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Al-Jazeera - Vom Phänomen zum Global Player? Eine multiperspektivische Analyse des arabischen Satellitensenders auf dem Markt der internationalen Nachrichtenanbieter

Diplomarbeit 2005 136 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Das Phänomen Al-Jazeera und Paradigmen der Forschung
1.2 Cultural Studies und die Globalisierung der Medien
1.3 Vergleichssemantik: Der Westen und die arabische Welt
1.4 Aufbau der Arbeit

2. Kommunikationsbegriffe im globalen Kontext
2.1 Internationale und interkulturelle Kommunikation
2.2 Die Nation als Referenz
2.3 Transnationale und transkulturelle Perspektiven

3. Globales Fernsehen und die arabische Welt
3.1 Fernsehen als nationale Institution
3.2 Verlust der nationalen Souveränität
3.3 Die mediale Macht des Westens
3.3.1 Globale Medien und westliche Nachrichten
3.3.2 Grenzen des Einflusses
3.3.3 Reform des arabischen Mediensystems: Reaktion auf globale Trends
3.4 Global und Lokal: Al-Jazeera als Hybrid
3.4.1 Globalisierung als Hybridbildung
3.4.2 Al-Jazeeras Produktionsstrukturen
3.4.2.1 Zwischen Pressefreiheit und Regierungssender
3.4.2.2 Transnationale Freiheiten?
3.4.3 Al-Jazeeras hybride Produkte
3.4.3.1 Übernahme westlicher Standards
3.4.3.2 Relokalisierung als Strategie
3.4.3.3 Das panarabische Potenzial
3.5 Al-Jazeera im Westen
3.5.1 Geokulturelle Märkte
3.5.2 Translokale Berichterstattung
3.6 Regionalisierung versus Globalisierung

4. Al-Jazeeras internationaler Durchbruch
4.1 Strukturen der Auslandsberichterstattung
4.1.1 Der Blick des Westens: Kriege und Krisen aus der arabischen Welt
4.1.2 Trends in der Nachrichtengeografie
4.1.3 Sparmaßnahme Auslandsbüro
4.1.4 Nachrichtengeografie nach Al-Jazeera – das Beispiel Afghanistan
4.2 Geopolotische Wende: Der Einfluss des 11. Septembers
4.2.1 Islam als neuer Feind des Westens
4.2.2 Bin Laden: Der Feind auf Al-Jazeera
4.3 Veränderungen im Nachrichtensektor
4.3.1 Konkurrenz für die Nachrichtenagenturen
4.3.2 Al-Jazeera als neue Quelle
4.4 Medienkulturen begegnen sich
4.4.1 Konfliktpotenzial der Kooperationen: Bin Ladens Nachrichtenwert
4.4.2 Bilder aus Afghanistan
4.4.2.1 Rivalität der News Frames
4.4.2.2 Kritik an den Kritikern
4.4.3 Herausforderungen für die internationale Zusammenarbeit
4.5 Globalität und neue Facetten internationaler Berichterstattung

5. Al-Jazeera im Dialog mit dem Westen
5.1 Kulturaustausch in Krisenzeiten
5.1.1 Der Einsturz des globalen Dorfes
5.1.2 Chancen interkultureller Krisenkommunikation im Irak- Krieg
5.2 Die Konstruktion von Kriegswirklichkeiten
5.2.1 Objektivität im kulturellen Kontext
5.2.2 Objektivität im Irak-Krieg
5.3 Rezeption und kulturelle Variablen
5.3.1 Medien und Bedeutungsproduktion
5.3.2 Interpretationsrahmen der arabischen Zuschauer
5.4 Die Abgrenzung des Fremden: Das Konzept der Kontextobjektivität
5.5 Wirkung in Westen
5.5.1 Die Glaubwürdigkeitsfalle: Objektivität versus Wertegemeinschaft
5.5.2 Relevanzgewinn für die Rezipienten
5.6 Themensetzung jenseits von Krieg und Krisen
5.6.1 Eine Stimme für die Araber: Die Politisierung von Al-Jazeera
5.6.2 Möglichkeiten von Abu Dhabi TV und Al-Arabiya
5.6.3 Die Öffnung westlicher Mediensysteme
5.7 Transnationales Fernsehen und eine neue Medienordnung

6. Chancen im Western: Al-Jazeera International
6.1 Going global: Möglichkeiten und Märkte
6.1.1 Glokalisierung als Marktstrategie
6.1.2 Internationale Medienkonzepte und ihre Unterschiede
6.2 Die internationale Zielgruppe
6.2.1 Nutzergruppen translokaler Nachrichtensender
6.2.2 Potenzielle Zuschauer von Al-Jazeera International
6.3 AJI oder das Ende von Al-Jazeera
6.3.1 Positionierung auf dem internationalen Markt
6.3.2 Arabisch oder international
6.3.3 Politische und kulturelle Themen
6.4 Zwänge des Medienkapitalismus
6.4.1 Der Kampf um die Werbeeinnahmen
6.4.2 AJI als Einnahmequelle
6.4.3 Gefährdete Unabhängigkeit: Plan zur Privatisierung
6.5 Das Medienprodukt AJI und sein Wirkungsspektrum

7. Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einführung staatlicher Fernsehsender in der arabischen Welt

2. Al-Jazeeras Ethikkodex

3. CNNs und Al-Jazeeras Korrespondentenbüros

4. Modell für Framing-Prozesse

5. Deutsche TV-Übernahmen von anderen Sendern im Irak- Krieg

6. Meistzitierte ausländische Medien 2004

7. Top-Marken in 2004

8. Themenagenda von Al-Jazeera

9. Demografie der Al-Jazeera Zuschauer

10. Muslimische Bevölkerung weltweit

Verzeichnis der Tabellen

1. Themenagenda im Irak-Krieg: CNN, Fox News, Al-Jazeera

2. Ton der Berichterstattung: CNN, Fox News, Al-Jazeera

3. Typen globaler Kommunikation

Verzeichnis der Abbildungen

1. Die Struktur des globalen Nachrichtenflusses

2. Effects of External Media on the Middle East

3. Modell der Nachrichtengeografie

4. Vertrauenswürdigkeit der Nachrichten

1. Einleitung

„Globale Kommunikation ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Manifestationen westlicher Macht“, sagte Samuel P. Huntington Mitte der neunziger Jahre (1996: 80). Sowohl die großen internationalen TV-Sender als auch die Weltnachrichtenagenturen sind im Westen[1] entstanden und kontrollieren die Informationsflüsse[2] der Welt. Heute allerdings, nicht einmal zehn Jahre später, wird dieses Informationsmonopol herausgefordert – von einem arabischen Nachrichtensender aus dem Zwergemirat Katar: von Al-Jazeera[3].

Der Sender ist 1996 mit dem Anspruch, der erste unabhängige Nachrichtensender der arabischen Welt zu sein, gegründet worden. Nach dem 11. September 2001 hat Al-Jazeera auch den Westen auf sich aufmerksam gemacht. Videobotschaften von Osama bin Laden, exklusive Bilder aus Afghanistan und die Berichterstattung über den Irak-Krieg 2003 haben dazu geführt, dass westliche Medien plötzlich auf das Material eines arabischen Nachrichtensenders angewiesen waren, wollten sie politische Entwicklungen für ihre Zuschauer anschaulich präsentieren. Doch die Arbeit der arabischen Journalisten wurde nicht immer gutgeheißen.

„Al-Jazeera was accused in the beginning of being a channel financed by Iraq or by Saddam Hussein when we covered events in Iraq. When we reported on the Israeli elections and when we ran interviews with Ehud Barak and Shimon Peres, Al-Jazeera was immediately accused of being financed by Mossad. Also, when we reported on events or issues within the United States from our office in Washington we were accused of being financed by the CIA.” (Al-Thani in Schleifer/Sullivan 2001a: Online)

Immer wieder wurde die Professionalität von Al-Jazeera angezweifelt und dem Sender wurde vorgeworfen, er sympathisiere mit Terroristen und verschaffe extremistischen Ansichten Gehör. Trotzdem hat sich Al-Jazeera ehrgeizige Ziele gesetzt: Anfang 2006 soll Al-Jazeera International (AJI) mit einem englischsprachigen Programm auf Sendung gehen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es daher, das Potenzial des Senders auf dem Markt der internationalen Nachrichtenmedien zu analysieren und die Frage zu beantworten, ob der Sender Chancen hat, langfristig zu einem ‚global player’ zu werden. Dabei geht es sowohl um Al-Jazeeras Leistung als Nachrichtenlieferant für andere Medien als auch um die Möglichkeiten von Al-Jazeera International. Zur Beantwortung dieser Fragestellung sollen folgende Thesen dienen:

1. Westliche Medien sind auf die Bereitstellung von Informationen durch Al-Jazeera angewiesen.
2. Al-Jazeera ist es gelungen, lang bestehende Strukturen in der inter-/ transnationalen Kommunikation zu durchbrechen.
3. Der Sender hat sich eine Nische auf dem Markt kreiert, indem sich seine Berichterstattung von der anderer Anbieter unterscheidet. Genau diese strategische Ausrichtung führt aber auch zu Restriktionen im internationalen Geschäft.

Die Formulierung dieser Thesen deutet an, wie vielschichtig die Betrachtung des Satellitensenders angelegt sein muss. Um den geeigneten Rahmen für diese Analyse zu finden, ist ein Blick auf bisherige Forschungstraditionen der internationalen Kommunikationswissenschaft[4] sinnvoll.

1.1 Das Phänomen Al-Jazeera und Paradigmen der Forschung

Der Aufstieg des Satellitensenders Al-Jazeera wird von vielen Autoren als Phänomen[5] bezeichnet (vgl. Zayani 2005, Miladi 2003 u.a.). Dies liegt vor allem daran, dass der Sender in einer Region entstand, in der Zensur und staatliche Kontrolle den Fernsehmarkt bestimmten. Um dieses Phänomen fassen zu können, soll im Folgenden auf zwei verschiedene Ansätze zurückgegriffen werden.

„Two broad through often interrelated approaches to theorizing communication can be discerned: the political-economy approach concerned with the underlying structures of economic and political power relations, and the perspective of cultural studies, focussing mainly on the role of communication and media in the process of the creation and maintaining of shared values and meanings.” (Thussu 2000: 54)

Der politisch-ökonomisch orientierte Ansatz der Analyse globaler Kommunikationsphänomene konzentriert sich auf vier verschiedene Paradigmen.

Dabei handelt es sich um das Modernisierungsparadigma, das Dependenzparadigma, das Imperialismusparadigma und neuerdings das Paradigma der Globalisierung. Alle vier Denkrichtungen sind spezifischen Zeitperioden zuzuordnen und beobachten die Entwicklungen im Feld der internationalen Kommunikation von verschiedenen Ausgangspunkten (vgl. Krotz 2005: 26ff.).

Das Modernisierungsparadigma hat die Forschung in den sechziger und frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts bestimmt. Dependenz als Denkrichtung kam in den späten siebziger Jahren auf und bestimmte die Medien- und Kommunikationswissenschaft bis in die achtziger Jahre. In diesem Zeitraum wurden auch Imperialismustheorien vertreten, die allerdings ihren Ursprung im 19. Jahrhundert haben. In den frühen Neunzigern schließlich hat das Globalisierungsparadigma an Popularität gewonnen.

