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Ist die Typologie der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus von GØsta Esping-Andersen sinnvoll und ist seine Verortung von Deutschland immer noch aktuell?

Seminararbeit 2005 14 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus
2.1 Grundlagen der Typologie
2.2 Die drei Regime
2.2.1 Das liberale Wohlfahrtstaatsregime
2.2.2 Das sozialdemokratische Wohlfahrtstaatsregime
2.2.3 Das konservativ korporatistische Wohlfahrtstaatsregime

3. Kritik an der Typologie

4. Deutschland
4.1 Wohlfahrtstaatliche Merkmale
4.2 Wohlfahrtstaatliche Entwicklung und Probleme
4.3 Typologische Verortung

5. Fazit

Literatutverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung des modernen Wohlfahrtsstaates und seiner Struktur basiert auf langen traditionellen Linien und gesellschaftlichen Merkmalen. J. Schmid und R. Niketta zählen einige Ansätze auf, die den „heutigen Wohlfahrtsstaat“ entstehen ließen. Zum einen ist er eine Antwort auf die Probleme, welche die Industrialisierung mit sich brachte, zum anderen ist der moderne Wohlfahrtsstaat auch eine Folge der Demokratisierung, welche es ermöglichte, die breitere Bevölkerung an politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen. (Vgl. Schmid 1998: 15) Das Phänomen des Wohlfahrtsstaates ist auch ein „Zugeständnis an die Interessen der Arbeiterklasse“ (Schmid 1998: 15) und die Folge ihrer starken Organisation. Weiterhin erfüllt der Kapitalismus nicht die Funktion des Schutzes für die Arbeitkräfte vor Auswirkungen des Marktes deshalb muss der moderne Wohlfahrtsstaat hier Einfluss üben. (Vgl. Schmid 1998: 15) Wohlfahrtsstaaten beinhalten nach J. Kohl zwei grundlegende Merkmale. Zum einen besteht in einem Wohlfahrtsstaat die Idee einer Verantwortung von staatlicher Seite über „die Wohlfahrt der Bürger, beziehungsweise ihrer sozialen Rechte gegenüber dem Staat“. (Kohl 2000: 115) Zum anderen beinhalten Wohlfahrtsstaaten nach dieser Definition auch die „faktische Existenz entsprechender Institutionen und Programme“ (Kohl 2000: 116).

Auf Basis dieser Definition werden Merkmale der Sozialpolitik marktwirtschaftlich-demokratischer Gesellschaften verglichen. Zu einem Vergleich dieser Art werden Typologien herangezogen. Das erstellen einer Typologie ist ein wissenschaftliches Hilfsmittel um die Komplexität von zu untersuchenden Gegenständen zu reduzieren. Vielschichtigkeit wird, mit Hilfe von bestimmten festgelegten Merkmalen, nach unterschiedlichen Ausprägungen in Grundmuster geteilt und Klassifiziert. (Vgl. Kohl 2000: 116) Dabei wird teilweise generalisiert und das Vorgehen ist mit einem Informationsverlust verbunden. Jedoch helfen Typologisierungen Erscheinungen zu erklären, wie in diesem Fall die institutionelle Vielseitigkeit von Wohlfahrtsstaaten. Dies geschieht, da im Rahmen von Typologisierungen oft Hypothesen aufgestellt werden, die von der Wissenschaft auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. (Vgl. Kohl 2000: 117)

Versucht man Wohlfahrtsstaaten zu unterscheiden, reicht eine rein statistisch-quantitative Methode nicht aus. Sozialpolitik wird oft an Hand von Sozialleistungsquoten verglichen, diese ähneln sich oft, sagen aber nicht tatsächlich etwas über die Ähnlichkeit der Systeme aus. (Vgl. Schmid 1996: 56 und Schmidt 1988: 158) Esping-Andersen nennt Staatsausgaben „eine oberflächliche Begleiterscheinung“ und um Kausalzusammenhänge zu überprüfen bedürfe es mehr als nur der Beachtung dieser Zahlen. (Vgl. Esping-Andersen 1990: 19/21)

In der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung wurden Unterschiede zwischen Wohlfahrtstaatssystemen durch verschiedene Ansätze erklärt. Die Strukturbildung der Sozialpolitik ist abhängig von dem politischen Kräfteverhältnissen, Rechtgrundlagen sowie von den Zielvorstellungen der unterschiedlichen Akteure. Auch die historischen Entwicklungslinien üben Einfluss auf die Organisationsform aus. (Vgl. Schmid 1996: 56, Schmid 1998:15, Schmidt 1988: 158 und Heinzer et al. 1999: 101) Einen einzigen Typus des Wohlfahrtsstaates gibt es nicht. (Vgl. Schmid 1998:15)

Die Konzeption von Esping-Andersen hat somit große Bedeutung in der Policy-Forschung erlangt, da er außer der Untersuchung von staatlichen Ausgaben auch auf komplexere Zusammenhänge, qualitative Faktoren und institutionelle Strukturmerkmale der Sozialpolitik eingeht. (Vgl. Schmid 1996: 56 und Schmidt 1988: 158)

Nun stelle ich die Frage ob die Typologisierung von Wohlfaahrtsstaatsregimen von Esping-Andersen noch anwendbar ist. Dafür werde ich die verschieden Typen vorstellen und anhand des deutschen Beispiels und seiner Entwicklung überprüfen ob die Einteilung noch sinnvoll ist.

2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus

2.1 Grundlagen der Typologie

Esping-Andersen nutzt den Schlüsselbegriff des welfare state regime. In seinen neueren Schriften benutzt er vorrangig den Begriff des Regimes anstelle des Staats, da hierdurch stärker die komplexe Vernetzung von Staat, Familie und privaten Haushalten und (Vgl. Kohl 2000: 121 und Esping-Andersen 1990: 2) die Art und Weise wie die Wohlfahrtsproduktion zwischen Markt, Staat und Haushalten verankert ist hervorgehoben wird. (Vgl. Kohl 2000: 121) Weiterhin legte Esping-Andersen drei Dimensionen fest, anhand dessen Ausprägungen er die drei Typen der Wohlfahrtsregime unterscheidet. Die erste Dimension ist das Ausmaß der Dekommodifizierung. Hierbei geht es um „die Reichweite der Politik gegen den Markt“ (Schmid 1996: 61). Das Wort Dekommodifizierung beschreibt die Beseitigung des Warencharakters eines Guts oder Vermögens. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass die Ware Arbeitskraft vom Markt abgekoppelt und vor seinen Auswirkungen geschützt wird. (Vgl. Schmidt 1998: 179 und Esping-Andersen 1989: 36) Somit wird die „Abhängigkeit der individuellen Existenz vom Marktsystem“ reduziert. (Kohl 2000: 123) Eine weitere Dimension ist die Art der Stratifizierung. Diese beschreibt die Struktur sozialer Aspekte wie Solidaritätsbewegungen, welche von sozialen Sicherungssystemen bestimmt werden. (Vgl. Kohl 2000: 123) Die letzte Dimension, die von Esping-Andersen als Unterscheidungsmerkmal betrachtet wird, ist die Dimension von Staat, Familie und Markt und deren Zusammenspiel. Die jeweilige Zuständigkeit und Verantwortung dieser Institutionen für die Wohlfahrt spielt hierbei eine Rolle. (Vgl. Kohl 2000: 123)

Esping-Andersens Typologie basiert auf der theoretischen Grundlage des Macht- und Klassentheoretischen Ansatzes. Der Klassenmobilisierungs-These zufolge, basieren der Aufbau und die Struktur sozialer Sicherungssysteme auf der Machtverteilung zwischen den einzelnen Klassen und ihren Interessen. (Vgl. Kohl 2000: 124) Soziale Klassen gelten also als “Motoren des Wandels“ (Esping-Andersen 1989: 26). Gesellschaftliche Gruppen unterschiedlicher Orientierung haben je nach Machtanteil Einfluss auf das Sicherungssystem. Kommt es zu Machtverschiebungen, kann es auch zu einer Strukturveränderung des sozialen Sicherungssystems kommen. Kontinuitätsbrüche die auf solchen machtpolitischen Änderungen basieren, treten meist zeitversetzt auf. (Vgl. Esping-Andersen 1989: 27)

Auf der anderen Seite basieren Esping-Andersens Ideen aber auch auf der Pfadabhängigkeitsthese. Diese besagt, dass eine in der frühen Entwicklung des Wohlfahrtsstaats vorgegebene und oft traditionell verankerte Linie in der Wohlfahrtspolitik verfolgt wird. Das heißt, Einstellungen, die in der Formationsphase von Wohlfahrtsstaaten von Bedeutung waren, beeinflussen langwierig und bis heute das Handeln der Akteure. (Vgl. Kohl 2000: 125/26)

Nicht ganz klar ist, ob Esping-Andersen die drei Typen als Ideal- oder als Realtypen einstuft. Jedoch scheint die Aufstellung von Idealtypen und die Überprüfung in wiefern sich ein jeweiliges Land dem entsprechenden Idealbild annähert am sinnvollsten. (Vgl. Vgl. Schmid 1996: 59 und Kohl 2000: 116/117)

2.2 Die drei Regime

2.2.1 Das liberale Wohlfahrtsstaatsregime

Das liberale Modell zeichnet sich laut Esping-Andersen durch gezielte Mindestsicherung und Armutsverhinderung aus. Finanziert werden diese selektiven Sicherungssysteme durch den Staatshaushalt. In diesem Modell geht es um eine möglichst geringe Kostenintensität. (Vgl. Siegel 2002: 349) Die Leitwerte der Gesellschaft werden hierbei durch Individualismus, Voluntarismus und Selbstverantwortung geprägt. Die Verantwortung liegt somit bei dem Individuum und die soziale Sicherung stellt sich durch private Vorsorge und freiwillige Sozialversicherungen dar. Zum Teil existiert eine Sozialhilfe, die aber einer Bedürftigkeitsprüfung unterliegt und oft mit Stigmatisierung einhergeht. Das System basiert auf individuellen Beiträgen und ist äquivalenzorientiert, d.h. eng beitragsbezogen. (Vgl. Kohl 2000: 126) Die bescheidenen Sozialversicherungsprogramme richten sich meist an Bedürftige, wie die schlecht bezahlte und staatsabhängige Gruppe der Arbeiterschicht. Die rein staatlichen Leistungen sind sehr gering, der marktwirtschaftliche Prozess soll so wenig wie möglich gestört werden. (Vgl. Esping-Andersen 1989: 43 und Schmidt 1988: 163) In dem liberalen Wohlfahrtsstaatsregime wird die Rolle der Familie betont und Markt-Konformität und Freiheit werden als eines der Hauptziele der Sozialpolitik angesehen. (Vgl. Schmidt 1988: 159) Der Staat fördert den Markt. Dies geschieht passiv in dem die Leistungen nur minimal ausfallen oder aktiv, indem private Sicherungen subventioniert werden. (Vgl. Esping-Andersen 1989: 43) Dementsprechend treten in diesem Regime nur minimale dekommodifizierende Effekte auf. Die Indikatoren dafür sind die „Einkommensersatzquote und der Anteil individueller Finanzierungsbeiträge“ (Schmid 1996: 57). Eine hohe Umverteilung zugunsten der Ärmsten ist in diesem Wohlfahrtsstaatstyp zu erkennen, dadurch dass das Augenmerk auf besonders bedürftigen Gruppen liegt. (Vgl. Schmidt 1988: 160) Jedoch ist im Allgemeinen die Umverteilungskapazität (Indikatoren: „Progressionsgrad des Steuersystems und Gleichheit der Leistungen“ (Schmid 1996: 57)) des liberalen Wohlfahrtstaates gemäßigt. (Vgl. Schmidt 1988: 160) Aktive Arbeitsmarktpolitik um eine Vollbeschäftigungsgarantie leisten zu können, kommt in diesem Typus nicht vor. (Vgl. Schmid 1996: 57 und Schmidt 1988: 62) Die Indikatoren für Korporatismus und Etatismus sind die „Anzahl der nach Berufsgruppen differenzierten Sicherungssysteme und der Anteil der Ausgaben der Beamtenversorgung“ (Schmid 1996: 57). Auch diese Merkmale fallen im liberalen Typus gering aus. Jedoch ist der Residualismus (Indikator: „Anteil von Fürsorgeleistungen an den gesamten Sozialausgaben“) und die Privatisierung („Anteil privater Ausgaben für Alter bzw. Gesundheit an den Gesamtausgaben“ (Schmid 1996: 57)) hoch.

Die historischen Wurzeln des liberalen Wohlfahrtstaats liegen in „Gesellschaften in denen sich die kapitalistische Wirtschaft weitgehend ungezügelt entfalten konnte und in denen marktwirtschaftliche Ideen massenhaft verbreitet sind“ (Schmidt: 1988: 163). Beispielländer dieses Typus sind nach Esping-Andersen die USA, Kanada und Australien. In weiteren Schriften werden Neuseeland, Großbritannien und bis Anfang der 70er Jahre die Schweiz als sich dem Ideal annähernde Regime beschrieben.

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Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638484312
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52823
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Typologie Welten Wohlfahrtskapitalismus GØsta Esping-Andersen Verortung Deutschland

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