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Die Deutung des Akvarium-Songs Поезд в огне als Perestroika-Hymne

Seminararbeit 2004 17 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommentare zu Поезд в огне

3. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Akvarium-Song Поезд в огне[1]. Er wurde 1987, auf dem Höhepunkt der Perestroika, als Bonustrack auf dem Album Равноденствие veröffentlicht. Dieses Lied ist eines der sehr wenigen dezidiert „politischen“ Lieder des Sängers Boris Grebenščikov, weshalb im Folgenden der Versuch unternommen werden soll, den Text als Perestroika-Hymne zu lesen und zu interpretieren. Grebenščikov selbst hat in Interviews immer wieder beteuert, dass er den Song nicht auf die Perestroika bezogen geschrieben hat:

Гребенщиков говорит:

"За "Полковника Васина" хочется воспользоваться случаем и лично извиниться перед Михаилом Сергеевичем Горбачевым. Я клянусь, что эта песня не имеет к нему никакого отношения - ни к нему, ни к его достойной супруге; она была написана абсолютно по другому поводу и не имела отношения к перестройке.[2]

Der Song umfasst insgesamt drei Strophen, wobei nach der zweiten Strophe ein Refrain eingeschoben ist. Dieser wird nach der dritten Strophe abermals gesungen. Die dritte Strophe wird somit von dem wiederkehrenden Refrain eingerahmt. Der Songtext wird von einem auktorialen Erzähler wiedergegeben. In den ersten beiden Strophen berichtet er von einem Oberst, der sich an sein Regiment wendet und fügt dessen Ansprache als Monolog ein. Der zitierte „fiktive“ Oberst reflektiert die Vergangenheit seines Landes und Volkes, macht sich Gedanken über die Fehler, die in der Vergangenheit begangen wurden. Er macht seinen Appell an die Menschen („Geht nach Hause!“) zur zentralen Aussage des Liedes, indem er gleich zweimal verkündet: „Пойдем домой.“ (1. Strophe) – „Время вернуться домой.“ (2. Strophe). In der dritten Strophe kommt es schließlich zur Auflösung durch den Sänger: „Мы уже возвратились.“

2. Kommentare zu Поезд в огне

In diesem Kapitel soll der Songtext Vers für Vers untersucht und in einen Bedeutungszusammenhang gebracht werden.

Полковник Васин приехал на фронт

Со своей молодой женой

Полковник Васин als bekannte Persönlichkeit hat es in der russischen Geschichte nicht gegeben. Es liegt nahe, dass mit der Person des Полковник Васин Michail Sergeevič Gorbačëv, der seit März 1985 das Amt des Obersten Generalsekretärs der KPdSU innehat, in Verbindung gebracht werden kann. Bereits in dieser Zeit nutzt das neue Staatsoberhaupt die Chance zur Bildung eines neuen Parteiprogramms und –statuts sowie zu einem weitreichenden Personalwechsel in Partei und Staat.[3] In diesem Kontext kann die фронт zum einen als die Frontlinie des Kalten Krieges gedeutet werden (die UdSSR hat eine „Front“ gegen den Kapitalismus gebildet) und zum anderen als die politischen Gegner Gorbačëvs (z.B. Konservative), mit deren Politik er aufräumen wollte. Die молодая жена kann als die neue, richtungsweisende Politik des Staatsoberhauptes angesehen werden, die das Land, das politische System sowie die Gesellschaft umstrukturieren und zu neuen Denkweisen animieren sollte. Das Prinzip des Demokratischen Zentralismus (ergo die Organisationsstruktur der Partei) und die Macht der Bürokratie sollten trotz notwendiger, radikaler Reformen jedoch beibehalten werden.[4]

Полковник Васин созвал свой полк

И сказал им: Пойдем домой.

Mit свой полк bringe ich die Führungsriege um Gorbačëv in Verbindung. Er versammelte Politiker um sich, denen er zutraute, mit ihm zusammen unter Einbehaltung der gemeinsamen politischen Überzeugungen für ein Ziel zu kämpfen. Zu diesen Begleitern zählten im Jahre 1987 beispielsweise der langjährige Außenminister Andrej Gromyko (zu diesem Zeitpunkt wurde ihm das Amt des Präsidenten von Gorbačëv überlassen) und der neu auserkorene Außenminister Eduard Šewardnadse.[5] Das Ziel bestand in der Rückkehr des Landes und der Gesellschaft zu sich selbst, wie in Пойдем домой ausgedrückt wird. Gemeint ist an dieser Stelle die Rückbesinnung auf eine vor-kommunistische und vorsowjetische Zeit. Gerade zur Zeit der Perestroika wurde ein Aufflammen alter Werte sowie historischen Bewusstseins sichtbar. In der Hierarchie der Werte hat vor allem eine Umkehrung der Rangpositionen stattgefunden: „heroische“ Taten wie die Oktoberrevolution, die Aktivitäten der Roten Armee sowie die Beteiligung der Rotgardisten im Bürgerkrieg verblassten. Demgegenüber wurde die weißgardistische Bewegung in eben diesem Bürgerkrieg idealisiert und Sympathie für die Zarendynastie der Romanovs zu wecken versucht. Es bestand ein hohes Interesse an der Umbenennung von Städten, Dörfern, Straßen und Plätzen in ihre alten (vorrevolutionären und nicht sowjetisch geprägten) Bezeichnungen sowie ein Trend zur Wiederbelebung vergangener Traditionen.[6]

[...]


[1] Die passendste und mir persönlich am besten gefallende Übersetzung des Titels (sowie auch des gesamten Liedtextes) findet sich im Aufsatz von Wolfgang Schlott: „In Flammen steht der Zug.“ Vgl. Schlott, Wolfgang: Der Zerfall eines widerständigen Symbolsystems: russische Rockmusik während und nach der Perestrojka. In: Eimermacher, Karl; Kretzschmar, Dirk; Waschik, Klaus (Hrsg.): Russland, wohin eilst Du? Perestrojka und Kultur. Dortmund, 1996, Bd. 2, S. 643.

[2] http://handbook.reldata.com (Stand: 27.08.04)

[3] Druwe, Ulrich: Das Ende der Sowjetunion. Krise und Auflösung einer Weltmacht. Weinheim, 1991, S. 55.

[4] Ebd. S. 55.

[5] Ebd. S. 59 u. S. 201f.

[6] Slepzow, Nikolai; Rewenko, Lidija: Die Perestroika-Generation. Jugendliche in Rußland. München, 1993, S. 69.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638486231
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53081
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2-
Schlagworte
Deutung Akvarium-Songs Perestroika-Hymne

Autor

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