„The end of the Cold War, the institution of democratic and market-oriented reforms, and the introduction of satellite television and the World Wide Web have been noted as the primary forces behind the rise of the globalisation paradigm.“ (Ayish 2003a: 15)

Eine erste Gruppe von Theorien im Feld der internationalen Kommunikation bilden die sogenannten Modernisierungstheorien. Vor allem Projekte in den Entwicklungsländern standen dabei im Zentrum der Betrachtung. Daniel Lerner (1958) zählte zu den Sozialwissenschaftlern, die diese Ansätze maßgeblich geprägt haben. Ihnen ging es darum aufzuzeigen, welche Rolle Medien in Modernisierungsprozessen spielen können. Dabei gingen die Forscher davon aus, dass Medien die Einstellung der Bevölkerung zu Demokratie, Bildung und Kapitalismus ändern würden, denn durch Medienangebote lernen sie „to imagine how life is organized in different lands and under different codes than their own“ (Lerner 1958: 54). Der Grund: „It was suggested that traditional values dominant in Developing Countries were major obstacles to political participation and economic prosperity, the two key elements of modernisation” (Ayish 2003a: 15). Es wird davon ausgegangen, dass Unterentwicklung im eigenen Land verursacht wird. Um diese endogenen Probleme zu lösen, müssten die Entwicklungsländer die Entwicklung der industrialisierten Länder durch Nachahmung nachholen. Lerner (1958: 46) formuliert, dass

„the Western model of modernization exhibits certain components and sequences whose relevance is global. Everywhere, for example, increasing urbanization has tended to raise literacy; rising literacy has tended to increase media exposure; increasing media exposure has ‘gone with’ wider economic participation (per capita income) and political participation (voting)”.

Auch heute, zum Beispiel im Falle des Iraks, wird auf diese Theoriesammlung zurückgegriffen. Dennoch gelten Modernisierungstheorien ebenso wie schlichte Imperialismuskonzepte als gescheitert,[6] da schon die Grundannahmen falsch sind. Zum einen hat Unterentwicklung nicht nur endogene Gründe und zum anderen ist eine eins zu eins Übertragung europäischer Konzepte auf andere Regionen der Welt unmöglich, denn diesen fehlen die sozialen, philosophischen und ethischen Überlegungen, auf denen der Modernisierungsprozess beruht (vgl. Volkmer 1999: 28, Rullmann 1996: 29). Gerade der starke Ethnozentrismus dieser Modernisierungstheorien führte zur Verurteilung dieses Paradigmas.

Allerdings gilt für alle Studien dieses Bereiches, dass sie „not so much describe the direct influence of internationally distributed programmes […], but conceptualises internal (technical) stages of the diffusion of the idea of modernising processes“ (Volkmer 1999: 28f.). Wird die Rolle des Medieninhaltes dennoch betrachtet, werden starke Medienwirkungen unterstellt. Lerners Modernisierungsmodell geht somit implizit von einem stimulus-response-Ansatz aus:

„Dieses Verständnis von Medienwirkungen korreliert mit der Vorstellung von Kommunikation als Übertragung von Botschaften, die die Identität der Information des Kommunikators und des Rezipienten unterstellt. Informationen werden jedoch nicht transportiert, sondern aktiv vom Rezipienten erzeugt.“ (Rullmann 1996: 30)

Dependenztheorien haben die Annahmen der Modernisierungstheorien sozusagen umgekehrt. Unterentwicklung wurde als Ergebnis exogener Ursachen angesehen, insbesondere als Ergebnis der ökonomischen und politischen Beziehungen zu den industrialisierten Ländern. Die Welt wird in diesem Modell als eine Zentrums-Peripherie-Struktur begriffen. Den reichen und mächtigen Zentren stehen die armen und schwachen Peripherieländer gegenüber, diese zwei Lager sind auch beschreibbar als der Norden gegen den Süden[7].

Im Zusammenhang mit der Dependenztheorie wurde auch die Diskussion um einen Kultur- bzw. Medienimperialismus[8] wiederbelebt. Anja Rullmann (1996: 38) geht davon aus, dass der „medienimperialistische Ansatz als kommunikationswissenschaftliches Korrelat zur Dependencia verstanden werden“ kann. In der Imperialismusdiskussion geht es vor allem darum, wie Kommunikation und Medien dazu beitragen können, imperialistische Bestrebungen eines Staates zu unterstützen, damit dieser Macht und Kontrolle außerhalb der eigenen Staatsgrenzen über andere Völker ausüben kann (vgl. Krotz 2005: 26). Besonders John Tomlinson (1991) hat in den letzten Jahren über Kultur- und Medienimperialismus publiziert. Analysepunkte sind hier heute die Dominanz der US-amerikanischen Kulturindustrie sowie der Fluss der weltweiten Informationsströme. Die Vertreter dieser Richtung beklagen dabei, dass von einer Gleichheit der Kulturen nicht die Rede sein kann, und dass diese Ungleichheit schon in den Produktions- und Handelsstrukturen angelegt ist (vgl. Krotz 2005: 26).

Auch diese Theorien sind nicht ohne Kritik geblieben (vgl. dazu Thussu 2000: 63).

„Immerhin, und das greifen dann die späteren Globalisierungstheorien faktisch auf, stellen die Dependenztheorien das Beziehungsgefüge der verschiedenen Länder und Kulturen in den Vordergrund und überwinden die isolierte, länderbezogene Sichtweise der Modernisierungstheorien.“ (Krotz 2005: 29)

Ein weiterer wichtiger und vor allem für die Erklärung des Phänomens Al-Jazeera bedeutender Kritikpunkt ist die Eindimensionalität dieser Erklärungsansätze (vgl. ebd.: 30). Dieses Problem versuchen Ansätze zur Globalisierung der Medien aufzulösen, indem die Eindimensionalität durch eine multiperspektivische Betrachtung ersetzt wird. Grundannahme ist dabei, dass Entwicklungen auf der einen Seite der Welt Auswirkungen auf der anderen Seite des Globus haben. Im Medienbereich drückt sich dies in Form zunehmender Verflechtungen aus. Für Krotz (ebd.: 34) sind dabei internationale Geschäftsmodelle wie die der British Broadcasting Corporation (BBC) oder Arte die besten Beispiele.

Noch stehen die Versuche zur Theoretisierung von Globalisierungsprozessen im Medienbereich am Anfang. Einen allgemeinen Theorienansatz legt John Tomlinson (1999) vor, wenn er Globalisierung als „complex connectivity“ beschreibt. Dabei geht er davon aus, dass ein schnell wachsendes, immer dichter werdendes und sich weiter entwickelndes Netzwerk von Verbindungen und Abhängigkeiten das heutige soziale Leben prägt. Auch Manuel Castells Vorstellung von der Netzwerkgesellschaft (2004) lässt sich hier einordnen.

Die vorliegende Arbeit stützt sich vorwiegend auf das Paradigma der Globalisierung, wenngleich auch die anderen Theorien in die Analyse mit einbezogen werden. Um das Phänomen Al-Jazeera in der arabischen Welt zu analysieren, bieten die Modernisierungstheorien Ansätze. Für das Verhältnis zum Westen in Bezug auf Kommunikationsflüsse muss zwangsläufig auf Dependenz-Studien zurückgegriffen werden.

„While the globalization of new information and communication technologies, and the resulting wiring up of the globe, […], have made dependency theories less fashionable, the structural inequalities in international communication continue to render them relevant.” (Thussu 2000: 66)

Während es sich hier hauptsächlich um die Analyse der strukturellen Bedingungen der internationalen Kommunikation handelt, kann der Forschungsgegenstand Al-Jazeera nicht ohne eine Betrachtung der inhaltlichen Komponente bearbeitet werden. Diese Bedeutung wird umso zentraler, je stärker Fragen der Kommunikation über Kulturgrenzen hinaus ins Zentrum der Analyse rücken. Hierzu werden Konzepte der Cultural Studies herangezogen, denn diese untersuchen kulturelle Angebote und deren Wirkung.

1.2 Cultural Studies und die Globalisierung der Medien

Die mit dem Globalisierungsprozess verbundenen Medienverflechtungen, die „Netzwerke der Medien“ (Hepp 2004a), führen dazu, dass Medienprodukte, die in einem kulturellen Umfeld produziert worden sind, auch in anderen Kulturen rezipiert werden. Um diesen Sachverhalt zu analysieren, eignen sich die Cultural Studies. Die Cultural Studies sind keine Fachdisziplin, sondern stellen ein inter- oder transdisziplinäres Projekt dar.[9] Der zentrale Gegenstand ist die Kultur. Dabei finden sich in den Cultural Studies unterschiedliche Kulturvorstellungen. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass sie sich von Vorstellungen der Hochkultur abwenden und versuchen, Kultur in ihrer alltäglichen Bedeutung zu fassen. Zwei Kulturbegriffe finden dabei die meisten Anhänger. Dies ist zum einen die Vorstellung von ‚Kultur als Gesamtheit einer Lebensweise’ und zum anderen ‚Kultur als Bedeutungssystem’ (vgl. Hepp 2004b: 42). Diese Arbeit greift vor allem auf die letztgenannte Vorstellung zurück.

In den Cultural Studies wurden auch Fragen zur Globalisierung der Medien aufgegriffen und Kultur wurde als eine Dimension von Globalisierung in die Diskussion eingebracht (vgl. Hepp/Winter 2003: 27). Die Vertreter der Cultural Studies setzen Globalisierung nicht mit Homogenisierung oder Standardisierung gleich, sondern nehmen die Widersprüchlichkeit dieser Prozesse und mögliche Konflikte zur Kenntnis. Der zweite wichtige Impuls, der von den Cultural Studies ausgeht, ist der Bruch mit Vorstellungen von territorialer oder nationaler Identität. Damit einher geht eine Hinwendung zu den Interessen von Minderheitengruppen - auch bezogen auf die Mediennutzung (vgl. ebd.: 24ff.). Beschäftigen sich die Cultural Studies mit der Analyse von Medianangeboten, geht es dabei vielfach um das Themenfeld der Bedeutungsproduktion. Dabei werden die kulturellen Kontexte der Produktion und der Rezeption[10] berücksichtigt. Durch diese Ausrichtung sind Arbeiten in dieser Tradition besonders geeignet, Globalisierungsprozesse in Bezug auf Medien zu erfassen. Hilfreich ist ferner die in den Cultural Studies formulierte Verbindung von Kultur, Macht und Politik.

„A distinctive assumption of cultural studies is that the social production and reproduction of sense and meaning involved in the cultural process is not only a matter of signification but also a matter of power. The intimate connection of signifying practices and the exercise of power is a focal interest of cultural studies.” (Ang 2003: 363)

1.3 Vergleichssemantik: Der Westen und die arabische Welt

Die Beziehung von Kultur, Macht und Politik drückt sich auch in den hier angewandten Begrifflichkeiten des Westens und der arabischen Welt[11] aus. Sowohl der Westen als auch die arabische Welt sind keine homogenen Gebilde. Schon ihre geografische Ausdehnung verbietet eine solche Sichtweise, folgert Ayish (2003a: 7):

„The term ‘Arab World’ describes an area of land stretching some 5,000 miles from the Atlantic coast to northern Africa in the west to the Arabian Sea in the east, and from the Mediterranean in the north, to central Africa in the south. It covers an area of 14 million square kilometres inhabited by over 280 million people; […].”

Die arabische Welt umfasst demnach die folgenden Staaten: Algerien, Bahrain, Ägypten, Irak, Jordanien, Kuwait, Libyen, Marokko, Oman, Palästina, Katar, Saudi Arabien, Syrien, Tunesien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jemen (vgl. Amin 2001: 23). Die politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Konstellationen dieser Länder sind nicht einheitlich, sondern variieren. Dies trifft ebenso auf den Westen zu. Auch hier gibt es viele interne Unterschiede – zwischen verschiedenen Nationen, dem Osten und dem Westen und auch zwischen Kulturen, den nördlichen und den lateinisch südlichen. So fragt auch Stuart Hall (1994: 137), wo und was der Westen eigentlich ist. Der geografische Ort kann hier nicht als Erklärung dienen:

„Osteuropa gehört nicht (noch nicht? noch nie?) richtig zum ‚Westen’, während die nicht in Europa liegenden Vereinigten Staaten definitiv dazugehören. Nach technologischen Maßstäben ist Japan heute ‚westlich’, obwohl es auf unserer geistigen Landkarte so weit wie nur möglich im ‚Osten’ liegt.“ (ebd.: 138)

Der Westen ist also kein geografischer Ort, sondern vielmehr ein Gesellschaftstyp, „der als entwickelt, industrialisiert, städtisch, kapitalistisch, säkularisiert und modern beschrieben wird“ (ebd.).

Beide Konzepte, das des Westens und das der arabischen Welt, arbeiten mit Stereotypen, indem sie verschiedene Charakteristika zusammenfassen, komplexe interne Differenzen ignorieren oder gar in einer einzigen Eigenschaft verschmelzen (vgl. ebd.: 166). Trotz dieses wohl wichtigsten Kritikpunktes haben sich Vorstellungen vom „Westen und dem Rest“, wie Hall es nennt, etabliert. Das ist auf folgende Gründe zurückzuführen: Diese Termini erlauben eine Unterscheidung, beispielweise in westlich und nicht-westlich. Sie rufen ein zusammengesetztes Bild „vor unser geistiges Auge, wie verschiedene Gesellschaften, Kulturen, Völker und Orte beschaffen sind“ (Hall 1994: 138f.). Dadurch helfen diese Konzepte, Unterschiede zu erklären und liefern ein Vergleichsmodell. Obwohl beide Regionen - rational betrachtet - schwer als in sich homogene Regionen angesehen werden können, existieren sie als solche in unseren Köpfen. Dadurch stellen die Vergleichsmodelle bestimmte Kriterien bereit, „mit denen andere Gesellschaften bewertet werden und um die sich machtvolle positive und negative Gefühle bündeln“ (ebd.: 139). Die Vorstellung vom Westen „produziert eine bestimmte Art von Wissen über einen Gegenstand und bestimmte Haltungen ihm gegenüber. Kurz, es [sie] funktioniert als eine Ideologie“ (ebd., Herv. im Original). Trotz der Generalisierungen, die mit der Verwendung dieser Begriffe zwangsläufig einhergehen, erscheint deren Verwendung daher gerechtfertigt. Dies gilt auch für eine Betrachtung der Medien- und Journalismussysteme im Westen und der arabischen Welt. Denn für Globalisierungsprozesse in den Medien, vor allem in der Satellitenkommunikation, haben bereits die Cultural Studies herausgestellt, dass eine Betrachtung, die sich auf Konzepte der Nation und des Nationalen beruft, nicht in allen Punkten vertretbar ist (vgl. 1.2 und 2.3).[12]

Dies manifestiert sich in der transnationalen Ausrichtung des Satellitensenders Al-Jazeera. Trotzdem ist es notwendig, diese Vergleichssemantik in einigen Punkten zu verlassen und einzelne Staaten in den Blick zu nehmen, um gerade die Ebene nationaler Vorstellungen von Macht und Politik erfassen zu können.

1.4 Aufbau der Arbeit

Zum Zweck der Analyse wird die Entwicklung des Senders in vier Phasen eingeteilt, anhand derer auch die Bearbeitung der Fragestellung erfolgen soll. Hierbei handelt es sich zunächst um die Phase des Marktaufbaus. Zuerst wird dazu die Rolle des Fernsehens in der arabischen Welt dargestellt, um daran anschließend die Besonderheiten des Satellitensenders Al-Jazeera aufzeigen zu können. Im Rückgriff auf Theorien der Globalisierung und der Cultural Studies wird Al-Jazeera als ein Hybrid zwischen westlichen Ideen und arabischen Einflüssen gekennzeichnet. Die Betrachtung konzentriert sich dabei auf die Popularität des Senders in der arabischen Welt. In einer zweiten Phase wird Al-Jazeeras internationaler Durchbruch behandelt. Strukturen der Auslandsberichterstattung sowie aktuelle politische Entwicklungen werden zur Analyse herangezogen, um so Aussagen über das globale Potenzial des Senders machen zu können.

Das Kapitel 5 ‚Al-Jazeera im Dialog mit dem Westen’ konzentriert sich auf die Inhaltsebene und untersucht, wie sich diese von der westlicher Medienprodukte unterscheidet. Der Fokus liegt dabei auf Fragen der Objektivität. In dieser dritten Phase ist Al-Jazeera bereits auf dem Markt bekannt und berichtet als eine von vielen Sendeanstalten über den Krieg im Irak. Dabei soll herausgestellt werden, ob der Sender die Möglichkeit hat, auch die westliche Öffentlichkeit mit einer alternativen Berichterstattungsperspektive zu versorgen.

Im letzten Teil werden Al-Jazeeras Pläne für einen internationalen englischsprachigen Sender untersucht. In dieser Phase der internationalen Expansion geht es um die Frage, wie sich Al-Jazeera auf dem internationalen Markt durchsetzen könnte und wie die ökonomische Zukunft aussieht.

Da sich die folgenden Ausführungen mit dem Potenzial des Satellitensenders als einem ‚global player’ beschäftigen, erfordert auch die Untersuchung der einzelnen Phasen eine multiperspektivische Analyse des Senders. Diese setzt sich aus technologischen, politischen, kulturellen und ökonomischen Aspekten zusammen, welche sich teils gegenseitig bedingen, teils überschneiden.[13] Vor diesem Hintergrund sind auch die formulierten Thesen zu sehen. Zwar betonen sie die Rolle des Senders im Westen, ihre Bedeutung ergibt sich aber zum großen Teil durch Entwicklungen in der arabischen Welt. Daher können sie auch nicht in chronologischer Form der Bearbeitung dienen, sondern sind ebenso Teil des multiperspektivischen Ansatzes dieser Arbeit.

2. Kommunikationsphänomene im globalen Kontext

2.1 Internationale und interkulturelle Kommunikation

Kommunikation zwischen Menschen, die aus verschiedenen Teilen der Welt kommen, gibt es schon seit langer Zeit. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft wird dabei grundlegend erst einmal zwischen internationaler Kommunikation und interkultureller Kommunikation unterschieden. Internationale Kommunikation bedeutet, auch vom Wortsinn her, Kommunikation zwischen einzelnen oder mehreren Nationen. Interkulturelle Kommunikation meint Kommunikation zwischen Kulturen (vgl. Maletzke 1981: 345, 1966: 319). Das bedeutet:

„Internationale und interkulturelle Kommunikation können identisch sein, sie sind es aber durchaus nicht immer. Einerseits gibt es internationale Kommunikation zwischen Menschen, die durch Staatsgrenzen voneinander getrennt sind, aber einer gemeinsamen Kultur angehören (und oft auch eine gemeinsame Sprache sprechen); auf der anderen Seite begegnen wir interkultureller Kommunikation auch innerhalb eines Staatsgebildes, nämlich dann, wenn in einem Staat Menschen verschiedener Kulturen (und oft auch verschiedener Sprachen) leben und miteinander kommunizieren.“ (Maletzke 1966: 319)

Solche Kommunikationsprozesse werden auf der Ebene der interpersonellen Kommunikation und der Aussagenvermittlung durch Massenmedien analysiert (vgl. ebd.: 321).

Diese von Gerhard Maletzke, dem Vorreiter der deutschsprachigen Forschung in diesem Bereich, schon früh getroffene Unterscheidung zwischen international und interkulturell, hat allerdings nicht zu einer einheitlichen Terminologie in diesem Forschungsfeld geführt.[14] Im Bereich der Massenmedien hat sich zwar internationale Kommunikation als Begriff weitgehend etabliert, es werden dennoch weitere Termini verwendet. Beispielhaft beklagt auch Miriam Meckel (2002: 299, Meckel/Kriener 1996: 11ff.), dass Uneinigkeit darüber herrscht, was man sich unter den Begriffen transnationale, globale oder auch transkulturelle Kommunikation vorzustellen habe.

Dennoch kann eine begriffliche Vereinheitlichung nicht die Lösung dieses Problems sein, denn dies sind Begriffe, „die jeweils mehr oder minder geringfügig andere Schwerpunkte und Interpretationsnuancen implizieren“ (Meckel/Kriener 1996: 12).

Ingrid Volkmer (1999: 12) weist darauf hin, dass hinter den verschiedenen Begrifflichkeiten mehr steckt, als immer wieder neue und verschiedene Benennungen derselben Sache:

„The terms ‘international’, ‘transnational’ and ‘global’ communication not only stand for different definitions of more or less the same phenomenon, but also suggest the history of worldwide communication structures as well as their current diversity.”

Es sind gerade die weltweiten Kommunikationsstrukturen, die in ihrer Verschiedenheit den Aufbau eines solch großen Begriffsapparates nötig machen. Veränderungen der Kommunikationsstrukturen, ausgelöst zum Beispiel durch einen technologischen Wandel, erfordern schließlich eine Erweiterung der Begrifflichkeiten.

2.2 Die Nation als Referenz

Die bisher verwendeten Begriffe der internationalen und der interkulturellen Kommunikation verweisen darauf, dass Kommunikation zwischen verschiedenen Nationen und Kulturen primär über eine Gleichsetzung mit einer Gesellschaft als nationaler Gesellschaft und Kultur als einer Nationalkultur erfolgte. Subgruppen und Minderheiten in einer Gesellschaft werden in diesem Zusammenhang zwar nicht ignoriert (vgl. Maletzke 1966: 323, 2.1), ihnen wird aber auch keine große Bedeutung beigemessen. Maletzkes Richtschnur bleibt die „Vorstellung einer Nationalkultur, die territorial als sich mit den jeweiligen Grenzen eines Staates deckend theoretisiert wird. Nur so macht die von ihm vollzogene Unterscheidung von internationaler und interkultureller Kommunikation überhaupt Sinn“ (Hepp 2004: 106).

