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Geschlechtsstereotype und Kontaktanzeigen - Theorie und Empirie

Bachelorarbeit 2005 53 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Das soziale Geschlecht – eine Einführung in die Gender Studies

3. Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen
3.1. Der Erwerb von Geschlechtsstereotypen
3.2 Geschlechterrollen

4. Kontaktanzeigen
4.1. Begriffsbestimmungen und kommunikationswissenschaftliche Beschreibung
4.2. Geschichtlicher Abriss
4.3. Ergebnisse bisheriger Studien zu Kontaktanzeigen – eine Auswahl

5. Empirische Analyse: Kontaktanzeigen in österreichischen Tageszeitungen
5.1. Forschungsfragen und Ergebnisse

6. Schlussbemerkungen

Anhang (gekürzte Version, ohne statistisches Material):

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnung

Curriculum Vitae

1. Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine, zunächst theoretische, Annäherung an das Thema Geschlechtsstereotype. Der Komplex Kontaktanzeigen soll kommunikations-wissenschaftlich und in Bezug auf Geschlechtsstereotype abgehandelt werden. In einem empirischen Teil werden eigene Forschungsergebnisse zu Detailfragen vorgestellt. Die empirische Untersuchung beschäftigt sich exemplarisch mit den beiden österreichischen Tageszeitungen Der Standard und die Neue Kronen Zeitung. Die Daten stammen aus dem Herbst 2004.

In der Kommunikationsforschung gibt es, vor allem seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, eine lange Tradition der Erforschung von Kontaktanzeigen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass über Kontaktanzeigen gesellschaftliche Konstellationen und Bedingungen beschrieben werden können. Inserate zur Partnersuche wurden häufig stark kritisiert und sind auch aus einer feministischen Perspektive heraus ins Interesse von Studien gerückt. Ob positiv oder negativ bewertet, Kontaktanzeigen begegnen uns permanent in Tageszeitungen und anderen Medien. Sie stellen für Zeitungen eine Einnahmequelle dar (in der Kronen Zeitung zum Beispiel erscheinen täglich Kontaktanzeigen), und für Partnersuchende eine Möglichkeit, in einer zunehmend anonymen und unübersichtlichen Gesellschaft einen Partner/eine Partnerin zu finden. Auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas weisen auch eine steigende Zahl von Dating-Shows im Fernsehen und zunehmende Möglichkeiten zur Partnersuche im Internet hin. Kontaktanzeigen eigenen sich für eine Studie besonders gut, da bei der Schaltung nicht mit einer wissenschaftlichen Untersuchung gerechnet wird. Das Material ist leicht zugänglich und von vornherein anonymisiert. Eine sehr große Zahl von Fragestellung ist möglich.

Den Beginn der Arbeit bildet ein Einblick in die Geschlechterforschung, die Gender Studies. Fragestellungen und Theorien der Geschlechterforschung stellen die Basis der vorliegenden Arbeit dar und sind für das Verständnis der Arbeit, wie für das Entstehen der Forschungsfrage grundlegend.

2. Das soziale Geschlecht – eine Einführung in die Gender Studies

Die Analysekategorie 'Geschlecht' ist aus aktuellen Forschungsbeiträgen nicht mehr wegzudenken. An Hochschulen wurden interdisziplinär tätige Institute und Studienrichtungen, die Gender Studies, angesiedelt und haben sich als Einzelstudium wie als Ergänzung zu vielen traditionellen Studienrichtungen etabliert.

Was ist aber das Forschungsfeld der Gender Studies? "Geschlechterforschung/Gender-Studien fragen nach der Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaften."[1] Gender Studies fragen ebenfalls nach den Wechselbeziehungen zwischen Ideologien bzw. Denkmustern und sozialer Wirklichkeit, wobei die Geschichtswissenschaft eine wichtige Rolle einnimmt.[2]

Woher stammt der Begriff Gender?

Ursprünglich bezeichnete Gender eine grammatische Kategorie, das grammatische Geschlecht, das in einem - nach wie vor - umstrittenen Verhältnis zum sogenannten 'natürlichen Geschlecht' steht und nicht mit diesem zusammenfallen muss.[3] Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Das grammatische Geschlecht (Genus) ist nicht mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus) zu verwechseln. Die Bezeichnung 'Mädchen' zum Beispiel, ist grammatikalisch ein Neutrum, das natürliche Geschlecht ist aber weiblich. Deutlich wird, dass Klassifikationsprozesse von Bedeutung sind. Auch Christina von Braun und Inge Stephan weisen auf diesen Umstand hin: "Die Abstammung von dem lateinischen Verb generare - erzeugen - macht auf eine Gemeinsamkeit aufmerksam: Es geht um das Erzeugen von Bedeutungen, Klassifikationen und Beziehungen."[4] Der Begriff 'genus' beinhaltet im Lateinischen mehrere Bedeutungen: Neben dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht konnte er auch eine Gattung, eine Klasse bezeichnen.[5] Dieser letztgenannte Bedeutungsaspekt prägte die Begriffsentwicklung und führte zur Bedeutung von Gender in seiner heutigen Form: Geschlecht (Gender) wird in den Gender-Studies als eine soziokulturelle Kategorie aufgefasst. Sozial-konstruktivistischen Ansätzen zu Folge ist Geschlecht nicht etwas das wir haben oder sind (also reine Biologie), sondern etwas, das wir tun.

