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Eine psychologische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen

Diplomarbeit 2001 192 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte des Windsurfsports
2.1 Die Gerätschaft und ihr Grundprinzip
2.1.1 Das Windsurfgerät
2.1.2 Das Grundprinzip der Segelsteuerung
2.2 Die windsurfähnlichen Segelkonstruktionen
2.2 Die Entwicklung und Verbreitung des Windsurfsports
2.2.1 Ein Patent und seine Auswirkungen
2.2.2 Die wirtschaftliche Entwicklung des Windsurfsports unter besonderer
Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland
2.2.3 Die Entwicklung des Windsurfsports anhand ausgewählter Beispiele.

3. Literaturdiskussion..
3.1 Windsurfen als Gegenstand der Literatur
3.2 Erklärungsversuche zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des
Windsurfens.
3.2.1 Argumente, Ursachen und Motive
3.2.1.1 Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und (Ur-)Triebe
3.2.1.2 Kompensation des Alltags
3.2.1.3 Freiheit und Unabhängigkeit von Alltäglichem
3.2.1.4 Windsurfen als körperliche Herausforderung
3.2.1.5 Vereintes Erleben mehrerer Sportarten
3.2.1.6 Faszination Gleiten
3.2.1.7 Faszination Geschwindigkeit
3.2.1.8 Faszination Springen und Wellenreiten
3.2.1.9 Praktische Argumente und Ursachen
3.2.1.10 In-Sein, Zugehörigkeit zu einer Sportgemeinschaft
3.3 Windsurfen als Ausdruck eines individuellen Lebensstils (Schiewer, 1989)
3.4 Körpergefühl beim Windsurfen (Steiner, 1985)
3.5 Körper- und Bewegungserleben beim Windsurfen (Strehle, 1994)

4. Theorie und Methode der Untersuchung
4.1 Theoretische Grundlegung
4.2 Theoretische Bezugseinheit
4.3 Methodische Grundlegung
4.4 Das Untersuchungsmaterial

5. Vereinheitlichende Beschreibung
5.1 Entgrenzen
5.1.1 Abbild des Freien und Ungebundenen
5.1.2 Zwanglosigkeit des Lifestyles
5.1.3 Auflösung der Alltagsverbindlichkeiten
5.1.4 Freiheit in familiärer Gemeinschaft
5.1.5 Nähe im exklusiven Verbund
5.1.6 Aufgehen im Unendlichen und Unberechenbaren
5.1.7 Unmittelbare Harmonie und Verbundenheit mit der Natur
5.1.8 Unmittelbares Erleben in Bewegungsformen
5.1.8.1 Springen (Im Flug Grenzen auflösen)
5.1.8.2 Wellenreiten (Spielen mit der Gefahr und behütetes Schaukeln)
5.1.8.3 Gleiten (Sich auflösen, verschmelzen, omnipotent sein)
5.1.9 Probleme und Erfordernisse
5.1.9.1 Suche nach Halt
5.1.9.2 Suche nach Berechenbarkeit und Konstanz
5.1.9.3 Untätig festgelegt sein
5.1.9.4 Störungen
5.2 Begrenzen
5.2.1 Leben in Begrenzung
5.2.1.1 Sich ganz einlassen
5.2.1.2 Verzichten und entbehren
5.2.1.3 Sich durchsetzen, emanzipieren
5.2.2 Kämpfen und Sich-Quälen
5.2.2.1 Alleine gegen den Wind
5.2.2.2 Ausbildung einer perfekten, runden Gestalt
5.2.2.3 Fortwährendes Durchstehen von Schmerzvollem
5.2.2.4 Besonders sein
5.2.2.5 Verblaß der Jugendlichkeit

6. Überlegungen zur Wirkung des Windsurfens

7. Zusammenfassung und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

Fachwortverzeichnis

Auflistung der Probanden

Kurzbeschreibungen der Interviews

Lebenslauf

1. Einleitung

Windsurfen[1] - wie kaum eine andere Sportart hat sich die „Mutter aller Trendsportarten“ (Kloos, 2000, 53) in nur wenigen Jahren einen etablierten Platz auf dem hart umkämpften Freizeitmarkt und vor allem in den Herzen einer großen Anhängerschaft gesichert, deren Anzahl, trotz eines deutlichen Rückgangs seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderst, allein in der Bundesrepublik Deutschland noch immer 300.000 bis 350.000 betragen soll (vgl. Bundesverband der Surfindustrie, 1999).[2] Nimmt man diese Zahlen als Grundlage und vergleicht sie mit den anderen 57 Sportarten, die im Deutschen Sportbund (DSB) organisiert sind, dann liegt das Windsurfen an 15. Stelle und damit noch vor den ebenfalls sehr populären Sportarten wie Golf, Basketball oder Segeln (vgl. ebd.).

Es stellt sich nun die Frage, worin die (andauernde) Faszination der anfänglich zumeist von Seglern belächelten und verspotteten Aktivität der „Stehgeiger“, „Billigsegler“ oder „Mopedfahrer des Sees“ (Stanciu, 1984, 8) besteht und wie es ihr gelingt, das zumeist in den einschlägigen Fachmagazinen und -zeitschriften proklamierte „Gefühl des Losgelöstseins“, der „Befreiung auch vom Leistungs-zwang“ (Kloos, 1997, 3) sowie das besondere Erleben von Glücksmomenten und Spaß zu generieren. Die vorliegende Arbeit geht gerade diesen Fragen nach. Sie untersucht den Windsurfsport dabei aus der Perspektive seiner Protagonisten, indem sie sich für deren Erleben bei der Tätigkeit des Windsurfens interessiert und dieses ausführlich und konkret beschreiben läßt. Um das Erleben der Windsurfer umfassend und adäquat erfassen zu können, bedient sie sich einer entsprechenden qualitativen Forschungsstrategie, wie sie das theoretische und methodische Konzept der Morphologischen Psychologie nach Salber bereitstellt (vgl. Kap. 4). Damit ist innerhalb der sportpsychologischen Forschung ein ungewöhnlicher und vakanter Erkenntnisweg eingeschlagen, der zudem im Zusammenhang mit dem Windsurfsport erstmals angewendet wird.

Primäres Ziel dieser Arbeit ist es, anhand ausführlicher Erlebensbeschreibungen von Windsurfern zu einer umfassenden empirischen Erhebung des Erlebens der Sportart Windsurfen zu gelangen. Auf deren Grundlage sollen dann bestehende Erkenntnisse und Reflexionen, wie sie in Kapitel 3 diskutiert werden, um qualitative Ergebnisse erweitert und somit einen Beitrag zur sportpsychologischen Forschungspraxis geleistet werden. Die Arbeit will zum dritten zu weiteren, mehr strukturell ausgerichteten Untersuchungen von Sportarten anregen.

Bevor jedoch auf die empirische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen eingegangen wird, erfolgt zunächst eine kurze Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Windsurfsports (Kapitel 2). Im Anschluß an diese Einführung in den Untersuchungsgegenstand werden Artikel, Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen diskutiert (Kapitel 3). Hier wird sich zeigen, daß das Windsurfen bisher wenig Gegenstand sportpsychologischer Forschung war. Nach der Literaturdiskussion erfolgt eine kurze Darstellung der Theorie und Methode, mit der an den Untersuchungsgegenstand herangegangen wird. Das erhobene umfangreiche qualitative Material wird anschließend in der sogenannten vereinheitlichenden Beschreibung anschaulich und phänomennah auf die Strukturzüge des Windsurfsports verdichtet (Kapitel 5). Die Erkenntnisse aus dieser Verdichtung aller durchgeführten Tiefeninterviews bildet die Grundlage für die nachfolgenden Überlegungen zur Wirkung des Windsurfens (Kapitel 6). Den Abschluß der Arbeit bilden eine kurze Zusammenfassung und ein Ausblick, der weitere Fragestellungen und Anregungen formuliert (Kapitel 7).

2. Geschichte des Windsurfsports

2.1 Die Gerätschaft und ihr Grundprinzip

Um einen Einblick in die Thematik und eine Vorstellung dessen zu bekommen, ohne das „der schönste Sport der Welt“ (Welz, 1996, 22) und folglich keine Untersuchung zum Windsurfen existierte, sollen zunächst die Gerätschaft und deren funktionales Prinzip in ihren Grundzügen dargestellt werden.

2.1.1 Das Windsurfgerät

Die Gerätschaft eines Windsurfers (vgl. Abb. 1) setzt sich im wesentlichen aus dem Surfbrett und dem sogenannten Rigg[3] zusammen, die beide in unterschiedlichen Größen und für unterschiedliche Einsatzbereiche und -bedingungen gefertigt werden.[4] Das Surfbrett - als Beispiel das sogenannte ‚Funboard’ - ist in der Regel ein vollausgeschäumter, geschlossener, flacher und vorn rund bis spitz zulaufender Hohlkörper, der meist aus Kunststoff hergestellt wird und um die 3,20 bis 3,50 m lang, um die 0,60 bis 0,70 m breit ist und ein Gewicht von ca. 10 bis 15 kg bei ca. 130 bis 160 l Volumen hat. Als feste Elemente sind in der Mitte des Brettes ein Schwertkasten - in das sich ein Steck- oder Klappschwert einführen läßt, das die (seitliche) Abdrift verhindert - und die Haltevorrichtung für den Mastfuß eingearbeitet, der das Brett und Rigg durch ein nach allen Seiten bewegliches Gelenk verbindet. Seine Position kann in der Mastfußschiene in Richtung Bug oder Heck variabel verändert werden. Im Heckbereich des Brettes ist an der Unterseite eine sogenannte Finne angebracht, die die Richtungsstabilität erhöht. An der Oberseite sind zumeist zusätzlich Fußschlaufen montiert, die bei stärkerem Wind den Füßen mehr Halt geben.

Das Rigg dient zur Steuerung des Windsurfgerätes, die stehend erfolgt. Das Segel ist ein dreieckiges, windundurchlässiges und durch Segellatten profiliertes Tuch (oder eine Folie), das den Vortrieb erzeugt. Es wird am Gabelbaum straff aufgespannt. Dieser ist ein flaches Oval aus einem Gestänge und wird am Mast befestigt. Der Gabelbaum ist wichtigstes Element zum Steuern des Windsurfgerätes und wird vom Windsurfer stehend mit beiden Händen gehalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Windsurfgerät (entnommen aus Herreilers & Weichert, 1980).

2.1.2 Das Grundprinzip der Segelsteuerung

Das Steuerungsprinzip des Windsurfgerätes basiert - kurz und vereinfacht dargestellt - auf dem physikalischen Zusammenhang zwischen dem sogenannten Segeldruck-punkt, der die am Segel angreifenden Windkräfte in sich vereinigt (etwa im vorderen Drittel des Segels und in Höhe des Gabelbaums), und dem sogenannten Lateraldruckpunkt, dem Angriffspunkt, an dem die Kraft vereinigt auftritt, die den unter Wasser liegenden Teilen auf ihrer ganzen Fläche durch das Wasser entgegenwirkt (etwa in Höhe des Schwertes).[5] Liegen beide Punkte in einer Linie, so fährt das Brett geradeaus. Bei einer Verlagerung beider Punkte zueinander ändert sich die Fahrtrichtung: durch Neigung des Riggs in Längsrichtung des Brettes vor den Lateraldruckpunkt dreht der Bug vom Wind weg, nach Lee, und das Brett fällt ab. Wird der Segeldruckpunkt durch die entsprechende Neigung des Riggs hinter den Lateraldruckpunkt verlagert, dreht sich der Bug zum Wind hin, nach Luv. Das Brett luvt an.

2.2 Die windsurfähnlichen Segelkonstruktionen

Das Windsurfen verbindet nun „auf geniale Weise“ (Mares & Winkler, 1984, 9) das oben genannte Grundprinzip der Steuerung mit dem vom Wellenreiten her bekannten, gleitfähigen Rumpf (Brett). Beide Elemente sind jedoch schon lange in der Geschichte bekannt (vgl. Herreilers & Weichert, 1980). So wird schon bei den alten Griechen in Homers 5. Gesang der Odyssee ein Wasserfahrzeug beschrieben, das mit Hilfe der oben beschriebenen Druckpunktverlagerung gesteuert wurde. Dieses Fahrzeug ähnelte dem sogenannten „Jangada-Floß“ (ebd., 7) aus Balsa-holzstämmen, das vor ca. 1000 Jahren von brasilianischen Indios beim Fischfang benutzt und durch die unterschiedliche Neigung eines nach allen Seiten beweglichen Mast mit Segel gesteuert wurde.[6] Auch bei den Polynesiern und anderen Südseestämmen war diese Technik bekannt und wird heute noch angewendet (vgl. ebd.).

Der zweite elementare Teil des Windsurfens, das Brett, ist von einer Tätigkeit der Polynesier entlehnt, welche die Grundlage für das heutige Brandungssurfen oder Wellenreiten bildete, das sich in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem über Hawaii in die USA, Australien und Europa verbreitete (vgl. ebd.).

In der ‚neueren’ Geschichte des Windsurfsports sind zahlreiche windsurfähnliche Konstruktionen bekannt, die - trotz diverser Unterschiede - alle die beiden oben genannten ‚alten’ Elemente verwenden. Diese Konstruktionen sollen im folgenden kurz skizziert werden.

In der Literatur wird der US-Amerikaner, Designer und Erfinder Newman Darby als „Stammvater“ (Herreilers & Weichert, 1980, 8) oder „Pionier der Stehsegler“ (Helbig, 1985, 9) bezeichnet. Darby war es nämlich, der 1964 mit seiner Konstruktion „Sailboarding“ als erster die Idee in die Praxis umsetzte, ein Brett durch variable Neigung eines Konstrukts aus Segel, Baum und Mast stehend mit den

Händen zu steuern (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).[7] Sein ca. 3 m langes, ca. 0,90 m breites und ca. 30 kg schweres Segelbrett aus Holz war flach, rechteckig und hatte ein Schwert. Das trapezförmige, verstagte (bewegliche) und 3,25 m² große Rigg, das einem auf den Kopf gestellten (Kinder-) Drachen glich, wurde durch einen Tampen fest mit dem Brett verbunden und von der windabgewandten Seite aus gesteuert, indem der Segler vor dem Mast stehend mit seinem Körper den Winddruck auffing und das Rigg nach vorn oder hinten neigte (vgl. Mares & Winkler, 1984). Obwohl er seine Gerätschaft 1965 in der US-amerikanischen Zeitschrift ‚Popular Science’ und anschließend in einer breit angelegten Vermarktungskampagne der Öffentlichkeit vorstellte, blieb der wirtschaftliche Erfolg aus - wohl aufgrund der unvorteilhaften Steuerung und der ungünstigen Strömungsverhältnisse (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).

Ebenfalls erfolglos blieb der Münchener Rechtsanwalt Rainer Schwarz mit seinem 1966 konstruierten und in der Bundesrepublik Deutschland als „Gebrauchsmuster auf ein Wellenbrett mit Handsegelvorrichtung“ (Herreilers & Weichert, 1980, 9) patentierten „Hawaii-Segler“ (ebd., 10). Diese Gerätschaft wurde aufgrund des hohen Kraftaufwandes bei der Steuerung nie produziert (vgl. Prade, 1977). Sie bestand aus einem dem Wellenreitbrett nachempfundenen Rumpf von etwa 3,60 m Länge, 0,52 Breite und ‚nur’ 15 kg Gewicht sowie aus einem krebsscherenförmigen, schmalen und hochgeschnittenen Rigg, welches das Segeltuch zwischen zwei V-förmigen Spieren aufspannte und in einer Vertiefung des Rumpfes lose fixiert wurde (vgl. Dassler, 1998). Die Steuerung dieses auch als „Segelboot“ (Mares & Winkler, 1984, 9) bekannten Gerätes erfolgte sitzend, wobei das Rigg „mühsam“ (ebd.) mit den Händen an den Spieren geführt wurde.

Der „Durchbruch“ (Rapf, 1987, 12; Wolf, 1993, 12) zu einem voll funktionierenden Windsurfgerät - und deshalb im allgemeinen als der eigentliche „Genius und geistige Vater“ (Stanciu, 1992, 25) des heutigen Windsurfens erachtet - gelang 1967 dem US-Amerikaner, Ingenieur und Flugzeugkonstrukteur James R. „Jim“ Drake mit einem Segelsurfgerät, das in Form und Funktion der Prototyp aller heutigen Windsurfgeräte ist (vgl. Stanciu, 1984).[8] Drakes Konstruktion wurde 1968 von seinem Nachbarn und späteren Partner, dem Computerfachmann Hoyle Schweitzer, in den USA unter dem Namen „Windsurfing“ jeweils zu gleichen Teilen patentiert (vgl. ebd.). Wesentliche und prägende Neuerung war zum einen ein hölzerner Gabelbaum, der das Halten des Riggs auf beiden Seiten zuließ, und zum anderen die Verwendung eines flexiblen Kardangelenkes, welches das Rigg nach allen Seiten frei beweglich machte und gleichzeitig eine feste Verbindung mit dem Brett sicherte (vgl. Dassler, 1998). Weiterhin gehörte zu diesem 3,65 m langen, 65 cm breiten und 20,5 kg schweren Kunststoffboard ein vom Segelsport bekanntes hölzernes Schwert und eine Kunststoffinne (vgl. Wolf 1993). Das Rigg bestand aus einem 4,20 m langen Mast, einem 2,65 m langen Gabelbaum und einem Segel von 5,4 m² Fläche sowie einer Schot, mit der das Segel aus dem Wasser gezogen wurde (vgl. ebd.).

Drake entwickelte die Idee bereits seit 1962, vorwiegend in langen Gesprächen mit seinem Freund und ehemaligen Chef Fred Payne Jr. (vgl. Stanciu, 1984).[9] Er wollte als begeisterter Segler und Skifahrer ein Sportgerät für den Sommer entwickeln, das die Vorzüge beider Sportarten miteinander kombiniert. So ist, entgegen der späteren Behauptung Schweitzers, der Kalifornier Drake der eigentliche ‚Erfinder’ dieses Gerätes, war er es doch „der das Konzept ,vom Wind in den Händen’ entwickelte, der die Kombination von gelenkigem Mastfuß und Gabelbaum ersann, der die ersten Prototypen baute und ausprobierte“ (ebd., 202). Sein Kompagnon und leidenschaftlicher Wellenreiter Schweitzer hingegen finanzierte hauptsächlich die Entwicklung (vgl. ebd.).[10]

2.2 Die Entwicklung und Verbreitung des Windsurfsports

2.2.1 Ein Patent und seine Auswirkungen

Da die weltweite Entwicklung und Verbreitung des Windsurfens lange Zeit von einem Ereignis und dessen Auswirkungen bestimmt wurde, soll dieses und seine Bedeutung für die Geschichte des Windsurfsports hier kurz dargestellt werden.

Nachdem Drake und Schweitzer bereits mehrere Windsurfgeräte von Freunden hatten bauen lassen und diese meist an weitere Freunde verkauft hatten, schien der gerade ins Leben gerufenen Sportart Windsurfen mit der gemeinsamen Gründung einer eigenen Firma unter dem Namen „Windsurfing International Inc.“ (Stanciu, 1984, 204) eine glorreiche Zukunft versprochen. Mit dem 1974 auf Drängen Schweitzers veranlaßten Verkauf des Patentanteils von Drake für 30.000 US-Dollar wurde der noch jungen Sportart Windsurfen - vor allem in den USA - jedoch gleich zu Beginn ein Hindernis in den Weg gestellt: Nunmehr als alleiniger Besitzer des Patentes reiste Schweitzer mit ‚seinem’ geschützten und inzwischen maschinell produzierten „Original Windsurfer“ um die Welt, um dessen Vermarktung voranzutreiben. Bei seiner breiten kommerziellen Vermarktung betrieb er jedoch eine willkürliche Lizenzpolitik, indem er etwa größeren aber finanzkräftigen Firmen die Lizenz verweigerte (vgl. Stanciu, 1992).[11] In Europa erhielten 1972 zunächst nur die holländische Textilfirma TEN CATE die Lizenz zur Produktion des „Original Windsurfers“. Später bekamen auch die Deutschen Ostermann (WINDGLIDER), Drexler (HIFLY) und Binder (SAILBOARD) diese Genehmigung (vgl. Stanciu, 1992). Die Konsequenz Schweitzers Politik waren vor allem in der Bundesrepublik Deutschland zahlreiche längere Patent-Rechtsstreite mit anderen Herstellerfirmen, die durch diverse Modifikationen und Teilerneuerungen versuchten, Schweitzers Patentschutz zu umgehen, um so an der steigenden Popularität des Windsurfens finanziell teilzuhaben.[12] Ein Ende der Patentstreitigkeiten konnte erst nach dessen Ablauf im März 1986 erfolgen.

2.2.2 Die wirtschaftliche Entwicklung des Windsurfsports unter
besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland

Trotz des oben beschriebenen regelrechten „Herstellerkrieges“ (Herreilers & Weichert, 1980, 15) um das Patent hatte der Windsurfsport seit seinem Bestehen eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen. Diese erfolgte aber nicht in allen Ländern gleichermaßen. Während sich etwa in den USA, dem Ursprungsland des Windsurfens, zu Beginn ein Entwicklungsrückstand bezüglich des Interesses und der Zahl der Windsurfer manifestierte, begeisterte der Windsurfsport nach dessen Bekanntwerden zu Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts vor allem die Menschen in Westeuropa (vgl. Helbig, 1985). So wurden in den USA 1980 ‚nur’ ca. 25.000 Boards verkauft, wohingegen in Europa ca. 250.000 Stück einen Käufer fanden (vgl. Herreilers & Weichert 1980).[13] Von den weltweit ca. 6,5 Millionen Windsurfern betrieben 1985 in den USA ca. 300.000 das Windsurfen, während etwa in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ca. 1,1 Millionen Menschen diesem Sport nachgingen (vgl. Rowe, 1985). In Japan waren es zu diesem Zeitpunkt ca. 600.000, in Frankreich ca. 250.000 und in Österreich, Schweiz, Dänemark und Norwegen zusammen insgesamt ca. 500.000 Windsurfer (vgl. ebd.). In Osteuropa breitete sich das Windsurfen jedoch nur zögerlich aus (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).

Vor allem in der BRD erfuhr das Windsurfen seit der Lizenzvergabe und dem Auftauchen des ersten „Original Windsurfer“ 1972 auf Sylt durch den Hamburger Werbekaufmann Schmidt eine „explosionsartige“ (Rapf, 1987, 15) Verbreitung (vgl. ebd.).[14] In damaligen Presseberichten aber auch in der zu diesem Zeitpunkt vermehrt veröffentlichten Literatur zum Windsurfen (vgl. Kapitel 3) spricht man von einem regelrechten „Boom“ (Herreilers & Weichert, 1980, 15; Mares & Winkler, 1984, 6; Stanciu, U., 1984, 8; Kerler, R. & Ch., 1987, 7). Das Ausmaß dieses Booms auf dem deutschen Markt, der nach wie vor neben dem in Japan und Frankreich der stärkste ist (vgl. Bundesverband der Surfindustrie, 1999), kann am besten anhand der Verkaufszahlen der Windsurfindustrie illustriert werden (vgl. Abb. 2).[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Verkaufsentwicklung von Windsurfbrettern in der Bundesrepublik Deutschland.[16]

Wurden in der BRD 1972 ca. 200 Surfbretter verkauft, betrug der Absatz vier Jahre später bereits ca. 12.000 Surfbretter. Fortan nahm die Zahl an verkauften Brettern stetig zu und lag 1983, dem absoluten und nie wieder erreichten Umsatzhöhepunkt, bei über 100.000 Stück. Auch die Zubehörindustrie für den Primär- und Sekundärbedarf (z.B. Dachgepäckträger, Neopren-Bekleidung, Surfschuhe bzw. Ersatzteile, Trapezgurte etc.) hatte Anteil an diesem starken Zulauf. So fiel ihr 1979 von den ca. 70 Millionen DM Gesamtumsatz allein die Hälfte zu (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).

Die rasant steigende Nachfrage an Windsurfgeräten bildete die Grundlage für zahlreiche Firmengründungen, wie etwa Windglider (1975), Mistral (1976), Hifly, Sailboard und Klepper (alle 1979) sowie Fanatic und F2 (1982), um nur einige ‚größere’ Firmen zu nennen. Insgesamt versuchten 1980 an die 100 Bretthersteller, den lukrativen Windsurfmarkt zu erobern (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).

Die steigende Beliebtheit des Windsurfsports in den frühen 70er und 80er Jahren wirkte sich ferner auch auf den Schulungsbereich aus. Schon 1977 waren ca. 100 Windsurf-Schulen im Verband Deutscher Windsurfing-Schulen (VDWS) organisiert, der sich seit 1974 der Organisation des Windsurf-Lehrwesens annahm und später zum Verband Deutscher Windsurfing und Wassersport Schulen umbenannt wurde. Bereits 4 Jahre später existierten ganze 384 Einrichtungen, die bis 1980 etwa 120.000 Anfänger ausbildeten (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).

Die beeindruckende Gesamtentwicklung des Windsurfsports erreichte 1983 ihren Höhepunkt. Seit diesem ‚Rekord-Jahr’ waren in der BRD nämlich rückläufige Umsatzzahlen zu verzeichnen. Die Zahl der verkauften Bretter sank stetig ab und betrug 1990 ‚nur’ noch ca. 45.000 Bretter. Die Umsatzeinbußen und der durch die Massenfertigung von Windsurfgeräten zwangsläufig verschärfte Konkurrenzkampf zwischen den zahlreichen Herstellern um Marktanteile hatte unweigerlich diverse Konkursanmeldungen zur Folge, die nicht nur kleinere und meist privat finanzierte sogenannte „Custom-Made-Werkstätten“ (BdS, 1999, 1) betrafen, sondern auch zur damaligen Zeit marktführende Hersteller, wie etwa Windglider (1982) oder F2 (1986) (vgl. Rapf, 1987).

Auch nach der „Marktbereinigung“ (BdS, 1999, 3) Mitte der 90er Jahre sind gerade gegen Ende des letzten Jahrtausends Zusammenschlüsse von Surffirmen zu großen Unternehmen zu verzeichnen. So schlossen sich etwa Mistral, North Sails, Fanatic und Art, später noch Arrows und Jp-boards zur sogenannten Mistral sports-group zusammen oder Bic und Tiga zu Bic sport, um auf dem hart umkämpften Markt bestehen zu können (vgl. BdS, 2000).

Der „lang anhaltende Abwärtstrend“ (BdS, 1999, 3) in der BRD Ende der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre scheint aber seit 1996 überwunden, denn seitdem ist mit konstanten 30.000 Brettern im Jahr eine Absatzstabilisierung eingetreten. 1999 erfährt das Windsurfen mit ca. 32.000 Brettern sogar erstmalig wieder einen Aufwärtstrend (vgl. BdS, 1999; BdS, 2000). In der Branche spricht man von einem „zarten dritten Frühling“ (BdS, 2000, 5).

2.2.3 Die Entwicklung des Windsurfsports anhand ausgewählter Beispiele

Der Windsurfsport hat sich seit seinem Bestehen weitreichend entwickelt. Bedeutende Veränderungen und Erneuerungen sind etwa in der Entwicklung des Windsurfgerätes zu verzeichnen, die durch die harte Konkurrenz der Hersteller untereinander und besonders nach Ablauf Schweitzers Patentgültigkeit beschleunigt wurde und eine Anpassung an verschiedene Einsatzbereiche (z.B. Windsurfen in der Brandung) darstellt (vgl. Dassler, 1998). War Schweitzers „Original Windsurfer“ ein bis 1983 nahezu unverändert produziertes, vorwiegend in weiß gehaltenes, schwergewichtiges und schwer manövrierbares ‚Einheits-sportgerät’, bestechen die zahlreichen heutigen Surfbretter und Riggs durch ihre Farbenvielfalt, Wendigkeit, Handhabbarkeit und Leichtgewichtigkeit. Sie werden mittlerweile in aufwendigen, hochtechnisierten Produktionsverfahren und mit verschiedensten Werkstoffen und Materialien (z.B. Carbon, Monofilm) hergestellt. Wesentliche Neuerungen bei den Surfbrettern sind (Form-)Veränderungen, etwa der Outline, Scoop-Rocker-Linie und des Unterwasserschiffes. Bei den Segeln haben sich heute voll durchgelattete und mit Cambern versehene Profilsegel durchgesetzt. Insgesamt haben das Design, die Technik und Form der Bretter und Segel heute einen enorm hohen technischen Standard erreicht, so daß sie wesentlich länger halten als ihre Vorgänger (vgl. BdS, 1999).

Im Brettbereich ist derzeit vermehrt eine Entwicklung zu relativ kurzen aber breiten Brettern sichtbar (um die 2,70 m x 0,80 m), die unter dem Namen „Widestyle-“ oder „Widebody-Generation“ zusammengefaßt werden. Windsurfanfängern stehen ebenfalls großvolumige, recht kurze und sehr breite und deshalb kippstabile Schulungsbretter zur Verfügung, die ihnen den Einstieg in das Windsurfen erleichtern sollen.

Im Zuge der Materialentwicklung haben sich auch die Fahrtechniken verbessert. Diese wurden durch die Einführung des Trapezes 1976, das vom Segelsport her bekannt war und für das Windsurfen modifizierten wurde, und später durch Fußschlaufen erleichtert. So konnte man nun steigenden Windstärken und Ermüdungserscheinungen vorbeugen beziehungsweise kontrollierte Sprünge und Fahrten bei hohen Geschwindigkeiten oder unruhigem Wasser durchführen. Heute sind Geschwindigkeiten von über 80 Km/h möglich.

Ab ca. 1977 begann eine regelrechte „Manöverwelle“ (Thide, 1994, 73). Die geübten Windsurfer zeigten und zeigen auch heute noch beeindruckende und immer schwierigere Sprünge in der Brandung, deren Kreativität keine Grenzen gesetzt scheinen. Das vielfältige Spektrum an Sprüngen und Freestyle-Figuren reicht heute über sogenannte „Table Tops“ bis hin zum dreifachen Frontloop.

Mit der Gründung des bereits erwähnten VDWS setzte 1974 die Organisation des Windsurfsports ein. So existierte nun ein Dachverband, der heute 333 Windsurf-Schulen in 28 Ländern einheitlich organisiert und seit seinem Bestehen 2.124.000 Anfänger ausgebildet hat (vgl. BdS, 2000). 1981 trat dann mit dem Deutschen Seglerverband (DSV) eine weitere Organisation dazu, die die mittlerweile gegründeten Windsurf-Vereine und deren Mitglieder vertritt. 1988 wurde der Bundesverband der Surfindustrie (BdS) gegründet, der als Interessengemeinschaft von Firmen der „drei Eckpfeiler des Surfmarkts - Hersteller, Reisen und Schulung“ (ebd., 2) fungiert. In ihm sind bekannte Bretthersteller, Segel- und Riggproduzenten, Neopren- und Zubehörhersteller, Windsurf-Reiseunternehmen sowie Ausbildungs- und Schulungsverbände organisiert (vgl. ebd.).

Seit 1984 gehört das Windsurfen der Männer, vier Jahre später auch das der Frauen zu den Segeldisziplinen der Olympischen Spiele. Diese Windsurf-Klasse im sogenannten „Mistral-One-Design“ setzt sich aus identischen Windsurfgeräten zusammen, einem Raceboard von 3,72 m Länge, 235 l Volumen und 15 kg Gewicht sowie einem Segel von 7,4 m² Fläche (vgl. BdS, 2000). Das allgemeine öffentliche Interesse an der olympischen „Einheitsklasse“ (ebd., 9) ist allerdings eher gering. Anders verhält es sich mit dem professionellen Wettkampsport Windsurfen, der keinerlei Materialbeschränkung unterliegt (vgl. ebd.). Diese Form des Windsurfens hat sich schnell zu einer ernstzunehmenden und lukrativen professionellen Tätigkeit entwickelt, die in nationalen und internationalen Wettkämpfen in Form von Kursrennen, Waveriding- oder Slalom-Disziplinen mit durchaus hohen Preisgeldern ausgetragen wird. Diese Wettkämpfe genießen in der Öffentlichkeit eine hohe Popularität und Resonanz. So zählt der seit 1983 veranstaltete Worldcup auf der nördlichsten deutschen Insel Sylt, der ein breites Rahmenprogramm bietet, mit bis zu 150.000 Zuschauern zu den weltweit ältesten und renommiertesten Wind-surfveranstaltungen (vgl. BdS, 1999).

Die professionellen Wettkämpfe finden mittlerweile auch in großen Hallen statt. Eine solche „Indoor“-Veranstaltung wurde erstmalig 1990 in Paris durchgeführt. 1998 dann, feierte das Surfen in der Halle im Rahmen der Frankfurter Messe „Wonderworld“ seine Premiere in der BRD (vgl. BdS, 2000).

