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Fussball im Nationalsozialismus

Bachelorarbeit 2006 54 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fußball auf dem Weg zum Massenphänomen
2.1. Ursprünge
2.2. Anfänge des Fußballs in Deutschland
2.3. Etablierung des Fußballs in Deutschland
2.4. Durchbruch zum Massensport
2.5. Kommerzialisierung und die Berufsspielerfrage

3. Der Aufstieg des Nationalsozialismus
3.1. Der 1. Weltkrieg und seine Auswirkungen
3.2. Der Aufstieg Hitlers und der NSDAP
3.3. Nationalsozialistische Sportvorstellungen

4. Fußball und Nationalsozialismus
4.1. Die erste Phase 1933 –
4.1.1. Die erste Gleichschaltung
4.1.2. Antisemitismus und Marginalisierung der Juden
4.2. Die zweite Phase 1937 – 1945
4.2.1. Die zweite Gleichschaltung
4.2.2. Das Ende des jüdischen Sports in Deutschland
4.3. Entwicklung des Fußballs in Deutschland von 19933 – 1945
4.3.1. Nationalmannschaft
4.3.2. Vereine
4.3.3. Spieler

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Monographien

- Brändle / Koller: „Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs", Zürich 2002
- Bernett, Hajo: „Der jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland 1933 - 1938", Hajo Bernett, Schorndorf 1978
- Bernett, Hajo: „Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur: Die Entstehung des deutschen (Nationalsozialistischen) Reichsbundes für Leibesübungen", Schorndorf, 1983
- Bernett, Hajo: „Nationalsozialistische Leibeserziehung - Eine Dokumentation ihrer Theorie und Organisation", Schorndorf 1966
- Fischer / Lindner: „Stürmer für Hitler - Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus", Göttingen 1999
- Havemann, Nils: „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Frankfurt / Main 2005
- Hummel, Karl – Joseph: „Deutsche Geschichte 1933-1945", München 1998
- Jacob, Stefan: „Sport im 20. Jahrhundert", Münster/Hamburg, 1994
- Schulze – Marmeling, Dietrich: „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Göttingen 1992

2. Sammelrezensionen

- „Deutsche Geschichte - Wie wir wurden, was wir sind", Stuttgart, 2002
- „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997
- „Körper, Kultur und Ideologie – Sport und Zeitgeist im 19. und 20. Jahrhundert“, Irene Diekmann / Joachim H. Teichler (Hg.), Bodenheim bei Mainz, 1997
- „Leibesübungen und Sport in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart", Berlin/München/Frankfurt a. M. , 1981

3. Zeitschriften

- „Blätter für deutsche und internationale Politik“, Heft 2, Bonn 2000

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte des Fußballsports im Nationalsozialismus bzw. der Rolle, die dem Fußball im Nationalsozialismus zukam. Lange Zeit ist zu diesem speziellen Kapitel der deutschen Fußballgeschichte geschwiegen worden. Es scheint verwunderlich, wie beharrlich die entpolitisierenden Kräfte der Geschichte des Fußballs die Oberhand behielten. Erst in jüngerer Zeit ist eine wachsende Zahl von Publikationen zu verzeichnen, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigen.

Der Deutsche Fußball Bund (DFB), der größte nationale Verband des organisierten Fußballs veröffentlichte erst im Mai letzen Jahres eine von ihm an Nils Havemann in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz".

Dies geschah wohl in Reaktion auf zuvor erschienene Werke, die erstmals umfassend versuchten die Rolle des Fußballs im NS-Staat zu untersuchen.[1] Und vor der Weltmeisterschaft 2006, die ja bekanntlich in Deutschland stattfinden wird.

Rund 60 Jahre nach dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten wird somit der (von dem Rhetorik – Professor Walter Jens bereits im Jahre 1975 in seiner Rede zur 75 – Jahr – Feier des DFB angeprangerte) Zustand der ungenügenden geschichtlichen Aufarbeitung gelöst.

Das bildet den Anlass für die Themenauswahl dieser Arbeit.

Die Berührungspunkte zwischen Sport und Politik, hier in Form von Fußball und Nationalsozialismus sollen herausgearbeitet werden.

