Lade Inhalt...

Das Arena-Modell der Öffentlichkeit - Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen

Seminararbeit 2004 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen des Arena-Modells
2.1. Verschiedene Formen der Öffentlichkeit
2.2. Das kybernetische Funktionsmodell nach Etzioni
2.3. Definition und Abgrenzung öffentlicher Meinung

3. Forum, Arena, Galerie
3.1. Arena und Galerie – Interessen und Bedürfnisse
3.2.Die Rollenverteilung im Forum

4.Die Strategien der Öffentlichkeitsakteure
4.1.Kommunikationsmuster in öffentlichen Arenen
4.2. Öffentlichkeitsrhetorik
4.3. Praktisches Beispiel: Fernsehduelle 2002

5. Öffentliche Meinung – Fiktion und Realität
5.1. Erscheinungsformen der öffentlichen Meinung
5.2. Die Fiktion öffentlicher Meinung

6. Soziale Bewegungen

7.Vergleich mit anderen Öffentlichkeitsmodellen
7.1. Das Spiegelmodell nach Luhmann
7.2. Das Diskursmodell nach Habermas
7.3.Die Schweigespirale nach Noelle-Neumann

8.Schluss

1. Einleitung

Wie funktioniert das komplexe System Öffentlichkeit? Wer hat das Sagen in der öffentlichen

Kommunikation? Wem wird Glauben geschenkt und warum? Was ist öffentliche Meinung und unter welchen Voraussetzungen kann sie entstehen? Wie kann Otto Normalbürger seine Interessen in den Fokus der öffentlichen Kommunikation rücken (falls überhaupt möglich)?

Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt versuchen nicht nur, auf diese Fragen Antwort zu geben. Sie behandeln das breite Spektrum Öffentlichkeit und interpretieren den in der Kommunikationstheorie fast überstrapazierten Terminus „öffentliche Meinung“ auf ihre Weise. Die Beziehungen zwischen Öffentlichkeitsakteuren und deren Publikum stellt den Kern des sogenannten „Arena-Modells“ dar, wobei, da es sich hierbei um eine öffentlichkeitssoziologische Analyse handelt, besonders den Sprechern, die sich einem breiten Publikum präsentieren, Beachtung gebührt.

Im Folgenden werde ich durch Beleuchtung der verschiedenen Teilaspekte - theoretische Grundlagen, Definitionen der Fachtermini, Darstellung der Interaktionen in der öffentlichen Kommunikation mit Schwerpunkt auf den Öffentlichkeitsakteuren, Erscheinungsformen der „öffentlichen Meinung“, das Zustandekommen sozialer Bewegungen und Vergleiche zu anderen Öffentlichkeitsmodellen – versuchen, einen möglichst breiten und klaren Überblick über die Idee hinter dem Arena-Modell zu geben.

2. Theoretische Grundlagen des Arena-Modells

2.1. Verschiedene Formen der Öffentlichkeit

Grundsätzlich wird zwischen drei unterschiedlichen Formen von Öffentlichkeit unterschieden: „Kommunikation au trottoir“, öffentliche Veranstaltungen und massenmedial vermittelte Öffentlichkeit (vergl. Gerhards/Neidhardt 1990).

Auf unterster Ebene findet die „Kommunikation au trottoir“ (Luhmann) statt, die von Erving Goffman auch als „Encounters“ bezeichnet wird. Sie beinhaltet die alltägliche ungezwungene Kommunikation zwischen sich (zufällig) begegnenden Menschen heterogener Herkunft. Bei derartigen Kommunikationen, die zwangsläufig auftreten, bilden sich sogenannte „kleine Öffentlichkeiten“, die allerdings nur Episodencharakter besitzen und durch ihre Zerbrechlichkeit und Strukturlosigkeit gekennzeichnet sind. In dieser Kommunikation, face-to-face, lassen sich die Akteure also in keine Rollen einordnen. Sie wird im Episodenmodell nach Luhmann beschrieben (vergl. Gerhards/Neidhardt 1990). Das Arena-Modell befasst sich nicht mit der „Kommunikation au trottoir“.

Öffentliche Veranstaltungen weisen im Gegensatz eine klare Struktur auf. Es bilden sich Rollen unter den Teilnehmern heraus und auch ein übergreifendes Thema ist gegeben. Auf der einen stehen Referenten, die ihre Meinung äußern und ihre Interessen vertreten, in Form der Leistungsrollen. Ihnen gegenüber steht das Publikum, das nicht in die Diskussion miteinbezogen wird, also nur passiv teilhat und die stattfindende Kommunikation der Sprecher verfolgt. Öffentliche Veranstaltungen sind also „thematisch zentrierte Interaktionssysteme“ (Gerhards/Neidhardt 1990) mit eindeutiger Rollenverteilung, klar strukturiert. Somit entsprechen sie dem Seminarmodell nach Habermas und das Arena-Modell ist auf sie anwendbar.

Massenmedial vermittelte Veranstaltungen laufen ebenso strukturiert ab, entsprechen im Grunde genommen der öffentlichen Kommunikation. Jedoch ist der Ortsfaktor nicht existent. Nicht wie bei Veranstaltungen müssen Sprecher und Publikum tatsächlich physisch an einem Ort zusammentreten, um zu kommunizieren. Die Massenmedien nehmen eine Chronistenrolle ein, dienen als Kommunikateure und übermitteln die öffentliche Kommunikation.

Ergo: Ein weitaus größeres Publikum kann angesprochen werden, das jedoch durch seine in Folge der Größe vorhandene Heterogenität weniger einschätzbar ist als bei einer Veranstaltung.

In modernen Gesellschaften ist die massenmedial vermittelte Kommunikation dominierend, durch sie kann sich Öffentlichkeit entwickeln. Das Arena-Modell behandelt deshalb in erster Linie diese Form der Öffentlichkeit.

2.2. Das kybernetische Funktionsmodell nach Etzioni

In seinen Grundzügen beruht das Arena-Modell auf dem kybernetischen Funktionsmodell nach Amitai Etzioni, das folgendermaßen aufgebaut ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Informationen werden von der Öffentlichkeit gesammelt, weiterverarbeitet und schließlich angewandt. Danach versteht sich Öffentlichkeit als „intermediäres, öffentliche Meinung produzierendes Informationssystem“ (Neidhardt 1994). Dieses Ziel, eine öffentliche Meinung hervorzubringen, kann aber nur unter bestimmten Voraussetzungen erreicht werden.

Folgende normative Ansprüche gelten für das kybernetische Funktionsmodell:

Input: Öffentlichkeit soll offen sein für alle gesellschaftlichen Gruppen, alle Themen und Meinungen von kollektiver Bedeutung. Ist das Prinzip der Offenheit eingelöst, erfüllt Öffentlichkeit Transparenzfunktionen.

Throughput: Öffentlichkeitsakteure sollen mit Themen und Meinungen anderer diskursiv umgehen. Eigene Themen und Meinungen unter Druck der Argumente anderer gegebenenfalls fallen lassen. Ist die Diskursivität geachtet, leistet Öffentlichkeit Validierungsfunktionen.

Output: Öffentliche Kommunikation, die von Öffentlichkeitsakteuren diskursiv betrieben wird, erzeugt „öffentliche Meinungen“, die das Publikum als überzeugend wahrnehmen und akzeptieren kann. Wenn öffentliche Meinungen diese Autorität besitzen, leisten sie in Demokratien politisch wirksame Orientierungsfunktionen.

(vergl. Neidhardt 1994 ; Gerhards/Neidhardt 1990)

Dem politischen System kommt dabei in zweierlei Hinsicht eine Sonderrolle zu, ausgehend von der Tatsache, dass es in demokratischen Gesellschaften verschiedene Teilsysteme gibt (Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, etc.) die aber alle in letzter Instanz vom politischen System kontrolliert werden (Finanzministerium, Kultusministerium, etc.). Es steht also über allen anderen Teilsystemen und hat auch in der öffentlichen Kommunikation eine doppelte übergeordnete Rolle als Problemadressat (Input) und als Problemlösungssystem (Output) inne (vergl. Gerhards/Neidhardt 1990).

2.3. Definition und Abgrenzung Öffentlicher Meinung

Wie unter 2.2. zu lesen ist, kann also nur bei einer diskursiv betriebenen öffentlichen Kommunikation tatsächlich „öffentliche Meinung“ entstehen, was zu der Frage überleitet, was man unter öffentlicher Meinung zu verstehen hat und welche anderen Meinungen existieren können.

Öffentliche Meinung

In der vorliegenden Studie wird „öffentliche Meinung“ wie folgt definiert:

„Eine Meinung, die in öffentlichen Kommunikationen mit breiter Zustimmung rechnen kann, die sich in den Arenen der Öffentlichkeit durchgesetzt hat und insofern „herrschende“ Meinung darstellt. Die Konsonanz öffentlicher Meinungsäußerungen.“ (Gerhards/Neidhardt 1990)

Es bleibt festzustellen, dass sich eine öffentliche Meinung also nicht mit einer Mehrheitsmeinung im Volk deckt, sondern sich nur in einer „Arena“, also zwischen Öffentlichkeitsakteuren entwickeln kann, sollten deren Meinungen konvergieren. Das Publikum bleibt außen vor. Die öffentliche Meinung stellt also eine kollektive Größe unter den Referenten dar.

Herrschende Meinung

„Herrschend“ ist eine Meinung dann, wenn eine Abweichung von ihr bei einer Mehrzahl der anderen Sprecher und bei den Medien Widerstand auslöst und bei dem von der Meinung abweichendem Sprecher zu Prestigeverlust führt. (Definition „Prestige“ siehe 3.1.)

Bevölkerungsmeinung

Im Kontrast zur öffentlichen steht die Bevölkerungsmeinung, also die Mehrheitsmeinung unter den Bürgern, die nicht selbst im Fokus der Öffentlichkeit stehen, das Publikum darstellen, und daher keine Möglichkeit haben, ihrer Meinung ein breites Gehör zu verschaffen. Die Bevölkerungsmeinung kann man, um vorzugreifen, als eine Galeriekonsonanz bezeichnen, während die öffentliche Meinung die Arenenkonsonanz darstellt.

Demoskopisch ermittelte Meinungen

Die demoskopisch ermittelte Meinung der Bevölkerung ist wiederum abzugrenzen von der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung. Denn in einer Meinungsumfrage spielen psychologische Faktoren (zu nennen wäre z.B. die Theorie der Schweigespirale, die (auch unbewusste) Rollenverteilung in einer Kommunikation, oppinion leaders und Ähnliches) eine untergeordnete Rolle, bzw. sind mit einkalkuliert. Eine demoskopisch ermittelte „Mehrheitsmeinung“ ist lediglich ein „statistisches Aggregat individueller Präferenzen“ (Gerhards/Neidhardt 1990), anders also als eine Bevölkerungsmeinung, die ja eine kollektive Größe darstellt.

3. Forum, Arena, Galerie

Eine öffentliche Meinung entsteht also in der Arena, unter öffentlichen Akteuren. Das Publikum auf der Galerie bildet eine Bevölkerungsmeinung heraus. Doch wer hat Zugang zu öffentlichen Arenen und wie setzen die privilegierten Sprecher ihre Anliegen gegenüber ihren Kontrahenten durch und verkaufen sich zudem noch gut vor ihrem Publikum?

3.1. Arena und Galerie – Interessen und Bedürfnisse

Zunächst ist die Idee des Forums zu erläutern.

Es wird davon ausgegangen, dass in einem Forum, in dem öffentliche Kommunikation stattfindet, eine Arena existiert, in der sich Öffentlichkeitsakteure gegenübertreten, die ihre Interessen dem Publikum gegenüber vertreten wollen. Dabei handelt es sich um politische (Publikum als Elektorat) und/oder ökonomische Interessen (Publikum als Konsumenten).

Ihnen gegenüber, auf den verschiedenen Galerien des Forums, befindet sich besagtes Publikum, das einerseits ein Orientierungsbedürfnis (Meinungen, Politik) und andererseits ein schlichtes Unterhaltungsbedürfnis aufweist. Es besteht demzufolge eine Austauschbeziehung zwischen Sprechern und Publikum innerhalb des Forums (siehe dazu auch Schaubild 1 im Anhang). Die Interessen der Sprecher drücken sich jedoch nur implizit, d.h. für das Publikum nicht direkt wahrnehmbar, in der Kommunikation aus.

Diese verschiedenen Interessen und Bedürfnisse treffen also in einem Forum der Öffentlichkeit aufeinander. Dabei kann das Forum ein tatsächlicher Schauplatz sein (Veranstaltung) oder es kann sich, durch die massenmedial vermittelte öffentliche Kommunikation, auf ein weitaus größeres Areal erstrecken (Sendegebiet von Rundfunkstationen, Kabelnetze, Verbreitungsgebiet von Printmedien und dergleichen). Wie schon in 2.1. erwähnt, behandeln Gerhards und Neidhardt schwerpunktmäßig die massenmedial vermittelte Kommunikation.

3.2. Die Rollenverteilung im Forum

Die Rollen der Sprecher und des Publikums werden im Folgenden genauer definiert und unterteilt.

Die Öffentlichkeitsakteure

Öffentlichkeitsakteure bzw. Sprecher oder Referenten treten im Arena-Modell in Form fünf verschiedener Rollen auf:

Repräsentanten, also Vertreter zahlreicher gesellschaftlicher Gruppierungen und Organisationen , wie Interessenverbänden, Parteien, Vereinen oder auch sozialen Bewegungen.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638482523
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52578
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Arena-Modell Meinung Bewegungen Proseminar

Autor

Zurück

Titel: Das Arena-Modell der Öffentlichkeit - Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen