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"Die Hörbarkeit des Zeitablaufs". Eine Analyse von Elfriede Jelineks Musik-Essays und ihren Arbeiten über Patricia Jünger

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung und biografische Anmerkungen zu Elfriede Jelinek
1.1. Der Essay – ein kurzer definitorischer Umriss

2. Charakteristika der Musik-Essays von Elfriede Jelinek
2.1. "Die Hörbarkeit des Zeitablaufs": Elfriede Jelineks Musikdefinition

3. Patricia Jünger: Die Komponistin und Freundin
3.1 Jelineks Essays über Patricia Jünger

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und biografische Anmerkungen zu Elfriede Jelinek

Im Jahr 2004 ist Elfriede Jelinek der Literaturnobelpreis verliehen worden.

In der Geschichte des Nobelpreises – Nobelpreise werden seit 1901 verliehen - ist sie die erst zehnte Frau, welcher diese höchste (und höchst dotierte) literarische Auszeichnung zugesprochen worden ist.[1]

Nicht erst seit der Nobelpreisverleihung ist Elfriede Jelinek in Österreich ein Thema. Politische Aktionen von Jelinek und politische Aktionen gegen Jelinek (zum Beispiel die Plakatkampagne der Wiener Freiheitlichen aus dem Jahr 1995[2] ) rückten sie oftmals in das Licht der Öffentlichkeit. Forschungen zum Werk von Elfriede Jelinek beziehen sich meist auf wenige Romane (zum Beispiel Michael 1972, Die Klavierspielerin 1988, Lust 1989) und einige Theaterstücke der Autorin. Wenig Beachtung schenkte die Forschung bis jetzt den Essays von Elfriede Jelinek. Und das, obwohl der Umfang der essayistischen Beiträge von Jelinek nicht gering ist. Das Werkverzeichnis von Pia Janke aus dem Jahr 2004 führt 14 Essays zum Themenbereich Musik an. Allein essayistische Texte, Reden und Stellungnahmen nehmen in der 629 Seiten starken Bibliografie 85 Seiten ein.

Die vorliegende Arbeit will sich den Musik-Essays von Elfriede Jelinek annähern. Besonderes Augenmerk wird bei der Analyse den Essays von Jelinek über die Komponistin und Dirigentin Patricia Jünger geschenkt. Als Primärquellen dienen vorrangig zwei Beiträge von Elfriede Jelinek über Patricia Jünger:

Elfriede Jelinek: Im Namen des Vaters. In: profil, Jg 14 (1983), H. 50, S. 52-53.

Elfriede Jelinek: Die Komponistin. In: Emma 6/1987, S. 33-36.

Um die beiden Essays jedoch in einen größeren Zusammenhang einbetten zu können, werden in die Analyse weitere Musik-Essays der Autorin einbezogen. Nach einer ersten Durchsicht des Materials hat es sich für die Arbeit als sinnvoll und ertragreich erwiesen, die Essays über Patricia Jünger auch unter einer marxistischen und feministischen Perspektive zu betrachten und auf andere Werke von Jelinek (zum Beispiel das Theaterstück Clara S.) und die Sekundärliteratur zu Elfriede Jelinek zu beziehen.

Das Kapitel abschließend, einige

Anmerkungen zur Biografie

von Elfriede Jelinek. Die biografischen Notizen sind vor allem dort interessant, wo sie Anknüpfungspunkte zum Themenbereich Musik eröffnen.[3]

Elfriede Jelinek wurde 1946 im steirischen Mürzzuschlag geboren und lebt seit 1966 als freie Schriftstellerin in Wien und München. 1967 ist ihr erster Lyrikband 'Lisas Schatten' erschienen.

Elisabeth Spanlang beschreibt Jelineks literarische Anfänge und führt für diese Zeit als prägend den Surrealismus und Expressionismus an. Die Gestaltung von Visionen und Träumen sowie surreale Bildwelten sind nach Spanlang kennzeichnet für die frühe Lyrik der Autorin.[4] Der Dadaismus mit seinen Montageverfahren sowie die Pop-Art-Literatur, die ihre Stoffe vornehmlich aus den Massenmedien gewinnt, sind weitere Bezugspunkte für Jelineks eigenes Schaffen.[5]

Das 1964 begonnene Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Wien brach Jelinek ohne Abschluss ab.

"Nach 1969 engagierte sich Elfriede Jelinek in der Studentenbewegung und in den Literaturdiskussionen um die Zeitschrift 'manuskripte'."[6]

Biografisch noch weiter zurück reichen Jelineks Bezüge zur Musik. Bereits als Jugendliche (seit 1960) studierte sie am Wiener Konservatorium Orgel, Blockflöte und Komposition. 1971 machte Jelinek am Konversatorium ihren Orgel-Abschluss. Sehr gute Musik-Kenntnisse und die Erfahrung, selbst Musik gemacht zu haben, sind für ihre Musik-Essays von Bedeutung. Auch in Jelineks literarischem Schaffen ist Musik und Künstlertum oftmals selbst Thema (zum Beispiel im Theaterstück 'Clara S.') oder auch Motiv (zum Beispiel im Roman 'Die Klavierspielerin') beziehungsweise ist Musik auch in Form von Zitaten vorhanden. Auch auf der Ebene des Stils lassen sich Parallelen ziehen. So spielen Rhythmus und Klang (umgesetzt unter anderem durch Alliteration, Wiederholung, Varianz) in Jelineks Prosastücken und Dramen durchwegs eine Rolle.

Für das Nobelpreis-Komitee ist der "musikalische Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen" [7] die offizielle Begründung für die Verleihung des Preises an Jelinek. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass Jelineks Werke häufig mit musikalischen Begriffen beschrieben werden. Nur kurz soll auf die Problematik der Übertragung von Begriffen aus der Musik in den Bereich der Literatur hingewiesen werden.

Es ist Pia Janke, die in dem Aufsatz 'Elfriede Jelinek und die Musik' auf die Problematik der Übertragung hinweist: "Denn die Übertragbarkeit musikalischer Begriffe auf die Literatur ist prekär, handelt es sich doch um zwei zwar aufeinander bezogene, aber nie analog zu setzende Medien." [8] Literatur und Musik sind also zwei Bereiche, die miteinander in Beziehung treten und aufeinander verweisen können, jedoch nicht gleichzusetzen sind. Literatur mit Begriffen aus der Musikwissenschaft zu beschreiben, ist demnach methodisch bedenklich. Einen zutiefst literarischen Ausweg bietet Janke, wenn sie anklingen lässt, dass die oft zitierten 'musikalischen Formen und Verfahren' vielleicht eher mit Begriffen der Rhetorik als mit Begriffen aus der Welt der Musik zu beschreiben wären. [9]

Bereits der Titel der vorliegenden Arbeit verweist auf die Fokussierung feministischer und marxistischer Aspekte bei der Analyse der Essays. Beides, Feminismus wie Marxismus, spielen im Werk von Elfriede Jelinek durchgängig eine große Rolle, weshalb bereits an dieser Stelle kurz darauf eingegangen werden soll. Stilistisch umgesetzt werden diese Themen bei Jelinek zumeist satirisch, also zugespitzt und mit dem Mittel der Montage und Übertreibung.

Über die marxistische Dimension im schriftstellerischen Tun von Jelinek schreibt beispielhaft Margarete Sander:

"Ihr [Jelineks] Augenmerk gilt vorrangig den gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen und den dahinter stehenden Machtstrukturen, die diese ermöglichen; ihr Anliegen ist es, diese Machtstrukturen sichtbar zu machen."[10]

Den marxistischen Blickwinkel erweitert Jelinek jedoch auch um einen feministischen. Diese Kombination führt zu einem Aufzeigen der gesellschaftlich bedingten Lebens- und Ausdrucksweisen von Frauen. Abhängigkeitsverhältnisse verschiedenster Ausprägung werden in vielen Werken von Jelinek (zum Beispiel in 'Die Klavierspielerin', oder in 'Clara S.') thematisiert. Spanlang führt dazu aus: "Die herrschende kapitalistische Wirtschaftsordnung, so die Autorin, bestimmt also nicht nur den Austausch von Gütern, sondern überwölbt ebenso den zwischenmenschlichen Bereich." [11]

Die satirische Entlarvung kultureller Muster, sprich von gesellschaftlichen Stereotypen und sprachlich stereotypen Phrasen, so Janz, steht bei Jelinek grundsätzlich im Kontext von Feminismus und Faschismus-Kritik. [12]

Die folgenden Kapitel befassen sich zentral mit den Musik-Essays von Elfriede Jelinek. Vorweg scheint es deshalb sinnvoll zu sein, den Essay als Gattung definitorisch zu fassen. Dies kann allerdings in der vorliegenden Arbeit nur kurz geschehen. Teilweise können Aspekte nur angerissen werden.