Dabei geht es im als erstes um die Konstitutionsgeschichte des englischen soccers in Deutschland und dem Aufstieg des Nationalsozialismus zur staatstragenden Ideologie mit all den bekannten Konsequenzen. Denn die Geschichte des Fußballs im Nationalsozialismus kann nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung (auch im Vorfeld der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten) betrachtet werden, da das Phänomen Fußball immer eingebettet in Kultur und Gesellschaft stattfindet, bzw. ein Teil dessen ist.

Erst als Fußball zum Massenphänomen avanciert war, ergab sich damit die entscheidende Vorraussetzung für dessen Wechselbeziehung mit dem diktatorischen Nazi-Regime.

Eine Zäsur im deutschen Fußball bildet dann auch die Machtergreifung der Nazis im Januar 1933, die eine bedingungslose Gleichschaltung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zur Folge hatte und dementsprechend nicht folgenlos für den Fußball bleiben konnte.

Eine zweite Phase der Geschichte des Fußballs schließt sich nach den Olympischen Spielen (OS) 1936 an. Nach diesem durch die Nationalsozialisten inszenierten Massenspektakel zeigten diese ihr wahres Gesicht auch dem deutschen Sport gegenüber. Aber auch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde weiterhin Fußball gespielt.

Bei der Darstellung dieses Abschnitts der deutschen Fußballgeschichte wird zunächst die Umgestaltung der Organisationsstrukturen des Fußballs behandelt, die jeweils durch ein Kapitel zum Schicksal der jüdischen Sportler ergänzt wird.

Daraufhin folgen Darstellungen zur allgemeinen Entwicklung des Fußballs über den gesamten Zeitraum der Nazi-Diktatur, wobei die Nationalmannschaft, die Vereine und die Fußballspieler im Dritten Reich im Lichte der Aufmerksamkeit stehen.

Abschließend erfolgt dann ein Resümee, sowie eine zusammenfassende Beantwortung der zentralen Forschungsfragen:

1. Inwieweit instrumentalisierte der Nationalsozialismus den Fußball für seine politischen Ziele?
2. Inwiefern ließ sich der deutsche Fußball instrumentalisieren?
3. Kann man vom gesellschaftliche Subsystem Fußball als einem Mikrokosmos der Gesellschaft sprechen, in dem sich allgemein vorhandene gesellschaftliche Grundströmungen widerspiegeln oder manifestierten sich doch spezielle Handlungsmuster in der "eigentlich unpolitischen Nische" des Sports?

Es soll im Rahmen dieser Arbeit nicht um die Zuteilung von Schuld gehen, sondern ganz objektiv um die politische Seite des Fußballs während der NS-Herrschaft, die sich nicht von der Hand weisen lässt.

2. Fußball auf dem Weg zum Massenphänomen

2.1. Ursprünge

Die Ursprünge des modernen Fußballspiels werden allgemein im England des 19. Jahrhunderts verortet.[2] Als Ausgangspunkt soll dabei das Jahr 1863 gelten, dem Jahr, als in London die Football Association (FA) gegründet wurde. Mit der dieser Gründung des ersten nationalen Fußballverbandes der Welt einhergehenden Regelvereinheitlichung (Trennung von soccer und rugby) wurde das moderne Fußballspiel - wie wir es heute kennen - geboren und die Voraussetzung für dessen weltweite Verbreitung geschaffen.[3] Zwei wesentliche Punkte unterschieden den soccer vom rugby: zum einen schloss das Regelwerk des soccer das Tragen und das Berühren des Balles mit den Händen aus, zum anderen wurde das sog. „Hacking" (das Treten gegen die Beine) bzw. das „Tripping" (Beinstellen) als regelwidrig erklärt.[4] Darüber hinaus vereinheitlichte und stimulierte die FA den Spielverkehr zwischen den einzelnen Mannschaften. Durch diese Abgrenzung sowohl nach innen als auch nach außen konnte der Fußball seinen spezifischen Eigenweltcharakter produzieren. Dies galt allerdings nicht in Bezug auf eine etwaige soziale Homogenität. Denn obwohl die Gründer der FA aus reichen, oder zumindest gut situierten bürgerlichen Verhältnissen stammten, verzichteten sie auf eine Festlegung sozialer Teilnahmekriterien, so dass in der Folgezeit Angehörige aus der „lower middle class", sowie der „workimg class" dem organisierten Fußballsport beitraten.[5]

2.2. Anfänge des Fußballs in Deutschland

In Deutschland hatte der Fußball keine vorindustriellen Traditionen, so dass es englischer Anstöße zum Bekanntwerden und zur Ausbreitung bedurfte.[6] Im 19. Jahrhundert war dieser Sport auf die Engländerkolonien in den Handelszentren, Residenzstädten und Modebädern beschränkt.[7] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stießen dann auch vermehrt deutsche Spieler zu den Mannschaften.

Als Pionier des deutschen Fußballs wird der Gymnasialprofessor Konrad Koch gesehen, der 1874 das Fußballspiel am Braunschweiger Martino - Katharineum einführte.[8] Allerdings musste sich der Fußball im von Klassenkämpfen gekennzeichneten Deutschland gegen erbitterte Widerstände, v.a. von Seiten der 1868 gegründeten Deutschen Turnerschaft (DT) durchsetzen. Das Turnen, als Reaktion auf die preußische Niederlage gegen die napoleonische Besatzung seit den 1830/40er Jahren mit der bürgerlich-liberalen Bewegung verschmolzen, war seit seinen Anfängen ein „nationaler" Sport. Eng mit dem Namen Friedrich Ludwig Jahn verbunden, sollte das Turnen der „moralisch - sittlichen" sowie der „patriotisch - nationalen Erziehung" dienen.[9] Somit war der Turnsport, der keine (v.a. ausländische) Konkurrenz neben sich duldete, dem „Wehr- und Volkstumsgedanken" untergeordnet.[10]

Zunächst war der Fußball auf Schulen und Universitäten beschränkt, eine erste Ausbreitungswelle, mit entsprechender gesellschaftlicher Anerkennung erfuhr dieser Sport im Vorfeld des 1. Weltkrieges.[11] Erst in den 1880er Jahren kam es zur Bildung von ersten Fußballvereinen, die ideologisch überhöhte Position der DT gegen das „englische" Spiel verzögerte eine schnellere Ausbreitung. Die Keimzellen des deutschen Fußballs waren auch nicht die Arbeiter (wie vielfach mythologisiert wird), sondern eher elitäre Kreise, wie das Bürgerturm, sowie dessen Nachwuchs (Schüler und Studenten). Zusammenfassend fand der Fußball unter den „spezifischen Sonderbedingungen des deutschen Wegs in die Moderne statt: der rasanten sozialökonomischen Evolution stand die Behauptungskraft gesellschaftlicher und politischer Traditionsmächte gegenüber."[12]

2.3. Etablierung des Fußballs in Deutschland

Nachdem der Fußball auch in Deutschland für andere Berufsgruppen (als erstes kamen die nicht dem Proletariat zugerechneten Angestellten dazu) empfänglicher wurde, etablierte sich dieser Sport zunehmend in der von militärischer Atmosphäre geprägten bürgerlichen Gesellschaft der Jahrhundertwende. Dies spiegelte sich auch in der Sprache wider: Heute werden Worte wie „Angriff", „Verteidigung", „Flügel", „Deckung" oder „Schlachtenbummler" gebraucht ohne deren militärische Herkunft zu konnotieren. Der Fußball symbolisierte den „Kriegszustand", das Persönlichkeitsbild eines idealen Fußballers entsprach dem eines modernen Soldaten.[13]

Diese Umstände begleiteten denn auch die Gründung des Deutschen Fußballbundes (DFB) am 28. 1. 1900. Die Gründungsmitglieder rekrutierten sich aus dem Bildungsbürgertum und den wirtschaftlichen Oberschichten.[14] Die Pioniere des deutschen Fußballs standen der DT ideologisch sehr nahe und teilten zum großen Teil deren Auffassungen: neben der nationalen Grundhaltung ist hier die Vision von einer auf Gleichheit ausgerichteten Gesellschaft zu nennen, die alle Klassen unter dem Banner der Nation zusammenführen wollte.[15] Zwar gab es auch kosmopolitisch eingestellte Fußballer, die Fußball als Mittel der Völkerverständigung sahen, wie z.B. der bekannte Walter Bensemann (Gründer der noch heute „tonangebenden" Fußballzeitschrift „Kicker"), die Nationalisten sollten jedoch die Oberhand behalten.[16] Die DT und der DFB sind also den bürgerlichen Sportverbänden in Deutschland zuzurechnen.

Daneben gab es aber auch - anders als heute - Konkurrenzorganisationen, wie z.B. den 1893 gegründeten Arbeiter-Turnerbund (ATB), der später (1919) in Arbeiter – Turn - und Sportbund (ATSB) unbenannt wurde, von dem sich 1928 die KPD - orientierten Funktionäre abspalteten. Dies mündete in den Organisationen Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport (IG) und der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit (KG).[17] Kirchliche Sportverbände spielten eine untergeordnete Rolle.

Diese Spaltung des organisierten Sports in Deutschland spiegelte die unterschiedlichen ideologischen bzw. politischen Mentalitäten der Funktionäre und Spieler wider: Die krass nationalistische DT, die auch in ihrem sportlichen Alltag dem Politischen großen Platz einräumte, gehörte ebenso wie der zumindest in der politischen Außenwirkung nationalistische DFB (wenngleich es auch starke Stimmen gab, die dem Prinzip des unpolitischen Verbandes huldigten) zum bürgerlichen, nationalkonservativen Lager. Die durch internationalistischen Anspruch gekennzeichnete Arbeitersportbewegung hingegen verabscheute die mit dem Fußball einhergehenden und diesem immanenten Tendenzen: der Konkurrenzgedanke und damit verbunden der Egoismus fördere die Verbreitung fundamentaler Prinzipien der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.[18] Die Anti – Fußball - Kampagne des ATB aber scheiterte, die dominante Position des Turnens wurde mehr und mehr geschwächt (dies fand auch seinen Niederschlag in der oben erwähnten Umbenennung des ATB zum ATSB). Insgesamt muss eine Dominanz des DFB konstatiert werden.[19]

Trotz der anfänglich nationalistischen Ausrichtung dieses Verbandes befürwortete er eine Internationalisierung des Sportverkehrs, die 1904 in der Gründung der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) mündete. Diese Internationalisierung behinderte aber nicht die weiterhin militaristische Ausrichtung des Verbandes. 1911 trat der DFB dem paramilitärischen und nationalistischen Jungdeutschlandbund bei.[20] Ein Jahr zuvor war das Fußballspiel durch ein Militär-Turnerlass in den Ausbildungsplänen der Armee verankert worden.[21] Aufgrund dieses Sportverständnisses verwundert es auch nicht, dass der Spielbetrieb nach Ausbruch des 1. Weltkrieges keineswegs eingestellt wurde. Neben Repräsentationsspielen (wie z.B. Berlin gegen Wien) liefen auch die Punktspielrunden weiter. Darüber hinaus entwickelte sich auch hinter der Front ein reger Spielbetrieb.[22] Dieses hatte weit reichende Konsequenzen für die Entwicklung des Fußballsports in Deutschland.

2.4. Durchbruch zum Massensport

Der 1. Weltkrieg stellt eine erste Zäsur für den deutschen Fußball dar. Viele ältere Vereinsmitglieder wurden zum Militärdienst einberufen, was zur Folge hatte, dass jüngere Fußballspieler in die Vereine nachrückten. So entstanden erste Jugendabteilungen, der Fußball wurde für die Jugend interessanter und zunehmend als eine echte Alternative zu dem als drillmäßig und konservativ empfundenem Turnen wahrgenommen.[23] Ein nicht unwesentlicher Aspekt scheint auch darin zu liegen, dass der Einzug der Soldaten, die ihren Söhnen zunächst das Turnen „verordnet" hatten, diesen einen größeren Freiraum in der Freizeitgestaltung verschafft hatte.

Der Fußball an der Front (der durchaus auch kriegspolitische Funktionen erfüllte, wie z.B. Zusammengehörigkeitsgefühl, Zerstreuung) führte u.a. zu einer Sportbegeisterung unter den Heimgekehrten, auch wenn diese dem Fußball zuvor ablehnend gegenüber gestanden hatten.

Diese Entwicklungen manifestierten sich dann auch in den Mitgliederstatistiken der Fußballvereine nach dem Krieg. Der DFB zählte 1913 161.000 Mitglieder, 1920 waren es 468.00 und 1921 lag die Zahl bei 780.500.[24] Der aktive Fußballsport erfuhr also trotz der hohen Zahl der Kriegsopfer ein rasantes Wachstum. Doch auch der passive Fußball korrespondierte mit dieser Entwicklung. Vor 1914 hatten selbst „Schlagerspiele" nur einige hundert oder tausend Zuschauer angezogen. Nun kamen Zehntausende zu den Spielen, Endspiele um die deutsche Meisterschaft wurden von durchschnittlich 50.00 Menschen besucht.[25]

Ein anderer wichtiger Grund für die Expansion des Fußballs zum Massenphänomen liegt in den Errungenschaften der Arbeiterschaft. Die Arbeitszeitverkürzung (1923 wurde der Achtstundentag in der Gesetzgebung verankert) ermöglichte erstmals eine aktive Freizeitgestaltung für breite Schichten der Bevölkerung, so dass v.a. die Arbeiter, die nun zunehmend in die Vereine strömten und auch solche gründeten, die Nutznießer waren. Nach und nach verdrängten diese dann auch die traditionellen bürgerlichen Mannschaften.

Fußball wurde zum „Sport des kleinen Mannes".

2.5. Kommerzialisierung und die Berufsspielerfrage

Die stetige Expansion des Fußballs führte zwangsläufig zu dessen Kommerzialisierung. Schon zur Jahrhundertwende verlangte man ein Eintrittsgeld von den Zuschauern.[26] Dieser Einnahmezweig wurde durch die zunehmenden Zuschauerzahlen wichtiger denn je für die Vereine und demzufolge auch für den dominanten Verband DFB. Parallel dazu etablierte sich die Sportpresse mit ihren Zeitschriften, die Sportreportagen in der Tagespresse nahmen zu und ab Mitte der 1920er Jahre wurden immer mehr Fußballspiele live im Rundfunk kommentiert.[27] Konstitutiv für die weitere Kommerzialisierung waren die lokalen Brauereibesitzer, Gastwirte und weitere Geschäftsinhaber, die in dem Publikum einen interessanten Absatzmarkt erblickten.[28] Sie avancierten nun zum Förderer des Fußballs, um dessen Werbewirksamkeit zu nutzen. Der Fußball wurde zu einem wichtigen Wirtschaftszweig, so dass sich in den 1920er Jahren verstärkt Professionalisierungstendenzen bemerkbar machten und eine Diskussion darüber entbrannte.[29]

Dieser Diskurs war allerdings von vornherein ideologisch überhöht.[30] Es ging dabei weniger um die praktischen Auswirkungen (z.B. um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs angesichts des international eingeführten Profitums), sondern mehr um Weltanschauungen, die den Professionalismus als nicht erstrebenswert erscheinen ließen. Demnach war der Professionalismus eine "dekadente Entartung, besonders üble Form der materialistischen Verseuchung, Ausdruck eines unseligen Zeitgeistes etc.“.[31] Die Gegnerschaft des Professionalismus kam aus verschiedenen politischen Richtungen. Die einen teilten Coubertin´sche Auffassungen, vom egalitären, völkerverbindenden Charakter des Sports. Andere nationalkonservative, völkische Gruppen wie der DFB verfolgten dabei das Ziel, gesellschaftliche Gegensätze durch den Sport zu überbrücken, wobei es wohl um die Etablierung einer egalitären Ideologie ging, die das deutsche Volk unter dem Banner der Nation zusammenführen sollte. Der Sport und der Fußball sollten der Stärkung der Kampfkraft der deutschen Nation dienen, die im 1. Weltkrieg in den Augen vieler Zeitgenossen eine bittere Niederlage hinnehmen musste. Die Begründungen für das Festhalten an dem Amateurstatut waren also ideologischer Natur (es ging dabei neben physischen auch um geistige Tugenden wie Charakterstärke, Opfermut, Idealismus, etc.), wenngleich auch finanzielle Beweggründe eine große Rolle spielten.[32] Zum einen waren dies steuerliche Gründe. Die Vereine und der DFB waren darauf bedacht, ihren gemeinnützigen Charakter zu erhalten, den sie bei Einsatz von professionellen, bezahlten Spielern verloren hätten. Der Entzug der Gemeinnützigkeit hätte zu Steuerzahlungen (Vergnügungssteuer, Körperschaftssteuer, Umsatzsteuer, etc.) geführt, was ganz und gar nicht im Interesse der Fußballer lag. Zum anderen wäre den Vereinen auch wohl die Unterstützung der Kommunen beim Bau von Sportstätten verwährt geblieben.[33]

Die Außendarstellung der Vereine bzw. des DFB, die vorgaben die Berufsspieler zu bekämpften, widersprach aber immer offensichtlicher der Realität. Es entwickelte sich ein Zustand, der mit den Begriffen Scheinamateurismus oder Zigarettenladenamateurismus umschrieben wird.[34] Versteckt gezahlte Handgelder und überhöhte Spesenzahlungen waren an der Tagesordnung. Ferner wurden vielen Spielern attraktive Arbeitsplätze zugeschanzt, auf denen sie alle Freiheiten genossen. Auch wurden Spielern Geschäfte eingerichtet - zumeist Tabakläden - über die dann Gelder flossen.

1930 kam es zum ersten handfesten Skandal in der deutschen Fußballgeschichte. Der im Westdeutschen Spielerverband (WSV, Regionalverband des DFB) organisierte Arbeiterverein Schalke 04 wurde wegen verdeckter Spesenzahlungen drakonisch bestraft. Neben einer Strafe von 1.000 Reichsmark wurde fast die gesamte erste Mannschaft vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Das proletarische Arbeitermilieu im Schalker Umfeld reagierte mit Empörung auf die Bestrafung, Sympathiebekundungen kamen aus allen Richtungen der Republik. Nachdem die Spieler sukzessive wieder rehabilitiert worden waren, lief die Schalker Mannschaft ein Jahr später wieder in voller Besetzung auf. Bei diesem Comeback (Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf, das mit 1:0 gewonnen wurde) waren 70.000 Zuschauer zugegen.[35] Infolge dieses Skandals wurden auch die Stimmen lauter, die eine Beendigung der Farce und eine professionelle Liga befürworteten.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten aber stoppte diese Entwicklung.

3. Der Aufstieg des Nationalsozialismus

3.1. Der 1. Weltkrieg und seine Auswirkungen

Die Geschichte des Nationalsozialismus beginnt mit dem Ende des 1. Weltkrieges. Nach der Niederlage des Kaiserreichs entstand in Deutschland die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Diese Partei berief sich auf das „völkische Denkmuster", ein intellektuelles Denkmuster, das seinen Ursprung im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland und Österreich hat. Das Völkische erhob die Nation zum Mittelpunkt seiner Ideologie, das deutsche Volk zum absoluten Bezugspunkt allen Denkens und Handelns. Die wichtigste Aufgabe des Staates sei es die Volksgemeinschaft vor äußeren (und inneren) Feinden zu schützen und sein Wachstum zu fördern. Diese Volksgemeinschaft beruht dabei auf dem Prinzip der „Blutsgemeinschaft", das das Volk vornehmlich nicht aufgrund von kulturellen oder politischen Charakteristika definiert, sondern aufgrund der „blutsmäßigen" Abstammung.[36] Es lag im Sinne dieser Ideologie Demokratie und Aufklärung abzulehnen, da diese den Wert des Einzelnen verabsolutierten und dem Wohl der Volksgemeinschaft zuwiderliefen.

Erst die grundsätzlichen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in Folge des Weltkrieges schufen die Voraussetzung für die massenhafte Verbreitung dieses Denkmusters. Die gesellschaftliche Stimmung kann mit Angst umschrieben werden.[37] Der Krieg, mit seinen enormen Ausmaßen an Zerstörung und Elend, der schnelle Wandel der Lebensverhältnisse, Inflation, z.T. bürgerkriegsähnliche Zustände, politische Morde und Putsche waren bestimmend für die Gemütslage weiter Kreise der deutschen Bevölkerung.

[...]


[1] Hierzu gehört u.a. das für diese Arbeit verwendete Buch „Stürmer für Hitler – Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus“ von Fischer und Lindner aus dem Jahr 1999.

[2] Die Betonung liegt dabei auf „modern", denn „vormoderne" Varianten des Spiels hat es vielerorts gegeben. Angeblich hat der chinesische Kaiser Huang-Ti das Fußballspiel bereits 2967 v. Chr. „erfunden". In England lassen sich die Anfänge des Fußballs (wenngleich in Form eins wilden und unregulierten Volksspiels) bis ins 10. Jahrhundert hinein verfolgen. Vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 21, nach: „Geheimnis Fußball. Auf den Spuren eines Phänomens", C. Bausenwein, Göttingen 1995, S.527 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 15 ff.

[3] vgl. u.a. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 8 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 21

[4] Ausgenommen von dem Verbot des Handspiels ist der Torwart im Strafraum.

[5] vgl. „Großbritannien", Tony Mason, aus: „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 27

[6] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 95

[7] vgl. u.a. „Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs", Brändle / Koller, Zürich 2002, S.38 / „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 95 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 68 ff.

[8] ebd.

[9] nach: „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Nils Havemann, Frankfurt / Main 2005, S. 30, zitiert nach: „Die Beziehungen zwischen Turn- und Burschenschaftsbewegung aus Sicht der Jenaer Urburschenschaft 1806 bis 1819", Siegfried Melchert, aus: „Die Entwicklung der Leibesübungen in Deutschland. Von den Philanthropisten bis zu den Burschenschaftsturnern", Giselher Spitzer (Hg.), Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft vom 14. Bis 16. Mai 1992 in Reinhardsbrunn (=Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft), S. 80

[10] nach: „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 65

[11] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 72

[12] nach: „Weißt du noch - damals, Kamerad? - 100 Jahre Deutscher Fußballbund", Arthur Heinrich, aus: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2, 2000, S. 214

[13] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S. 101 / 102

[14] nach: „Weißt du noch - damals, Kamerad? - 100 Jahre Deutscher Fußballbund", Arthur Heinrich, aus: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2, 2000, S.214

[15] vgl. „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Nils Havemann, Frankfurt / Main 2005, S. 35 - Ob diese Egalitätsbestrebungen tatsächlich einer ideologischen Auffassung entsprangen oder, wie Havemann es darzustellen versucht, als Mittel zur Machtsteigerung des DFB eingesetzt worden waren, bleibe dahingestellt.

[16] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 71

[17] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 92 ff.

[18] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 92 ff. Schulze - Marmeling folgert aus der Analyse der ATB-Kritik, die seiner Meinung nach „deutschtümlerisch, turnborniert, konservativ und spießig" war, dass der Fußball „zumindest in seiner Anfangsphase ein subversives Element wider die Deutschtümelei, den deutschen Militarismus und die deutsche Autoritätsfixiertheit" war.

[19] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 99 / „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.104

[20] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 92

[21] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.102, nach „Fußball im deutschen Militär. Ein sportgeschichtlicher Streifzug durch 7 Jahrzehnte", H. Reinhardt, aus: „Der Fußballtrainer 16“, Heft 11, 1965, S. 6-10

[22] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.103 ff.

[23] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.103 ff. / „Der gezähmte Fußball: Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 96 ff.

[24] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.104, nach: „Jahrbuch der Leibesübungen 35", 1928, S.11 ff.

[25] vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.104 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 41

[26] vgl. „Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs", Brändle / Koller, Zürich 2002, S.86

[27] ebd.

[28] vgl. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 41

[29] vgl. „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Nils Havemann, Frankfurt / Main 2005, S. 56 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 52 ff.

[30] vgl. u.a. „Der gezähmte Fußball: Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 53 ff. / „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.106 ff.

[31] zitiert nach: „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 53

[32] vgl. u.a. „Der gezähmte Fußball: Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 53 ff / „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.107 ff. / „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Nils Havemann, Frankfurt / Main 2005, S. 56 ff.

[33] Neue Stadien entstanden in den bekannten Fußballhochburgen, wie z.B. in München und Köln (1924), Frankfurt (1925), Düsseldorf (1926), und Nürnberg (1928), aber auch in Duisburg, Oberhausen, Dortmund, Neuß und Gelsenkirchen. Vgl. „Fußball, soccer, calcio - Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt", Christiane Eisenberg (Hg.), München 1997, S.107

[34] vgl. „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz", Nils Havemann, Frankfurt / Main 2005, S. 58 / „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 55 ff. / „Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs", Brändle / Koller, Zürich 2002, S.88 ff.

[35] Dieses Spiel fand an einem Wochentag statt. Vgl. u.a. „Der gezähmte Fußball : Zur Geschichte eines subversiven Sports", Dietrich Schulze - Marmeling, Göttingen 1992, S. 55 ff. / „Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs", Brändle / Koller, Zürich 2002, S.88 ff.

[36] vgl. „Deutsche Geschichte 1933-1945", Karl-Joseph Hummel, München 1998, S.11 ff.

[37] vgl. „Deutsche Geschichte 1933-1945", Karl-Joseph Hummel, München 1998, S.12

Details

Seiten
54
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638481779
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52472
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – FB Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Fussball Nationalsozialismus

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Titel: Fussball im Nationalsozialismus