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Die problematische Dreieckskonstellation in "Miß Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Beziehung von Vater und Tochter

Beziehung von Tochter und Liebhaber

Schluss

Literaturverzeichnis:

Einleitung

Das von Lessing geschriebene und 1755 uraufgeführte bürgerliche Trauerspiel „Miß Sara Sampson“ verhandelt die Privatangelegenheiten der Familie Sampson und wird in der folgenden Arbeit hinsichtlich der problematischen Dreieckskonstellation zwi- schen Vater, Tochter und Liebhaber betrachtet. Es ist in die Zeit der Aufklärung ein- zuordnen, in der man sich von der Darstellung des öffentlichen Lebens und Zur- schaustellung der adeligen Gesellschaft abwendet und stattdessen häusliche und pri- vate Angelegenheiten des Bürgertums thematisiert werden. Diese stehen im engeren Bezug zum allgemein „Menschlichen“ und regen schließlich zur Identifikation mit den Personen an, welche das von Lessing geforderte Mitgefühl ermöglicht (vgl. Gut- hke 2006, S.11). Bedeutend ist dieser Aspekt, da „das deutsche Bürgertum im 18. Jahrhundert einen starken Hang zur Empfindsamkeit ausbildet“ (Pikulik 1966, S.94). Motive, wie Familie, Tugend, Zärtlichkeit und Gefühl, stehen auf dem Programm. Dies zeigt sich auch im Familienideal des bürgerlichen Trauerspiels, welches sich von der klassischen bürgerlichen Familie abgrenzen lässt (ebd., S.94).

Mit der Verschiebung der Thematik geht auch ein Wandel gesellschaftlicher Struktu- ren einher, der häufig in der Literatur deutlich wird. Die klassischen Ordnungsstruk- turen der Gesellschaft werden einer Veränderung unterworfen: Problematisiert wird immer wieder das Gegeneinander von patriarchalischer Ordnung und individuellem emanzipatorischem Streben nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, be- sonders in der Liebe (vgl. Guthke 2006, S. 71). Um dieses zu deutlich zu machen rückt die Vater- Tochter- Beziehung stark in den Vordergrund. Genau wie in Miß Sara Sampson, gerät hier das tugendhafte Mädchen mit dem Vater in einen Konflikt über den falsch gewählten und somit nicht akzeptablen Liebhaber. „Das von Lessing geforderte Bedürfnis nach Trauer, welches beim Publikum Furcht, Mitleid und Rüh- rung erregen soll, scheint durch das weibliche Unglück, welches meinst in Form der verfolgten Unschuld auftritt, am besten erfüllt zu werden“, begründet Marx die do- minante Thematik (Marx 1999, S.30).

Auch in meiner Hausarbeit werde ich auf den Aspekt des weiblichen Leidens einge- hen, wenn ich mich mit der problematischen Dreieckskonstellation auseinandersetze. Dazu werde ich zunächst die Beziehung von Vater und Tochter hinsichtlich des be- stehenden Konflikts genauer untersuchen. Hinleitende Fragen nach den zugrundelie- genden Autoritätsstrukturen und Verhaltensmustern von Sir Sampson und Sara wer- de ich hierbei einbeziehen und bearbeiten. Dementsprechend wird auch die Entwick- lung hin zum zärtlich empfindsamen Vater mit Berücksichtigung gesellschaftlicher Gegebenheiten im 18. Jahrhunderts dargestellt, da sie sich auf der Beziehungsebene auswirkt. Ebenso werden weitere Aspekte hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Beziehung von Vater und Tochter geprüft und ihr aufkommendes Konfliktpotential herausgestellt. Anschließend gehe ich genauer auf die Beziehung der Tochter und ihres Liebhabers ein. Im Vordergrund steht diesbezüglich die kontrastierende Dar- stellung von Tugend, welche durch Sara dargestellt wird und Laster, die weitgehend Mellefont zugeschrieben werden, als Basis von Konflikten. Auch die daraus resultie- rende Frage nach der Unschuld der Tochter sowie das zentral verhandelte Motiv der Eheschließung werden untersucht. Schlussendlich werden die zentralen Ergebnisse nach der Frage des Konfliktpotentials in Lessings bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts noch einmal zusammenfassend dargestellt.

Beziehung von Vater und Tochter

In Lessings Drama wird Sir William Sampson als zärtlicher und vergebender Vater vorgestellt, der zu Beginn in jenem „elenden Wirtshause“ eintrifft, in dem er seine Tochter vermutet (Miß Sara Sampson 2005, 1. Aufzug, 1. Auftritt, S.91 ). Die hier charakteristisch eingesetzte Zärtlichkeit weist in der frühen Empfindsamkeit auf die sensible Liebe zweier Menschen hin (Schmitt 2005, S. 172). Sampson zeigt sich sichtlich empört über die häuslichen Gegebenheiten, da sie Sara nicht gerecht wer- den. Der trauernde Vater ist von der nun schon neun Wochen andauernden Trennung seiner Tochter sichtlich mitgenommen und beweint die Verlorene und deren Abwege durch „ihren verfluchten Verführer Mellefont“ (MSS 1, 1, S.10). Es wird also deut- lich, dass das Eindringen des Liebhabers Mellefont die familiäre Ordnung erschüttert hat und es durch diesen zum Konflikt zwischen Vater und Tochter gekommen, wo- raufhin sie vor ihm geflohen ist. Mellefont lässt sich somit als Eindringling in die zuvor harmonische Vater- Tochter- Beziehung identifizieren.

Anhand der Flucht der beiden aus dem häuslichen Schutz des Vaters lässt sich erklä- ren, warum das behandelte private Anliegen der Familie in den recht öffentlichen, nun als Zufluchtsort fungierenden, Gasthof verlegt wird. Gleichzeitig wird diese als Kern des bestehenden Konflikts sichtbar. Diesbezüglich betont Marx es sei kein Zu- fall, dass die Handlung erst einsetze, als sich Sara bereits außerhalb des väterlichen Hauses befinde, da sie nun nicht mehr unter dem dort gebotenen Schutz stehe und die Einflüsse der Welt nicht mehr von ihr abgeschirmt werden können (vgl. Marx 1999, S. 78). Guthke sieht dies ähnlich und definiert die Familie als einen Ort der Tugend, wohingegen das „Hinausstreben in die große, die galante Welt […] als Verfehlung [gilt] (Guthke 2006, S.70).

Das Zurschaustellen von tiefen Schuldgefühlen des Vaters, zusammen mit dem De- monstrieren seiner Tränen des Leidens, deutet bereits hier empfindsame Charakter- züge und damit den empfindsamen Stil des Stückes an (vgl. Albert 1983, S.49). „Die Pflege des zärtlichen Gefühls“ macht für Pikulik die Empfindsamkeit aus. Des Wei- teren beschreibt er empfindsame Handlungen als von Gefühl geleitet, welche er je- doch von der „Empfindelei“ abgrenzt, bei der die Gefühle erkünstelt seien (vgl. Piku- lik 1966, S. 79). „Empfindsamkeit befasst sich nicht mit erkünstelten Befindlichkei- ten, sondern mit Empfindungen als einem Teil der akzeptieren wirklichen Lebens- welt, der das Handeln bestimmt“, konkretisiert Hempel. Außerdem werden die Emp- findungen von der Vernunft unterstützt, indem sie von dieser sinnvoll ergänzt wer- den (Hempel 2006, S.15).

Darüber hinaus sieht Pikulik (1966) in der bürgerlichen Familie des Sir Sampson eine Entwicklung hin zur empfindsamen Familie. Diese ist grundliegend für die Be- ziehung zwischen Vater und Tochter, da sie unter klassischen Bedingungen nicht von so tragischem Potenzial sowie tiefen Gefühlen geprägt sein würde. Er weist dabei darauf hin, dass das Familienideal der bürgerlichen Trauerspiele nicht mit der klassi- schen Auffassung einer bürgerlichen Familie verwechselt werden dürfe: Erstere cha- rakterisiert er durch einen gefühlvollen Umgang miteinander, durch Zärtlichkeit und einen nachsichtigen Hausvater. Im Vordergrund der empfindsamen Familie steht hier die Pflege des zärtlichen und freundschaftlichen Gefühls. Bei der klassischen bürger- lichen Familie im Gegensatz steht ein autoritärer Vater im Vordergrund, der das Herrschaftsverhältnis deutlich macht und auf dieses besteht, um seine Forderungen durchzusetzen, was dem „ pater familias “ entspricht (S. 94).

Bezieht man dies auf das vorliegende Drama, so lässt sich auch bei Sir Sampson eine Wandlung vom klassischen Familienvater hin zum empfindsamen Vater erkennen. Durch seine strenge Autorität, welche gegen Saras frei gewählte Liebe spricht, ist es zu ihrer Flucht aus dem väterlichen Haus gekommen. Nun zeigt er sich durch Selbs- treflexion und Reue als ein empfindsamer und zärtlicher Familienvater, der keinen oder nur geringen Anspruch auf seine Autorität macht. Trotzdem genießt er noch eine Verehrung, die allerdings durch Gefühle „freiwillig“ zustande kommt und nicht mehr selbstverständlich und unantastbar ist, sondern immer wieder aufgefrischt wer- den muss (vgl. Barner et al. 1976, S. 148).

Während Sir Sampson seine momentane Lage betrauert, drückt er tiefe Verbunden- heit und seelische Schmerzen aus und macht deutlich, dass seine Tochter es wert sei von ihm beweint zu werden. Im Gespräch mit seinem Diener Waitwell wird weiter- hin die hohe Meinung der zwei Männer über Sara deutlich, indem sie als „beste[s], schönste[s], unschuldigste[s] Kind, das unter der Sonnen gelebt hat“, beschrieben wird (MSS, 1, 1, S.9). Laut eigener Aussage ist es ihm trotz Saras Flucht und ihren Ungehorsam gegen ihn nicht möglich seine geliebte Tochter mit Abscheu zu sehen und ihr ihre Fehler anzulasten. Diese Aussagen zusammen mit seinem Verhalten bestätigen abermals, dass Sir Sampson sich nicht mehr als strenger, autoritärer pater familias einordnen lässt, denn er ist bereit seiner Tochter ihre Laster zu vergeben und sie wieder aufzunehmen. Außerdem ist er sich sicher, dass seine Tochter ihn immer noch liebt, was ihm sehr wichtig ist.

Kuttenkeuler lässt jedoch Zweifel an der Reinheit dieser Motive aufkommen, indem er die Handlungen als „angeblich geleitet von liebender Fürsorglichkeit“ beschreibt (Kuttenkeuler 1987, S. 17). Auch Albert (1983) problematisiert diese angebliche Fürsorglichkeit und konkretisiert sie als „nicht widerspruchsfrei“ und mit „einem selbstsüchtigen Ziel“, bei dem vor allem Saras Funktion als Altersstütze im Vorder- grund stehe, nicht aber ihr Recht auf Selbstbestimmung in Sachen Liebe geachtet werde (S. 79). Der Verlauf des Dialogs mit Waitwell kann diese Annahmen bestäti- gen. Hier wandelt sich das Motiv der väterlichen Liebe und Besorgnis um das eigene Kind immer weiter zu einer Abhängigkeit von seiner Tochter, die er als „Stütze [s]eines Alters“ beschreibt (MSS 1, 1, S. 10). Vor allem wird er von der Angst des Alleinseins in alten Jahren geplagt, dabei beschreibt er seine Situation folgenderma- ßen: „Ich kann sie nicht länger entbehren; sie ist die Stütze meines Alters, und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versüßen hilft, wer soll es denn tun?“. Die Angst des Alleinseins bringt ihn sogar dazu sich einzugestehen „lieber von einer lasterhaften, als von keiner [Tochter] geliebt zu werden“ (ebd.). Bereits in der An- fangsszene lässt Lessing damit die doppeldeutigen Absichten des Vaters aufleuchten, sodass das Publikum die Motive des alten Sir Sampson hinterfragen muss. Dieses Verzeihen des Vaters nicht um seiner selbst willen, sondern vielmehr mit persönli- chen Hintergedanken, sieht Albert (1983) als willkürlich und „verdeckte Form väter- licher Gewaltausübung“ an, die nur von seiner Zärtlichkeit verschleiert werde (S. 79).

Während Sampson im ersten Aufzug sehr auf sich bezogen ist, analysiert er im drit- ten Aufzug die Gründe für Saras Fehlverhalten. Dabei fällt besonders auf, dass er immer wieder für die Unschuld Saras argumentiert, indem er sich selbst die Schuld für die Bekanntmachung mit Mellefont gibt. Diesem wirft er vor seine Tochter mit viel Geschicklichkeit verführt zu haben, sodass die Schuld auf keinen Fall bei ihr selbst liegen kann, da sie durch mangelnde Erfahrung die List nicht durchschauen konnte (vgl. MSS 3, 1). Selbstkritisch betont er, dass er seine Pflicht, Sara vor ge- fährlichen Einflüssen zu schützen, nicht erfüllt habe, was er als Grund der nachfol- genden Geschehnisse sieht. Sara jedoch verneint Sir Sampsons Argumente deutlich und betont, dass sie freiwillig und aus Liebe zu Mellefont das elterliche Haus verlas- sen habe. Durch dieses Eingeständnis ihrer Freiwilligkeit wird der bereits bestehende Konflikt nur noch verstärkt, da Sir Sampson die Geschehnisse nun nicht mehr so auslegen kann, dass Sara gänzlich unschuldig ist (vgl. Albert 1983, S. 80).

So geben sich beide die Schuld an dem Konflikt und leiden unter dem Leid des ande- ren. Man könnte sich hier fragen, bis zu welchem Punkt es sich noch um emotionale Verpflichtung zwischen Vater und Tochter handelt und ab wann diese in ein frag- würdiges Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit oder sogar unvernünftiger Liebe abrutscht, wie es auch Hempel (2006) in ihren Überlegungen andeutet (S. 56).

Unabhängig davon lässt sich bis zu diesem Punkt feststellen, dass weder Sir Samp- son noch Sara negative Gefühle zueinander hegen oder sich ihr Handeln nachtragend vorwerfen. Dies verhindert trotzdem nicht, dass die „räumliche Nähe keine Gewähr bietet für die Behebung einer leidvoll erfahrenen personalen Entfremdung“ (Keulen- kutter 1987, S. 18). Nun verändert sich Sir Sampsons drängende Haltung seine Toch- ter endlich wieder in die häusliche Ordnung zurückzubringen: aus seinen fast unge- duldigen und stringenten Handlungen wird zunehmende vorsichtige Zurückhaltung oder sogar Verhaltenheit. So beschließt er seiner Tochter zunächst einen „Brief eines zärtlichen Vaters“ überbringen zu lassen und den ersten Austausch auf diese Weise vorzunehmen (MSS 3, 1, S.48). Obwohl er nur geringe Zweifel hegt, beauftragt er Waitwell darüber hinaus trotzdem auf Saras Reaktion bei der Überbringung des Brie- fes zu achten, um eine Versöhnung frühzeitig erahnen zu können.

[...]


1 Bezieht sich auf die genutzte Primärliteratur und wird im Folgenden abgekürzt durch MSS, worauf- hin der Aufzug, gefolgt vom Auftritt und letztlich die Seitenzahl angegeben werden. (bsp. MSS 1, 1, S.7)

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346115874
ISBN (Buch)
9783346115881
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v534856
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
bürgerliches Trauerspiel Tugend Figurenkonstellation Lessing Miß Sara Sampson Vater-Tochter Analyse Liebe Tragödie Dreieckskonstellation

Autor

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