Ausgegangen wird hier von einem Konzept, das Ulrich Beck (1997: 49) als „Container-Theorie der Gesellschaft“ bezeichnet hat. Eine Theorie, die mit zunehmender Globalisierung herausgefordert wird (vgl. ebd.: 52). Nach dieser Vorstellung spielt sich Gesellschaft zwangsläufig in dem Container eines Nationalstaates ab, „Gesellschaften sind Staats gesellschaften“ (ebd.: 49, Herv. im Original). Im Weiteren stellt er fest:

„Erst in dieser gedanklichen und institutionellen Architektur werden ‚moderne’ Gesellschaften zu einzelnen, gegeneinander abgegrenzten Gesellschaften. Sind sie doch im Machtraum der Nationalstaaten wie in einem Container aufgehoben.“ (ebd.: 50, Herv. im Original)

Dieses Denkschema findet sich auch in der Medien- und Kommunikationswissenschaft wieder, denn auch diese ist durch ein auf nationale Gesellschaftsintegration ausgerichtetes Denken geprägt. So wird beispielsweise die Integrationsfunktion der Medien prinzipiell auch auf eine Integration in die Gesellschaft bezogen (vgl. Burkart 1998: 377). Diese Konstruktion hat dazu geführt, dass internationale Kommunikation - bezogen auf einzelne Staaten - den Gegenstandsbereich ausschließlich in einer Außenorientierung fasst, und interkulturelle Kommunikation dagegen außen- und binnenorientiert ist, wobei auch hier von einer Nationalkultur ausgegangen wird (vgl. Hepp 2004a: 103).

Dieses von der Soziologie entwickelte Ordnungsschema, rückführbar auf den Ursprung der Soziologie in der Entstehungsphase des Nationalstaates (vgl. Beck 1997: 52), wird zunehmend durch transnationale und transkulturelle Konzepte erweitert.

2.3 Transnationale und transkulturelle Perspektiven

Der Gegensatz von Binnen- und Außenperspektive, mit dem internationale und interkulturelle Kommunikationsvorstellungen operieren, hat durch die Globalisierung der Medienkommunikation an Trennschärfe verloren (vgl. Hepp 2004a: 103). Die Entstehung transnationaler Fernsehsender ist dafür der beste Beweis. Durch diese Form des Fernsehens

„bahnen sich Entwicklungen an, die zu Austauschbewegungen führen, die nicht in jedem Fall das Prädikat ‚Internationalisierung’ verdienen (soweit damit die Herstellung von Beziehungen zwischen Nationen gemeint ist), sondern teilweise eher als ‚Transnationalisierung’ (welche von nationalen Verhältnissen und Beziehungen abstrahiert) zu bezeichnen wären“ (Faul 1990: 145).

Fernsehsender sind traditionellerweise auf dem Medienmarkt eines Landes aktiv. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind Ausdruck einer engen Beziehung, die zwischen Fernsehsendern und Nationalstaaten besteht. Transnationale Fernsehsender brechen diese Verbindung auf, „they present a form of television that is deterritorialized in character“ (Chalaby 2003: 460). Sie senden über Staatsgrenzen hinweg und produzieren für eine multinationale Zuschauergruppe (vgl. ebd.: 462). Diese multinationale Zuschauergruppe soll an dieser Stelle nicht mit einer globalen verwechselt werden, denn auch transnationale Sender operieren nicht jenseits jeglicher gemeinsamer Bindungen ihrer Zuschauergruppen. Meckel (2002: 300) weist darauf hin, dass es an dieser Stelle hilfreich sein kann, „wenn man den auf die klassische Trias Volk, Staat und Gebiet ausgerichteten Begriff der Nation durch den der Kultur ersetzt“. Modelle der transkulturellen[15] Kommunikation gehen somit davon aus, dass territorial definierte (National-) Kulturen heute nicht mehr Ausgangspunkt jeglicher Betrachtung von Medien im globalen Kontext sein können.

Entsprechend gewinnen andere Analysekategorien als die der Nation an Bedeutung, insbesondere die des kulturellen Raums, der sich mit nationalstaatlichen Grenzen decken kann aber nicht muss. Dieser kulturelle Raum wird dabei nicht als homogen angesehen, denn es muss davon ausgegangen werden, dass Kulturen selbst multiethnisch und stark differenziert nach Milieus, Lebensformen und ausgeprägten Lebensstilen sind (vgl. Hepp 2004a: 117). Eine transkulturelle Perspektive versucht demnach, die unterschiedlichen Ausprägungen einer Kultur zu fassen. Das heißt, die Vorstellung einer national-integrativen Kultur wird aufgegeben zugunsten eines Verständnisses, das Kultur „als einen konfliktären Zusammenhang“ (Hepp 2004a: 117) begreift. Kultur ist dabei „selbst hochgradig umkämpft, indem es hier um Definitionsansprüche soziokultureller Wirklichkeit geht“ (ebd.).

Für die wissenschaftliche Untersuchung ergibt sich dadurch folgende Richtung:

„Der (national-)kulturelle Container-Rahmen als Referenzgröße von Vergleich wird hier also aufgegeben und an seine Stelle tritt der übergreifende Vergleich transkulturell bestehender Muster, Formen und Prozesse. Dieser transkulturelle Vergleich ist mit dem Versuch verbunden, dem Umstand gerecht zu werden, dass in Zeiten der Globalisierung der Medienkommunikation Differenz und Fragmentierung nicht abgenommen haben, diese aber nicht zwangsläufig nationalkulturell rückführbar sind.“ (Hepp 2004a: 118)

Dies meint nicht, dass sich Nationalkulturen komplett auflösen, sondern, dass ein Verständnis von Nationalkultur, als homogen und territorial festgelegt, nicht mehr adäquat ist (vgl. ebd.).

Während also die traditionellen Konzepte der Internationalität und der Interkulturalität die Vorstellung von homogenen Staaten und Kulturen einschließen, verweisen transkulturelle Konzepte auf innerkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Der Nationalstaat ist hierbei nicht mehr Ausgangspunkt der Analyse.

Trotzdem machen transnationale als auch transkulturelle Sichtweisen internationale und interkulturelle Perspektiven und Forschungen nicht obsolet. Daher wird in dieser Arbeit das Konzept der transkulturellen Kommunikation als Ergänzung zu den bisherigen Theoretisierungsversuchen angesehen. Angesichts der aufgestellten Vergleichssemantik zwischen dem Westen und der arabischen Welt, welche die unterschiedlichen Kulturkreise betont, wird der Begriff transkulturelle Kommunikation benutzt, um Kommunikationsprozesse zu beschreiben, die sich auf einer gemeinsamen kulturellen Basis begründen. Diese muss aber nicht unbedingt territorial fixiert sein. In einem zweiten Schritt wird davon ausgegangen, dass die Abkehr von territorialen Einheitsvorstellungen von Kultur dazu führt, dass transkultureller Journalismus auch die unterschiedlichen Ausprägungen, Ansichten und Auslegungen von Kultur in einem Kulturkreis berücksichtigt, welche sich wiederum durch die Loslösung von der nationalen Einheitskultur ergeben.[16]

Diese umfassende Differenzierung der Begrifflichkeiten ist nötig, da transnationale Fernsehsender auf verschiedenen Märkten operieren (vgl. Chalaby 2003: 457). In dieser Arbeit wird Wert darauf gelegt, dass jeder Begriff unterschiedliche Bedeutungsschwerpunkte setzt. Eine Synonym-Verwendung, die bereits vielfach beklagt wurde (vgl. Reimann 1992: 13), muss dabei unbedingt vermieden werden. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Strukturen im Feld der internationalen Kommunikation[17] am Beispiel Al-Jazeera aufgezeigt und benannt werden.

3. Globales Fernsehen und die arabische Welt

Die Massenmedien des Nahen und Mittleren Ostens haben sich seit Beginn der neunziger Jahre drastisch verändert. „Die Entdeckung des Journalismus der arabischen Welt setzte nach dem zweiten Golfkrieg 1990 ein“ (Helal 2003: 92). Im arabischen Mediensystem, welches zuvor durch starke Zensurmaßnahmen gezeichnet war, ist eine Liberalisierung erkennbar. Ebenso lassen sich verstärkte Bemühungen um Modernisierung des Mediensektors und damit um Anschluss an die globale Informationsgesellschaft beobachten (vgl. Ayish 2001: 111).

Dieses Kapitel beschreibt die Umstände unter denen der Satellitensender Al-Jazeera entstanden ist und wirft einen Blick auf das journalistische Produkt des Senders. Dabei werden globale und lokale Einflüsse auf die Entwicklung des arabischen Mediensystems deutlich gemacht, um schließlich herauszustellen, dass sich der Sender Al-Jazeera in seiner Gründungsphase zwischen den Polen der Regionalisierung und der Globalisierung bewegt.

3.1 Fernsehen als nationale Institution

Die Einführung des Fernsehens begann in der arabischen Welt in der Mitte der fünfziger Jahre. Unmittelbar nach der Nationengründung nahmen in Marokko, Kuwait und Saudi-Arabien erste Fernsehanstalten den Betrieb auf.[18] In den frühen sechziger Jahren wurde die Bedeutung des Fernsehens für die politische Mobilisierung der Bevölkerung und die ökonomische Entwicklung erkannt (vgl. Ayish 2003a: 28). Die Aussicht große Teile der Bevölkerung zu erreichen, führte dazu, dass kommerzielle Fernsehsender[19] in staatliche Regierungsmonopole umgewandelt wurden, die vorwiegend nationale Entwicklungsziele der noch jungen Staaten unterstützen sollten. Journalismus und Politik wurden mehr und mehr miteinander identifiziert (vgl. Kamalipour/Mowlana 1994: xvi). Fernsehen diente als Instrument zur Propagierung politischer Inhalte und zur Mobilmachung der Bevölkerung (vgl. Ayish 2003a: 28f.). Die Fernsehanstalten - als Staatsmonopole - unterstanden direkt den Informationsministerien oder anderen Regierungsinstitutionen. Diese staatlichen Stellen waren für die Zensur verantwortlich. Die terrestrisch ausgestrahlten Sender wurden vom Staat finanziert und sendeten auch in dessen Auftrag.

Besonders aufgrund des hohen Analphabetismus diente das Fernsehen als vorrangiges Propagandamittel der Regierung, um ideologiespezifische Botschaften zu verkünden. Die Macht, kulturelle und politische Werte zu beeinflussen, wollte man nicht privaten Investoren überlassen (vgl. Ayish 2003a: 28). Die Angst, die Kontrolle über die eigenen Herrschaftsmechanismen zu verlieren (vgl. Krotz 2005: 27), verband sich mit dem Glauben an einen Sonderstatus des Fernsehens, das als eine nationale Stimme und ein Medium des kulturellen Ausdrucks angesehen wurde. Die Folge:

„Radio and television journalism are controlled more closely than the print media. Even strong advocates of free expression find themselves troubled by the electronic media’s reach in the Arab world and its power to influence the entire society. Unlike the print media, the broadcast media has the ability to bypass illiteracy in the Arab world and appeal to mass audiences, including children – this has resulted in a different set of censorship standards being applied to the broadcast media.” (Amin 2003: 104, vgl. auch Sakr 2000: 4)

Als Konsequenz fand eine Art „Hofberichterstattung“ statt, die sich aus Zensur und Selbstzensur ergab.

