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Kriterien für den Bildaufbau von Miniaturen in mittelalterlichen Handschriften

Am Beispiel von Kaiser Heinrich und Walther von der Vogelweide in der Großen Heidelberger Liederhandschrift

Hausarbeit 2020 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Maler und ihre Gehilfen

3 Bildbeschreibung und Deutung
3.1 Miniatur Kaiser Heinrich VI.
3.2 Miniatur Walther von der Vogelweide

4 Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mit dem Codex Manesse beherbergt die Heidelberger Universitätsbibliothek den wohl berühmtesten und umfangreichsten Prachtcodex seiner Zeit. Das reich illustrierte Liederbuch ist nicht nur ein Kleinod mittelalterlicher Buchmalerei, sondern vor allem ein einzigartiges Zeugnis des Reichtums mittelhochdeutscher Lyrik, von der Zeit Barbarossas im 12 . Jahrhundert bis zu den Anfängen des 14. Jahrhunderts.“ 1

Die vorliegende Hausarbeit soll mit Hilfe einer vergleichenden Analyse aufschlüsseln, welche Kriterien Einfluss auf den Bildaufbau von sogenannten Miniaturmalereien in mittelalterlichen Handschriften genommen haben. Dazu werden zwei Beispiele aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (im Folgenden auch: Codex Manesse oder Cod. Pal. germ. 848) genauer untersucht, die exemplarisch für einen möglichen Ansatz dienen sollen. Dabei handelt es sich zum einen um die Miniatur von Kaiser Heinrich VI. (Abb. 1) und zum anderen um die Miniatur von Walther von der Vogelweide (Abb. 2). Methodisch wird zunächst eine Analyse der gesamten Abbildung vorgenommen, welche klären soll, was der Betrachter überhaupt sieht und was abgebildet ist. Anschließend sollen die einzelnen Beobachtungen einem Deutungsversuch unterzogen werden.

Zur Ermittlung der Kriterien sollen grundlegend die Forschungsergebnisse von Lothar Voetz, der als ausgewiesener Spezialist im Umgang mit dem Codex Manesse gilt, Ingo F. Walther, der in den 1980er Jahren bereits umfangreiche Überlegungen zur Großen Heidelberger Liederhandschrift mit ihren farbenprächtigen Miniaturen festgehalten hat und Anna Kathrin Bleuler, die sich unter anderem an den Forschungsergebnissen von Voetz orientiert, dienen. Was bereits alle drei Wissenschaftler festgestellt haben, ist die Tatsache, dass es für die Herstellung des Codex Vorlagen gegeben haben muss.2 Bleuler schreibt von mindestens einer illuminierten Handschrift, die wenigstens einer der beiden großen Handschriftensammlungen – Stuttgarter oder Heidelberger – als Vorlage diente, da beide Handschriften sehr ähnliche Autorenbilder aufweisen.3 Es ist davon auszugehen, dass es noch etliche dieser Vorlagen gegeben haben muss, die jedoch nur noch als Fragmente oder gar nicht mehr existent sind.

Die Forschung spricht bei dieser Art der Darstellung von Autorenportraits, wobei die Portraits und die korrespondierenden Wappen mitunter fiktiv sind. Im Codex Manesse zeigen sie lediglich repräsentative Dichterbilder, in denen der Minnesang im Vordergrund steht, aber auch Themen wie Krieg, Jagd und Turnier werden thematisiert. Die Bilder sind jedoch nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern bedienen sich laut Bleuler einer ganz besonderen Funktion in ihrer Gesamtkonzeption: „Sie stellen den Autor der jeweils nachfolgenden Textsammlung dar und bieten dem Rezipienten damit eine Orientierungshilfe, indem sie den Textbestand in eine klare Abfolge von separaten Untereinheiten unterteilen und den Autorennamen mit einem einprägsamen Bild verknüpfen“4, fasst Bleuler zusammen. Um diese Autorenbilder und deren Aufbau soll es im Laufe dieser Arbeit gehen, doch zunächst soll eine kurze Einführung in die mittelalterliche Malerei zeigen, wer für die Miniaturen der Heidelberger Liederhandschrift verantwortlich war.

2 Die Maler und ihre Gehilfen

Die kunsthistorische Forschung beschäftigt sich seit über 400 Jahren mit dem Codex Manesse5, der seinen Ursprung um 1300 – 1330/40 in Zürich hat und von 1657 – 1888 in Paris aufbewahrt wurde.6 Wo sich der Codex in der Zeit zwischen der Herstellung und dem Zeitpunkt der lückenlos nachweisbaren Provenienz befand, ist nur zu vermuten. Erst nachdem die Handschrift 1888 nach Heidelberg gebracht wurde, widmete ihm Rudolf Rahn in seinen Kunst- und Wanderstudien aus der Schweiz eine längere Betrachtung.7 Er fand heraus, dass die Miniaturen von vier verschiedenen, namentlich unbekannten Malern angefertigt wurden – einem Grundstockmaler, der mit seiner Werkstatt kurz nach 1300 bis um 1310/15 an der Handschrift tätig war, und drei Nachtragmalern, die bis um 1330 mit der Gestaltung der Miniaturen beauftragt wurden. „Aus der Werkstatt des Grundstockmalers […] stammen 110 in Stil, Farbgebung und Komposition sehr einheitlich gestaltete Miniaturen“8, so Ingo F. Walther in seinen Untersuchungen zu den Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Es ist davon auszugehen, dass die Miniaturen in enger Zusammenarbeit mit den Auftraggebern angefertigt wurden, sodass deren Vorstellungen direkt in dem jeweiligen Bild umgesetzt werden konnten. Walther schreibt weiter, dass die Miniaturen des Grundstockmalers „schon auf einen Blick an dem rotgoldbraunen Rahmen mit seinem Streifen- oder Rautenmuster zu erkennen sind“.9 Außerdem typisch für den Grundstockmaler ist der Kontrast der ungemischten, kräftigen Farben: Purpur, Blau, Grün, Zinnober und Gold sind dominierend und besitzen noch bis heute eine enorme Leuchtkraft.

Walther geht außerdem davon aus, dass es sich beim Zeichner und Illuminator um ein und dieselbe Person gehandelt haben muss. Zum Ablauf der Anfertigung hat Walther festgestellt, dass zunächst eine Vorzeichnung auf ein nicht grundiertes Pergament skizziert wurde, aber Abweichungen in ihrem Ursprung belassen wurden.10 Zur Vervollständigung wurden die Farben „gleichmäßig deckend“ auf die Vorzeichnungen aufgetragen, teilweise auch über die Konturen dieser hinaus.11 Auffällig an der großzügigen Räumlichkeit des ganzseitigen Bildformats, die sich auch auf das Verhältnis der Figuren untereinander auswirkte, ist die Zuordnung der einzelnen Figuren und Gegenstände, die sich innerhalb eines gleichmäßig aufgeteilten Raumes befinden.12 Die Maler beschränkten sich auf nur sehr wenige Figuren. Somit sorgten sie dafür, dass jede einzelne Figur ihren entsprechenden Raum zugesprochen bekam. So wirkten selbst die eingefügten Wappen über ihnen nicht beengend. Walther stellt fest, dass die Maler eine Vielfalt von Darstellungsformen schufen, die für einzelne Minnesänger typisierend waren, wie zum Beispiel das Reiter- oder Ritterbild oder auch Boten- und Gesprächsszenen.13 Dabei stellte die Gestalt der Figur und ihre Gebärde den bedeutsamsten Ausdrucksträger dar.

Die Bilder des Grundstockmalers zeigen typische Darstellungen des hochgotischen Schönheitsideals. Charakteristisch dafür war oft ein von Locken umrahmtes typisierendes Gesicht, eine „sanfte, meist S-förmig geschwungene schlanke Körperhaltung, die eine reiche Faltenbildung der Gewänder verursacht.“14 Verschiedene Attribute, die den jeweiligen Personen zugeordnet wurden, sorgten für entscheidende Bildvariationen. Am häufigsten sind Schwerter und Schriftbänder zu finden, die bezeichnend waren für Ritter und Dichter. Zusätzlich findet man Abbildungen von Pferden oder auch ein für den Sänger typischen Kastensitz. Außerdem ist die Burg als Wohnung der Dame zu sehen und ein Zinnenstreifen15, auf dem ein Publikum das Geschehen verfolgt. Geschmückt sind die Miniaturen oft durch rankenförmig wachsende rote Rosen.16

Der Codex Manesse wurde nie vollständig abgeschlossen. Auf einigen Blättern findet man Leerstellen und Auslassungen, sodass man nachträglich noch Lieder oder auch Miniaturen einfügen hätte können. Nachdem der Grundstockmaler seine Arbeit beendet hatte, wurde bekanntlich weiter gesammelt. Walther schreibt, dass noch dreißig weitere Sänger in der Sammelhandschrift aufgenommen wurden – 27 von ihnen erhielten eine eigene Miniatur; eine nicht vollendete Zeichnung blieb allerdings ohne Namen.17 Stilistisch sind diese nachträglich angefertigten Miniaturen drei verschiedenen Malern zuzuordnen: Einem werden 20 Bilder zugeordnet, dem zweiten nur noch vier und dem jüngsten nur noch drei Miniaturen. Vermutlich ist auch die unvollendete Zeichnung dem letzten Maler zuzuordnen. Auffällig für alle nachträglich eingefügten Miniaturen ist, dass sie auf bereits liniertem Pergament angefertigt wurden. Das Format wurde beibehalten, die Überschriften wurden kleiner oder ganz weggelassen. Die zuvor einfachen geometrischen Rahmen wurden derart verändert, dass nun stilisierte Blatt- und Blütenranken auf einfarbigem Grund, farblich abgestufte Rauten- und Rosettenbordüren und dunkelblaue Randstreifen, in denen goldene Kugeln oder Blüten reingestreut sind, zu sehen waren. Die Nachtragmaler bedienten sich einem völlig anderem Stil als der Grundstockmaler: Bei einer Tafel besteht der Rahmen sogar aus Architekturelementen.18

Abschließend kann festgehalten werden, dass sich alle Miniaturen durch ihren Reichtum an Figuren, die erzählerische Breite und die genrehaften Szenerien auszeichnen. Walther stellt fest, dass es nicht mehr ausreicht, einen „in typischen Bildzeichen ausgesprochenen symbolischen Bezug“ zu ziehen.19 Es werden mittlerweile Szenarien mit Handlungen dargestellt, in denen sowohl Diener als auch Musikanten oder Jagd- und Turnierbegleiter zum Bildthema gehören. Die nachträglich hinzugefügten Tafeln bestechen durch ihre Mischfarben, jedoch wirken die Bilder dadurch „wie etwas blassere Einsprengsel“20. Der Grundstock hingegen lebt durch seine kräftigen Farben. Wappen werden nur noch formell beibehalten, da sie eher an Bedeutung verloren haben bzw. teilweise fiktiv sind.

3 Bildbeschreibung und Deutung

Die Bilder im Codex Manesse sind so zu verstehen, dass die abgebildeten Personen den Dichter des jeweils nachfolgenden Textcorpus‘ darstellen. Diese sind jedoch nicht mit historischen Portraits gleichzusetzen. Lothar Voetz schreibt, dass der jeweilige Dichter als einzige Gestalt des jeweiligen Bildes in Szene gesetzt wird.21 Im Folgenden werden die beiden Miniaturen von Kaiser Heinrich (Abb. 1) und Walther von der Vogelweide (Abb. 2) einer kunsthistorischen Bildbeschreibung unterzogen. Es soll zusätzlich versucht werden, die abgebildeten Figuren mithilfe ihrer Attribute wie z. B. Wappen, Schwert, Spruchband usw. zu beschreiben und zu prüfen, ob die bisherigen wissenschaftlichen Überlegungen für Personenzuschreibungen in ihrem historischen Kontext legitim sind oder vielleicht auch nicht. Im Fall von Walther von der Vogelweide sind sich die Forscher nicht immer einig, denn mit der Reiserechnung über den Kauf eines Pelzrocks ist bekanntlich nur ein einziger schriftlicher Nachweis überhaupt über seine Existenz belegt. Weitere Erwähnungen erfährt er lediglich in Liedern anderer Dichter. Dazu dann mehr im Punkt 3.2.

[...]


1 Bleuler, S. 2.

2 Vgl. Bleuler, S. 35.

3 Ebd.

4 Bleuler, S. 55.

5 Um 1600 beschäftigte sich der Schweizer Jurist Melchior Goldast (1578 – 1635), der als Assistent unter Bartholomäus Schobinger (1566 – 1604) arbeitete, zum ersten Mal mit der Heidelberger Liederhandschrift. Dabei entfernte dieser jedoch vier Blätter aus Angst, dass sie dem 30-Jährigen Krieg zum Opfer fallen würden. Die fehlenden Seiten, auf denen mit ziemlicher Sicherheit einige hundert Verse aus dem Neidhart- Corpus fehlen, wurden nie wieder aufgefunden.

6 Daher ist Große Heidelberger Liederhandschrift oft auch unter dem Namen „Pariser Liederhandschrift“ zu finden.

7 Vgl. Rahn, J. Rudolf, S. 79ff.

8 Walther, S. XXV.

9 Ebd.

10 Vgl. Walther, S. XXV.

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Ebd.

14 Walther, S. XXVI.

15 Als Zinne wird der meist quaderförmig emporragende Teil einer Burgmauer bezeichnet, der als Deckung für die Verteidiger dienen sollte. In ihr befanden sich oftmals auch die Schießscharten.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Vgl. Walther, S. XXVI.

19 Ebd.

20 Walther, S. XXVII.

21 Vgl. Voetz, S. 33.

Details

Seiten
15
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346131713
ISBN (Buch)
9783346131720
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v535359
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
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