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Die weiblichen Figuren in Beziehung zu Danton und seinem Todesurteil in Georg Büchners 'Dantons Tod'

Hausarbeit 2006 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Danton, eine Gefühlmischung
2.1. Passivität
2.2. Pessimismus, Zweifel und Verzweiflung
2.3. Ein letztes Vergnügen vor dem Tod

3. Marion als Verkörperung des Vergnügens
3.1. Genuss
3.2. Epikureertum
3.3 Beziehung zu Danton

4. Julie und die Liebe
3.1. Julie als verwandte und beruhigende Seele
3.2. Ihr Tod

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Büchners Theaterstück Dantons Tod beginnt und endet mit einer Frauenfigur. In der ersten Szene tritt Julie, Dantons Frau, in Erscheinung, als sie ein ernstes Gespräch mit Danton führt. Die letzte Szene endet mit Lucile, Camilles Frau, die „Es lebe der König“[1] schreit und verhaftet wird. Das Stück wird also von Frauenfiguren eingerahmt, die Frauen sind in jedem Akt anwesend und spielen eine wichtige Rolle beim Tode Dantons und der Dantonisten.

Die Hypothese, dass Julie und Marion, Dantons Geliebte, eine besondere Beziehung zu Danton und seinem Tode haben, soll mit Hilfe einer Analyse der beiden Figuren erarbeitet werden. Welche Rolle haben sie in Bezug auf Danton? Wie verhalten sie sich? Inwiefern entwickelt sich Danton dank der Frauenfiguren? Wie benimmt sich Danton? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, soll in einem ersten Schritt vor allem das Verhalten Dantons seinem eigenen Tode gegenüber untersucht werden. Der Schwerpunkt kann dabei auf die folgenden vier Aspekte seines Charakters gelegt werden: seine Passivität, seine Verzweiflung und seine Genusssucht. Anschlieβend soll auf die Gestalt der Marion eingegangen werden, die nur in einer Szene erscheint, dennoch aber eine groβe Bedeutung hat. Bei Marion wird ihr Wesen in Bezug auf den Genuss, das Epikureertum und ihre Beziehung zu Danton erarbeitet. Zuletzt soll die Figur der Julie, der „Repräsentantin der Seelenliebe“[2] analysiert werden Eine, die als verwandte Seele Dantons und Verkörperung der Ruhe dargestellt wird. Auβerdem soll ihr Tod verdeutlicht werden. In der Schlussbetrachtung sollen die Ausgangsfragestellungen beantwortet werden. Tatsächlich wird hier nur ein Aspekt des Dramas interpretiert.

Als Textgrundlage gilt der erste Band des Deutschen Klassiker Verlags der Sämtlichen Werke Büchners, weiterhin entscheidend waren die Untersuchungen von Theo Buck und Ursula Segebrecht-Paulus.

2. Danton, eine Gefühlsmischung

2.1. Passivität

Danton empfindet zwiespältige Gefühle seinem Tode gegenüber. Manchmal ist er passiv und resigniert, ein anderes Mal ist er positiver und betrachtet den Tod als eine Befreiung.

Lange glaubt Danton nicht, dass er guillotiniert wird und tut deshalb nichts, um seine Hinrichtung zu vermeiden. Auch in der Politik ist er nicht mehr aktiv. Nur selten handelt er plötzlich und mit eine starken Reaktion[3]: Zum Beispiel wenn er seine Ehre verteidigt (Vgl. DT 63f.). Doch kämpft er nicht mehr für die Revolution. Auch Lacroix wirft ihm vor, nicht aktiv genug zu sein: Danton wird nicht mehr vom Volk als Revolutionär anerkannt (Vgl. DT 31 und 38).

Mit seiner Verhaftung steigert seine Passivität bis zur Vollkommenheit, weil er und die anderen Dantonisten denken, dass ihr Tod etwas Heiliges ist[4]. Danton erwartet durch den Tod die Ruhe[5]. Er möchte durch ihn das Nichts erreichen: die Ruhe ist bei den Epikureern ein groβes Vergnügen, deswegen handelt er nicht, um nicht zu sterben. Dennoch wartet er in der fünften Szene des zweiten Aktes (Vgl. DT 47f.) ungeduldig auf den Tod. Doch dann ist er hin und her zerrissen: „Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben!“ (DT 73).

2.2. Pessimismus, Zweifel und Verzweiflung

Danton zweifelt an dem Todesurteil. Er denkt nämlich, dass er und die Dantonisten nicht guillotiniert werden: „Sie werden’s nicht wagen“ (DT 40 und 47), „Und – ich dachte nicht, daβ sie es wagen würden“ (DT 59). Er bedauert seine Rolle in den Septembermorden, weil er sich dafür verantwortlich fühlt und empfindet Zweifel: Er weiβ nicht genau, ob er richtig gehandelt oder ob er einen groβen Fehler begangen hat. Er hat also keinen Zweck mehr und weiβ nicht genau, wohin er geht, welches Ziel er hat[6].

Pessimismus ist bei Danton eine „völlige Chaotisierung des Seins“[7]. Im Drama äuβert er sich häufig, dass er in die Revolution keine Hoffnung mehr habe. Oft scheint er resigniert und pessimistisch, indem er sagt: „Endlich – ich müβte schreien, das ist mir der Mühe zuviel, das Leben ist nicht die Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten“(DT 40) oder:

Danton: Wir sind Alle lebendig begraben […]. Wir kratzen 50 Jahre lang am Sargdeckel. Ja wer an Vernichtung glauben könnte! dem wäre geholfen.

Da ist keine Hoffnung im Tod, er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis, das ist der ganze Unterschied! (DT 72f.)

Er entdeckt das Leben „als Gestorbensein“[8], weil ihm bewusst ist, dass er bald guillotiniert wird und „seine Erkenntnis ist tödlich, weil sie sich aus dem ‚Blick eines Toten’ ergibt“[9]. Auβerdem betrachtet er sich bereits als gestorben, obwohl er immer noch lebt. Der einzige Grund, weiter zu leben, ist Julie: Wenn Julie ihn nicht liebte, würde er ganz resignieren und der Tod wäre ihm nicht so schwer.

Obwohl er weiβ, dass er zum Tode verurteilt ist, verteidigt er vor dem Revolutionstribunal seine Ehre: Das ist seine letzte Empörung. In der ersten Szene des zweiten Aktes verurteilt er sich selbst (Vgl. DT 38f.), weil er keine schlechte Rolle in der Revolution spielen will. Er scheint also resigniert und sucht nach einer Art Paradies. Er zieht es vor, guillotiniert zu werden als Asyl zu finden:

Danton: Der Wohlfahrtsausschuβ hat meine Verhaftung beschlossen. Man hat mich gewarnt und mir einen Zufluchtsort angeboten.

Sie wollen meinen Kopf, meinetwegen. Ich bin der Hudeleien überdrüssig. Mögen sie ihn nehmen. Was liegt daran? Ich werde mit Mut zu sterben wissen; das ist leichter, als zu leben.(DT 45)

Er hat keine Angst vor dem Tode, weil er sich schon psychologisch darauf vorbereitet hat und auch, weil er hofft, im Tode Ruhe zu finden und das Nichts zu erreichen.

2.3. Ein letztes Vergnügen vor dem Tod

Danton möchte im Tode das Nichts erreichen, weil er den „Tod als ein Nichts“[10] betrachtet. Er wird sich aber dann bewusst, dass das Nichts nicht existieren kann: „Der verfluchtete Satz: etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer!“ (DT 72). Danton empfindet also in diesem Augenblick ein metaphysisches Leid, weil er keine Hoffnung mehr auf die Ruhe im Tode hat.

Danton fürchtet sich nicht vor dem Tode: er will mutig und in Ehren sterben: „Jetzt kennt Ihr Danton; noch wenige Stunden und er wird in den Armen des Ruhmes entschlummern“(DT 64). Julie ermöglicht ihm, eine letzte Freude zu empfinden, indem sie ihm beweist, dass sie auch sterben wird: Danton kennt Julie und weiβ, dass ihre Liebe stärker als das Leben ist. Das bedeutet, dass Danton möchte und später auch weiβ, dass Julie auch im Tode mit ihm verbunden sein wird[11]. Er kann somit nur die Ruhe erreichen, wenn Julie auch stirbt.

[...]


[1] Büchner: Dantons Tod, S. 90. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Abkürzung DT nachgewiesen.

[2] Buck: Grammatik einer neuen Liebe, S.13.

[3] Vgl. Behrmann/Wohlleben: Dramenanalyse, S.136.

[4] Vgl. Mischke: Die Spaltung der Person, S.121.

[5] Vgl. Segebrecht-Paulus: Genuss und Leid, S.92.

[6] Vgl. Abutille: Angst und Zynismus, S.52.

[7] Mischke: Die Spaltung der Person, S. 121.

[8] Rey: Revolutionstragödie, S.92.

[9] Rey: Revolutionstragödie, S.92.

[10] Abutille: Angst und Zynismus, S.74.

[11] Vgl. Segebrecht-Paulus: Genuss und Leid, S.99.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638487160
ISBN (Buch)
9783638779319
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53202
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Schlagworte
Figuren Beziehung Danton Todesurteil Georg Büchners Dantons

Autor

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