden von jedem Menschen mehr oder weniger schnell durchlaufen. Es sind die psychischen Grundstufen jedes Bildungsvorgangs, d.h. sie werden bei “jedem Neuen” wieder durchlaufen. Diese Phasen nennt Freinet die Periode der tastenden Erforschung der Umwelt und der Dinge, die Periode des allmählichen Sich-Einrichtens und Einordnens und die Periode des tätigen Wirkens.16

2. Seinen Beitrag zur Erneuerung der pädagogischen Praxis.

Freinet´s pädagogische Praxis ist hauptsächlich durch zwei Elemente geprägt, der Druckerei und der Klassenkorrespondenz. Um diese Kernpunkte herum, die die Arbeit im Klassenzimmer motivieren, gruppieren sich auf natürliche Weise Elemente wie Gruppenarbeit, individuelle und kollektive Arbeitspläne, Erkundungen und Projekte, wie sie auch in anderen zeitgenössischen Konzeptionen aufzufinden waren.17

[...]


1 vgl.www.freinet.paed.com

2 vgl. Dietrich, 1993, S. 55 & Skiera, 1996, S. 297ff.

3 vgl. Kock, 1996, S.14f.

4 vgl. Jörg, 1979, S.155

5 vgl. Kock, 1996, S.15

6 vgl. Jörg, 1979, S.155f.

7 Jörg, 1979, S.156

8 vgl. Jörg, 1979, S.157

9 vgl. Jörg, 1979, S.163

10 vgl. Freinet, 1981, S.11

11 vgl. Jörg, 1979, S.163

12 vgl. Freinet, 1981, S.29

13 Jörg, 1979, S. 157

14 vgl. Freinet, 1981, S.173

15 vgl. Dietrich, 1993, S. 57-60

16 vgl. Jörg, 1979, S. 167-170

17 vgl. Dietrich, 1993, S. 57-60

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638489676
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53549
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut fürErziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Célestin Freinet Schule Reformpädagogische Unterrichtsauffassungen

Autor

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Titel: Célestin Freinet und die nach ihm benannte Schule