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Die Bedeutung der Familie und ihrer Funktion in der Zeit vom 19. Jh bis zur Gegenwart

Familienformen im Wandel der Zeit

Zwischenprüfungsarbeit 2005 36 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung und Funktion der „Kleinfamilie“ im 19. Jahrhundert
2.1 Die Bedeutung und Funktion der bürgerlichen Familie
2.2 Die Bedeutung und Funktion der Arbeiterfamilie
2.3 Die Bedeutung und Funktion der ländlichen Familie

3. Die Bedeutung und Funktion der Familie in der Zeit des Nationalsozialismus
3.1 Die Bedeutung und Funktion der kinderreichen Familie
3.2 Die Autorität und Familie als politisches Instrument

4. Die Bedeutung und Funktion der Familie in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik
4.1 Die kinderlose Ehe in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik
4.2 Die Einelternfamilie in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik
4.3 Die nichteheliche Lebensgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik

5. Die Bedeutung und Funktion der postmodernen Familie
5.1 Die Pluralisierung der Familienformen
5.2 Die Individualisierung der Familienformen

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gesellschaften sind in ihrer Entwicklung ständigen Schwankungen und Umstrukturierungen unterworfen.

In einer Zeit, die durch raschen technologischen und gesellschaftlichen Wandel geprägt ist, bleiben auch die Formen familiären Zusammenlebens von Veränderungen nicht unberührt. Vor allem in den westlichen Industrienationen ist ein Veränderungsprozess zu verzeichnen, der sich mehr oder minder unmerklich eingestellt hat und an einer Reihe von Indikatoren manifestiert werden kann.

In der Diskussion um diesen Veränderungsprozess sprechen eine Reihe von Wissenschaftlern von Auflösungstendenzen oder vom Funktionsverlust der Familie und sehen darin eine wesentliche Ursache für steigende Kriminalität, Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen.

Andere begreifen die Veränderungserscheinungen der Familie als einen notwendigen Anpassungsprozess an die gewandelten Lebensumstände der Moderne, der die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen auf eine neue Basis stellt und es somit der nachwachsenden Generation erleichtert, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Die vorgelegte Hausarbeit befasst sich mit den Familienformen im Wandel der Zeit und geht besonders auf die Veränderungen der Bedeutung der Familie und ihrer Funktion in Deutschland in der Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart ein.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung und der Funktion der „Kleinfamilie“ im 19. Jahrhundert an den Beispielen der bürgerlichen Familie, der Arbeiterfamilie und der ländlichen Familie.

Im zweiten Teil erfolgt ein Überblick der Bedeutung und der Funktion der Familie und Familienpolitik in der Zeit des Nationalsozialismus, der besonders die kinderreichen Familien sowie die Autorität und die Familie als ein politisches Instrument fokussiert. Der dritte Teil der Hausarbeit setzt sich mit der Bedeutung und der Funktion der Familie in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik auseinander. Dabei wird auf die wichtigsten Familienformen - die kinderlose Ehe, die Einelternfamilie sowie die nichteheliche Lebensgemeinschaft - neben der Kernfamilie im Vergleich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik eingegangen. Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Bedeutung und der Funktion der postmodernen Familie. Hierbei erfolgt eine Konzentration auf die Prozesse der Individualisierung und der Pluralisierung der Familienformen.

Der Schlussteil beinhaltet eine Zusammenfassung der gesamten Hausarbeit und soll als eine Art Fazit die wichtigsten Aspekte wiederholend reflektieren.

Ich habe mich für das Thema der Familienformen im Wandel der Zeit entschieden, weil ich dies sehr spannend und interessant finde, denn von besonderer Bedeutung ist für mich der Wandel des Stellenwerts der Familie für die Menschen und die Gesellschaft. Da ich mich selbst als „Familienmensch“ bezeichne und die Familie für mich einen herausragenden Platz in meinem Leben einnimmt, erhebt dieses Thema für mich auch einen persönlichen Anspruch und somit meinen Wunsch mich mit dieser Problematik intensiver zu befassen.

