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Der Einfluß der Psychoanalyse auf Hugo von Hofmannsthals Bearbeitung der Elektra

Seminararbeit 1997 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hofmannsthal und die Psychoanalyse
2.1 Hofmannsthals apokalyptisches Wien
2.2 Elektra als hysterische Heldin

3. Die Uraufführung
3.1 Gertrud Eysoldt als „Elektra“
3.2 Zur Rezeption des Dramas

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spricht man vom Wien der Jahrhundertwende so kommen einem sogleich eine Anzahl von Allgemeinplätzen in den Sinn: Kaffeehauskultur, Operetten, Antisemitismus, Sigmund Freud und nicht zuletzt die Psychoanalyse.

„Das Wien um 1900 ist aber auch eine der aufregendsten und innovativsten Experimentalstationen der Moderne“[1]. Geprägt vom morbiden Charme einer vergehenden Zeit befaßten sich nicht nur Philosophie und Psychologie, sondern auch und gerade Kunst und Literatur mit dem im menschlichen Innersten verborgenen: Dem Wahnsinn, dem Abfallprodukt einer Gesellschaft, die versuchte nicht nur die Technologie, sondern auch ihre Individuen zu perfektionieren. „Jahrhundertwende, das meint nicht bloß Jahrhundertende, Fin de siècle, Spät- und Endzeit einer überalterten, im Zerfall begriffenen Kultur.“[2]

Gerade Schriftsteller „wie Hugo von Hofmannsthal [hatten] längst damit begonnen, aus der ‘gesteigerten Empfindsamkeit’ des Fin de siècle eine Form der Poesie zu destillieren, die mit ihren somnambulen Lyrismen und ihrer magischen Dramaturgie der Kunst ein neues [...] Reich des Schönen erschloß: das einer halluzinatorisch gesteigerten Nervosität.“[3]

2. Hofmannsthal und die Psychoanalyse

2.1 Hofmannsthals apokalyptisches Wien

Wien, October 1890

„Siehst die Stadt, wie sie da drüben ruht,

Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?

Es gießt der Mond der Silberseide Flut

Auf sie herab in zauberischer Pracht.

Der laue Nachtwind weht ihr Athmen her,

So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:

Sie weint im Traum, sie athmet tief und schwer,

Sie lispelt, rätselvoll, verlockend, bang...

Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein

Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:

Doch schmeicheln schwebt um dich ihr Wiederschein,

Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.“[4]

Wäre dieses Gedicht nicht unzweideutig überschrieben, so gäbe es keine Gewähr dafür, daß Hofmannsthal hierin tatsächlich „sein“ Wien besingt. „Bar jeder Individualität ist sein lyrisches Wien austauschbar [...]“[5] Ja, es existiert nicht einmal in Wirklichkeit, sondern „schläft im Herzen mein“. Es ist nur eine Vorstellung, die Hofmannsthal heraufbeschwört, die Vorstellung eines vergangenen Wiens, daß nur noch in der Erinnerung lebendig ist. Hofmannsthal selbst sagte dazu: „Ich will über diese gegenwärtige Zeit reden. Aber es freut mich, so davon zu reden, als ob sie schon vergangen wäre.“[6] Dadurch bringt er ein für das „Fin de siècle“ bezeichnendes Gefühl zum Ausdruck: Die Apokalyse Wiens stand nicht bevor, sie hatte sich in den Köpfen längst ereignet. Dieses Gedankenexperiment machte es Hofmannsthal möglich, die gesellschaftlichen Auswüchse seiner dekadenten Zeit zu ignorieren. Sie waren ja längst nicht mehr wirklich! Daher schließlich rührte auch die Leichtigkeit, die Mühelosigkeit, mit der die Angehörigen der „Décadence“ ihre Todessehnsucht, ihre apokalyptische Grundhaltung zur Schau trugen. „Dies manifestiert sich zuerst und vor allem in einer Sprache, die sich ihre eigene Realität schafft, statt Abbild der Realität zu sein. [...] Denn schön ist allein das, was es nicht gibt. ‘Il n’y a vrai que les anges, parce qu’ils ne sont pas’ [Nichts ist wahr außer Engel, denn die existieren nicht.]“[7]

2.2 Elektra als hysterische Heldin

Elektra ist gekennzeichnet durch den namenlosen Haß, den sie gegen ihre Mutter empfindet, und der längst schon zur Obssesion geworden ist. Sie kann Klytämnestra den Mord an ihrem Vater nicht verzeihen, vor allem nicht, daß sie ihn zugunsten des Ägisth beging, zugunsten „jenes andre [n] Weib [es] [...] [des] tapfere [n] Meuchelmörder [s] [...] der Heldentaten nur im Bett vollführt.“[8] Im Gegensatz zu der Sophokleischen Elektra, die das Inbild der weiblichen Trauer verkörpert, ist die Elektra bei Hofmannsthal traumatisch auf den Tod ihres Vaters fixiert und beseelt von Rachegedanken. „Elektra weigert sich, einfach zu vergessen, was geschehen ist. Sie kann und mag sich nicht [...] mit einer Gesellschaft arrangieren, die mit der Erinnerung jedes Verantwortungsgefühl verloren hat.[9] Sie ist aber nicht in der Lage, selbst Rache zu üben, sondern ist angewiesen auf ihren Bruder Orest, und gerät so mehr und mehr in die Rolle einer Hysterikerin. Denn wie schon Freud und Breuer manifestierten, hat „die Reaktion des Geschädigten auf das Trauma [...] eigentlich nur dann eine völlig ‘kathartische’ Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist; wie die Rache.[10] Rache aber kann Elektra, wie schon erwähnt, nur durch Orest ausüben. Und da dieser auf sich warten läßt, ist sie gezwungen sich in anderen, hypnoiden Bewußtseinszuständen, den Tod ihrer Mutter auszumalen, um sich so ein Mittel der Kompensation zu schaffen. „Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab! So wie aus umgeworfnen Krügen wird’s aus den gebundnen Mördern fließen [...].“[11] Nach Freud und Breuer wäre das eine „Leistung der Assoziation, [die] den begleitenden Affekt [den Wahn, die alternierenden Bewußtseinszustände] zum Verschwinden[12] bringt. Dies ist aber mitnichten der Fall, da Elektra trotz Assoziationshandlung dem unmenschlichen Haß verfällt, der ihr zur Obsession wird. „So ist auch der Schluß kein einseitiger Triumph der Rache mehr, sondern eine ‘Lösung’ höherer Art: mit Klytämnestras Tod hat Elektras Leben seinen Sinn erfüllt und zugleich sein Ende erreicht.[13] Auch muß Elektra keinen „Prozeß allmählicher Bewußtmachung[14] durchlaufen, sie ist sich im Gegenteil genau bewußt, daß nur der Tod ihrer Mutter, sie heilen kann.

Hofmannsthal selbst leugnete eine derartige psychonanalytische Intention auch stets. Zwar hatte er die „Studien über Hysterie“ gelesen, betonte aber immer, „daß es sich bei der Elektra nicht um einen Fall von Hysterie, sondern um eine ‘Art Besessenheit’ handele.[15] Es ging ihm tatsächlich vielmehr „um die dichterische Gestaltung von Problemen, die auch sein übriges Werk beherrschen: das Nachwirken des Vergangenen in der Gegenwart, die Dialektik der Zeit [...]“[16] Trotzdem hat gerade die Geschichte der Anna O., mit bürgerlichem Namen Bertha Pappenheim, unverkennbare Spuren bei der Figur der Elektra hinterlassen. Nicht nur, daß auch bei ihr der Tod des Vater eine schwere psychische Störung hervorgerufen hatte. „ [...] von der Wiederkehr der Symptome ‘um Sonnenuntergang’ über die Unfähigkeit des Vergessens bis hin zum Wachtraum des ‘Privattheaters’, das Elektra in ihren Rachegesichten pflegt[17] erscheint es uns, als habe Hofmannsthal seine Elektra wenn auch nicht nach dem Vorbild der Bertha Pappenheim modelliert, so doch sich von ihr inspirieren lassen. „[...] man [ist] weiterhin überzeugt, Hofmannsthal habe bei ‘seiner Erneuerung des antiken Mythos’ diesen ‘im Geiste der Psychatrie des späten 19. Jahrhunderts’ interpretiert.“[18]

[...]


[1] Lange, S.4

[2] Lange, S.7

[3] Lange, S.4

[4] Hugo v. Hofmannsthal; zitiert nach Lange, S.9

[5] Lange, S.10

[6] Hofmannsthal; zitiert nach Lange, S.9

[7] Lange, S.9

[8] Hofmannsthal, S.18

[9] Lange, S.24

[10] Breuer/Freud, S.32

[11] Hofmannsthal, S.16

[12] Breuer/Freud, S.33

[13] Jens, S.996

[14] Franke, S.198

[15] Lange, S.25

[16] Jens, S.995

[17] Mayer, S.70

[18] Lange, S.26

Details

Seiten
11
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638103602
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v524
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für deutsche Sprache und Literatur II
Note
1,0
Schlagworte
Hofmannsthal Elektra Psychoanalyse

Autor

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