Vor allem über das professionelle Windsurfen bildeten sich „Leitfiguren“ (Schiewer, 1984, 35) aus, die mit der Geschichte des Windsurfens und dessen öffentlichen Verbreitung und Beliebtheit in unmittelbarem Zusammenhang stehen. So ist zum einen der auf Hawaii lebende, US-Amerikaner Robert Stanton „Robby“ Naish zu nennen, der 1976 bereits als 13-Jähriger seine erste Windsurf-Weltmeisterschaft gewann und bis 1987 die Nummer eins der Welt war (vgl. BdS, 1999). Aufgrund seines prägenden und innovativen Stils wird Naish nicht nur in Fachkreisen „Mister Windsurfing“ (ebd., 12) genannt. Er ist auch außerhalb der Windsurfszene als der Prototyp eines Windsurfers einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Eine ähnlich große Beliebtheit erfreut sich auch der gebürtige Dänen mit holländischem Paß Björn Dunkerbeck, der bei Wettkämpfen für Spanien startet und aufgrund seiner zwölf Overall-Weltmeistertitel in Folge nunmehr als der „beste Windsurfer aller Zeiten“ (BdS, 2000, 12) bezeichnet wird (vgl. ebd.). Aber auch deutsche Windsurfprofis genießen weltweite Anerkennung und sind durchaus erfolgreich. So zählt etwa der gebürtige Ostfriese Bernd Flessner als „bester deutscher Windsurfprofi“ (BdS, 1999, 11) seit Jahren zu den „Top-10 der Welt“ (ebd.).

Aus der Sportart Windsurfen sind mit der Zeit verschiedene Kombinationen und Varianten hervorgegangen, die allerdings zumeist eher eine geringere Resonanz aufweisen und eher regional und saisonal ausgeübt werden. So wird beim sogenannten „Ski-Surfing“ das Skifahren mit dem Windsurfen zu einer Wettbewerbsform kombiniert, die in zwei oder mehreren Skirennen (zumeist Riesenslalom) und einer Windsurfing-Regatta mit mehreren Wettfahrten ausgetragen wird (vgl. Garff & Biedermann, 1980). Ferner entwickelten sich nach Wind-surfvorbild etwa das Windskating oder das Eisskaten, bei denen anstatt eines Surfbretts ein dem Skateboard ähnliches Gerät verwendet wird.[17] Seit etwa 1998 gewinnt ein ‚neuer’ Wassersport namens Kitesurfen eine zunehmend breitere Anhängerschaft, zu der sich auch erfahrene und populäre Windsurfgrößen bekennen, wie etwa Robby Naish, Brian Talma oder Sean Ordonez.[18]

Der Einfluß des Windsurfsports hat sich auch auf andere Lebensbereiche des Menschen ausgewirkt - wenn auch nicht immer im positiven Sinne. Denn die wachsende Popularität des Windsurfens in der BRD während der 70er und zu Anfang der 80er Jahre eröffnete nicht nur (oben beschriebene, zumeist finanzielle) Möglichkeiten, sondern bereitete auch Probleme und hatte entsprechende Konsequenzen. So führte die steigende Zahl an Windsurfern aufgrund der limitierten Wasserfläche zu Interessenkollisionen, Konflikten und Unfällen mit anderen Wassersportlern und Badenden, die - meist durch die Presse der damaligen Zeit aufgebauscht - behördliche Regressionen und pauschale Windsurfverbote auf deutschen Gewässern nach sich zogen (vgl. Kloos, 1979). Im Stadtgebiet von München etwa wurde das Windsurfen 1979 „auf allen stehenden oberirdischen Gewässern“ (Kloos, 1979, 8) verboten, obwohl - oder gerade weil - München zum damaligen Zeitpunkt die „Surfhochburg in Europa“ (vgl. Schmidt, 1980, 7) war. Bald wurde der Windsurfschein, als „Grundschein VDWS“ oder „DSV-Segelsurfschein“, zunehmend Pflicht auf vielen deutschen Gewässern, um „ein Surfdurcheinander und mögliche Gefährdungen des Wasserverkehrs durch Surfer in geordnete Bahnen zu lenken“ (Mares & Winkler, 1980, 7). Zum Schutze der Umwelt stellten diese Institutionen ferner „Zehn Goldene Regeln für das Verhalten von Wassersportlern in der Natur“ (Steinbrück, 1985, 122) auf, nach denen sich der umweltbewußte Surfer richten sollte.

Im Gegensatz zu den zunehmenden örtlichen Surfverboten und der Surfscheinpflicht wurden (und werden auch heute noch) immer mehr ‚exotische’ Reviere auf der ganzen Welt unter anderem für das Windsurfen erschlossen. Die Zahl der Anbieter, die pauschale Windsurfreisen in alle Teile der Welt und dort einen „kultivierten Surfspaß“ (BdS, 1999, 4) offerierten, nahm zu. Es entwickelten sich ganze Industriezweige (z.B. für das Zubehör) mit Umsätzen in Millionenhöhe. So nahm sich etwa auch die Bekleidungsindustrie des Windsurfens an, indem sie dessen Motive verarbeitete.

1994 wurde das Windsurfen dann auch Inhalt von TV-Serien, wie etwa „Gegen den Wind“ oder später „Die Strandclique“, die mehrere Jahre erfolgreich im öffentlich rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurden (vgl. BdS, 1999, 4).

Schon früh widmeten sich national und international herausgegebene Fachmagazine und -zeitschriften dem Windsurfsport, indem sie eine breite Leserschaft (zumeist) mit eindruckvollem Bildmaterial, aber auch mit Fahrtechniktips und allgemeinen Informationen zum Windsurfen versorgten. In der BRD erschien 1974 mit der Windsurfing die erste Fachzeitschrift. Diese wurde allerdings 4 Jahre später von dem seit 1977 herausgegebenen surf-Magazin übernommen, das sich schnell als beliebtes Medium auf dem Markt etabliert hat. Daneben existiert seit 1995 das SURFERS-Magazin, das neben dem Windsurfen auch das Wellenreiten thematisiert.

Das Windsurfen erfreut sich auch in Form von Videos und digitaler Medien (CD-ROM, DVD) einer großen Beliebtheit. Im Zuge der Popularisierung elektronischer Medien ist diese Sportart neuerdings auch im Internet ein beliebter Themenbereich.[19] Dies zeigen unzählige Internetseiten kommerzieller Anbieter, aber auch privater ‚User’, die über diesen Weg ihre Windsurf-Erlebnisse, -bilder und -informationen einer breiten Masse zugänglich machen. Mit Hilfe sogenannter „WebCams“ (spezielle internettaugliche Kameras) ist sogar eine digitale Übermittlung von Bildern (etwa eines Surfreviers) über das Internet nahezu in Echtzeit möglich.

3. Literaturdiskussion

Nachdem im vorangegangenen Kapitel über die Darstellung der Gerätschaft und der geschichtlichen Entwicklung des Windsurfsports eine Einführung in den Untersuchungsgegenstand erfolgt ist, werden nun Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen diskutiert. Damit soll ein Überblick über die verfügbare deutsche Windsurfliteratur und ein Einblick in den aktuellen Stand der deutschen sportwissenschaftlichen, insbesondere der sportpsychologischen Forschung bezüglich des Windsurfens gewonnen werden. Die vorliegende Arbeit richtet dabei ihr vornehmliches Augenmerk auf Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen, die für sie relevante Erkenntnisse, Erfahrungen oder Reflexionen zur Faszination des Windsurfens und zum Erleben bei der Tätigkeit dieser Sportart thematisieren.

3.1 Windsurfen als Gegenstand der Literatur

Das Spektrum an Windsurfliteratur ist umfangreich und zeigt ein klares Bild: Den größten Teil machen Publikationen aus, die sich als Lehrbücher mit dem ‚richtigen’ Erlernen des Windsurfens und seinen zahlreichen Fahrtechniken und Manövern beschäftigen, indem sie diese mit farbenfrohem Bildmaterial illustrieren und dazu Anweisungen und Techniktips geben (vgl. etwa Prade, 1977; Scheuer & Smidt, 1996; Stanciu, 1984; 1986; 1987). Daneben gibt es diverse weitere Fachbücher, die sich ganz den faszinierenden Seiten des Windsurfens oder der Protagonisten dieser Sportart widmen und sie dem affinen Leser näherbringen wollen. Dazu wird vorwiegend Bildmaterial von typischen Motiven des Windsurfens (z.B. Sprünge, Gleitfahrt) und/oder von den ‚aktiven’ Protagonisten verwendet, das mit deren (Lebens-) Geschichten unterlegt wird (vgl. etwa Naish & Seer, 1984; Stanciu & Seer, 1983; Thide, 1994).

Ähnlich bildreich illustriert wird das Windsurfen auch in den Fachmagazinen und
-zeitschriften, die ihre Leserschaft mit Informationen rund um das Windsurfen versorgen wollen. Hier ist insbesondere das surf-Magazin zu nennen, in dem sogar „erste Ansätze zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung“ (Herreilers & Weichert, 1980, 131) mit der Windsurfthematik zu verzeichnen sind, da dieses diverse Untersuchungen etwa zur Materialbeschaffenheit der Gerätschaft und ihres Zubehörs oder etwa Befragungen über die Effektivität von Anfängerkursen durchführt (vgl. ebd.).

Unter den Publikationen zum Themenbereich Windsurfen befinden sich auch zahlreiche (sport-)wissenschaftliche Beiträge und (empirische) Untersuchungen unterschiedlicher Ausrichtung, die jeweils spezifische Fragestellungen zum Windsurfsport verfolgen. So erforschen etwa sportmedizinische Publikationen das Windsurfen unter physiologischen, Herz-Kreislauf-relevanten, traumatologischen und/oder pathologischen Gesichtpunkten im Freizeit-, Leistungs- und Gesund-heitssport (vgl. Both, Schönle & Rieckert, 1982; Zitzmann, 1993).

Auch in der Bewegungslehre und Biomechanik lassen sich spezifische Unter-suchungen zum Windsurfen ausmachen. Deren Erkenntnisse finden dann zumeist im Lehrwesen oder im Leistungssport Anwendung. So analysiert z.B. Janke (1983) im Rahmen seiner Diplomarbeit die Stemm-, Hock- und Knieschubtechnik zur Optimierung von Elementartechniken beim Windsurfen.

Nicht nur aus sportmedizinischen oder biomechanischen Interesse heraus werden auch speziell windsurfende Frauen, ältere Menschen oder Kinder berücksichtigt. Anläßlich der manifesten Unterrepräsentativität von Frauen im Windsurfen erweitert etwa Rudolf (1985) bestehende sportmedizinische Erkenntnisse zum „Problemfeld Frau und Windsurfsport“ (ebd., 80) um allgemeine psychologische und soziologische Aspekte, die sie aus Untersuchungen zum Thema Frau und Sport zusammenträgt.

Das Windsurfen wird des weiteren auch unter den Prämissen der Sportsoziologie und Freizeitwissenschaften erforscht. Schiewer (1989) etwa analysiert im Rahmen seiner Diplomarbeit die Strukturveränderungen des Sportverständnisses am Beispiel der modernen Freizeitsportarten Jogging und Windsurfen. Auf seine Arbeit wird in Kapitel 3.3 näher eingegangen. Zahlreiche andere Diplomarbeiten untersuchen empirisch sozialpsychologische Aspekte des Windsurfsports. Dabei fokussiert z.B. Schädle (1983) besonders auf die Anfängerschulung, Bibow (1984) vergleicht das Windsurfen mit etablierten Sportarten, wohingegen Helbig (1985) einen Vergleich der Windsurfszene in Deutschland mit der in Australien vornimmt. Künstler (1985) ist vornehmlich an geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sportart Windsurfen interessiert, während Rapf (1987) die Zukunftsperspektiven des Windsurfens untersucht. Die empirischen Untersuchungen sind quantitativ ausgerichtet, d.h. sie erheben mittels mehrerer hundert schriftlicher, standardisierter Fragebögen Erkenntnisse etwa zur demographischen Struktur, zum zeitlichen Umfang und finanziellen Aufwand, zur Beurteilung der Surfschulung und zu sonstigen kulturellen sowie sportlichen Aktivitäten der Windsurfer, auf deren Grundlage dann die spezifischen Ausgangsfragestellungen behandelt werden.

Welz (1994) diskutiert innerhalb seiner Diplomarbeit den Sport-Umwelt-Konflikt und Wynants (1993) untersucht das Umweltbewußtsein von Windsurfern.

Ferner ist der Bereich des Lehrwesen im Windsurfsport Gegenstand diverser sportwissenschaftlicher, pädagogisch-didaktisch orientierter Untersuchungen und Beiträge. Hier sind etwa Herreilers & Weichert (1980), Petersen (1985), Könen (1985) oder Wolf (1993) zu nennen, die sich der Methodik und Didaktik des Windsurfens verschreiben, indem sie die gängigen Lehr- und Lernmethoden in der Windsurfausbildung entweder empirisch untersuchen oder diese kritisch analysieren, um Probleme, Verbesserungen oder gar neue Lehrplankonzepte für den Windsurfunterricht im Verein oder an öffentlichen Schulen zu erarbeiten. Garzke (1997) untersucht im Rahmen seiner Diplomarbeit das Erlernen der Vorwärtsrotation (Frontloop).

Unter den sportwissenschaftlichen Diplomarbeiten finden sich auch solche, die sich ausschließlich der Gerätschaft des Windsurfers und/oder den Fahrtechniken zuwenden. Diese fokussieren zumeist auf eine Darstellung der historischen Entwicklung des Materials und/oder der Fahrtechniken. So zeichnet etwa Dassler (1998) die geschichtliche Entwicklung ausgewählter Fahrtechniken im Windsurfen in Abhängigkeit von Materialentwicklungen nach, während Bremermann (1998) die technologischen Fortschritte und Innovationen in der Entwicklung und Produktion von Windsurfbrettern aufzeigt.

Im Gegensatz zu den oben angeführten, zahlreichen wissenschaftlichen Ausrichtungen scheint der Windsurfsport aus einer mehr (sport-)psychologischen Perspektive heraus betrachtet derzeit wenig erforscht. Nur vereinzelt lassen sich innerhalb der verschiedenen Disziplinen der (Sport-)Wissenschaft psychologische Zugänge oder Reflexionen zum Windsurfsport ausmachen. Zu nennen sind hier der Beitrag von Steiner (1985) und Strehles (1994) empirische Untersuchung zum Körper- und Bewegungserleben von Windsurfern, auf die in Kapitel 3.4 beziehungsweise 3.5 näher eingegangen wird.

In der deutschen sportpsychologischen Forschung sind bislang nur Beiträge und Untersuchungen zu finden, die das Windsurfen im Kontext motorischer Lernprozesse erforschen. So stellt Schack (1999) - ausgehend von einem kognitions-psychologischen Ansatz - in einer experimentellen Untersuchung den Aufbau, die funktionale Stabilisierung und die Veränderung mentaler (begrifflicher) Strukturen beim Erwerb motorischen Könnens am Beispiel des Frontloops in den Mittelpunkt.

Da innerhalb anderer Ausrichtungen der Sportpsychologie, etwa in der (klassischen) Motivations- oder Emotionspsychologie, Untersuchungen und Beiträge - und somit auch fundierte psychologische Erkenntnisse - zum Windsurfsport fehlen, erscheint die Wahl der Sportart Windsurfen und insbesondere die Einnahme einer psychologischen (Erlebens-)Perspektive um so erstrebenswerter. Damit erhofft sich die vorliegende Arbeit, diese ‚Forschungslücke’ innerhalb der Sportpsychologie zu verkleinern und zu weiteren mehr strukturell ausgerichteten Untersuchungen der zahlreichen anderen, aber noch (qualitativ) unerforschten Sportarten anregen zu können.[20]

3.2 Erklärungsversuche zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des Windsurfens

Bei der Durchsicht der zahlreichen unterschiedlichen (populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen) Artikel, Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen fällt auf, daß sich deren Autoren immer wieder dem Faszinierenden, Attraktiven und Reizvollen des Windsurfsports zuwenden, um dessen bereits oben beschriebenen ‚Boom’, die anhaltende Beliebtheit oder die eigene ‚Surfmotivation’ zu erklären. Sie orientieren sich dabei zumeist an der Fragestellung des ‚Warum’, an Überlegungen, wie sie etwa in der klassischen Motivationspsychologie Anwendung finden - ohne sich jedoch konkret nach deren Prämissen zu richten (vgl. etwa Bender, 1978; Zotschew, 1978; Stanciu, 1984). Als Antwort auf die Frage wird von den Autoren dann eine Vielzahl von Argumenten, Ursachen und, vor allem von Seiten der Sportwissenschaft, Motiven aufgeführt (vgl. etwa Künstler, 1985; Schädle, 1983; Schiewer, 1989).

