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Weiblichkeit, Natur und Geschichte in Fouques "Undine"

Hausarbeit 2003 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Undine
2.1 Vor ihrer Beseelung
2.2 Ihre Beseelung und deren Konsequenzen
2.3 Zeitlosigkeit und Geschichte

3. Bertalda

4. Natur und Gesellschaft
4.1 Die Darstellung der Natur
4.2 Natur vs. Gesellschaft

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf den ersten Blick ist Fouqués Undine eine wundervolle leicht dahin fließende Erzählung, die den Leser in die Märchenwelt der Kindertage zurückführt, dabei aber einen gewissen Tiefgang zu entbehren scheint. Blickt man jedoch etwas genauer hin, so erkennt man, dass „unterhalb von allem die Grundwasserströmung einer mystischen zweiten Bedeutung [...] vom tiefsinnigsten philosophischen Charakter verläuft.“[1] Ziel dieser Darstellung soll es nun sein, einen Teil dieser manchmal versteckten Tiefe herauszuarbeiten.

Der erste Abschnitt dieser Arbeit wird sich mit der Figur der Undine beschäftigen, indem auf ihr Verhältnis zur Natur, ihr Wesen und vor allem auf ihren Charakterumschwung eingegangen wird. Anschließend soll dem Nebeneinander von Zeitlosigkeit, wie sie durch den Märchencharakter verursacht wird, und Geschichte, die sich Undine als beseelte Person eröffnet, nachgegangen werden. Der zweite Teil wird sich Bertalda widmen, die ein Undine entgegengesetztes, durch die Gesellschaft geprägtes Frauenbild verkörpert. Abschließend soll es zu einer Gegenüberstellung beider Frauen kommen.

2. Undine

2.1 Vor ihrer Beseelung

Undines Wesen wird von Anfang an mit der Natur und vor allem dem Wasser in Verbindung gebracht, wobei das feuchte Element nicht einfach nur ein Attribut ihres Charakters, sondern vielmehr ein Teil ihrer selbst ist. Gleich bei ihrem ersten Auftritt macht sie sich durch ein Wasserplätschern am Fenster der Fischerhütte bemerkbar[2] und als sie Huldbrand ihre Wassergeist – Identität offenbart, sagt sie: „Das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, [...].“[3] Damit wird es zum kennzeichnenden Merkmal ihrer Persönlichkeit.

Obwohl sie also erst nach ihrer Hochzeit dem Ritter ihre Elementargeist – Natur offenbart, wird dieser Umstand vorher mehrfach im Text angedeutet, so dass diese Eröffnung keine allzu große Überraschung für den Leser mehr darstellt. Undinens Erscheinung hat einen übernatürlichen Charakter, der von den Anderen hauptsächlich bei ihrer ersten Begegnung mit ihr bemerkt wird und sie von den Menschen allgemein unterscheidet. So hält der Priester sie z.B. für ein Gespenst:

„Er mochte wohl denken, es müsse Spuk und Zauberei mit im Spiele sein, wo ein so herrliches Bild aus einer so niedern Hüttenpforte erscheine; deshalb fing er an zu beten: Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“[4]

Es scheint, als ob ihr magisches Wesen rein instinktiv wahrgenommen würde und obwohl sich dieser Eindruck nie ganz verflüchtigt, wird er doch niemals bewußt problematisiert. Ihr Äußeres gleicht dem eines Menschen, kann aber nicht vollkommen über den Unterschied hinweg täuschen, der zwischen ihr und den Anderen besteht und wohl eine tiefere Ursache haben muss.

Undine selbst verleugnet ihre wahre Identität keineswegs und wendet sich wiederholt direkt an die Elementargeister („Wenn ihr Unfug treiben wollt, ihr Erdgeister, so soll euch Kühleborn was Bessres lehren.“[5] ), wodurch sie die Anderen verschreckt, gleichzeitig aber auch den offenen Umgang mit ihrer Herkunft bezeugt. Im Grunde ist ihre eigentliche Identität ein offenes Geheimnis: Jeder scheint es zu ahnen, sie selbst verhehlt es nicht, aber keiner spricht es, womöglich aus Furcht, offen aus.

Undine kennt keine Verstellung, ist stets natürlich und handelt immer nach ihrem Willen. Ihren Pflegeeltern gegenüber benimmt sie sich teilweise sehr gleichgültig[6] und man hat den Eindruck, dass sie kaum Gefühle für sie hegt.

Auffallend ist, dass sie sich bei christlichen Handlungen sittsam und ruhig verhält und Gott als dem Schöpfer aller Dinge den höchsten Respekt entgegen bringt.[7] Dies wirkt beinahe wie ein Bruch in ihrer Persönlichkeit, ist sie doch ansonsten kaum zur Ernsthaftigkeit fähig und treibt ständig ihre Scherze. Undine betrachtet sich aber genau wie die Menschen als Geschöpf Gottes. Sie ehrt ihn als höheres Wesen, hat aber, obwohl sie bei frommen Leuten aufgewachsen ist, die christlichen Lehren nicht verinnerlicht und daher auch keinen religiösen Zugang zu ihm. Dass wahrer christlicher Glaube keine Sache der Erziehung ist, wird aus ihren eigenen Worten deutlich:

„Denn jeder ist sich doch selbst der Nächste und was gehen einen die andern Leute an. [...] Ja, aber mir ist doch nun einmal so zumute, entgegnete Undine, habe mich erzogen, wer da will, und was können da all eure Worte helfen.“[8]

Wirkliche Frömmigkeit kann sich einem Menschen nur über die Seele, die Undine nach eigener Aussage nicht besitzt,[9] eröffnen. Dies ist auch die Ursache für ihr unchristliches Verhalten, das sich in ihrer Gefühllosigkeit, ihrem Egoismus und dem Mangel an Tugenden offenbart. Allerdings können diese Schwächen nicht auf eine Bösartigkeit ihrerseits zurückgeführt werden. In Ermangelung einer Seele ist es ihr nicht möglich, gottgerecht zu leben. Das Seelenheil ist also Voraussetzung, notwendige Bedingung für ein tugendhaftes und frommes Dasein.

2.2 Ihre Beseelung und deren Konsequenzen

Undine unterscheidet sich also grundlegend von den Menschen dadurch, dass sie keine Seele besitzt. Dieser Umstand führt dazu, dass sie, obwohl sie Gott als den höchsten Schöpfer ansieht und respektiert, gewissermaßen außerhalb der christlichen Gemeinschaft steht.[10] Nur über die Seele offenbaren sich die Tugenden und können auch aktiv gelebt werden. Aus alledem geht also hervor, dass die Seelenerwerbung Undinens mit einer Veränderung ihres Wesens parallel laufen muss und zwar in dem Maße, dass ihr oft egoistisches und gefühlloses Verhalten dem eines einfühlsamen Herzens weichen muss.

Ein solcher Wandel läßt sich aber erst nach der Hochzeitsnacht bemerken, womit diese also zum ausschlaggebenden Moment wird.[11] Nicht durch das Sakrament der Ehe, das so gesehen nichts weiter als eine reine Formalität ist, sondern „nur durch den innigsten Verein der Liebe“[12] wie Undine es selbst berichtet, erhält sie eine Seele. Die Liebe, das vielleicht stärkste und reinste menschliche Gefühl, ist fähig, ein seelenloses Wesen in die Gnade Gottes zu überführen, denn nur in ihr offenbaren sich die grundlegenden christlichen Tugenden wie Mitleid, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Undine muss also erst selber wahre Liebe erfahren, um selbst lieben zu können.

Die sich dadurch vollzogene Veränderung ihres Charakters könnte gar nicht prägnanter sein: Sie ist auf einmal still, sanft, ruhig und freundlich, wobei dies nicht wie von allen erwartet nur von kurzer Dauer ist, sondern vielmehr ein beständiger Wandel.[13] Durch ihre Seele erfährt sie nun gleich einem Menschen die Gnade Gottes, die ihr vorher versagt war. Damit aber „verkörpert Undine [...] den Menschen, wie er aus Gottes Hand entsprungen ist, sozusagen ohne durch die Erbsünde belastet zu sein.“[14] Ihr aufwühlendes Elementargeist – Wesen weicht dem eines einfühlsamen Herzens und was von ihrer ursprünglichen Herkunft übrigbleibt, sind ihre magischen Kräfte und ihre Verwandtschaft.

[...]


[1] Poe, Edgar Allan: Friedrich de la Motte - Fouqué: Undine. In: Friedrich de la Motte - Fouqué: Undine und andere Erzählungen. Mit der Rezension von Edgar Allan Poe. Insel Verlag 1978. S. 199.

[2] Vgl.: de la Motte Fouqué, Friedrich: Undine – Eine Erzählung. Mit einer Nachbemerkung. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2001. S. 10. Im folgenden Angabe: U. Seite.

[3] U. Seite 47.

[4] U. Seite 35.

[5] U. Seite 35.

[6] Vgl.: U. Seite 22.

[7] Vgl.: U. Seite 18 und Seite 36.

[8] U. Seite 34.

[9] Vgl.: U. Seite 41.

[10] Vgl.: Solbach, Andreas: Immanente Erzählpoetik in Fouqués Undine. In: Adam, Wofgang (Hg): Euphorion – Zeitschrift für Literaturgeschichte. 91. Band 1997. S. 84.

[11] Vgl.: Fink, Gonthier – Louis: Fouqués Undine. Die Diskrepanz zwischen Autor und Erzähler. In: Hahn, Gerhard und Weber, Ernst (Hg.): Zwischen den Wissenschaften. Beiträge zur dt. Literaturgeschichte. Friedrich Pustet Regensburg. S. 329.

[12] U. Seite 48.

[13] Vgl.: U. Seite 45.

[14] Fink, Gonthier – Louis: Fouqués Undine. Die Diskrepanz zwischen Autor und Erzähler. In: Hahn, Gerhard und Weber, Ernst (Hg.): Zwischen den Wissenschaften. Beiträge zur dt. Literaturgeschichte. Friedrich Pustet Regensburg. S. 329.

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638487207
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53209
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Weiblichkeit Natur Geschichte Fouques Undine Romantische Erzählkunst Romantik Kunstmärchen

Autor

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