Folglich beinhaltet die Klassifikation als Frau oder Mann nicht bloß die Wahrnehmung äußerer Geschlechtsmerkmale, sondern bedeutet auch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie. Weitere soziale Kategorien sind zum Beispiel Klasse, Rasse oder Ethnie.[6] Alfermann weist darauf hin, dass Geschlecht als soziale Kategorie auch eine Statusvariable darstellt.[7] So werden in unserer Gesellschaft positiv bewertete Eigenschaften wie Aktivität, Dominanz, abstraktes Denkvermögen, Rationalität und Objektivität tendenziell männlich besetzt und höher bewertet als Eigenschaften, die (stereotyp) Frauen zugeordnet werden. Aus diesen Zuschreibungen legitimierten sich über lange Zeit die Geschlechterrollen und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Geschlechterrollen wurden zwar durch die antiautoritäre Studenten- und Frauenbewegung der 60- und 70er-Jahre aufgeweicht Vorurteile und geschlechtsstereotype Darstellungsweisen gibt es aber nach wie vor. Manifest werden diese Vorurteile zum Beispiel in sexistischen Redewendungen des Alltags. Redewendungen wie 'Frau am Steuer, Ungeheuer' sind weit verbreitet und führen zur Weiterführung von Geschlechtsstereotypen.

Die sex-gender-Relation:

Durch die Unterscheidung zwischen sex und gender in der Wissenschaft wurde es möglich, kulturelle und geschichtliche Aspekte der Kategorie Geschlecht zu untersuchen und der Frage nach der Konstruiertheit von Geschlecht nachzugehen.

Braun und Stephan sprechen von einem kulturellen und historischen Rahmen, der durch die Unterscheidung zwischen sex (dem biologischen) und gender (dem sozialen Geschlecht) entsteht und Fragestellungen der Gender-Studies erst ermöglicht: "Durch die Einführung der sex-gender -Relation entsteht ein kultureller und historischer Rahmen, in dem die Frage nach der Konstruiertheit von Geschlecht [...] überhaupt erst möglich wird."[8]

Die Unterscheidung zwischen sex und gender hat ihren Ursprung in den feministischen Debatten im angloamerikanischen Raum und erlangte in den 70er-Jahren in den USA im universitären Diskurs Bedeutung.[9] Ende der 80er-Jahre erreichte die amerikanische Gender-Debatte schließlich den deutschsprachigen Raum.[10]

Die Frauenbewegung, als Ausgangspunkt feministischer Diskurse und auch der Geschlechterforschung, reicht historisch jedoch weiter zurück:

Im Jahr 1789 wurden in Frankreich die Menschenrechte verkündet – "Proklamation von [...] persönl. Freiheit, Rechtsgleichheit, Weltbürgertum"[11] – und diese Rechte wurden auch von Frauen eingefordert. Die französische Revolutionärin Olympe de Gouges proklamierte im selben Jahr die 'Rechte der Frau und Bürgerin' und forderte die Abschaffung männlicher Privilegien.[12]

Entscheidende Errungenschaften wurden in Österreich dann allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg erreicht. Gemeint ist die Zuerkennung des aktiven und passiven Wahlrechts 1918 für alle, erstmals auch für Frauen, und der Fall letzter gesetzlicher Studienbeschränkungen für Frauen im Jahr 1920[13].

Die Neue Frauenbewegung – Egalität und Differenz:

Die neue Frauenbewegung setzte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in Europa und den USA ein.[14] Das bereits 1949 erschienene Buch 'Das andere Geschlecht' von Simone de Beauvoir war für die Frauenbewegung von großer Bedeutung: Penz spricht sogar davon, dass das Buch die "Wiedergeburt der Frauenbewegung"[15] markiert. Auch Hilde Schmölzer misst Simone de Beauvoir große Bedeutung bei:

"Der Kernsatz [von Simone de Beauvoir]: 'Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es', hat die Vorstellungen der alten Frauenbewegung rigoros verworfen und die Möglichkeit der Veränderung deutlich gemacht."[16]

Mit diesem Satz betonte Simone de Beauvoir, dass nicht überwiegend biologische Determinanten, sondern soziale Verhältnisse und Sozialisationsprozesse Weiblichkeit und Männlichkeit prägen. Der (literarisch pointierte) Satz lenkt die Aufmerksamkeit somit auf konstruktivistische und gesellschaftliche Prozesse.

Der von Simone de Beauvoir geprägte Egalitätsansatz (Ansatz der Gleichheit) stellt sich gegen eine absolute Biologisierung der Geschlechter und fordert gleiche Chancen, Möglichkeiten und Pflichten für beide Geschlechter. Er zielt auf die Partizipation der Frau in der Gesellschaft ab. Weiblichkeit und Leiblichkeit sind diesem Ansatz nach zu meiden.

Kritisiert wurde der Egalitätsansatz, da es in der Praxis zu einer Angleichung an ein – nach wie vor – männlich gedachtes Ideal komme. Luce Irigaray ist eine heftige Kritikerin des Egalitätsansatzes, da es ihrer Meinung nach nicht um eine Anpassung von Frauen, sondern ausschließlich um die Entfaltung der eigenen Identität gehen könne. Irigarays Differenzfeminismus markierte in den 80er-Jahren eine Wende und völlig andere Sichtweise auf das Problem. Dieser Ansatz stellt Weiblichkeit in den Mittelpunkt und gelangt zu einer Umwertung und positiven Besetzung von Weiblichkeit, Leiblichkeit und Gebärfähigkeit. Der Differenzansatz wurde einer Kritik unterzogen, die anmerkt, dass durch die Aufwertung des Weiblichen sich an den patriarchalen Grundstrukturen nichts ändere und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen blieben.[17]

Ungeachtet des theoretischen Standpunkts ist der Gleichheitsansatz vor allem auf politischer Ebene zu großer Bedeutung gelangt. Die Forderung nach gleichen Rechten für Frauen und Männer ist im Gender Mainstreaming übernommen worden.

Gender Mainstreaming verfolgt die Gleichstellung von Frauen und Männern. 1985 wurde Gender Mainstreaming auf der Dritten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen erstmals vorgestellt:

"Gender Mainstreaming hat seine Wurzeln in der Entwicklungszusammenarbeit und wurde auf der Dritten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi 1985 als neue Strategie der Gleichstellungspolitik vorgestellt."[18]

Die Europäische Union setzte sich mit Gender Mainstreaming erstmals im dritten Aktionsprogramm für Chancengleichheit (1991 bis 1995) auseinander. Es wurden Frauenfördermaßnahmen und Strategien zur Förderung der Chancengleichheit diskutiert.[19] Als Ziel wurde die "Einbindung von Gleichstellungspolitik in die gesamte Wirtschafts- und Sozialpolitik"[20] postuliert. Im Jahr 1999 trat der Vertrag von Amsterdam in Kraft, mit dem Gender Mainstreaming in das Primärrecht der Europäischen Union, und damit auch in das österreichische Recht, aufgenommen worden ist.[21]

Feministische Debatten und die Gender Studies haben ein breites Spektrum an Theorien und Ansätzen hervorgebracht. Nur wenige können im Rahmen dieser Arbeit vorgestellt werden.

Die Herstellung von Geschlecht in Interaktionen – doing gender:

Seit den 70er-Jahren ist der Ansatz des doing gender von Bedeutung. In der interaktionsanalytischen Forschung zu Geschlechterverhältnissen in der Kommunikation war dieser Ansatz besonders folgenreich.[22]

"Mit der Fokussierung von 'doing' setzt es kulturelle Inszenierungspraktiken zentral, nicht biologische Gegebenheiten."[23]

Im Doing-gender-Ansatz geht es folglich um die Beschreibung, wie sich Menschen als männlich oder weiblich zu erkennen geben. Durch die Analyse von zum Beispiel Alltagssituationen und Alltagshandlungen oder von Gesprächen wird gezeigt, wie sich das kulturelle Geschlecht in Interaktionen kommunikativ (immer wieder) herstellt.

Helga Kotthoff beschreibt in einem Aufsatz zu Interaktion und Geschlecht die Wurzeln des Doing-gender-Ansatzes:

"Das Konzept des 'doing gender' fußt auf Harold Garfinkels 'Agnes-Studie' (1967) und lehnt sich auch an Arbeiten von Erving Goffman (1977, 1979) an. Beide Autoren zeigten kulturgebundene Methoden der Geschlechterstilisierung."[24]

Garfinkel kann mit seiner Studie über die Transsexuelle Agnes zeigen, dass Agnes sich nur über 'richtiges weibliches' Verhalten als Frau fühlen kann und als solche akzeptiert wird.[25] Dieses Ergebnis betont die kulturelle Bedeutung bei der - interaktionistischen - Herstellung von Geschlecht.

Geschlechtsidentitäten werden dabei kulturell, zum Beispiel über Namen, Anredeformen, Sprechstile, die Stimmlage, Haartracht und Körperrepräsentationen, symbolisiert.[26]

Das Androgyniekonzept – Individuen jenseits binärer Geschlechterstrukturen:

Dorothee Alfermann bespricht in ihrem Einführungswerk zu Geschlechtsstereotypen[27] Erklärungsmodelle für Geschlechtsunterschiede und stellt das Androgyniekonzept vor. Die prominentesten Vertreterinnen dieses Ansatzes sind Sandra Bem und Janet Spence.

Ausgangspunkt ist das psychologische Geschlecht. Im fünften oder sechsten Lebensjahr erfolgt in der menschlichen Entwicklung die Übernahme der eigenen Geschlechtsrollen-identität. Diese wird als unveränderlich und konstant erlebt.[28]

Die Geschlechtsrollenidentität bezeichnet den psychologischen und sozial determinierten Anteil an der, biologisch fundierten, Geschlechtsidentität.[29]

Lange Zeit wurde vorausgesetzt, dass Maskulinität und Femininität zwei einander entgegengesetzte Pole darstellen und einander ausschließen.[30]

Das Androgyniekonzept verwirft diese Dichotomie und geht davon aus, dass ein Individuum auf einer Maskulinitäts- und einer Femininitätsdimension jeden beliebigen Punkt einnehmen kann. Alfermann führt die Grundidee des Androgyniekonzepts genauer aus:

„Das Androgyniekonzept basiert stattdessen darauf, daß die psychologische Geschlechtsrollenorientierung auf (mindestens) zwei Dimensionen anzusiedeln sei, nämlich einer Maskulinitäts- und einer Femininitätsdimension, und daß jedes Individuum, Mann wie Frau, unabhängig vom biologischen Geschlecht auf diesen beiden Dimensionen jeden beliebigen Punkt einnehmen kann.“[31]

Die Aufsprengung einseitiger Geschlechtsidentitäten bedeutet, dass individuellen Ausprägungen von Femininität und Maskulinität mehr Beachtung geschenkt wird. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale werden, so der implizite Anspruch der Theorie, vor unzulängliche Kategorisierungen gestellt, auf normativer Ebene werden Handlungs-spielräume dadurch erweitert. Aber auch das Androgyniekonzept kommt nicht ohne Kategorisierungen, auch wenn es zu einer Erweiterung gekommen ist, aus: Vier Typen von Personen verdrängen in diesem Konzept die Klassifizierung in zwei Gruppen von Menschen.[32] Das Androgyniekonzept hat vier Typen zur Klassifikation eingeführt, nämlich maskuline, feminine, androgyne und undifferenzierte.[33]

Auf Grund der Einteilung von Personen in vorgefertigte Typen wurde das Androgynie-onzept kritisiert. Altstötter-Gleich zeichnet die Hauptkritikpunkte nach: Am stärksten kritisiert wurde an dieser Theorie, dass eine einseitige Klassifikation der Befragten in Schematiker und Nicht-Schematiker vorgenommen wurde. Im Vordergrund standen – so die Kritiker – vor allem an den klassischen Geschlechterstereotypen orientierte Aspekte.[34]

Was bedeutet aber eigentlich androgyn innerhalb dieses Ansatzes?

Bei Alfermann findet sich eine ausführliche Beschreibung dieses Typs, der sich über positiv bewertete weibliche und männliche Eigenschaften definiert und für den Geschlechterrollen keine Rolle mehr spielen, da individuelle Merkmale mehr wiegen als die Kategorien Mann/Frau.

„Die Androgynen schließlich sind nun diejenigen, die sich in hohem Maße sowohl mit positiv bewerteten maskulinen wie auch femininen Eigenschaften beschreiben. Diese Kombination in einer Person wird als erstrebenswertes (Zwischen)Ziel der Sozial-isation von Menschen in unserer Gesellschaft angesehen, dem langfristig die Über-schreitung von Geschlechtsrollengrenzen folgen soll. Menschen sollen ihre Rollen individuell nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten übernehmen und gestalten können, nicht aber aufgrund ihres biologischen Geschlechts.“[35]

Die Vorstellung androgyner Menschen, für welche die Kategorie Geschlecht keine Rolle mehr spielt, hört sich sehr utopisch an. Lernprozesse im Laufe der Sozialisation sind von großer Bedeutung, ein Ausbrechen aus erlernten Rollen und Wertmaßstäben ist nur sehr schwer möglich. Veränderungen können stattfinden, allerdings nicht von heute auf morgen und wahrscheinlich nicht in der Radikalität, wie es sich VertreterInnen des Androgynie-konzepts wünschen würden. Das Androgyniekonzept ist problematisch wie wertvoll zugleich, eine einseitige Beurteilung ist nicht angebracht. Anne Lehnert fasst in ihrer Rezension des Sammelbandes 'Querelles. Jahrbuch für Frauenforschung, Bd. 4.' [herausgegeben von Ulla Bock und Dorothee Alfermann] aus dem Jahr 1999 die Vor- und Nachteile des Ansatzes zusammen:

"Einerseits beinhaltet er stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und schreibt die Geschlechterpolarität fort, die er überwinden will. Andererseits besitzt er auch ein subversives Potential, indem er den Wunsch zur Auflösung der Geschlechtergrenzen überhaupt thematisiert."[36]

Im Rahmen des Androgyniekonzepts ist eine Studie von Christine Altstötter-Gleich sehr interessant, die neben Aspekten der Geschlechtsrollenidentität auch andere soziale Rollen berücksichtigt. Die Datenerhebung bezog sich auch auf real existierende Männer und Frauen in bestimmten sozialen Rollen.[37]

Bei der Beurteilung von Personen wird dem Geschlecht Bedeutung beigemessen, aber es ist nur ein Aspekt. Das zentrale Ergebnis der Studie ist, dass Informationen über die soziale Rolle einer Person besonders wichtig sind.[38] Altstötter-Gleich zu Folge sind knapp die Hälfte der Merkmale mit denen real existierende Personen beschrieben werden, nicht auf Geschlechtsstereotypen zurückzuführen. Diese Ergebnisse stützen, so die Autorin, die Annahme, dass die Geschlechteridentität als ein mehrdimensionales, nicht auf ein binäres Schema reduzierbares, System zu denken ist.[39]

Sozialkonstruktivistischen Ansätzen innerhalb der Gender Studies wird (häufig von Vertretern biologistischer Ansätze) vorgeworfen, dass diese biologische Voraussetzungen von Geschlecht völlig außer Acht lassen. Ohne in ein biologistisches Bild von Frau und Mann zurückzufallen, in dem die Geschlechter von Natur aus so sind wie sie sind, weil sie ansonsten keine Daseinsberechtigung hätten, soll an dieser Stelle kurz auf biologische Ansätze eingegangen werden. Denn selbst wenn binäre Denkstrukturen, Sozialisation und die Machtverteilung in unserer Gesellschaft das Sein und die Lebensweisen von Frauen und Männern prägen, sollten biologische Mitdeterminanten nicht ganz unbeachtet bleiben. Anzuführen ist zum Beispiel die Bedeutung der Hormone für Aussehen und Verhaltensweisen von Menschen.

Biologische Ansätze – die Bedeutung von Hormonen:

Neben der Rolle des Sozialisationsprozesses für Geschlechterunterschiede machen biologische Ansätze vor allem Hormone für unterschiedliches Verhalten von Frauen und Männern verantwortlich.

Interessant ist der Hinweis, dass Geschlechtshormone in einer pränatalen Phase auch die Gehirnentwicklung beeinflussen.[40] Diesem biologischen Modell zu Folge gibt es zwei Geschlechter, und Unterschiede werden bis in den kognitiven Bereich hinein besprochen. Biologische Mitdeterminierung wird demnach in einigen Bereichen sozialen Handelns angenommen, zum Beispiel im Bereich aggressiven Handelns.[41]

Bei der Entwicklung größerer Dominanz von Jungen wird von einer biosozialen Interaktion ausgegangen. Alfermann erklärt dazu:

„Aufgrund der hormonell erklärbaren größeren Neigung von Jungen zu Rangkämpfen und körperlicher Auseinandersetzung in Interaktion mit Umwelteinflüssen wie sozialen Bekräftigungsmechanismen und stereotypen Erwartungen an männliche Dominanz und weibliche Unterordnung entstehen im Ergebnis Geschlechterunterschiede im dominanten Verhalten.“[42]

Hormone beeinflussen also Menschen in ihren Handlungsweisen. Soziale Lernprozesse haben aber die Möglichkeit, Verhalten zu bestätigen oder zu verändern. Auf die Rolle von Lernprozessen in der Sozialisation wird in Kapitel zwei weiter eingegangen. Biologische Einflussgrößen sollten keinesfalls mit biologischer Determination verwechselt werden. Welches Verhalten als angemessen erachtet und somit als zielführend erkannt wird, wird zu einem sehr großen Teil über soziales Lernen erfahren.

Auch die Wahl von Interessensgebieten zum Beispiel wird maßgeblich über Belohnung (positive Bekräftigung) bzw. Bestrafung gesteuert.[43]

Zu beachten ist ferner, dass selbst Hormone keine stabile Größe und durch Lebensumstände, zum Beispiel Stress oder äußere Umwelteinflüsse, beeinflussbar sind.[44]

Dass früher biologischen Voraussetzungen zugeschriebene Geschlechterunterschiede ebenfalls stark von Sozialisation und Lebensweise bestimmt sind, zeigt eine Studie von Collaer und Hines aus dem Jahr 1995. Zentrales Ergebnis ihrer Untersuchung ist, dass es auf Grund gesellschaftlicher Veränderungen (zu Gunsten der Frau) zu einer Angleichung kognitiver Fähigkeiten gekommen ist. Getestet wurde verbales, mathematisches und räumliches Denkvermögen:

„Die Tatsache, daß die Angleichung der kognitiven Leistungen der Geschlechter in Stichproben mit vergleichbarem Bildungsniveau besonders auffallend ist, läßt pure Bildungs- und Sozialisationsunterschiede als Erklärung für die früher beobachteten Geschlechterunterschiede annehmen.“[45]

Abschließend muss gesagt werden, dass die eben vorgestellten Theorien und Ansätze sich alle sehr unterschiedlich dem Problem der Geschlechterdifferenz und patriarchaler Gesellschaftsstrukturen annähern und eine Einigung beziehungsweise eine Zusammenführung der Theorien nicht möglich ist. Jede Theorie stellt sozusagen eine eigene Richtung dar und gleicht einem Paradigma. Sehr wohl ist es aber möglich, die Leistungen der einzelnen Ansätze zusammenzuführen und gesellschaftlich wichtige Aspekte der jeweiligen Theorien gemeinsam darzustellen.

Der Egalitätsansatz stellte heraus, dass Geschlecht nicht allein biologisch determiniert ist, sondern soziale Bedingungen und die Sozialisation Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit entscheidend prägen. Durch die Forderung nach gleichen Rechten und Pflichten für Männer wie auch für Frauen wurde der Ansatz der Gleichheit auch politisch relevant und hat besonders für die Bereiche Rechtsprechung, Bildung und Arbeitsmarkt Positives geleistet. An der negativen Konnotation des Weiblichkeits-begriffes rüttelte der Differenzfeminismus unter Luce Irigaray. Durch eine Höher-bewertung alles 'Weiblichen' ist dieser Ansatz vielleicht etwas über das Ziel hinaus geschossen, er bietet aber gute Denkanstöße in Bezug darauf, dass Frauen und ihnen zugeschriebene Eigenschaften über einen langen Zeitraum hinweg als nachrangig und sogar als weniger intelligent und fähig betrachtet wurden, was auch noch in der Diskussion um einen Universitäts-Zugang für Frauen als Argument dagegen angeführt worden ist. Ansätze wie jener des doing gender konnten an konkreten Beispielen des Alltags aufzeigen, wie Geschlecht über kulturelle Inszenierungs-praktiken hergestellt wird. Die spezifische Leistung des Androgynie-Konzepts ist es nun, dass individuellen Ausprägungen von Weiblichkeit und Männlichkeit jenseits starrer Dichotomisierungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Dieses Einführungskapitel konnte hoffentlich die Bandbreite der Ansätze in der Geschlechterforschung anreißen und den interdisziplinären Hintergrund (Psychologie, Soziologie, Biologie/Hirnforschung, Politikwissenschaften, Geschichtswissenschaften u.a.) betonen. Vor diesem Hintergrund werden im folgenden Kapitel Geschlechterstereotypen und Geschlechterrollen abgehandelt.

3. Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen

Dieses Kapitel setzt sich mit Geschlechtsstereotypen auseinander. An den Anfang soll eine Erklärung des Begriffes Stereotype gestellt werden. Angerissen wird auch die geschichtliche Entwicklung der Stereotypenforschung. Ein wichtiger Punkt ist die Frage nach der Entstehung von Geschlechtsstereotypen sowie deren Bedeutung für Wahrnehmungsprozesse. Ausgeführt wird ebenfalls, wie sich Geschlechtsstereotype und Geschlechterrollen zueinander verhalten.

Nach Alfermann stellen Stereotype „verbreitete und allgemeine Annahmen über die relevanten Eigenschaften einer Personengruppe dar.“[46] Obwohl diese Beschreibung sehr einfach wirkt, weist sie doch auf wichtige Aspekte von Stereotypen hin: Nämlich, dass kognitive Schemata generalisierend verwendet werden. Eigenschaften werden sowohl einer ganzen Gruppe zugeschrieben, als auch dazu gebraucht, einzelne Personen aus dieser Gruppe – weniger auf Basis individueller Merkmale als auf Grund der Gruppenzu-gehörigkeit – zu beschreiben.

Mit Blick auf die Unterscheidung zwischen stereotyper Zuschreibung und dem tatsächlichen Maß einer Merkmalsausprägung haben Jones & Gerhard Stereotype wie folgt definiert:

„Eine Klasse von Objekten gilt als stereotypisiert, wenn identische Merkmale jedem Objekt der Klasse – ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Grad der Variation innerhalb der Klasse – zugeschrieben werden.“[47]

Diese Definition rückt den Aspekt der Generalisierung in den Mittelpunkt und ist auf Grund der vollzogenen Unterscheidung von stereotypen Merkmalen und tatsächlichem Grad der Merkmalsausprägung präziser formuliert als die eher allgemein gehaltene Definition von Alfermann. Bereits Jones & Gerhard weisen darauf hin, dass die Stereotypen mit einer positiven oder negativen Bewertung der Merkmale einhergehen. Auf den Aspekt der unterschiedlichen Bewertung von stereotypen Merkmalen wird später im Besonderen noch bei den Ausführungen zu Geschlechtsstereotypen und Geschlechterrollen eingegangen.

Woher kommt aber eigentlich der Begriff ‚Stereotyp’ und wie sieht seine Entwicklung in der Wissenschaft aus?

Der Begriff 'Stereotyp' entstand im Französischen als Neubildung zu den griechischen Wörtern stereós (starr, fest) und týpos (Schlag, Eindruck, Muster, Modell). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Adjektiv 'stereotyp' aus dem Französischen entlehnt und als Fachwort des Buchdrucks eingeführt. Aus dem französischen Sprachgebrauch wird auch die übertragende Bedeutung (feststehend, sich ständig wiederholend, leer, abgedroschen) übernommen.[48]

Aus der Druckersprache entnommen, gelangte der Begriff in die Wissenschaft und beschrieb in der Zeit um Neunzehnhundert psychiatrische Störungen [genauer: pathologische Wiederholungshandlungen].[49] Für die Stereotypenforschung wichtig war die Einbindung in eine kognitive Theorie, wie das durch Walter Lippmann 1922[50] erfolgt ist.

Bezugnehmend auf die Dissertation von Wodraschke-Staudinger werden Lippmanns Ausführungen kurz dargelegt: Von zentraler Bedeutung in Lippmanns Theorie ist, dass zwischen der Außenwelt und den Bildern in unserem Kopf unterschieden wird.[51] Die Welt ist demnach immer nur mittelbar wahrnehmbar und an die Wahrnehmung durch ein Subjekt gebunden. Wahrnehmung ist eine kognitive Leistung des Individuums. Nach Lippmann sind diese einfachen kognitiven Repräsentationen notwendig, um die Komplexität der sozialen Umwelt verarbeiten zu können und Informationen effektiv zu verwerten. Wodraschke-Staudinger führt aus, dass Lippmann Stereotypen als einfache Repräsentationen der sozialen Umwelt verstanden hat.[52] Allerdings geht aus den Ausführungen von Wodraschke-Staudinger nicht hervor, ob Lippmann alle Repräsentationen der Außenwelt als Stereotype aufgefasst hat. Diese Auffassung von Stereotypen würde dann von den eingangs gegebenen Definitionen abweichen. Und zwar in dem Sinn, dass dann jedes Bild über unsere Umwelt Stereotypen folgen würde, und nicht nur jene, bei denen generalisierte Vorstellungen wieder auf Einzelzuschreibungen angewendet werden.

Der Begriff Stereotyp erfuhr durch die Koppelung an das Untersuchungsverfahren von Katz & Braly aus dem Jahr 1933[53] eine inhaltliche Einengung, da der Begriff Stereotyp auf eine bestimmte Form der Beschreibung durch die Aufzählung typischer Eigenschaften einer Gruppe angewendet wurde.[54] Erwähnenswert in der geschichtlichen Darstellung sind die Forschungsergebnisse von Avigdor aus dem Jahr 1953: „Er weist darauf hin, daß Stereotypisierung Folge eines Konflikts ist - und nicht, wie oft [...] vertreten wird, umgekehrt.“[55]

Ausgehend von dieser allgemeinen Beschreibung von Stereotypen, folgt an dieser Stelle die Ausführung zu den Geschlechtsstereotypen.

Geschlecht ist nicht nur biologisch und sexuell relevant, sondern hat auch als soziale Kategorie eine entscheidende Bedeutung in unserer Gesellschaft.[56] Wie wichtig die Sichtbarkeit und Eindeutigkeit des Geschlechts in unserer Kultur ist, zeigt schon das österreichische Namensrecht, wenn es da heißt: „Der erste Vorname (Rufname) muss dem Geschlecht des Kindes entsprechen.“[57]

In Anlehnung an die Beschreibung von Stereotypen können auch Geschlechterstereotype definiert werden, und zwar als „die strukturierten Sätze von Annahmen über die personalen Eigenschaften von Frauen und von Männern [...]“[58]

Wie kommt es zu solchen Annahmen über andere Menschen? Treten Personen in Interaktion miteinander, werden - unwillkürlich - Reize und Informationen aufgenommen, ein Wahrnehmungsprozess beginnt. Dabei stehen unter anderem Informationen wie Kleidungsstil, Ethnie, Alter, soziale Schicht und auch die (soziale) Kategorie Geschlecht zur Beurteilung der Person zur Verfügung. Der Prozess der Wahrnehmung, so automatisch er abzulaufen scheint, ist ein komplexer kognitiver Vorgang.

Nach Anton Hajos kann Wahrnehmung als ein Prozess verstanden werden, der aus der „Aufnahme, Selektion, Verarbeitung, Gliederung und Strukturierung sensorischer Informationen besteht. Der Prozeß beginnt mit der Reizaufnahme und endet mit einem Sinnesergebnis.“[59]

Diese Definition der Wahrnehmung enthält eine Reihe bedeutender Implikationen. Zunächst weist die Definition darauf hin, dass Wahrnehmung ein selektiver Vorgang ist. Die Außenwelt ist immer nur bruchstückhaft erfahrbar und ohne geistige Verarbeitungs-prozesse nicht denkbar. Einerseits, weil zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis nur eine begrenzte Anzahl von Reizen aufnehmen kann[60], andererseits besagen Theorien wie jene der kognitiven Dissonanz, dass unwillkürliche kognitive Prozesse ablaufen, damit durch dissonante (nicht stimmige) Wahrnehmungen keine allzu große Spannung (sprich Dissonanz) für das Individuum entsteht. Auch Geschlechtsstereotype tragen zu einer selektiven Informationsverarbeitung bei. Mark Snyder hat auf selektive Prozesse hingewiesen, die er als konfirmatorische Strategie bezeichnet hat. Alfermann hat die Theorie von Snyder nachgezeichnet:

„Da wir Menschen dazu neigen, unsere Hypothesen lieber zu bestätigen als zu widerlegen, werden konfirmatorische Strategien der Hypothesenüberprüfung bevorzugt. Wir rekonstruieren vergangene Ereignisse bevorzugt so, daß sie unseren Stereotypen entsprechen, ebenso wie Stereotype die zukünftigen Interaktionen so lenken können, daß sie als sich selbst-erfüllende Prophezeiung wirken (Snyder, 1981).“[61]

Weiters besagt die Definition von Hajos, dass die aufgenommenen Informationen gegliedert und strukturiert werden, was uns zur Bedeutung von Kategorisierungsprozessen für stereotype Wahrnehmungen kommen lässt. Dorothee Alfermann führt Kategorisierungsprozesse, in denen Menschen in Kategorien von Personen eingeteilt werden, als Grundlage von Stereotypen an.[62] Eine dieser Kategorien ist das soziale Geschlecht. Wie bereits erwähnt, dienen diese Kategorisierungsprozesse der Alltagsbewältigung, sie reduzieren Komplexität. Den Personen einer Kategorie werden in einem nächsten Schritt stereotype Eigenschaften zugeschrieben. Auf Grund, bereits angeführter, kognitiver Prozesse sind Stereotypen sehr stabil. Warum Stereotypen - und von feministischer Seite aus insbesondere Geschlechtsstereotypen - kritisch untersucht werden müssen, liegt unter anderem daran, dass Stereotype normativen Rollenzu-weisungen zuarbeiten. Weitere Ausführungen dazu finden sich im Kapitel 3.2., in dem Geschlechterrollen abgehandelt werden. Ein zweiter, und meines Erachtens nach äußerst wichtiger, Aspekt von Stereotypen sind die damit einhergehenden Bewertungsprozesse. Die Bewertung findet in dem Sinne statt, dass im Allgemeinen Eigenschaften der eigenen Gruppe höher bewertet werden, als jene anderer Gruppen.[63] Aufschlussreich in Bezug auf Geschlechtsstereotype und deren Bewertung kann auch die Verbindung mit Theorien sein, die sich mit Hegemonie und Klassenkämpfen innerhalb einer Gesellschaft beschäftigen. Der Zusammenhang zwischen statushohen Gruppen und Stereotypen stellt sich wie folgt dar: „... dominante Gruppen [haben] in einer Kultur auch das positivere Stereotyp [...], weil sie die ingroup darstellen und die Definitionsmacht für die Bewertung und die Inhalte von Stereotypen haben.“[64] Definitionsmacht im Sinne von Fishman [sie entwickelte den soziologischen Machtbegriff von Max Weber weiter] bedeutet, "die Möglichkeit, die eigene Definition dessen, was möglich ist, was richtig ist, was rational ist und was wahr ist, aufzudrängen"[65]. Auf das Thema Geschlechtsstereotype angewendet bedeutet das, dass statushohe Gruppen in der Gesellschaft über die Definitionsmacht verfügen. Männer verfügen in unserer Gesellschaft über einen hohen Status, was seinen Ausdruck zum Beispiel in beruflicher Anerkennung (höhere Löhne und bessere Aufstiegschancen, stereotype Eigenschaftszuschreibungen, die sich auf Karriere positiv auswirken) findet. Auch in der Sprache selbst manifestiert sich der Statusunterschied. In unserem Sprachsystem ist die (grammatikalisch) männliche Form zugleich die Überkategorie, von der die weibliche Form (nur) abgeleitet wird. Sprachliche Macht und Gewalt spiegelt sich auch in Redensarten wider. Bezeichnenderweise gibt es deutlich mehr sprichwörtliche Redensarten, in denen Frauen in sexistischer und abwertender Weise dargestellt werden. Auch führen die Kategorisierungen dazu, „daß die Unterschiede innerhalb von Kategorien unter- und die zwischen Kategorien überschätzt werden“[66], wodurch die Wahrnehmung von Personen, wiederum durch selektive Mechanismen, verzerrt wird.

Stereotype haben aber nicht nur eine rationale Funktion. Alfermann identifiziert auch eine motivationale Funktion von Stereotypen:

„Die motivationalen Funktionen von Stereotypen bestehen danach vorrangig darin, die bestehende gesellschaftliche Rang- und Wertordnung zu rechtfertigen und zu perpetuieren. [...] So kann das Stereotyp der eher praktisch veranlagten Frau in einer Kultur, in der geistige Arbeit höher bewertet wird, dazu verwendet werden, die bestehende gesellschaftliche Unterprivilegierung von Frauen zu rechtfertigen.“[67]

[...]


[1] Christina von Braun / Inge Stephan: Einleitung. In: Christina von Braun und Inge Stephan [Hg.]: Gender-Studien. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000. S. 9-15. Zit. S. 9.

[2] Vgl. ebd. S. 13.

[3] Vgl. ebd. S. 9.

[4] Ebd. S. 9. Anm.: Die Hervorhebung in diesem Zitat, wie auch in allen folgenden Zitaten, wurde aus dem Original übernommen.

[5] Vgl. Langenscheidts Großes Schulwörterbuch Lateinisch – Deutsch. Erweiterte Neuausgabe 1983. Berlin und München: Langenscheidt 1983.

[6] Vgl. Christine Altstötter-Gleich: Persönliche Konstrukte zu Frauen und Männern in unterschiedlichen sozialen Rollen. In: Ursula Pasero/Friederike Braun (Hg.): Wahrnehmung und Herstellung von Geschlecht. Perceiving and Performing Gender. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999. S. 204-214. Zit. S. 204.

[7] Vgl. Dorothee Alfermann: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer 1996. S. 23.

[8] Braun / Stephan [Anm. 1], S. 10.
Hervorhebungen in diesem Zitat wie in allen weiteren sind aus dem Original.

[9] Vgl. ebd. S. 10.

[10] Vgl. ebd. S. 10.

[11] Hermann Kinder/Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 2. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. München: dtv34. Aufl. 2000. S. 297.

[12] Vgl. J. Menschik: Feminismus. Geschichte, Theorie, Praxis. Köln: 1977. S. 21. Zit. nach: Otto Penz: Die österreichische Frauenbewegung – Ursachen und Stand der Diskussion. Diplomarbeit: Wien 1980. S. 65.

[13] Vgl. Penz (Anm. 12), S. 67.

[14] Vgl. Hilde Schmölzer: Revolte der Frauen: Porträts aus 200 Jahren Emanzipation. Wien: Ueberreuter 1999. S. 332.

[15] Penz (Anm. 12), S. 70.

[16] Schmölzer (Anm. 14), S. 328.

[17] Vgl. Vorlesungsmitschrift der Verfasserin zu: 'Doing Gender und Performativität – Konzepte zur alltäglichen Konstruktion von Geschlecht', gehalten von Lisbeth Trallori im Sommersemester 2002 an der Universität Klagenfurt.

[18] Koordinationsstelle für Gender Mainstreaming im Europäischen Sozialfonds (ESF).
In: http://www.gem.or.at/de/ (24.02.2005).

[19] Vgl. ebd.

[20] Ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Helga Kotthoff: Was heißt eigentlich 'doing gender'? Zu Interaktion und Geschlecht. In: http://home.ph-freiburg.de/kotthoff/texte/Doinggender2002.pdf. S. 1.

[23] Ebd. S. 1.

[24] Ebd. S. 2.

[25] Vgl. ebd. S. 2.

[26] Vgl. ebd. S. 3.

[27] Vgl. dazu Anm. 7.

[28] Vgl. Alfermann (Anm. 7), S. 57.

[29] Vgl. ebd. S. 58.

[30] Vgl. ebd. S. 59.

[31] Ebd. S. 59.

[32] Vgl. ebd. S. 60.

[33] Vgl. Altstötter-Gleich (Anm. 6), S. 204.

[34] Vgl. ebd. S. 205.

[35] Alfermann (Anm. 7), S. 60.

[36] Anne Lehnert: Reiz und Risiko - Der Versuch einer Rehabilitation des Androgyniebegriffs. In: : http://www.zag.uni-freiburg.de/fff/ffs/rez-cross-dressing/lehnert.html (26. 02.2005).

[37] Vgl. Altstötter-Gleich (Anm. 6), S. 205.

[38] Vgl. ebd. S. 210-212.

[39] Vgl. ebd. S. 213.

[40] Vgl. Alfermann (Anm. 7), S. 86.

[41] Vgl. ebd. S. 85f.

[42] Ebd. S. 86.

[43] Vgl. ebd. S. 90.

[44] Vgl. ebd. S. 86.

[45] M.L. Collaer/M. Hines: Human behavioral sex differences: A role for gonadal hormones during early development? Psychological Bulletin, 118, 1995. S. 55-107. Zit. nach: Alfermann (Anm. 7), S. 162.

[46] Alfermann (Anm. 7), S. 9.

[47] E. E. Jones & M. B. Gerhard: Foundations of social psychology. New York: Wiley, 1967. S. 719, zit. nach Anne-Kathrin Wodraschke-Staudinger: Der Einfluss von Geschlechtsstereotypen auf die soziale Wahrnehmung. Dissertation. Wien 1991. S. 12.

[48] Vgl. Duden. Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim: Brockhaus 2001.

[49] Vgl. Wodraschke-Staudinger (Anm. 47), S. 15.

[50] Anm.: 1922 erschien das Werk ‚Public opinion’ von Walter Lippmann in New York. Die deutschsprachige Übersetzung erschien 1964 unter dem Titel ‚Die öffentliche Meinung’ in München.

[51] Vgl. Wodraschke-Staudinger (Anm. 47), S. 15.

[52] Vgl. ebd. S. 15f.

[53] Anm.: Die Ergebnisse der Studie wurden am folgenden Ort veröffentlicht: Racial stereatypes [sic!] of hundred college students. Journal of Abnormal and Social Psychology, 1933, 28, 280-290.

[54] Vgl. W. Manz: Das Stereotyp. Meisenheim/Glan: Hain, 1968, S. 4, zit. nach Wodraschke-Staudinger (Anm. 47), S. 16.

[55] R. Avigdor: Etudes experimentales de la genese des stereotypes. Cahier International des Sociologie, 1953, 154-168. zit. nach Wodraschke-Staudinger (Anm. 47), S. 17.

[56] Vgl. Ursula Pasero/ Friederike Braun: Vorwort. In: Ursula Pasero/ Friederike Braun (Hrsg.): Wahrnehmung und Herstellung von Geschlecht. Perceiving and Performing Gender. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999. S. 7-12. Zit. S 7.

[57] Magistrat der Stadt Wien/MA 61 – Team Öffentlichkeitsarbeit: Vornamensgebung. In: http://www.magwien.gv.at/ma61/geburt/geberf-vorname.htm#P0 (03.02.2005).

[58] Alfermann (Anm. 7), S. 10.

[59] Anton Hajos: Wahrnehmung. In: Herrmann, P.R. Hofstätter, H.P. Huber & F.E. Weinert (Hg.): Handbuch psychologischer Grundbegriffe. München: Kösel 1977, 528-540. Zit. S. 523 [sic!], zit. nach Wodraschke-Staudinger (Anm. 47), S. 5.

[60] Anm.: Streift unser Blick durch einen Raum, können ungefähr sieben Informationen im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden. Bei Verkettungen (gleichartige Dinge werden wahrgenommen) können es auch mehr sein. Vgl. dazu die Vorlesung Semantik an der Universität Wien von Peter Ernst, gehalten im Wintersemester 2004/2005. Ich beziehe mich auf meine eigenhändige Vorlesungsmitschrift.

[61] Alfermann (Anm. 7), S. 27.
Anm.: Alfermann bezieht sich auf folgende Publikation von Snyder: M. Snyder: On the self-perpetuating nature of stereotypes. In: D. Hamilton (Ed.), Cognitive processes in stereotyping and intergroup behavior (pp. 183-212). Hillsdale, N.J.: Lawrence Erlbaum. 1981.

[62] Vgl. ebd. S. 10.

[63] Vgl. Alfermann (Anm. 7), S. 11.

[64] Ebd. S. 11.

[65] Pamela Fishman: Interaction. The Work Women Do. In: Social Problems 24, S. 397-406. Zit. nach: Ingrid Samel: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Schmidt 2000. S. 40f.

[66] Alfermann (Anm. 7), S. 10.

[67] Ebd. S. 11.

Details

Seiten
53
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638481908
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52486
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Geschlechtsstereotype Kontaktanzeigen Theorie Empirie

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Titel: Geschlechtsstereotype und Kontaktanzeigen - Theorie und Empirie