Die Mehrzahl der Erklärungsversuche oder „Motivationsanalyse(n)“ (Schädle, 1983, 58) zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des Windsurfens spiegeln einzelne Erfahrungen, Meinungen oder Reflexionen des jeweiligen (windsurfenden) Autors wider. In Anbetracht des für die vorliegende Untersuchung relevanten Konzeptes (vgl. Kapitel 4) und der Ermangelung an vergleichbaren Ergebnissen aus sportwissenschaftlichen Untersuchungen sollen die von den Autoren extrahierten Argumente, Ursachen und Motive im folgenden jedoch - oder gerade weil sie zumeist persönlich erlebte Erfahrungen wiedergeben - als Beschreibungen zum Erleben der Sportart Windsurfen erachtet und dargestellt werden.[21]

3.2.1 Argumente, Ursachen und Motive

3.2.1.1 Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und (Ur-)Triebe

Als eine Erklärung für die beeindruckende Wirkung des Windsurfens wird in der Fachliteratur häufig die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Triebe durch diese Sportart herangezogen. So liege nach Garff & Biedermann (1980) der „wichtigste Erfolgsschlüssel“ (ebd., 19) für die blitzartige Verbreitung des Windsurfens in der seit jeher tief im Inneren des Menschen verwurzelten „Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit von Umwelt, Vorschriften, alltäglichen Zwängen“ (ebd.) sowie in der Faszination der See, Meere und Ozeane, die eben die Erfüllung jener Sehnsucht nach Selbstverwirklichung verheiße.

Auch Herreilers & Weichert (1980) sehen in ihrem Buch „Windsurfen - Lehren und Lernen mit Programm“ in Anlehnung an von Hentig (1973) die Faszination des Windsurfens in der Möglichkeit der nahezu universellen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse begründet. Dabei erlange nicht nur der affine Sportler, wie etwa der Segler, Skifahrer oder Turner, beim Windsurfen Befriedigung, sondern generell der auf Bewegung drängende, Spannung, Höchstleistung und Abenteuer, Wettkampf, Geselligkeit, „Öffentlichkeit und Circenses“ (Herreilers & Weichert, 1980; zit. nach von Hentig, 1973, 17) sowie Sicherheit, ein gewisses Maß an Autarkie und physische Fertigkeiten suchende Mensch. Die körperliche Bewegung und die Fertigkeiten würden durch Wind und Wasser vermittelt, deren Unkalkulierbarkeit Spannung und Abenteuer beinhalte, beziehungsweise deren Bewältigung durch den einzelnen Windsurfer Höchstleistung von ihm erfordere und Autarkie erleben lasse. Der Wettkampf lasse sich gegen sich selbst, gegen andere Surfer und gegen Wind und Wasser gestalten, und ferner erfahre der Surfer in der Gemeinschaft Geselligkeit. Das Windsurfen sei aber auch für Außenstehende, etwa für Zuschauer, Film und Fernsehen, attraktiv, die die sich im Wettkampf messenden Windsurfer beobachten könnten.

Innerhalb der sportwissenschaftlichen Untersuchungen, die, wie bereits erwähnt, zumeist soziologisch-freizeitwissenschaftlichen Ansätzen folgen, stellt auch Schädle (1983) in ihrer Diplomarbeit „Sozialpsychologische Aspekte der ‚neuen’ Sportart Windsurfen unter besonderer Berücksichtigung der Anfängerschulung“ resümierend fest, daß die Ausübung der Sportart Windsurfen in der Befriedigung „elementare(r) und moderne(r) Bedürfnisse des Menschen“ (ebd., 63) begründet liege, indem es etwa dessen „Wunsch nach mehr körperlicher Bewegung, nach Mobilität und neuen Umwelterfahrungen (nachkomme), ebenso wie dem wachsenden Interesse, Natur und Landschaft, frische Luft und Sonne zu genießen“ (ebd.; zit. nach Institut für Freizeitwirtschaft 1983, 34).

Zu einem ähnlichen Fazit gelangt auch Künstler (1985) in ihrer empirischen Untersuchung „Sozialpsychologische Analyse geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Sportart ‚Windsurfen’“. Sie sieht die von Opaschowski (1976) klassifizierten Freizeitbedürfnisse des Menschen nach Rekreation, Kompensation, Edukation, Kontemplation, Partizipation, Integration, Kommunikation und Enkulturation der Freizeit im Windsurfen bedient.

3.2.1.2 Kompensation des Alltags

Eng im Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durch das Windsurfen wird von den Autoren deren (Lebens-)Alltag thematisiert. Dieser sei etwa nach Bender (1978) durch Kopflastigkeit und Bewegungsarmut charakterisiert und belebe bei ihr einen mächtigen (ursprünglichen) „Bewegungstrieb“ (ebd., 1978, 44), der nach Befriedigung verlange. Gerade hier biete das Windsurfen der Sportjournalistin und Windsurferin eine bewegungs- und erlebnisreiche „Therapie“ (ebd.), denn

„wenn ich beim Windsurfen alle meine Kräfte aufbieten muß, um mich gegen den Wind zu stemmen, dann fühle ich meinen Körper ganz intensiv. Alles glüht und prickelt, die seelischen Verkrampfungen lösen sich. Ein unbändiges Lustgefühl durchströmt mich“ (ebd.).

So verhindere das Windsurfen Einseitigkeit und sorge für „Harmonie von Geist und Körper“ (ebd.).

Die faszinierende Ausgleichsfunktion des Windsurfens wird auch in dem Artikel des surf-Magazins „Das spricht fürs Windsurfen: Pluspunkte“ (o.V., 1986, 6) aufgegriffen. Demnach könne man durch den (direkten) „Hautkontakt mit den Elementen“ (ebd., 7) und den Umgang mit den Naturkräften von Beruf und Familie abschalten und dadurch die im Alltag verbrauchte Energie wiedergewinnen. So werde das Windsurfen zum „Gesundbrunnen für jeden“ (ebd.). Ferner erfahre der Surfer soviel „Naturgenuß“, daß er auf dem Wasser nicht nur selbst „ein Stück Natur“ werde, sondern - nach drei Stunden Surfen - sogar als „neuer Mensch“ (ebd.) ans Ufer zurückkehre

[...]


[1] In dieser Arbeit wird die Bezeichnung ‚Windsurfen’ gewählt, da diese die „älteste und gängigste“ (Herreilers & Weichert, 1980, 18) ist und im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch favorisiert wird. Nach Meinung des Verfassers der vorliegenden Arbeit ist mit ‚Windsurfen’ auch die treffendste Bezeichnung für diese Sportart gewählt, da sie der in den Tiefeninterviews herausgestellten besonderen Bedeutung des Windes am Ehesten gerecht wird (vgl. Kapitel 5). Im folgenden wird deshalb die Bezeichnung ‚Windsurfen’, aber auch die verkürzte Form ‚Surfen’ synonym für die zumeist in der Literatur gebräuchlichen Bezeichnungen ‚Brettsegeln’, ‚Segelsurfen’, ‚Stehsegeln’ oder ‚Windgleiten’ verwendet. Die Protagonisten dieser Sportart werden im Rahmen dieser Arbeit als Windsurfer oder Surfer bezeichnet und das Gerät wird Board, Brett, Surfbrett oder Surfboard genannt.

[2] Diese Zahlen beziehen sich auf die Saison 1998/99. Sie basieren allerdings auf ‚vorsichtigen’ Schätzungen des Surf-Magazins sowie den Schulungszahlen des Verbandes Deutscher Windsurfing und Wassersportschulen e.V. (VDWS). Eine exakte Erfassung der Aktiven ist nicht möglich, da das Windsurfen nur zu einem sehr geringen Teil als Vereinssport betrieben wird (vgl. Bundesverband der Surfindustrie, 1999).