1.1. Der Essay – ein kurzer definitorischer Umriss

Im Grenzbereich der Literatur befindet sich der Essay. Ihn kennzeichnet, dass er in erster Linie publizistischen Zwecken dient. Während andere publizistische Textsorten beispielsweise informierenden Charakter aufweisen (etwa die Reportage), wohnt dem Essay ein wertender Zug inne. [13]

Der Begriff 'Essay' wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Englischen entlehnt und geht zurück auf den lateinischen Ausdruck 'exagium' , was zu Deutsch 'das Erwägen' bedeutet. [14]

Der Versuchscharakter und die subjektive Sichtweise auf das gewählte Thema bestimmen schließlich die Definition des Essays: "Der Essay ist ein subjektiv gestaltetes und stilästhetisch durchformtes abgeschlossenes Stück nichtfiktiver Prosa..." [15]

Im Stil anspruchsvoll ist der Essay thematisch nicht eingegrenzt und meist kritisch und geht assoziativ (im Gegensatz zum systematisch, umfassenden Traktat) vor.

Kurz angemerkt werden soll noch die Bedeutung des 'Essayistischen' als ein "essentielles Gestaltungsprinzip" [16] moderner Romane (zum Beispiel bei Musil, Broch, Frisch uva.), sowie seine wirtschaftliche Bedeutung für Schreibende und Verlegende. Durch seinen anspruchsvollen Stil und seine breite thematische Vielfalt ist der Essay zum fixen Bestandteil der Literaturgeschichtsschreibung geworden.

[...]


[1] Vgl. FemBio. Frauen-Biographieforschung: Elfriede Jelinek. In: http://www.fembio.org/frauen-biographie/elfriede-jelinek.shtml, 14.12.2205.

[2] Anm.: Mehr Informationen und Bilder zur Plakataktion sind auf der Homepage von Elfriede Jelinek www.elfriedejelinek.com vorhanden. Siehe dazu den Unterpunkt 'Fotoalbum – Ein Gedicht'

[3] Anm.: Die Informationen zur Biografie stammen vorwiegend aus dem KLG-Beitrag von Ulrike Haß (Quelle: Elfriede Jelineks Homepage), aus der FemBio-Datenbank (www.fembio.org) und aus dem Werk von Elisabeth Spanlang (Elfriede Jelinek. Studien zum Frühwerk. Wien VWGÖ 1992).

[4] Vgl. Elisabeth Spanlang: Elfriede Jelinek: Studien zum Frühwerk. Dissertation. Wien: VWGÖ 1992, S. 40.

[5] Vgl. ebd. S. 47.

[6] Ulrike Haß: Elfriede Jelinek. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur - KLG, 59. Nachlieferung (1998), S. 1. Zit. nach: Homepage Elfriede Jelinek: http//www.elfriedejelinek.com, 14.12.2005.

[7] Der Nobelpreis für Literatur 2004. Elfriede Jelinek. In: http://www.nobelpreis.org/Literatur/jelinek.htm, 15.12.2005.

[8] Pia Janke: Elfriede Jelinek und die Musik. Versuch einer ersten Bestandsaufnahme. In: Gerhard Melzer/Paul Pechmann [Hg.]: Sprachmusik. Grenzgänge der Literatur. Graz: Sonderzahl Verlag 2003, S. 189-207. Zit. S. 190.

[9] Vgl. ebd. S. 190.

[10] Margarete Sander: Textherstellungsverfahren bei Elfriede Jelinek: das Beispiel "Totenauberg". Würzburg: Königshausen und Neumann 1996 (Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; Bd. 179), S. 31.

[11] Spanlang (Anm. 4), S. 243.

[12] Vgl. Marlies Janz: Elfriede Jelinek. Stuttgart: Metzler 1995 (Sammlung Metzler; Bd. 286), S. VIII.

[13] Vgl. Reinhard Nickisch: Der Brief und andere Textsorten im Grenzbereich der Literatur. In: Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering [Hg.]: Grundzüge der Literaturwissenschaft. München: dtv4. Auflage 2001, S. 357-364, Zit. S. 357.

[14] Vgl. Duden Band 7. Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim: Dudenverlag3.erweiterte Auflage 2001, S. 189.

[15] Nickisch (Anm. 13), S. 360.

[16] Ebd. S. 361.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638481830
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52479
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Hörbarkeit Zeitablaufs Elfriede Jelineks Musik-Essays Eine Darstellung Berücksichtigung Arbeiten Patricia Jünger Inhalte

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