„The state acts as a suppresser and journalists are like authoritarians protecting the state. It is true that journalists have adopted this role in many press systems around the world, but Arab journalists often tend to over-protectionism and end-up promoting censorship of information.” (Amin 2003: 107)

Dieses Produktionsumfeld zeichnete sich weiter durch limitierte technische Möglichkeiten, geringe finanzielle Ressourcen und eine mangelhafte Qualität aus (vgl. Ayish 2003a: 30). So blieb das visuelle Potenzial des Fernsehens weitgehend ungenutzt. Die Berichterstattung beschränkte sich überwiegend auf Studiobeiträge oder einfach gefilmte Übertragungen von Staatsbesuchen, Regierungsansprachen und die Verwendung von Agenturmaterial. Die nationalen Sender strahlten die sogenannten ‚Staatsnachrichten’ aus, die fast ausschließlich über das Tagesprotokoll des Staatsoberhauptes berichteten.

„Television news gatekeepers selected their topics with a view to maintaining the existing political, social and cultural establishment. Political news coverage of leaders’ speeches, official visits, and protocol activities always topped Arab TV news agendas.” (Ayish 2003b: 117)

Regierungskritik und ein freier Meinungsaustausch über politische Themen fanden nicht statt. Das Fernsehen blieb für oppositionelle Stimmen verschlossen. Bis in die neunziger Jahre ist das arabische Mediensystem daher als geschlossen zu bezeichnen. Geschlossene Mediensysteme zeichnen sich dadurch aus, dass eine ‚legalisierte Einflussnahme’ durch das herrschende politische System akzeptiert wird. Gleichzeitig ist dieses Mediensystem aber für andere gesellschaftliche Gruppen nicht offen [20] (vgl. Weischenberg 1992: 104).

Dieser Trend hat nicht nur den Programminhalt beeinflusst, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Fernsehens zerstört. Für die Bevölkerung waren die nationalen Sender nichts anderes als eine Propagandamaschine der herrschenden Elite (vgl. Ayish 2003a: 30).

Westliche Radioprogramme konnten sich daher schon immer arabischer Zuhörer erfreuen, welche entweder durch sogenannte Spill-over-Effekte in die Länder Einzug fanden oder ein direktes Angebot an die arabische Bevölkerung darstellten.

„Tight government controls over national broadcasting systems (including television) seemed to have forced audiences to look for alternative sources of independent news. Hence, foreign radio broadcasters like BBC Arabic Service and Radio Monte Carlo-Middle East managed to build up impressive audience loyalty throughout the region despite dominant negative attitudes towards British colonial and post-colonial policies.” (Ayish 2003a: 29)

Diese Sender erfüllten dabei gleich zwei Funktionen für die Bevölkerung: Zum einen versorgten sie sie mit Information über internationale Entwicklungen und zum anderen mit Information über Ereignisse in ihrem eigenen Land (vgl. Ayish 2003a: 29). Eine Herausforderung für arabische Regierungen waren schließlich auch westliche TV-Sender: „Until the mid-1990s, most of the dictators and potentates in the Arab world were fighting a rear-guard action to keep all ‚foreign’ television out of their realms“ (Dickey 2001: Online).

Gleichzeitig jedoch konnte auf den Import von Programmen vor allem aus Amerika, England, Frankreich und Ägypten nicht vollständig verzichtet werden (Ayish 2003a: 29). Hierbei handelte es sich allerdings hauptsächlich um Unterhaltungsprogramme. Erst die Verbreitung des Satellitenfernsehens machte auch ausländische Nachrichtensender für die arabische Bevölkerung direkt zugänglich.

3.2 Verlust der nationalen Souveränität

Die Globalisierung der Medien wird oft am Satellitenfernsehen festgemacht (vgl. Hafez 2000b: 96). Für Satellitenfernsehen sind nationale Grenzen nicht existent. „Satellite television, by transcending territorial and jurisdictional boundaries, raises a host of questions in which political, economic, social and cultural issues are linked and matters of domestic and foreign policy are intertwined“ (Sakr 2001: 1).

Die internationalen Radiosender haben bereits vor dem Satellitenfernsehen gezeigt, welches Potenzial grenzüberschreitende Programme für imperialistische oder propagandistische Vorhaben haben, und wie nationale Souveränität unterlaufen werden kann.[21] Die Übertragung von Bildern direkt in die Wohnzimmer anderer Länder scheint dieses Potenzial noch verstärkt zu haben.

„In parts of the world where state censorship prevailed, such threats to the status quo seemed to offer advantages to viewers. In the Middle East and North Africa, satellite broadcasting held out the promise of liberation from government-controlled media monopolies and tight censorship of terrestrial television.” (Sakr 2003: 1)

Dadurch, dass der Satellit Entfernungen umgangen und weit entfernte Gebiete zu neuen Zuschauergemeinschaften verbunden hat, besteht kein Zweifel daran, dass „the satellite has acted as a kind of ‘Trojan horse’ of media liberalization” (Sinclair et. al. 1996: 2). Verschiedene Medieninhalte haben dadurch auch die Zuschauer in der arabischen Welt erreicht. „The diffusion of satellite television reception equipment and cable delivery systems expanded audiences’ choices to include program offerings from countries as far away as the United States, Western Europe, and Japan” (Ayish 2003a: 32f.).

Zum ersten Mal kam die Satellitentechnologie in den achtziger Jahren zum Tragen – 1985 wurde der Arabsat Satellit gegründet – doch in den ersten Jahren hatte die neue Technologie in der arabischen Welt keine großen Auswirkungen (vgl. Miles 2005a: 26). Die Notwendigkeit für eigene Satellitensender haben arabische Regierungen erst während des Golfkriegs 1991 erkannt, als Cable News Network (CNN) als einziger Sender live aus dem Irak berichtete (vgl. ebd.). Die arabischen Regierungen versuchten, ihre Kontrolle über die nationalen Medien zu sichern, um einem Solidarisierungseffekt ihrer Bevölkerung mit dem Irak vorzubeugen. Das erforderte Zensurmaßnahmen und die kosteten Zeit. Die Folgen: „At the same time they demonstrated the stark contrast between instant, live television with minimum commentary and the stale, turgid and censored coverage available on local Arab stations“ (Sakr 2001: 10). Das führte dazu, dass die Zuschauer eher den Direktreportagen von CNN aus Bagdad als den zensierten und zeitversetzten Berichten der nationalen Sender folgten (vgl. Meiering 2003: Online). „Der Krieg um Kuwait und gegen den Irak wurde auf diese Weise zum Hauptauslöser eines Booms, in dessen Folge dish und receiver Einzug in die arabischen Haushalte und das arabische Vokabular hielten” (ebd.). „In this way, the war provided a major catalyst for the spread of satellite broadcasting to the Gulf“ (Sakr 2001: 11).

3.3 Die mediale Macht des Westens

3.3.1 Globale Medien und westliche Nachrichten

Mit der Verbreitung von Satellitenschüsseln waren allerdings nicht alle Probleme des Informationszugangs für die arabische Bevölkerung gelöst. Hamid Mowlana (2000: 111) stellt fest:

„Although the distribution of information has become global, the distributors are few, and although we are verging on global reception, we are still not anywhere near the ideal of global communication. For most people, the only impact of globalisation is that they have been universally empowered to act as receivers of the broadcasts of a privileged few.“

Dass Globalisierung ein ungleicher Prozess ist, hat sich inzwischen als Denkrichtung durchgesetzt (vgl. Alleyne 1997: 12) und findet sich auch in Konzepten der internationalen Kommunikation wieder. Hiernach variiert der Nachrichtenfluss zwischen verschiedenen Regionen und Staaten quantitativ und qualitativ.

„The quantity of news flowing from the richer countries of the North to the South greatly exceeds the quantity going in the other direction. The quality of news from South to North is lower than the reverse flow. In contrast, there are high quantitative and qualitative flows of news between the richer countries.” (ebd.)

Abb. 1: Die Struktur des globalen Nachrichtenflusses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Alleyne 1997: 12

Mit Hilfe dieser Abbildung lassen sich auch die Kommunikationsbeziehungen zwischen der arabischen Welt und dem Westen bis in die neunziger Jahre beschreiben. Westliche Sender wie CNN und BBC waren zwar durch die Satellitentechnologie in großen Teilen der arabischen Welt empfangbar, arabische Äquivalente gab es aber nicht.[22] Damit geht die Annahme einher, dass die arabischen Zuschauer nun Programme schauen, die hauptsächlich auf die Interessen westlicher Zuschauer zugeschnitten sind.

„The media, however, report images within the worldview of their primarily Western audiences, trapping the presentation and subsequent analysis of Islamic events in a paradigm of secularism and electronic mass media, with an emphasis on Cold War / post-Cold War ideological agendas. The growth of the popularity of Western products – whether Coca Cola, pizza, or television programs – reinforces the perception that the Western worldview is gaining homogeneity, […].” (Mowlana 2000: 110)

Die Abbildung macht auch deutlich, dass viel mehr Informationen aus dem Norden in den Süden beziehungsweise in die arabische Welt fließen als umgekehrt. Problematisch erscheint hier, dass westliche Nachrichtensender ‚Nachrichten aus dem Westen’ liefern: „Western media rarely cover the Middle East, with the exception of, for example, certain crisis periods and special aspects such as Muslim fundamentalism“ (Hafez 2001: 2, vgl. auch 4.1.1).

Diese Tatsache gipfelt in neueren Vorstellungen vom Medienimperialismus (vgl. 1.1). „Some critics see globalization as a new version of Western cultural imperialism, given the concentration of international communication hardware and software power among a few dominant actors in the global arena […]” (Thussu 2000: 78). Auch John Tomlinson (2002: 141) stellt sich die Frage, ob die kulturelle Globalisierung als Kulturimperialismus zu verstehen sei. Nicht zu ignorieren sei die Präsenz westlicher Kulturgüter „in jedem besiedelten Gebiet der Welt“ (ebd.: 143). Sinnvoll erscheint es ihm, Globalisierung auch als Amerikanisierung zu betrachten, was unterstrichen wird „durch das CNN-Logo auf unserem Bildschirm, das bei jeder neuesten, ‚aktuellsten’ weltweiten Nachrichten-Berichterstattung eingeblendet wird“ (ebd.).[23]

„Aus dieser Perspektive heraus nimmt das komplexe Netzwerk aus den Interkonnektivitäten der Globalisierung spezifischere Formen an: Es scheint spezifische Ursprünge und Machtkonzentrationen zu besitzen und sich in Richtung der Zentren von Kulturproduktion sowie der Konzentration von Reichtum und Macht im Westen zu verdichten. Die komplexen, sich überschneidenden und überlagernden Kommunikationswege und -flüsse erhalten einen weniger erfreulichen Aspekt: das Netzwerk scheint alle Kulturen miteinander zu verstricken und aneinander zu binden.“ (ebd.: 144)

„With this agenda it should be called Westernization and not globalization“ (Pieterse 1995: 47). Dabei gelten die Medien als Übermittler westlicher und insbesondere amerikanischer Werte[24] (vgl. Breidenbach/Zukrigl 2000: 62).

Die Kritik der arabischen Welt an den globalen Medien, die hier als westlich beschrieben worden sind, hat demnach zwei Ursprünge: zum einen, dass der Westen über die technischen Verbreitungsmittel verfügt und zum anderen die inhaltliche Ausrichtung der Programme, welche zumeist auf westliche Interessen zugeschnitten sind.

3.3.2 Grenzen des direkten Einflusses

Der soeben beschriebene Ansatz geht von dependenztheoretischen Grundlagen aus, zu denen auch die neueren ‚Imperialismus-Konzepte’ zu zählen sind (vgl. 1.1). Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist der Hauptkritikpunkt an diesen Ansätzen, dass sie eine starke Medienwirkung unterstellen (vgl. Rullmann 1996: 30). Davor warnt besonders auch Tomlinson[25] (2002: 145): „Es ist einer der fundamentalen konzeptionellen Fehler des Kulturimperialismus-Ansatzes, ungerechtfertigt und voreilig von der einfachen Präsenz von Kulturgütern auf deren kulturell und ideologisch bedeutsame Wirkung zu schließen“. Der Kulturimperialismus-Ansatz basiert auf der „Fehlinterpretation der kulturell involvierten Person als einen passiven, unreflexiven Rezipienten fremder Kulturgüter“ (ebd.: 147). Dass dies nicht so ist, wurde vor allem aus der Dallas-Studie[26] entwickelt und ist auch auf ausländische Nachrichtenprogramme übertragbar. Denn auch hierbei gilt,

„dass ein Publikum genauso wie es bei heimischen Sendungen aktiv und kritisch die Bedeutungen und Verhandlungen ideologischer Mitteilungen konstruiert, auch seine eigenen kulturellen Einstellungen anwendet, wenn es mit importierten Ideologien, Werten und ‚Lifestyle’-Vorstellungen konfrontiert wird“ (ebd.: 148).

Diese Annahmen stehen gegen einen Einfluss westlicher Satellitensender auf arabische Rezipienten. Dennoch wird ausländischen Medien das Potenzial zugesprochen, politische Veränderungen in den autoritären Staaten der arabischen Welt anzustoßen. Daher ist auch eines der Lieblingsargumente der Befürworter in der Globalisierungsdebatte, „dass es autoritären Systemen kaum möglich sei, den Direktempfang von ausländischen Radio- und Fernsehprogrammen effektiv zu unterbinden” (Hafez 2000b: 96) und, dass somit externe Medienberichterstattung die politischen Verhältnisse in einem Land verändern kann.

„If during the heydays of radio, governments could use the airwaves to promote their viewpoint, in the era of round-the-clock global news, they have refined their public diplomacy to the extent that it can be marketed successfully to international publics” (Thussu 2000: 164). Die Möglichkeiten dieser externen Sender, direkten politischen Wandel hervorzurufen, müssen allerdings stark angezweifelt werden:

„Die von Globalisierungstheoretikern vertretene Annahme, dass durch externe Medien die zensierten Medienräume der Entwicklungsländer geöffnet würden und damit eine weltweite demokratische Angleichung politischer Kulturen stattfände, lässt sich durch die vorhandenen empirischen Nutzungsuntersuchungen nur sehr bedingt bestätigen.“ (Hafez 2000b: 96f.)

Die Nutzergruppe ausländischer Satellitensender ist nicht so groß wie angenommen. Dabei ist es vor allem die sprachliche Barriere, die große Gruppen der Bevölkerung ausschließt und die Nutzung auf kleine Eliten beschränkt. Diese herrschenden Eliten wiederum haben kein Interesse an einer Veränderung der politischen Verhältnisse.

„One of the greatest limits of external TV and radio is the fact that the lower-middle classes (students, teachers, state officials, military, etc), who through their membership in nationalist and, more recently, Islamist movements have had a considerable influence on the history of the area, are still primarily consumers of the indigenous media.” (Hafez 2001: 2)

Ein Grund dafür ist, dass die Informationen, die Verbraucher „auf dem Umweg über ausländische Programme über politische Verhältnisse in ihren Ländern erhalten, nur selten über die begrenzten Angebote ihrer eigenen zensierten Medien hinausreichen“ (Hafez 2000b: 97, vgl. auch 3.3.1). Eine Wissenserweiterung durch westliche Auslandsberichterstattung findet dabei in der Regel nicht statt, da die begrenzten Sendeplätze eine kontinuierliche Berichterstattung über bestimmte Entwicklungen in der arabischen Welt nicht erlauben (vgl. Hafez 2000b: 97). Ferner wird auch die Qualität der Nachrichtenauswahl westlicher Sender kritisiert: „It’s what they choose to cover“ gibt ein Arabischer Zuschauer (in El-Nawawy/Iskandar 2002a: 9) als Grund für die Ablehnung dieser Sender an. Hinzu kommt, dass sowohl CNN als auch BBC, abgesehen von akuten Krisensituationen, keine Live-Berichterstattung von Ereignissen in der arabischen Welt anbieten (vgl. ebd.: 12).

Und auch die geografische und kulturelle Entfernung reduziert die Bedeutung westlicher Sender für arabische Zuschauer: „I don’t want to hear Wolf Blitzer [CNN-Moderator; Anm. d. Verf.] tell me what his impressions are of how the Arabs feel! I want to hear what the people in the street think“ (Zuschauer in El-Nawawy/Iskandar 2002a: 13).

Hamid Mowlana (2000: 111) bringt seine Ansicht so auf den Punkt: „In short, ‘global’ is not ‘universal,’ and ‚global communication’ does not mean ‚universal communication’“.

Dennoch gilt: „In akuten Konfliktsituationen allerdings erweisen sich westliche Sender häufig als Bereicherung für das politische Informationsangebot der Entwicklungsstaaten“ (Hafez 2000b: 97). Daher kann auch davon ausgegangen werden, dass besonders die Berichterstattung von CNN im Golfkrieg 1991 Auswirkungen auf das arabische Mediensystem hatte: „CNN’s performance convinced Arab information officials of the centrality of going international in television broadcasting” (Ayish 2003a: 32).

3.3.3 Reform des arabischen Mediensystems: Reaktion auf globale Trends

Bis in die neunziger Jahre hinein scheinen westliche Einflüsse auf dem arabischen Fernsehmarkt vorzuherrschen, während die arabischen Regierungen mehr oder weniger erfolgreich versuchten, diese fremden Einflüsse aus ihrem Machtbereich herauszufiltern. „Saudi Arabia and other countries looked for ways to ban satellite dishes. But to no avail. Dishes were smuggled, officials were bribed, and parabolic antennae became ubiquitous” (Dickey 2001: Online).

In den neunziger Jahren jedoch bemühen sich auch diese Länder, den Fernsehmarkt zu internationalisieren und die globalen Trends nicht länger zu ignorieren. Dabei wird von einer indirekten Wirkung westlicher Medien ausgegangen.

„Although evidence from Europe and elsewhere indicates that satellite services originating from outside national borders do not usually attract levels of audiences that would really threaten traditional national viewing patterns, the ability of satellite delivery to transgress borders has been enough to encourage generally otherwise reluctant governments to allow greater internal commercialisation and competition.” (Sinclair et al. 1996 : 2)

Hafez (2001: 4) hat weitere Auswirkungen der medialen Konkurrenz auf das arabische Mediensystem folgendermaßen zusammengefasst:

Abb. 2: Effects of External Media on the Middle East

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hafez 2001: 4

Die Einführung eigener Satellitensender „seems to be driven more by global imperatives than by domestic needs“, resümiert Ayish (2003: 77). Als einer der ersten großen arabischen Satellitensender gilt das Middle East Broadcasting Centre (MBC).[27] Der Sender hat seinen Sitz in London und wird von einem saudi-arabischen Unternehmen geführt (vgl. Thussu 2000: 209). MBC ist ein Sender mit einem Vollprogramm, welcher neben Nachrichten auch unterhaltende Programme anbietet. Die Zielgruppe des Senders war ursprünglich nicht die Bevölkerung arabischer Staaten:

„The aim of the service presented by MBC was to provide a communication channel linking Arabs who live, work, or visit in Europe with their homelands and cultures. However, the service was also extended to the Arabic-speaking countries from North Africa to the Arabian Gulf.” (Amin 1996: 114)

MBC kann als erster Sender gelten, der von den oben beschriebenen Effekten externer Medien auf das arabische Mediensystem profitiert hat. Hinderlich für den internationalen Durchbruch des Senders erweist sich allerdings seine Verbindung zu dem konservativen Saudi Arabien, welche dazu führt, dass ein kritischer und unabhängiger Journalismus eher die Ausnahme als die Regel ist (vgl. Thussu 2000: 212). Thussu (ebd.: 222) erkennt dennoch erste Tendenzen eines Gegenflusses kultureller Produkte, die darauf hinweisen, dass sich die westliche Mediendominanz verringert.

3.4 Global und Lokal: Al-Jazeera als Hybrid

Die Entstehung des Satellitensenders Al-Jazeera ist ebenfalls unter den eben beschriebenen Umständen zu sehen. Wird die Entwicklung des arabischen Fernsehmarktes durch ein Zusammenspiel aus globalen und lokalen Kräften angesehen (vgl. Ayish 2003a: 14), so kann dies auch für die Medienprodukte selbst gelten. Anstatt bestehende globale Kommunikationsstrukturen einfach nur zu imitieren, „lassen sich bei weiten mehr Indizien für die Aufnahme und Transformation des Globalen durch das Lokale finden“ (Breidenbach/Zukrigl 2000: 61). Dem Globalen beziehungsweise der Globalisierung als Prozess steht dabei das Lokale, die Lokalisierung, entgegen. Dies gilt auch für Globalisierungsprozesse der Medien.

Im Folgenden sollen diese Kräfte mit einigen in der Globalisierungsdiskussion zentralen Konzepten der Hybridbildung beziehungsweise des Synkretismus und der Relokalisierung an Al-Jazeera aufgezeigt werden.

3.4.1 Globalisierung als Hybridbildung

In der Globalisierungsdiskussion setzt sich immer mehr die Annahme durch, dass Globalisierung eine Hybridbildung sei (vgl. Pieterse 1995: 45ff, 1998: 87ff.). Sie steht der Vorstellung gegenüber, dass Globalisierung Homogenisierung und Verwestlichung bedeute (vgl. Barker 2002: 392).

Hybridisierung oder Synkretisierung[28] meint dabei die Vermischung von Phänomenen, die als verschieden gelten, „insofern verstehen wir unter Hybridbildung einen kategorienüberschreitenden Prozeß“ (Pieterse 1998: 105). Diese zu überschreitenden Kategorien können Kulturen, Nationen, Ethnien, Statusgruppen, Klassen oder Genres sein, deren jeweilige Abgrenzung die Hybridbildung verwischt (vgl. ebd.).

Diese Vorstellung kann auch auf die Medienproduktion angewendet werden. So geht Andreas Hepp (2000: 199) von einer Medienproduktion aus, die durch weltweit ähnliche Produktions- und Organisationsformen gekennzeichnet ist.[29] Die Medienprodukte selbst zeichnen sich dadurch aus, dass hier „Muster westlicher Traditionen […] verbunden werden mit bestehenden lokalen Erzählmustern und -themen“ (ebd.). Mit anderen Worten: Globale Strukturen der Produktion werden mit lokalen Inhalten ausgefüllt. Diese Mustermischung kann als hybride Produktion bezeichnet werden (vgl. ebd.).

Diese Hybride sind allerdings nicht frei von Vorstellungen von Macht und Hegemonie. So impliziert schon die Annahme ‚globaler Strukturen’ hier prinzipiell ‚westliche’ Produktions- und Organisationsformen (vgl. auch 1.3). Das heißt aber nicht, dass Globalisierung doch Verwestlichung bedeutet. Vielmehr gilt es zu untersuchen, unter welchen Bedingungen und in welchem Verhältnis Vermischungen stattfinden. In einem ersten Schritt werden hier die Produktionsstrukturen des Satellitensenders Al-Jazeera näher ausgeführt, anschließend geht es um die Umstände, die es erlauben, Al-Jazeeras Medienprodukte als Hybride zu bezeichnen. Dabei werden jeweils Vorteile und Nachteile aufgezeigt.

3.4.2 Al-Jazeeras Produktionsstrukturen

3.4.2.1 Zwischen Pressefreiheit und Regierungssender

Al-Jazeera gilt als der einzige nicht zensierte Nachrichtensender in der arabischen Welt. Dass der Sender diese Freiheiten genießt, hat er dem Scheich von Katar[30] zu verdanken, der die Gründung eines freien Mediums ermöglichte. Er schaffte das Informationsministerium, welches für die Zensur zuständig war, ab. Sheikh Hamid bin Thamer al Thani, Vorsitzender des Board of Al-Jazeera erklärt das Offensichtliche:

„[…] we looked to the Western world which has very advanced media, and find that there are no ministries of information. We don’t see that a Ministry of Information has any positive role to play in future media projects.” (Al Thani zitiert in Schleifer/ Sullivan 2001: Online)

Nach dem Aufstieg der Satellitentechnologie hat auch die Regierung von Katar die Notwendigkeit zur Medienliberalisierung erkannt (vgl. Helal 2004: Online.). Die globalen Trends haben hier lokale Reaktionen hervorgerufen. Die Gründung von Al-Jazeera geht dabei parallel mit weiteren Demokratisierungstendenzen in Katar einher.

„Al-Jazeera is going the same direction as the state of Qatar in its recent developments, starting with the elections for a chamber of commerce in Qatar, and also municipal elections with women’s participation, as candidates and voters. […] I think this direction corresponds with the direction of the media, be it Al-Jazeera, or lifting censorship to local Qatari newspapers. The two go together in this stage, and I think the direction of Al-Jazeera is a natural one that corresponds with the strategy Qatar is taking at this phase.” (Al Thani in Schleifer/Sullivan 2001a: Online)

Diese Freiheit muss als Teil der spezifischen Produktionsbedingungen des Senders in der arabischen Welt gesehen werden, ist Al-Jazeera doch der einzige Sender dieser Art. Dabei gilt es zu bedenken, dass diese Freiheit nur eine ‚Erlaubnis von oben’ ist.

Theoretisch könnte der Scheich die Pressefreiheit einfach wieder abschaffen[31] (vgl. Fouda 2001). So wird auch die Unabhängigkeit des Senders immer wieder angezweifelt. Kritiker des Senders weisen darauf hin, dass Al-Jazeera nicht komplett unabhängig von der Regierung handelt, wenn sie betonen, dass der Sender so gut wie keine Kritik an der katarischen Regierung ausübt (vgl. Da Lage 2005: 55).

Ein weiterer Grund für den Vorwurf der Regierungsnähe ist die Finanzierung des Senders. 1996 erhielt der Sender einen Kredit über 150 Millionen Dollar von der katarischen Regierung. Dieser Kredit sollte die Kosten für fünf Jahre decken und war als einmalige Zahlung gedacht (vgl. Miles 2005a: 28), welche später hätte zurückgezahlt werden sollen. „As with any other news channel, the plan was to generate sufficient income through selling advertising, programmes and exclusive footage, as well as hiring out equipment to other television stations“ (ebd.).

Bis heute allerdings ist es Al-Jazeera nicht gelungen, sich selbst zu finanzieren.[32] Damit ordnet sich Al-Jazeera in die arabische Tradition ein, dass Medien unter einem Regierungspatron stehen. „Historically such monopolies go hand in hand with centralization; they help maintain a country’s unity, preserve a centralized system of government and exercise control over the people” (Zayani 2005: 14). Für Mohamed Zayani (ebd.) ist die Scheich-Finanzierung allerdings nicht bedenklich, er glaubt vielmehr, darin einen internationalen Trend zu erkennen:

„Seen from a global perspective, there is nothing out of the ordinary about the ownership of Al Jazeera. If anything, the Emir’s media venture corresponds with an interesting global trend favoring a marriage between media ownership and politics. For example, the Thai Prime Minister, Thaksin Shinawatra, is both a political figure and a telecommunications entrepreneur. Likewise, Silvio Berlusconi, Italy’s Prime Minister, is a pioneer of commercial TV and publishing in Italy. […] Al Jazeera can be said to epitomize this new trend which is characterized by the politicization of media ownership.”

Dennoch fungiert der Scheich mehr als Geldgeber, denn als Besitzer des Senders. Al-Jazeera hatte nie nur einen einzigen Eigentümer, wie Hugh Miles (2005a: 29) hervorhebt. Neben Anteilen, die die Regierung hält, waren stets auch Privatpersonen beteiligt. Das bedeutet, „a network like Al Jazeera is both private and public“ (Zayani 2005: 15). Der Grund für diese Mischung der Organisationsform ist folgender:

„On the one hand, governments are ideologically inclined to more commercialisation and privatisation; on the other hand, they still conceive of media as a state-controlled public service. The outcome is an interesting marriage of the two models: the public and the private, the ideological and the commercial.” (Zayani 2005: 15)

Bei Al-Jazeeras Gründung wurde das Finanzierungsmodell der britischen BBC übernommen:

„We [Al-Jazeera; Anm. d. Verf.] follow the BBC model in that we are a public corporation that enjoys editorial independence. It used to be the case that Arab people used to prefer Western media over Arab media, thinking that you cannot have an independent media body in the Arab world that is free from government control. Al-Jazeera broke that rule.” (Al-Mirazi in El-Nawawy/Iskandar 2002a: 41)

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Al-Jazeera sowohl politisch als auch finanziell vom Emir von Katar abhängig ist. Die Tatsache, dass der Sender zwar von der Regierung finanziert wird, trotzdem aber keiner Zensur unterliegt, macht dabei die Besonderheit des Senders aus.[33] Diese Medienfreiheit sorgt wiederum bei anderen arabischen Regierungen für Empörung.

[...]


[1] Zur Verwendung des Begriffs Westen als auch dem der arabischen Welt siehe 1.4.

[2] Der Begriff des Informationsflusses impliziert die Vorstellung eines Informationstransportes, der Vorstellungen von Kommunikation widerspricht. Weder Kommunikation, noch Informationen können ‚fließen’. Da dieser Begriff sich in der Wissenschaft etabliert hat, wird er hier trotz seiner problematischen Implikationen verwendet.

[3] Al-Jazeera bedeutet auf Deutsch die Insel oder auch Halbinsel. Für die Übersetzung des Namens Al-Jazeera vom Arabischen ins Deutsche oder Englische werden unterschiedliche Schreibweisen benutzt. Im Deutschen wird der Sendername meistens Al-Dschasira buchstabiert, auf Englisch dagegen Al-Jazeera. Ferner variiert die Verwendung von Bindestrichen. Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die englische Schreibweise übernommen – sofern es sich nicht um Zitate handelt – denn diese findet inzwischen auch im deutschen Sprachraum vermehrt Verbreitung.

[4] Angesichts der Fragestellung wird das Phänomen Al-Jazeera in das Feld der internationalen Kommunikation eingeordnet. Zum Begriff der internationalen Kommunikation und den mit ihm verwandten Ausdrücken siehe Kapitel 2.

[5] Phänomen kommt vom griechischen phainomenon und bedeutet Erscheinung (vgl. Blume 2003: 531). Der Phänomen-Begriff wird in der Philosophie und in der Soziologie mit unterschiedlichen Inhalten verwendet. In dieser Arbeit wird der Begriff in seiner umgangssprachlichen Verwendung benutzt, das heißt, die Entstehung des Satellitensenders wird als etwas außergewöhnliches und erstaunliches betrachtet. Mit dem Phänomen-Begriff ist allerdings auch eine Wissenschaft verbunden, die Phänomenologie. Hierbei handelt es sich um „eine erkenntnistheoretische Richtung, die als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung die Phänomene, d.h. die beobachtbaren Sachen als solche wählt“ (ebd.). Geprägt wurde diese Richtung von Edmund Husserl (1859-1938). In Bezug auf ihn wird Phänomenologie unter anderem „als Methode verstanden, mittels derer das Wesen der Dinge erfasst wird. Die Wesenserfassung erfolgt in einer Wesenschau, in der sich die Wesenheiten dem Phänomenologen unmittelbar darbieten“ (ebd.: 534). In dieser Arbeit werden die unterschiedlichen Facetten des Senders Al-Jazeera aufgezeigt um dadurch das Wesen des Senders näher bestimmen zu können und das Phänomen Al-Jazeera greifbar zu machen.

[6] Eine ausführliche Kritik an den Modernisierungstheorien findet sich auch bei Rullmann (1996: 28ff.).

[7] Dabei sind diese Bezeichnungen nicht frei von Kritik. Beispielsweise Australien, als südliches Land, wird in der Regel nicht als Dritte Welt Land im Süden klassifiziert (vgl. dazu auch 1.4).

[8] Rullmann (1996: 38) differenziert hier zwischen einer neo-marxistischen und einer bürgerlichen Position. Neo-marxistische Ansichten gehen demnach von einem Kulturimperialismus aus, während nicht-marxistische Wissenschaftler den Begriff des Medienimperialismus bevorzugen. Damit einher geht auch eine unterschiedliche Bewertung der Situation, die aber hier nicht weiter ausgeführt werden kann (vgl. dazu Rullmann 1996: 39f.).

[9] An dieser Stelle kann keine Einführung in die Cultural Studies gegeben werden, da es sich um zum Teil sehr unterschiedliche Konzepte handelt (vgl. dazu aber Hepp 2004b).

Im deutschsprachigen Raum können allerdings sieben Diskussionsfelder der Cultural Studies ausgemacht werden. Dabei handelt es sich um Materialität, Bildung, Kritik, Alltags- und Populärkultur, Medien und Kommunikation, Identität sowie Globalisierung und transkulturelle Kommunikation (vgl. Hepp/Winter 2003: 18f.). Zur internationalen Differenzierung der Cultural Studies siehe Hepp (2004b: 91ff.).

[10] In den Cultural Studies wird anstelle des Begriffes Rezeption der Begriff der (Medien-) Aneignung verwendet. Da diese Arbeit nicht in allen Punkten Ideen der Cultural Studies folgt, sondern Ansätze der Cultural Studies als eine Erweiterung kommunikationswissenschaftlicher Annahmen verwendet, wird nicht an allen Stellen das Vokabular der Cultural Studies übernommen. In solchen Fällen wird aber versucht, Differenzen kenntlich zu machen, auch wenn dies aufgrund inhaltlicher Komplexität nur verkürzt erfolgen kann.

[11] Der Begriff arabische Welt möchte sich hier auch von dem Terminus ‚islamische Welt’ abgrenzen. Eine solche Vergleichssemantik zwischen Westen und islamischer Welt ist schon aus dem Grund nicht angebracht, da sich ein, zwar vager und nicht klar definierter (vgl. die folgenden Ausführungen), geografischer Raum wie der Westen und eine Religion gegenüber stehen würden.

[12] Die Verwendung dieser Begrifflichkeiten hat dabei natürlich ebenso den Vorteil, umfangreiche Prozesse darzustellen. Eine genauere Betrachtung einzelner Staaten oder gerade auch die Herausarbeitung der Unterschiede alleine in den Journalismussystemen westlicher Gesellschaften, würde den Umfang dieser Arbeit bei weitem übersteigen.

[13] Damit gleicht dieser Ansatz auch dem von Scholl/Weischenberg (1998: 21f.) vorgeschlagenem Modell zur Identifikation von Journalismus-Systemen. Sie führen einen Normenkontext, einen Strukturkontext, einen Funktionskontext sowie einen Rollenkontext mit jeweils spezifischen Identifikationsmerkmalen an. Dabei gehen sie davon aus, dass der Journalismus ein soziales Funktionssystem der Gesellschaft ist. Von dieser Annahme muss hier Abstand genommen werden, da die arabischen Gesellschaften nicht als funktional ausdifferenziert zu beschreiben sind und sich auch die Funktion des Journalismus in der Gesellschaft unterscheidet.

[14] Dies beklagt Gerhard Maletzke schon in seinem Aufsatz von 1981 (346), wenn er fordert, dass es an der Zeit wäre, Begriffe wie cross-national, cross-cultural, transnational, supranational oder auch interracial genauer zu bestimmen.

[15] Der Begriff der Transkulturalität wurde in den neunziger Jahren von Wolfgang Welsch (1992) geprägt. Welsch geht dabei von veränderten globalen Bedingungen aus. Der freie Verkehr von Personen, Waren und Informationen hat auch Auswirkungen auf die Vorstellung von Kultur und Gesellschaft. So haben sich die einst isolierten Kulturen zu einem weitläufigen Netzwerk verbunden und verflochten.

[16] Dieser Bestimmungsversuch weicht insofern von der transkulturellen Kommunikationsforschung ab, als diese davon ausgeht, dass eine gemeinsame kulturelle Basis im Sinne ‚alter und reiner’ Kulturen überhaupt nicht mehr existent ist und sich alle Kulturen mehr und mehr miteinander verflechten (vgl. Löffelholz/Hepp 2002: 14). Die in dieser Arbeit verwendete Bedeutung beschreibt dabei letztlich weniger, welche transkulturellen Referenzen zwischen der arabischen und der westlichen Welt bestehen oder sich entwickeln, sondern vielmehr, welche Bedeutung diese in den jeweiligen übergeordneten Kulturkreisen besitzen.

Ferner unterscheidet sich die hier verwendete Form von Vorstellungen des transkulturellen Journalismus in der Kommunikationswissenschaft. Meckel (2002: 162) versteht darunter eine von „nationalen Funktions- und Strukturkontexten abstrahierte, übergeordnete und nur sporadisch aktivierbare Leistung, der eine eigene, nicht-nationale Perspektive thematisiert und die Herstellung von Weltöffentlichkeit zum Ziel hat (Beispiel CNN International)“. Diese Form verdient unter der hier verwendeten Differenzierung allerdings eher das Prädikat global.

[17] Unter dem Forschungsfeld internationale Kommunikation wird hierbei auch interkulturelle und transkulturelle Kommunikation verstanden. Dass in dieser Betrachtung gerade die unterschiedlichen Begrifflichkeiten eine differenzierte Anwendung finden sollen, macht die Verwendung eines Oberbegriffs für globale Kommunikationsphänomene nicht unnötig. Internationale Kommunikation wurde hierfür ausgewählt, da er sich als Begriff weitgehend etabliert hat (vgl. Meckel/ Kriener 1996: 12).

[18] Auch hier gilt: „The Middle East is a diverse region and frequently defies generalization“ (Kamalipour/Mowlana 1994: xvi). Daher unterscheidet sich auch die Einführung des Fernsehens. Siehe hierzu Anhang 1.

[19] Fernsehsender starteten als kommerzielle Unternehmen, so dass die Regierungen diesem Medium zu Beginn keine große Bedeutung beimaßen. „The commercial start of television in the Arab world was due to a combination of factors that included low receiver set diffusion, lack of national independence, and full pre-occupation with radio as the most powerful medium of communication” (Ayish 2003a: 26f.).

[20] Im Sinne der Systemtheorie müsste man die Begriffe umgekehrt verwenden: „Offene Mediensysteme sind insofern geschlossen, als sie im wesentlichen selbstorganisierend und selbstreferentiell arbeiten (können), während geschlossene Mediensysteme offen gehalten werden für direkte Einflüsse aus dem politischen System […]“ (Weischenberg 1992: 104f.).

[21] Doch auch Satellitensender können sich nicht immer den Vorgaben autoritärer Regime entziehen. Rupert Murdochs Star TV musste so auf Drängen Chinas den Nachrichtendienst von BBC aus seinem Programm nehmen (vgl. Hafez 2000b: 99) und auch das Ende des BBC Arabic Service (vgl. 3.4.3.1) weist auf die Probleme transnational operierender Sender mit nationalen Regierungen hin.

[22] Ähnliches gilt auch für die Nachrichtenflüsse der Weltnachrichtenagenturen (vgl. zu den Weltnachrichtenagenturen 4.3.1). Bis nach dem 1. Weltkrieg wurden diese von der britischen Agentur Reuters und der französischen AFP aufgrund ihrer Position als Kolonialmacht bereitgestellt, danach konnten sich auch amerikanische Agenturen etablieren (vgl. Rugh 1987: 133ff.). In der Mitte der siebziger Jahre haben auch alle arabischen Staaten eigene Nachrichtenagenturen eingeführt. Dadurch sollten zum einen Nachrichten über das eigene Land von einer nationalen Position aus verbreitet werden und zum anderen sollten die Nachrichtenflüsse der internationalen Agenturen durch sie zensiert werden (vgl. ebd.: 140ff.). Nur die ägyptische Middle East News Agency (MENA) hat dabei auch Korrespondentennetze außerhalb arabischer Staaten eingerichtet, aber auch ihr Einfluss blieb gering (vgl. ebd.: 145). Den arabischen Agenturen ist es demnach weder effektiv gelungen, eigene Informationen außerhalb der arabischen Welt zu sammeln und sie dann in dieser zu verbreiten, noch Nachrichten außerhalb der arabischen Welt zu platzieren. Eine panarabische Nachrichtenagentur wurde nicht etabliert: „Under [.] economic and political conditions, a pan-Arab news agency would probably have to be government controlled, and it would have to abide by strict policy guidelines. But it is difficult to agree on those guidelines and the administration of a news agency satisfactory to all Arab regimes” (ebd.: 148f.).

[23] Hierbei bezieht sich Tomlinson (2002: 143) auf das Problem der amerikanischen Dominanz auch auf kulturellem Gebiet und verweist auf die oft vollzogene Gleichsetzung von westlich und amerikanisch. Diese Position kann aufgrund ihrer Komplexität keine weitere Differenzierung erfahren, sondern muss vereinfacht dargestellt werden.

[24] Dieser Vorwurf wird vor allem von CNN International immer wieder zurückgewiesen (vgl. auch 6.3.2).

[25] Zu Tomlinsons umfangreicher Kritik am Imperialismus-Ansatz und an Globalisierung als Theorie vgl. Tomlinson 2002.

[26] Als Dallas-Studie ist die von Liebes/Katz 1993 durchgeführte Studie zur Wirkung der amerikanischen Fernsehserie Dallas bekannt (vgl. dazu Liebes/Katz 2002: 586ff, zur Bedeutungsproduktion auch 5.3).

[27] Der Vollständigkeit wegen sei als weiterer wichtiger Satellitensender die Lebanese Broadcasting Corporation (LBC) genannt (vgl. Thussu 2000: 210). Bei diesem Sender handelt es sich allerdings um einen reinen Unterhaltungskanal mit Spielfilmen und Quizshows.

[28] Einige Wissenschaftler bevorzugen den Begriff des Synkretismus als den der Hybridität, da dieser Begriff nicht biologisch-darwinistisch vorbelastet ist. Andererseits verweist der Begriff Synkretismus auf die Verschmelzung verschiedener Religionen (vgl. Pieterse 1998: 105f.). Um Unklarheiten angesichts der Bedeutung der islamischen Religion in der arabischen Welt zu vermeiden, wird hier der Begriff Hybridisierung verwendet.

[29] Hepp spricht hier (2000: 199) von der Medienproduktion im globalen Kontext, also von bereits global agierenden Medienunternehmen und auch von global vermarkteten Produkten. Sein Fokus liegt dabei auf unterhaltenden Fernsehsendungen. Seine These kann an dieser Stelle aber aus zwei Gründen übernommen werden. Zum einen haben Nachrichten das Potenzial zu einem globalen Produkt zu werden, also zu Nachrichten, die auf der ganzen Welt verbreitet werden; zum anderen hat auch Al-Jazeera von Anfang an eine globale Ausrichtung angestrebt. Allerdings wurde diese in dieser Phase noch nicht erreicht.

[30] Der derzeitige Scheich von Katar ist Hamad bin Khalifa Al Thani. Er hat 1995 durch einen friedlichen Coup die Herrschaft von seinem Vater übernommen.

[31] Diese Vorstellung erscheint aber mehr als unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, welche Popularität Katar durch Al-Jazeera zugekommen ist. Exemplarisch dafür gilt die Aussage, dass nicht Katar Al-Jazeera hervorgebracht hat, sondern Al-Jazeera Katar (vgl. Da Lage 2005: 55). Eine ausführliche Darstellung der Beziehung von Katar und Al-Jazeera findet sich darüber hinaus bei Da Lage 2005.

[32] Als Grund wird dabei der von Saudi Arabien verhängte Anzeigen-Boykott genannt. Eine ausführliche Darstellung der finanziellen Situation des Senders findet sich in Kapitel 6.4.

[33] Der Vorwurf, dass die Freiheit der Berichterstattung in Bezug auf Katar eingeschränkt ist, kann als eine Art Doppelstandard angesehen werden: Es ist der Preis, den Al-Jazeera für die sonstige Berichterstattungsfreiheit zahlen muss (vgl. Da Lage 2005: 55).

Details

Seiten
136
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638482240
Dateigröße
923 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52540
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Al-Jazeera Phänomen Global Player Eine Analyse Satellitensenders Markt Nachrichtenanbieter

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Titel: Al-Jazeera - Vom Phänomen zum Global Player? Eine multiperspektivische Analyse des arabischen Satellitensenders auf dem Markt der internationalen Nachrichtenanbieter