[3] Die in dieser Arbeit verwendeten Fachtermini sind in einem Fachwortverzeichnis im Anhang alphabetisch aufgelistet.

[4] Vgl. zur Differenzierung der verschiedenen Surfbrett- und Riggtypen etwa Prade (1994) oder Stanciu (1984).

[5] Vgl. zur ausführlicheren Erläuterung des Grundprinzips der Segelsteuerung Garff & Biedermann (1980) sowie Zotschew (1983).

[6] Im Rahmen dieser Arbeit wird auf eine bildliche Darstellung der nachfolgend beschriebenen windsurfähnlichen Gerätschaften verzichtet. An dieser Stelle sei auf Herreilers & Weichert (1980) verwiesen, deren Abbildungen in zahlreichen Untersuchungen zum Windsurfen herangezogen werden (vgl. etwa Rapf, 1987; Wolf, 1993).

[7] Nur vereinzelt und nicht ohne unbegründete Zweifel wird in der Literatur der Engländer Peter Chilvers erwähnt, der - allerdings ‚nur’ nach eigenen Angaben und ohne jegliche Aufzeichnungen oder Fotos - bereits 1958 im Alter von 12 Jahren ein Segelgerät aus einem Sperrholzrumpf und einem mit Holzlatten und Leinentuch bestückten Rigg entworfen haben will, das dem des heutigen Windsurfgerätes sehr ähnlich sieht (vgl. Chilvers 1982; Dassler, 1998). In Großbritannien gilt Chilvers aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung sogar als Erfinder des ersten Segelsurfgerätes (vgl. ebd.).

[8] Aufgrund dieses Tatbestandes wird Darby mit seinem Konzept ‚Sailbording’ oftmals auch ‚nur’ eine „chronistische Bedeutung“ (Biedermann, 1980, 6) in der Geschichte des Windsurfens zugeschrieben oder er wird erst gar nicht erwähnt.

[9] Vgl. für eine ausführliche und durchaus anschauliche Schilderung der Entwicklungsgeschichte Drakes ‚Windsurfing’ Stanciu (1984).

[10] Stanciu (1984) legt Wert auf diese in einem persönlichen Interview mit Drake festgestellte Tatsache und veröffentlicht diese auch mehrfach in seiner damaligen Funktion als Chefredakteur des SURF-Magazins, denn Hoyle Schweitzer stellte sich später zu unrecht gerne öffentlich als alleiniger Erfinder des ‚Windsurfers’ heraus. Vgl. zu dieser Thematik Herreilers & Weichert (1980) und Stanciu (1984; 1992).

[11] Schweitzers Lizenzeinnahmen bis zum Ablauf des Patentes werden auf ca. 30-40 Millionen US-Dollar geschätzt (vgl. Kloos, 1987).

[12] Das in der BRD angemeldete Patent hatte in der Zeit seiner Gültigkeit von März 1978 bis März 1986 lediglich das „Rigg für ein Segelbrett“ zum Inhalt, wobei der Gabelbaum das zentrale Element des Patentes bildete (vgl. Zotschew, 1979).

[13] Nach Rapf (1987) sieht Jim Drakes Sohn Matt in einer von ihm durchgeführten quantitativen empirischen Untersuchung die Ursache für die stagnierende Entwicklung des Windsurfsports in den USA vor allem in Schweitzers Verweigerung der Lizenzvergabe an US-amerikanische Unternehmen.

[14] Genau wie Mitarbeiter der Firma TEN CATE und der Schwede Faestad wurde auch Schmidt durch eine Veröffentlichung innerhalb eines Magazins des damals größten US-amerikanischen Chemiekonzerns DUPONT auf Schweitzers ‚Windsurfer’ aufmerksam und reiste in die USA.

[15] Im folgenden wird der Bundesverband der Surfindustrie mit BdS abgekürzt.

[16] Die im Diagramm angegebenen Werte wurden aus den jeweiligen Dezember- beziehungsweise Januar-Ausgaben des SURF-Magazins und aus Veröffentlichungen des BdS (1999; 2000) entnommen. Bei den Verkaufszahlen handelt es sich um ‚vorsichtige’ Schätzungen des SURF-Magazins, da ungenaue und ‚beschönigte’ Verkaufszahlen seitens der Hersteller veröffentlicht werden. Zudem ist zu berücksichtigen, daß in den Angaben des BdS nur dessen Mitglieder erfaßt wurden, die allerdings den größten Teil der gesamten Brettproduktion abdecken (vgl. BdS, 2000). Andere Windsurfbrett-Hersteller und auch kleinere Custom-Made-Werkstätten werden hier nicht berücksichtigt.

[17] Vgl. zur Beschreibung dieser Sportarten Garff (1979).

[18] Beim Kitesurfen wird anstelle eines Riggs ein bis zu 13 m² großer, leichter und mit Luftkammern versehener, gleitschirmähnlicher Lenkdrachen, ein sogenannter Kite (engl. Drachen), für den Vortrieb benutzt, der mit Hilfe von bis zu 50 m langen Leinen an einer Lenkstange gesteuert wird. Das Kiteboard ist ein dem Windsurfen oder Wakeboarden entlehntes Brett (vgl. Langer, 2000). Beim Kitesurfen sind Geschwindigkeiten von über 60 Km/h und Sprünge von bis zu 30 m möglich (vgl. Lerike, 2000; Lange, 2000). Lerike (2000) stellt in ihrer Trendanalyse des Kitesurfsports fest, daß das Kitesurfen zum einen „der ultimative Wasserspaß für alle zu sein (scheint), denen der Kick beim Windsurfen nicht ausreicht“ (ebd., 36) und zum zweiten aufgrund des geringen Aufwands (Kosten, Transport) sowie des „immensen Hinschaufaktor(s)“ das „Zeug zu einem Trendsport“ habe (ebd., 67). Trotzdem sei das Kitesurfen „lediglich“ (Lerike, 2000, 70) als eine Ergänzung zum Windsurfen zu betrachten. In diesem Zusammenhang wäre es durchaus interessant zu klären, ob das Kitesurfen eine kulturspezifische Weiterentwicklung des Windsurfsports darstellt?

[19] In diesem Zusammenhang sind Redewendungen wie etwa „im Internet surfen“, „Web-Surfer“ etc. interessant. In Anbetracht der vorliegenden qualitativen Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen scheinen diese Begriffsbezeichnungen nicht von ungefähr, eröffnen sich doch mit der schier endlosen Vielfalt (Weite) des Internets - eine dem Windsurfen ähnliche Qualität (vgl. Kapitel 5) - z.B. unzählige Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und -verbreitung. Vgl. hierzu auch die von Weinen (1998) durchgeführte qualitative Untersuchung zu Erlebensverläufen von Internet-sitzungen.

[20] Bislang existieren solche Untersuchungen und Beiträge zum Betreiben von Bodybuilding (vgl. Hamburger, 1987) und Fitneßsport (vgl. Miller, 1997), zum Fußball (vgl. Thevissen, 1982) beziehungsweise Profi-Fußball spielen (vgl. Strack, 2000), zum Reiten (vgl. Voß, 2000), Snowboarden (vgl. Haarmann, 1999; Marlovits, i. Dr.), zum Tennis spielen (vgl. Busch, 2000) und zum Zuschauen beim Boxen (vgl. Baumann, 2000) sowie zum Skifahren, Betreiben von Leistungssport (vgl. Marlovits, 2000) und zum Zuschauen von Formel-1-Rennen (vgl. Marlovits & Mai, 1999).

[21] Es sei bereits an dieser Stelle angeführt, daß das dieser Arbeit zugrundeliegende theoretische und methodische Konzept der Morphologischen Psychologie nicht einzelne Ursachen oder Motive zur Erklärung menschlichen Erlebens oder Verhaltens heranzieht, sondern die Aus- und Umbildung von ganzheitlich zusammen- und entgegenwirkenden, sich ständig wandelnden, sogenannten Gestalten (etwa das Windsurfen), durch die Seelisches in der Wirklichkeit Ausdruck erlangt (vgl. Kapitel 4). Seelisches Geschehen manifestiert sich dabei auch in schriftlich dargestellten Meinungen, Erfahrungen oder Reflexionen.

[...]

Details

Seiten
192
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638485449
ISBN (Buch)
9783640731466
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52974
Institution / Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln – Psychologisches Institut
Note
Sehr gut (1,3)
Schlagworte
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Titel: Eine psychologische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen