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Die evangelische Kirche und ihr Eheverständnis - Konfessionsverschiedene Ehe

Seminararbeit 1999 21 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Ehe und die Reformatoren

2. Ehe und Jungfräulichkeit

3. Sakramentalität

4. Eheverständnis der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in neuerer Zeit

5. Voraussetzungen der kirchlichen Trauung

6. Form der protestantischen Trauung

7. Mischehen

8. Alte protestantische Sicht der konfessionsverschiedenen Ehe

9. Neue protestantische Sicht der konfessionsverschiedenen Ehe

10. Konfessionsverschiedene Ehe von evangelischen Pfarrern

11. Alte katholische Sicht gemäß CIC/1917

12. Neue katholische Sicht gemäß dem 2. Vatikanum und dem CIC/1983

13. Dispens vom Verbot der Mischehe

14. Eheschließungsform bei Mischehen

15. Familiaris Consortio

Literaturverzeichnis

1. Die Ehe und die Reformatoren

Die historischen Wurzeln für das protestantische Verständnis von Ehe lassen sich in der abendländischen Kirchenspaltung durch die Reformation finden.

Martin Luther (1483-1546) entwickelte sein Konzept von Ehe gegensätzlich zum römisch-katholischen der 1. Hälfte des 16. Jh, das ins Zentrum den sakramentalen Charakter stellte. Martin Luther hingegen betonte, daß die Ehe ein „weltlich Ding“ sei. Das bedeutet aber nicht, daß er die Autorität der Kirche für die Ordnung und Führung von Ehe ablehnt, sondern daß die Ehe als „Rechtsinstitut“ in den weltlichen Bereich gehört. Er unterstrich die rechtliche Seite der Ehe, für welche dann die weltliche Autorität zuständig sei. Luther hielt daran fest, daß die Ehe als Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau von Gott als „göttlicher, seliger Stand“ geschützt ist.[1]

In den protestantischen Städten und Territorien wurden Konsistorien und Ehegerichte gegründet, die als öffentliche Autorität für Rechtsfragen in der Ehe zuständig waren. Damit wollte Martin Luther im Grunde dasselbe erreichen, was dann auch das Tridentinische Konzil durchsetzte: Die Clandestinenehe, d. h. die heimliche Eheschließung, sollte verhindert werden. Luthers Ehe wurde vor Zeugen nach mittelalterlicher Sitte im eigenen Haus geschlossen. Für die Trauung nahm er also nicht mehr die Kirche in Anspruch. Es zeigt sich hier schon ein Auseinanderdriften von Eheschließung und kirchlicher Segnung der Ehe.[2]

In Sachen Ehescheidung gehen die Ansichten der einzelnen Reformatoren auseinander. Luther, Calvin und Bugenhagen gehörten zu der strengen Richtung, Zwingli und Melanchton zu der gemäßigten. In seiner Streitschrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in der Luther grundsätzlich die Ehe als Sakrament verwirft, schreibt er aber auch, daß er die Scheidung sehr hassen würde. Dessen ungeachtet läßt er bestimmte Scheidungsgründe gelten: Ehebruch und „bösliche Verlassung“. Dem Ehebruch setzt er andere Gründe gleich: Etwa wenn sich ein Ehepartner beharrlich weigert, die „eheliche Pflicht“ zu erfüllen. Die Gründe für eine Weigerung fallen nicht ins Gewicht. Wer sich versagt, gilt als „schuldig“ und darf im Falle einer Scheidung nicht wieder heiraten.[3]

Die evangelischen Landeskirchenordnungen vom 16. Jh. hielten sich im Wesentlichen an die Scheidungsauffassungen Luthers. Als Scheidungsgründe galten darüber hinaus manchmal auch „schwere Straftaten“ oder „schwere Krankheit“.[4]

2. Ehe und Jungfräulichkeit

Die Reformatoren nahmen zur Ehe-Sexualitäts-Problematik eine andere Position ein, als es im Mittelalter üblich war. Im theoretischen Verständnis von Ehe ist Martin Luther mehr bei Augustinus (354-430) als bei Thomas von Aquin (1225-1274) beheimatet.[5]

Luther wollte die Einstellung gegenüber der Wirklichkeit von Ehe ändern. Er forderte mehr Aufrichtigkeit und Realismus im Bezug zur Sexualität. Im Hintergrund standen die Probleme von Klerikern und Ordensleuten mit dem Zölibat. Der Grundgedanke der Reformatoren richtete sich gegen ein Leistungsdenken im Glauben, d. h. Aszese und Entsagung könnte nach ihrer Meinung keine Gnade von Gott erwirken.

Luther sah in der Ehe eine „Medizin gegen die Konkupiszenz“, ein „Spital für Kranke“, denn in ihr erhält der von der Erbsünde zerstörte Mensch eine Heilung gegen die Unkeuschheit. Unterdrückte Sexualität hingegen könne nur schlechte Konsequenzen mit sich bringen. Er wollte damit die soziale Auswirkung einen geschlechtlich sündhaften Lebens vermindern.[6]

Johannes Calvin (1509 – 1564) nahm eine andere Sichtweise ein: Er lehnte nur erzwungene und leichtfertige Gelübde ab. Der Jungfräulichkeit gab er den Vorzug vor der Ehe – wenn einer die Berufung dazu hat und nicht gezwungen wird. Das solle aber nicht zur Verachtung der Ehe führen. Für Calvin ist der Geschlechtsverkehr eine reine Institution Gottes. Er wird durch die ehrenhaften Ziele geheiligt. Er bringt ihn nicht in Verbindung mit „Sünde“.[7]

Sowohl Calvin als auch Luther halten an der Unterordnung der Frau unter den Mann fest, was sie mit der patriarchalischen und androzentrischen Sichtweise des Mittelalters verbindet. Für Luther galt die Frau in erster Linie als Gebärende, Hilfe bei der Kindeserziehung und Bettgenossin, um Unzucht zu vermeiden. Doch sprach er auch von Tröstungen des Ehe- und Familienlebens und betrachtete sexuelle Aktivität als der menschlichen Bedürfnisstruktur angemessen.[8]

3. Sakramentalität

Eine Sakramentalität der Ehe wie sie im Mittelalter gelehrt wurde, weißen die Reformatoren als nicht schriftgemäß zurück. In der Verbindung, die Paulus im Epheserbrief zwischen Ehe, Christus und Kirche herstellt, sehen sie keinen besonderen Hinweis auf eine Sakramentalität der Ehe.[9]

Eph. 5, 31 „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. 32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“

Als Sakramente gelten nur Taufe und Abendmahl, die von Christus in Form eines sakramentalen Ritus eingesetzt wurden. Die Ehe dagegen ist im Rahmen der Schöpfungsordnung von Gott eingesetzt worden.

In der Abhandlung „Über die babylonische Gefangenschaft der Kirche“ (1520) schreibt Luther:

„Wir haben schon gesagt, in jedem Sakrament ist das Wort einer göttlichen Verheißung, an die er glauben muß, der das Zeichen empfängt; und das Zeichen allein könne nicht das Sakrament sein. Nirgends wird uns aber gesagt, wer ein Weib nähme, empfange irgendeine Gnade von Gott. Auch gibt es in der Ehe kein von Gott eingesetztes Zeichen. Noch lesen wir irgendwo, sie sei von Gott eingesetzt, um irgend etwas zu bezeichnen, wiewohl alle Dinge, die sichtbar geschehen, auch als Abbilder und Allegorien unsichtbarer Dinge verstanden werden können. Aber Sinnbild und Allegorie sind nicht Sakramente, so wie wir von Sakramenten reden. Ferner, da die Ehe seit der Schöpfung bestand, und auch heute noch bei den Heiden besteht, so läßt sich kein Grund finden, warum sie ein Sakrament des Neuen Bundes und das ausschließliche Eigentum der Kirche genannt werden sollte. Die Ehen der Patriarchen waren nicht weniger heilig als unsere; auch sind die Ehen von Heiden nicht weniger wahr als die der Christen; und doch sagt man nicht, sie besäßen das Sakrament. Ferner gibt es bei den Christen Verheiratete, die schlimmer sind, als irgendwelche Ungläubige. Warum redet man dann hier von Sakrament und nicht bei den Heiden?“[10]

Wenn Luther die Ehe als „weltlich Ding“ bezeichnet, will er damit sagen, daß Gott sie für die irdische, diesseitige Zeit als Institution eingerichtet hat. Er will sie damit nicht abwerten. Im Gegenteil, er hatte eine für mittelalterliche Vorstellungen moderne Ansicht von Ehe, da sie seiner Meinung nach eine größere Heiligkeit bewirken könne, als die geistlichen Übungen in Klöstern. Ähnlich wie Augustinus sieht Luther diese „heiligmachende Kraft“ der Ehe in der „Heilung der Libido“ und Wiederherstellung der Schöpfungsordnung.

Die generelle Zurückweisung einer Sakramentalität der Ehe ist in dem reformatorischen Rechtfertigungsverständnis begründet, das sich gegen jegliches mechanistische Mißverständnis von Sakramenten wendet. D. h. nicht alleine der bloße Vollzug der Sakramente heiligt, sondern es wird die Notwendigkeit des Glaubens in den Vordergrund gestellt.[11]

Immerhin war Luther der Ansicht, daß die Lehre von der Sakramentalität der Ehe sich in Liebe ertragen lasse, wie so manche andere kirchliche Handlung von den Gläubigen in Liebe und Geduld hingenommen werden müsse, da sie dem Glauben nicht hinderlich sei.[12]

4. Eheverständnis der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in neuerer Zeit

1970 hat die Ehekommission der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) unverbindlich ihr „evangelisches Eheverständnis“ dargelegt. Dabei wird Ehe in erster Linie als „die Verbindung der Geschlechter, die dem Willen Gottes entspricht“ gesehen. Ehe wird als Institution, Bund und Partnerschaft betrachtet. „Ehe als Auftrag“ ist der theologische Grundgedanke – oder reformatorisch ausgedrückt: „Ehe als Beruf“. Im Zentrum steht der öffentlich bekundete Wille zur Gemeinschaft zwischen Mann und Frau, die grundsätzlich unauflöslich sein soll, weil Gott sie gestiftet hat. Auch die Treue innerhalb dieser Gemeinschaft mit den Kindern wird betont.[13]

Die Ehe wird als Lebensgemeinschaft betrachtet, die immer wieder neu bekräftigt werden muß und in der Trauung ihren ersten öffentlichen und verpflichtenden Ausdruck findet – jedoch nicht ihre Begründung. Diese ist in der gemeinsamen Lebensgestaltung und Ehegesinnung der Gatten zu finden, was für ihre gemeinsame Lebensführung von Bedeutung ist. Gemeinsam haben sie in freier und persönlicher Zustimmung sich für ein gemeinsames Leben entschieden.[14]

„Das evangelische Eheverständnis ist auf mehrfache Weise mit dem allgemeinen Eheverständnis und Eherecht in unserer Gesellschaft verknüpft. Beide – evangelisches Eheverständnis und staatliches Eherecht – setzen bei einer Heirat den übereinstimmenden Willen beider Partner zu einer auf Lebenszeit angelegten Gemeinschaft voraus. Diese Gemeinschaft kann zwar scheitern und geschieden werden. Das berechtigt aber nicht schon zu einem (Zeit- oder Zweck-) Vorbehalt bei der Eheschließung. Die Ehe kann nur ‚vorbehaltlos’ geschlossen werden.“[15]

Als „Einehe“ sei sie grundsätzlich von lebenslanger Dauer. Allerdings bedeutet „Unauflöslichkeit“ aus protestantischer Sicht etwas völlig anderes als in der katholischen Kirche. Sie wird im Verständnis mit dem Eidverbot Christi „Du sollst nicht schwören“, das dieser direkt an seine Worte zur Scheidung anschließt (Mt 5, 31ff), gleichgesetzt. Ebenso wie das Eidverbot wird damit das Scheidungsverbot nicht als „zwingend“ angesehen.[16]

„Wie das Wort ‚unauflöslich’ verstanden werden kann, kommt z. B. in dem der badischen Trauagende beigefügten Entwurf einer Traupredigt zum Ausdruck, in dem es heißt: ‚Das wird der vornehmste und nötigste Dienst eurer Liebe untereinander sein, daß ihr einander Vergebung schenkt und so eure Ehe lebendig erhaltet. Dadurch wird eure Ehe unauflöslich sein, wie es auch Gottes Wille ist, der die Ehe gestiftet hat.’ Diese Worte machen zweierlei deutlich: Einmal, daß Unauflöslichkeit nicht einfach gegeben, sondern den Eheleuten aufgegeben ist; zum anderen, daß sie nicht ein starres Gesetz, sondern eine Folge der Liebe ist.“[17]

Ebenso sieht die EKD die Ehe als eine von Gott gegebene Lebensgemeinschaft, in der Mann und Frau zusammen mit Kindern leben sollen und die unauflöslich sein soll (Mt 19, 6). Ehescheidung wird im Neuen Testament nur in Grenzfällen in Erwägung gezogen: Mt 5, 32 und 1 Kor 7, 15.

[...]


[1] Vgl. Hanns Engelhardt, Ehe, Eheschließung… 1984, 30.

[2] Vgl. ebd, 30.

[3] Vgl. ebd, 31.

[4] Vgl. ebd, 30.

[5] Vgl. Waldemar Molinski, Theologie der Ehe in der Geschichte, Aschaffenburg, 1976, 145.

[6] Vgl. ebd, 146.

[7] Vgl. ebd, 147.

[8] Vgl. ebd, 147.

[9] Vgl. ebd, 148.

[10] Waldemar Molinski, Theologie der Ehe in der Geschichte, 148.

[11] Vgl. ebd, 149.

[12] Ebd, 150.

[13] Vgl. EKD-Texte Nr. 12, Ehe und nichteheliche Lebensgemeinschaften, 8.

[14] Vgl. ebd, 12.

[15] Ebd, 13.

[16] Vgl. Hanns Engelhardt, Ehe, Eheschließung…, 32.

[17] Ebd, 32.

Details

Seiten
21
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638482431
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52566
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
gut
Schlagworte
Kirche Eheverständnis Konfessionsverschiedene

Autor

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