Bevor auf die Bedeutung und Funktion der „Kleinfamilie“ im 19. Jahrhundert eingegangen wird, erfolgt eine allgemeine Begriffsklärung zum Terminus „Familie“. Der Begriff „Familie“ bezeichnet sowohl in der Soziologie als auch im Alltag eine soziale Gruppierung, deren Verbindung auf Verwandtschaft oder Heirat beruht. Die Familie ist in allen Gesellschaften die bedeutendste soziale Lebensform. Familien werden durch einen dauerhaften inneren Zusammenhang, der auf Solidarität und persönlichen Bindungen der einzelnen Mitglieder untereinander beruht, gekennzeichnet. Die Familie erfüllt in fast allen Kulturen die Funktion, die soziale Reproduktion und damit den historischen Fortbestand der Gesellschaft zu gewährleisten. Fortpflanzung, primäre Sozialisation der Individuen, Versorgung der einzelnen Mitglieder, Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und Generationen sowie soziale Platzierung werden in fast allen Gesellschaften, allerdings selten ausschließlich, über den Familienverband organisiert. (vgl. Microsoft Encarta: 2000)

2. Die Bedeutung und Funktion der „Kleinfamilie“ im 19. Jahrhundert

„Die Kleinfamilie (Gattenfamilie) des 19. Jahrhunderts entstand im Zusammenhang mit der Industrialisierung und der Trennung von Wohnplatz und Arbeitsplatz. Die Produktionsmittel befanden sich nun nicht mehr im Bereich des >>Hauses<<. Damit verlor die patriarchalische Autoritätsstruktur des Vaters als Vorstand des >>ganzen Hauses<< eine wirtschaftliche Komponente.“ (Weber-Kellermann 1974: 16)

Bevor auf die Bedeutung und Funktion der bürgerlichen Familie, der Arbeiterfamilie und der ländlichen Familie im 19. Jahrhundert eingegangen wird, erfolgt ein Überblick der Geschichte der westlichen Familienformen bis zum 19. Jahrhundert.

Nach Ansicht der Mehrzahl der Sozialwissenschaftler werden die modernen Familienformen, wie man sie in den westlichen Gesellschaften kennt, stark von der patriarchalen Familienstruktur wie sie bereits die Hebräer des Altertums entwickelt haben, beeinflusst.

Auch die Form der Familie, die in der griechisch-römischen Kultur entstand, war patriarchal strukturiert und überdies von strengen religiösen Vorschriften geprägt.

Mit dem Aufkommen des Christentums, verstärkt ab dem 11. Jahrhundert, nahmen Ehe und Elternschaft in der religiösen Unterweisung einen zentralen Platz ein. Die Familienbedingungen wurden rein religiös normiert. Dies änderte sich erst ab dem 16. Jahrhundert. Neben die religiösen traten nun auch zivilrechtliche Normen. In der feudalen Gesellschaft entfernte sich die Familienform der adeligen Oberschicht immer weiter von den Strukturen der bäuerlichen Familie. Für die Neuzeit differenziert die historische Familienforschung schichtspezifisch zwischen bürgerlichen, proletarischen und Handwerksfamilien.

Sie richtet dabei das Augenmerk auf die präzisere Bestimmung der konkreten Lebensformen. (Microsoft Encarta: 2000) Ein zentrales Merkmal des Übergangs von der ständischen Gesellschaft zur Industriegesellschaft ist die starke Veränderung in den Strukturen und Funktionen der Familie. Die Familie war ein tragendes Element des vorindustriellen Sozialgefüges. Sie bildete zum einen eine soziale Einheit und zum anderen auch eine rechtlich, politisch und insbesondere wirtschaftliche Einheit.

Für die vorindustrielle Wirtschaft war die Familienwirtschaft prägend. Die Hausgemeinschaft bildete die Basis der Arbeitsorganisation, und umgekehrt bildeten viele vorindustrielle Familien in erster Linie Produktionsstätten.

Die Familie war patriarchalisch strukturiert. Dem „Hausvater“ unterstanden nicht nur die verwandten Familienmitglieder, sondern häufig auch nichtverwandte Angehörige des Hauses - die Knechte und Mägde auf den Bauernhöfen, die Gesellen und Lehrlinge bei den Handwerkern, die Dienstboten und Dienstmädchen in den Häusern des Adels und des gehobenen Bürgertums.

Mit der Auflösung der ständischen Ordnung gingen der Familie die rechtlichen und politischen Funktionen weitgehend verloren, und die Industrialisierung veränderte die Zusammenhänge von Familienleben und Produktionsweise.

Der Struktur- und Funktionswandel der Familie war ein langfristiger und vielschichtiger Prozess.

Bereits vor Beginn der Industrialisierung gab es ein Nebeneinander von unterschiedlichen Familienformen. Struktur und Funktion der Familie waren stark mit der Produktionsweise und Erwerbstätigkeit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen verknüpft. Die Vielfalt der Arbeitsbedingungen und der damit zusammenhängenden materiellen Lebenslagen verhinderten, dass sich ein einheitlicher Typ der vorindustriellen Familie herausbilden konnte. Die erweiterte Drei-Generationen-Familie, bei der Großeltern, Eltern und Kinder zusammen mit dem Dienstpersonal oder den Gesellen und Lehrlingen unter einem Dach wohnten, entwickelte sich nur dort, wo es die ökonomischen Bedingungen zuließen oder sinnvoll machten: bei ertragskräftigen Bauern, Handwerkern und Kaufleuten sowie - mit Einschränkungen - beim Adel. Den verarmten Kleinbauern, proletaroiden Handwerkern und Kleinhändlern sowie den unteren Schichten der Landarbeiter, Heimarbeiter und Tagelöhner fehlten dazu die materiellen Voraussetzungen. Große Teile der Bevölkerung waren gezwungen, ohne eigene Familie zu leben.

Dem Gesinde, den Lehrlingen und Gesellen war die Heirat rechtlich untersagt, anderen verelendeten Gruppen mangelte es an den erforderlichen finanziellen Mitteln zum Aufbau einer Familie.

Die Vielfalt der Familienformen in der vorindustriellen Zeit wird auch in den Entwicklungen im Zuge der Industrialisierung reflektiert. (Geißler 1996: 40ff.)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in unserem Kulturbereich stets eine Vielzahl verschiedener Formen von Familien existierten.

So lebte die Mehrheit der Bevölkerung in der vorindustriellen Zeit nicht nur in großen Haushaltsfamilien mit Produktionsfunktionen, deren Hauptkennzeichen und Zentrum die Herstellung von Gütern und Waren, der Handel oder sonstiges Gewerbe waren, und neben Familienmitgliedern, Verwandten, zumeist auch familienfremde Personen umfassten, sondern sie wohnten auch in Kernfamilien - das heißt in Eltern- oder Eineltern - Kind/er - Einheiten. Diese unterschieden sich von unseren heutigen Familien nicht durch ihre Größe, sondern dadurch, dass diese zum Teil in großfamilialen Verbänden enger arbeitsmäßig und räumlich verbunden waren.

Sie waren eigentumslos und zählten somit überwiegend zur unteren sozialen Schicht. Ihre Familienmitglieder gingen zuweilen einer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit nach, denn außerhalb des Hauses geleistete Lohnarbeit ist nicht erst eine neuartige, sondern eine sehr alte Erscheinung. (Mitterauer 1977: 105 und 202)

Für alle Familien galt nicht die strenge Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem. Das Haus war durch die Öffnung nach außen gekennzeichnet und stellte eine „Zufluchtsstätte“ vor der „Öffentlichkeit“ dar.

Wenn die große Haushaltsfamilie mit Produktionsfunktion - eventuell aus mehreren Generationen bestehend - in der Realität zwar selten gegeben war, so galt sie in jener Zeit aber als Ideal. (Nave-Herz 2001: 208)

2.1 Die Bedeutung und Funktion der bürgerlichen Familie

In den Städten entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein Typ der bürgerlichen Familie, der historisch Karriere machen sollte.

Er unterschied sich in einem zentralen, sozial folgenreichen Strukturmerkmal von den Bauern- und Handwerksfamilien: die Wohn- und Arbeitsstätten waren separat. Die Produktion fand nicht in der Familie, sondern außerhalb statt. Der Ursprung dieser Familienform hat mit der Industrialisierung zunächst nichts zu tun. Das Prinzip der „strengen Trennung von Dienstlichem und Privaten“, von Arbeit und Familie hatte sich bereits in der vorindustriellen Zeit im Dienstleistungsbereich entwickelt und prägte den Dienst und das Familienleben der Beamten. In gut situierten Schichten, wo Frauen und Kinder von der Erwerbsarbeit freigestellt waren und wo man sich „gut bürgerliche“ Wohnverhältnisse leistete, konnte in Ansätzen ein privates, nach außen abgeschottetes und emotional gefärbtes Familienleben entstehen.

Die Produktionsfunktion der Familie schwand, während die Erholungs- und Entlastungsfunktion an Bedeutung gewann.

Die häusliche Geborgenheit diente als Zufluchtsstätte nach den Mühen des Arbeitstages. Die Familie war nicht länger eine Produktionsgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft für Konsum, Freizeit und Entspannung.

Das bürgerliche Familienideal verschärfte die Ungleichheit zwischen Frau und Mann. Dem Mann wurde die Rolle des Ernährers zuteil, er war für die „Außenwelt“ zuständig. Die Frau nahm die dienende Rolle in der „Innenwelt“ der Familie ein. Sie war für die häusliche Gemütlichkeit verantwortlich, hatte die Kinder zu erziehen und möglichst liebevoll für den Ehemann zu sorgen.

Die bürgerlichen Familien dieses beschriebenen Typs waren im 19. Jahrhundert zahlenmäßig nur gering vertreten. Ihre historische Bedeutung erlangten sie in erster Linie durch ihre Leitbildfunktion. Sie übten starke Anziehungskraft auf die alten und insbesondere die neu entstehenden Mittelschichten, aber auch auf die Unterschichten aus. (Geißler 1996: 42f.) Das Verblassen der weiten Verwandtschaftskreise, die Entheiligung der Eheschließung zum bloßen Vertrag zwischen zwei Individuen, die Zurückführung der großen Haushaltsfamilie auf die kleine Gattenfamilie - das alles schien zunächst tatsächlich ein „Vertrocknen“ und „Verdorren“ des alten, viel gepriesenen komplexen Familiensystems zu bedeuten.

Ganz im Gegenteil erhielten die Werte des Gefühls und der Liebe eine Aufwertung für Eheschließungen und Familienleben, wie sie ihnen vorher nie beschieden gewesen waren. Die vielfältigen und umgreifenden Funktionen der Hausmutter reduzierten sich auf die weit geringeren Pflichten der Nur-Hausfrau, der allerdings andererseits nach dem neuen Familienrecht theoretisch der Weg zum emanzipierten Einzelwesen offenstand. Diese Option wurde von den Frauen nur selten genutzt und von der Gesellschaft nicht entwickelt. So nutzten die meisten Frauen ihre ganzen Kräfte für die Ausgestaltung der familiären Innenwelt.

Die politische Landschaft zu Anfang des Jahrhunderts trug dazu bei, dass der fortschrittliche Geist der Revolutionsjahre schnell wieder vor anderen gesellschaftlichen Idealen in Vergessenheit geriet.

Volkstümelei und rückgewendete Altertumssehnsucht der Romantik förderten ein mehr konservatives Denken. Eine mytholigisierende Ahnenverehrung in jener Zeit gedieh zum Ideal, da sie sich nicht konkret auf die Vermittlung von Erfahrungswissen bezog, sondern in sozial konservierender Tendenz der Vergangenheit als solcher einen erhöhten Wert beimaß. Die Glorifizierung des Mittelalters mit seinen ritterlichen und autoritär-patriarchalischen Lebensformen trug weiterhin zur Förderung einer psychischen Disposition zu väterlich- männlicher Familienautorität bei.

Die wechselseitige Beeinflussung von der häuslich reduzierten Mutter und einem arbeitnehmerischen abhängigen Vater, der zugleich aus der gesellschaftlichen öffentlichen Verantwortung weitgehend ausgeschaltet war, kennzeichnet die Situation der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts.

Viele Einflüsse prägten das Bild der bürgerlichen Familie seit dem 19. Jahrhundert.

Es kam zu einer Hinausverlagerung der Funktionen der Familie auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Funktion und auch für die institutionalisierten Formen der Erziehung in Form der allgemeinen Schulpflicht und der ständig wachsenden Zahl von Bürgerschulen. Damit erlitt die Familie einen Verlust ihrer Erziehungs-, Ausbildungs- und Sozialisationsfunktionen.

Die Epoche des Biedermeier war prägend für den innerfamiliären Bereich. Die Ehe wurde als geistige und gefühlsmäßige Gemeinschaft verstanden und die Familie als Ort für die Erziehung des Menschen zu einem soziokulturellem Wesen. So entwickelte sich im 19. Jahrhundert das Leitbild der Bürgerfamilie als gut situierte Kleinfamilie, in der der Vater die gesellschaftliche Stellung bestimmte, die Mutter die Häuslichkeit gestaltete, beide verbunden in ehelicher Liebe, verbunden im Interesse an der „Aufzucht“ wohlgeratener und wohlerzogener Kinder, die sich bei Berufs- und Gattenwahl nach den Wünschen der Eltern zu richten hatten. Dieses Ideal wurde immer stärker, fixierter und statischer, je mehr sich die tragende Schicht des Bürgertums entfaltete und je stärker sich nun wiederum die Kirche an seiner Prägung beteiligte.

In der Epoche des Biedermeier entstanden zum ersten Mal Ansätze von Kindermoden und die Einrichtung von Kinderzimmern, die als „Kinderstube“ bezeichnet wurden. Somit nahm die „Befreiung des Kindes“ seinen Anfang, sowohl im Hinblick auf die kindliche Kleidung als auch auf seine gesamte Spiel- und Lebenswelt. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass beispielsweise im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein Boom der Spielzeugproduktion und die Erfindung anonymer Gabenbringer wie Weihnachtsmann und Osterhase existierten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich immer mehr ein stabilisiertes und schließlich erstarrtes Bild der bürgerlichen Kleinfamilie, in der die Rollenverteilung in einer Art und Weise äußerlich fixiert wurde, wie es bis dahin nur in der höfischen Etikette üblich gewesen war.

Von der Idylle des Biedermeier und der sozialen Harmonie, in der die geistreiche und gebildete Frau mit ihren Lesezirkeln und Künstlerkorrespondenzen doch immerhin einen ehrenvollen Platz eingenommen hatte, war Ende des Jahrhunderts kaum noch etwas zu spüren.

Die partnerschaftliche Einstellung auf Gegenseitigkeit, vorgeformt durch die Ideen der Französischen Revolution, war längst wieder einer strengen Rollenverteilung im Sinne patriarchalen Autoritäts- und Abhängigkeitsdenken gewichen, gestärkt durch das monarchische Leitbild. Der paternistische Machtbereich hatte in der bürgerlichen Familie eine beträchtliche Steigerung erfahren. Auf der einen Seite verkörperte der Vater die häusliche Erziehungsgewalt und übernahm somit fast die Rolle des gottväterlich-absoluten Herrn mit rigoroser Gehorsamsforderung und auf der anderen Seite fungiert die Mutter als Hausfrau und Familienmutter, der nie zuvor eine so untergeordnete und unselbständige Stellung innerhalb der Familie immanent war. (Weber-Kellermann 1974: 102 ff.)

2.2 Die Bedeutung und Funktion der Arbeiterfamilie

Im Proletariat war es vor allem die steigende Zahl der Industriearbeiterfamilien, die eine zentrale Parallele mit der bürgerlichen Familie aufwiesen: die Fabrik und die Wohnung waren zwei separate Bereiche. Die Heimarbeiterfamilien, die den mühsamen Broterwerb im Haus verfolgten, waren nur eine historische Übergangserscheinung. Bei den Industriearbeiterfamilien des 19. Jahrhunderts mangelte es allerdings an den materiellen Prämissen zur Durchsetzung bürgerlicher Familienverhältnisse. Ihre ökonomische Mangellage zwang dazu, alle Kräfte zur Sicherung des Lebensunterhalts einzusetzen. Lange Arbeitszeiten, erschöpfende Frauen- und Kinderarbeit, äußerst beengte Wohnverhältnisse - Kinder und Eltern mussten oft mit so genannten „Schlafburschen“ und „Bettgehern“ in einem Zimmer schlafen - ließen für bürgerliche Familienidylle keine Zeit und keinen Raum. (Geißler 1996: 43)

Keine andere Gruppe spürte so direkt die Anpassung an die industriellen Arbeitsverhältnisse im Bereich von Haushaltsführung, Kindererziehung, Freizeitgestaltung, Wohnung usw. wie die Fabrikarbeiterfamilie. Bei sechs Arbeitstagen pro Woche und einer Arbeitszeit von 12 bis 14 Stunden täglich, bei voller Mitarbeit der Frau und der größeren Kinder waren die Umstellungsaufgaben für diese Menschen allein kaum zu bewältigen, zumal es an sozialen Schutzmaßnahmen zunächst gänzlich fehlte und auch die Umwelt nicht den Lebensanforderungen der Arbeiterfamilie angepasst war.

Für die Frau bedeutete die volle Integration in den Fabrikbetrieb als billige Arbeitskraft physisch und psychisch eine besonders harte Belastung.

Das Faktum des eigenen Verdienstes hob sie nur scheinbar im Sinne größerer Selbständigkeit von der bürgerlichen Frau ab, die in absoluter finanzieller Abhängigkeit vom Hausherrn und Ernährer der Familie lebte. Der Arbeitslohn der Arbeiterfrau diente meistens einzig und allein der Existenzabsicherung der Familie, so dass von einem wachsenden politischen und gesellschaftlichen Selbstbewusstsein bei diesen arbeitenden Frauen kaum die Rede sein konnte. Hinzu kam, dass sich gerade für die Frau negative Konsequenzen aus der Trennung von Arbeits- und Wohnstätte ergaben. Somit war die Schere zwischen den Interessen des Familienlebens und des Arbeitsplatzes weit geöffnet.

Ein weiteres Negativum lag in den neuen und katastrophalen Wohnsituationen, denn die Menschenmassen ballten sich um die rapide wachsenden Fabrikzentren der großen Städte. Auf engem Raum und in magerster Ausstattung mussten die Arbeiterfamilien in den großen Städten leben.

Die Frauen- und Kinderarbeit war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein von großer Härte.

Die Arbeitszeit der Frauen und Kinder nahm häufig 10-12 Stunden täglich ein. Frauen und Kinder wurden deutlich schlechter bezahlt als Männer.

Im frühen 19. Jahrhundert galten sowohl bei den Arbeiterfamilien als auch bei den Bauernfamilien die eigenen aufwachsenden Kinder als zusätzliche Verdiener. Dies änderte sich später mit dem gesamten Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse, ohne dass sich damit allerdings die häusliche Lage der Arbeiterkinder gebessert hätte. Erst nach 1871 mit dem Fortschritt des Maschinenwesens, als sich Kinderarbeit für den Unternehmer nicht mehr lohnte, sank die Zahl der arbeitenden Kinder in der Industrie, während sie in der Heimarbeit und im Verlagswesen bis in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war.

Ein weiterer negativer Aspekt war auch die schlechte Ernährung der Fabrikfamilien, die nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ höchst mangelhaft war.

Die oft ungesunden und unhygienischen Bedingungen am Arbeitsplatz und die häufig langen Arbeitswege für die Pendler aus den Vororten hätten als Ausgleich erholsame Wohnverhältnisse nötig gemacht. Stattdessen waren die Wohnungen in der Gründerzeit oft ein Objekt von Mietwucher und Spekulationen. Feuchte Wohnungen und sehr einfache Einrichtung kamen dazu. Ein eigenes Bett besaßen die meisten Familienmitglieder kaum. Zwar existierte eine allgemeine Schulpflicht, jedoch mussten die Kinder nebenbei trotzdem noch arbeiten gehen.

Die Proletarier, der vierte Stand, blieb eine Gruppe außerhalb und unterhalb der Gesellschaft. Den Aufbau der Familie organisierte diese Bevölkerungsschicht völlig endogam. Durch das Merkmal der Besitzlosigkeit konnten sie bei der Partnerwahl freier und unbefangener vorgehen als Angehörige anderer Schichten und Klassen, zumal die jungen Leute von ihren Eltern finanziell unabhängig waren. Der Wunsch zur Heirat war bei den Mädchen der Arbeiterschicht weniger ausgeprägt als bei den bürgerlichen Töchtern, weil sie wussten was sie in der Ehe erwartete. Erst Schwangerschaften und das Bedürfnis nach gemeinsamen Aufbau einer Existenz führten zur Eheschließung. Etwa die Hälfte der Arbeiter unter 26 Jahren heirateten um 1900 gleichaltrige Partnerinnen der gleichen Schicht, weitere 40% heirateten bis zum 30. Lebensjahr.

Kinder waren meist kaum erwünscht, weil Kinder einen zusätzlichen Kostenfaktor bedeuteten, der das Elend der Familie vergrößerte. Die Rate der Säuglingssterblichkeit stieg enorm aufgrund von Unterernährung und schlechten Lebensverhältnissen.

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638485364
ISBN (Buch)
9783640859566
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52965
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Familienformen Wandel Zeit Bedeutung Familie Funktion Gegenwart Einführung Familiensoziologie

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Familie und ihrer Funktion in der Zeit vom 19. Jh bis zur Gegenwart