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Literarische Beziehungsmuster in Fontanes L´Adultera

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Bürgerliche Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert

3. Beziehungsmuster
3.1. Melanie und Ezechiel van der Straaten
3.2. Melanie und Rubehn

4. Fontanes Kritik an der Décadence
4.1. Treibhaus-Motiv
4.2. Wagner-Motiv
4.3. Venedig-Motiv

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Fontane (1819 – 1898), Vertreter des poetischen Realismus, begann 1879 die erste Niederschrift von „L´Adultera“; 1880 erschien der Vorabdruck im 13. und 14. Band der Monatsschrift „Nord und Süd“.

Fontanes erster Berliner Gesellschaftsroman portraitiert eine Frau, die ihren wohlhabenden Mann und ihre beiden Kinder verlässt, um eines neues Leben mit ihrem Geliebten zu beginnen. Dies war zu dieser Zeit ein riesiger Skandal, der die gesellschaftliche Ächtung zur Folge hatte.

Diese Arbeit beschäftigt sich intensiv mit den literarischen Beziehungsmustern in Fontanes Roman. Dabei soll zunächst ein Einblick gegeben werden, wie die bürgerliche Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert allgemein mit den Themen Ehe und Ehebruch umging und welche gesellschaftliche Stellung die Frauen in dieser Zeit einzunehmen hatten. Im Folgenden werden in dieser Arbeit dann die Charakteristika der unterschiedlichen Beziehungen von Melanie herausgearbeitet. Dabei werden auch die Stationen von Melanies Sozialisation nachgezeichnet. Ein weiterer Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit Fontanes Kritik an der Décadence. Nachdem vorab aufgezeigt wird, was diese Literaturepoche auszeichnet, wird dann anhand von drei Motiven die Kritik an dieser in Fontanes Werk aufgezeigt. Der letzte Teil der Arbeit ist nicht nur eine Zusammenfassung der vorangegangenen Punkte, sondern es wird zudem die Frage angeschnitten, wie fortschrittlich dieser Roman Fontanes, gemessen an den damaligen Verhältnissen, war.

Geprägt ist die Arbeit von der Auffassung Fontanes, dass Frauen nahezu unfähig seien, ihre Leidenschaften zu beherrschen. Die angenommene Unstetigkeit und Schwäche der Frauen sind für Fontane aber keineswegs Grund für eine vorschnelle Verurteilung und Ächtung. Vielmehr verteidigt er die menschlichen Schwächen als einen Ausdruck von Menschlichkeit, Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Damit begründet er auch die Sympathie zu seinen oft wenig tugendhaften Frauengestalten – diese ergebe sich nämlich gerade augrund ihrer Schwächen und Sünden.

Indem Fontane seine Frauengestalten außerdem oft als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt, wird ihre Schuld, im Sinne einer tragischen Schuld, relativiert. So deklamiert Melanie am Beginn des Romans, als sie das Tintoretto-Gemälde anschaut: „Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld“[1].

2. Bürgerliche Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert

Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Ehe die einzig anstrebenswerte Lebensweise für eine Frau aus großbürgerlichem Elternhaus. Gelang die Heirat nicht, endete man als „alte Jungfer“, die von den Verwanden versorgt werden musste. Gesellschaftliche Achtung konnte man als Frau nur in einer Ehe erlangen, wobei vor allem der Mann als eine gute Partie gesehen wurde, der in der Lage war, seine Frau rundum zu versorgen, und sie damit von allen Arbeiten zu befreien. Die Möglichkeit der eigenen Berufstätigkeit war in einem solchen Fall so gut wie nicht gegeben, da dies als nicht standesgemäß galt. Frauen wurde zudem nur eine Ausbildung in den Fächern gestattet, die der Repräsentation dienten.

Zur Zeit der Eheschließung war die Braut oft noch sehr kindlich, denn sie hatte meist nichts als das behütete Leben innerhalb der Familie kennen gelernt. Aus diesem Zustand konnte sie sich auch in der Ehe häufig nicht emanzipieren.[2]

Ein Ehebruch wurde bei einen Mann in keiner Form geahndet; beging eine Frau einen solchen bedeutete dies eine Ehrverletzung des Mannes. Die Frau verlor damit das Anrecht weiterhin Teil der Familie zu sein und ihre Kinder sehen zu können. Dies wird im Roman auch aus Melanies Perspektive kommentiert: „Wer aus der Ehe fortläuft und aus keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der begibt sich des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen.“[3]

Die Frau stand in dieser Zeit für Sittlichkeit und Keuschheit, auf der anderen Seite galt sie aber laut „dem Diskurs der Geschlechtscharaktere schwächer an Vernunft und [sei] damit leichter zu verführen.“[4]

Die Scheidung war Ende des 19. Jahrhunderts zwar rechtlich nicht verboten, wurde jedoch von der Gesellschaft als Skandal angesehen.

Diese Hintergründe zu kennen, ist für die Bewertung des Romans von entscheidender Bedeutung, denn Fontane sagte selber, dass ihm sehr viel daran lag, „ein Berliner Lebens- und Gesellschaftsbild zu geben“[5]. Dementsprechend ist der Stoff des Romans dem wirklichen Leben entlehnt – Vorlage war ein nur wenige Jahre zurückliegender Gesellschaftsskandal in der Berliner Hochfinanz: Van der Straatens „Urbild“ […] war der Großindustrielle Geheimrat Louis Ravené, dessen Frau Therese von Kusserow im Jahre 1874 mit dem Bankier Gustav Simon geflohen und zwei Jahre später mit diesem eine glückliche Ehe eingegangen war.“[6]

3. Beziehungsmuster

An dieser Stelle sollen die sozialen Beziehungen in Fontanes Werk analysiert werden. Es geht also um das aneinander orientiertes Sichverhalten der Hauptfiguren.

Dabei soll zunächst die Beziehung von Melanie und van der Straaten und dann die van Melanie und Rubehn charakterisiert werden. Während es sich bei der ersten noch um eine für diese Zeit typische Konvenienzehe handelt, erfordert die zweite die Emanzipierung von den gesellschaftlichen Konventionen. Jene geht mit der Sozialisation von Melanie einher. Dieser Punkt behandelt demgemäß auch die Beziehung von Melanie zu der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

3.1. Melanie und Ezechiel van der Straaten

Melanie und Ezechiel van der Straaten führen eine, für diese Zeit nicht ungewöhnliche, Konvenienzehe:

Für den Bourgeois van der Straaten liegt Melanies Tauschwert im Kapital ihrer Schönheit und ihrer Jugendlichkeit wie in ihrem Adelstitel und der damit verquickten Erhöhung seiner gesellschaftlichen Position. Für die verarmte Melanie de Caparoux liegt der Tauschwert van der Straatens in dessen Vermögen, dem Freikauf der vom Vater hinterlassenen Schulden sowie der Fortsetzung eines verwöhnten Lebens[7].

Die Beziehung der Beiden beruht also nicht auf Liebe, sondern ist das Ergebnis eines Geschäftes. Sie führen demnach auch keine gleichberechtigte Partnerschaft. Die 25 Jahre jüngere Melanie dient dem erfolgreichen Geschäftsmann van der Straaten lediglich als Repräsentationsobjekt und als Mutter seiner Kinder. „Das Individuelle seiner Frau erschöpft sich für ihn in dem, was Frauen allgemein sind.“[8] Melanie kann zwar weiterhin ein wohlbehütetes und äußerst bequemes Leben führen, doch ausfüllen tut sie dieses nicht.

Die beiden Ehepartner necken sich häufig spielerisch, zum Beispiel, wenn es um das Thema Kunst geht. Melanie liebt Musik, vor allem die Wagners, der Bankier van der Straaten ist ein leidenschaftlicher Sammler von Gemälden. Doch häufig ist Melanie auch beschämt von der ungehobelten Art und den derben Sprüchen ihres Mannes. So genießt sie auch stets die Zeit im Sommerhaus und damit die Distanz zu Ezechiel von der Straaten. In der Tiergarten-Villa „hatte sie Ruhe vor seinen Liebesbeweisen und Ungeniertheiten“[9]. Zärtlichkeiten tauscht sie mit van der Straaten so gut wie gar nicht aus – durch die Verkindlichung wird Melanie gleichzeitig entsexualisiert. Stattdessen werden im Roman „die unterschiedlichen erotischen Temperamente des Bankiers und seiner 25 Jahre jüngeren Frau und die sich daraus ergebenden Spannungen und Frustrationen signalisiert“.[10] Auch als Ehefrau hat sie immer noch eher „die Position der Tochter inne, die von van der Straaten als ‚Spielzeug’ und als unmündiges Kind behandelt wird.“[11] Sie muss sich ihrem Mann unterordnen und kann sich, ihre Fähigkeiten und ihre Leidenschaften nicht ausreichend entfalten.

[...]


[1] Theodor Fontane: L´Adultera, Fontane, Theodor: L´Adultera: Berliner Frauenromane. 2. Aufl. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2000. S. 12

[2] Vgl. Hanna Olejnik: Ehebruch und gesellschaftliche Akzeptanz in Theodor Fontanes L´Adultera und Leo Tolstojs Anna Karenina. In: Studia Niemcoznawcze. Warszawa: 2003. S. 737 f.

[3] Theodor Fontane: L´Adultera. S. 130 f.

[4] Antje Harnisch: Keller, Raabe, Fontane: Geschlecht, Sexualität und Familie im bürgerlichen Realismus. Frankfurt am Main: Peter Lang 1994 (Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 46). Seite 13

[5] Bettina Plett: L´Adultera. In: Grawe, Christian: Fontanes Novellen und Romane. Stuttgart: Phillipp Reclam jun. 1991L´Adultera. S. 65

[6] Herman Meyer: Theodor Fontane, : >L´Adultera< und >Der Stechlin<. In:

Preisendanz, Wolfgang: Theodor Fontane. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1973 (Wege der Forschung CCCLXXXI). S. 214

[7] Dirk Mende: Frauenleben : Bemerkungen zu Fontanes >>L´Adultera<< nebst

Exkursen zu >>Cécile<< und >>Effi Briest<<. In: Hugo Aust: Fontane aus heutiger Sicht: Analysen und Interpretationen seines Werks. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1980. Seite 187

[8] Walter Müller-Seidel: Theodor Fontane: Soziale Romankunst in Deutschland. 2., durchgesehene Aufl. Stuttgart: Metzler 1980. Seite 174

[9] Theodor Fontane: L´Adultera. S. 43

[10] Bettina Plett: L´Adultera. S. 75

[11] Antje Harnisch: Keller, Raabe, Fontane. Seite 138

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638488921
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53437
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Schlagworte
Literarische Beziehungsmuster Fontanes L´Adultera Sexualität Gesellschaft Diskurs

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Titel: Literarische Beziehungsmuster in Fontanes L´Adultera