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Die Große Depression im Kaiserreich - Bewusstseinslage oder wirtschaftlicher Abschwung?

Essay 2002 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Die Große Depression im Kaiserreich - Bewusstseinslage oder wirtschaftlicher Abschwung?

Um die Frage beantworten zu können, ob die von Hans Rosenberg als „Große De- pression 1873-1896“ bezeichnete Krise einen ernstzunehmenden Abschwung der Wirtschaft im deutschen Kaiserreich darstellte oder vielmehr „ein vorwiegend sor- genvoll und pessimistisch gestimmter, zu ständiger Klage neigender Wirtschafts- geist“1 war, muss zunächst die theoretische Grundlage dieser These definiert werden. Laut Karl Erich Born bildet die Theorie der langen Wellen der Konjunktur, die von Arthur Spiethoff, Nikolai Kondratieff und Josef Schumpeter entwickelt wurde, die theoretische Grundlage der These von der „Großen Depression“.2

Im Folgenden soll die Theorie der langen Wellen auf die Zeit der „Großen Depression“ angewandt werden und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkte diesbezüglich die wirtschaftliche Bedeutung der vermeintlichen Depression herausgestellt werden.

Anschließend sollen die Wirkungen der „Großen Depression“ auf Gesellschaft und Politik im Kaiserreich mit in die Analyse einbezogen werden und abschließend der Versuch einer Bewertung unternommen werden.

Rosenberg stützt seine These von der „Großen Depression“ auf die von Nikolai Kondratieff entwickelte Theorie der langen Konjunkturwellen. Die „Große De- pression“ wird von Rosenberg selbst auf den Zeitraum von 1873 bis 1896 festgelegt. Das Hauptmerkmal der langen Wellen ist das Wiederkehren wirtschaftlicher Auf- und Abschwünge in ungefähr gleichen Abständen. Die Länge der konjunkturellen Auf- und Abschwungsphasen wird unterschiedlich beurteilt. So ist die Dauer der Zyklen von Clément Juglar auf sieben bis elf Jahre beziffert worden, während Nikolai Kondratieff von Wellen mit einer Dauer von 40-50 Jahren mit einem halben Zyklus Auf- und einem halben Zyklus Abschwung ausging, und J. Kitchin für Großbritannien und die USA eine Dauer von 40 Monaten diagnostizierte.3 Es kann also festgehalten werden, dass über die Länge der Konjunkturwellen in der wissenschaftlichen Diskussion durchaus keine einheitliche Ansicht besteht. Ähnlich sieht es bei der Frage aus, ob es denn solche Wellen überhaupt gibt.

Es ist also festzustellen, dass Rosenbergs These sich auf eine Theorie stützt, die von zyklisch auftretenden Konjunkturwellen ausgeht. Diese Theorie kann unterschiedlich bewertet werden und stellt keine bewiesene Tatsache dar.

Rosenberg hat sich den Zeitraum von 1873 bis 1896 herausgegriffen und ihn zunächst als „Große Depression“ bezeichnet. Nun soll geprüft werden, ob diese Bezeichnung im wirtschaftlichen Sinne zutreffend ist und inwiefern die Auffassung geteilt werden kann, dass diese Periode die wesentlichen Merkmale einer wirtschaftlichen Depres- sion aufweist.

Friedrich-Wilhelm Henning definiert den Begriff Depression nach dem Wirtschaftswissenschaftler Woll als ein „Absinken des realen Volkseinkommens“4. Henning stellt sich die Frage, ob es neben dem Absinken der Börsenkurse auch eine „Große Depression“ im Sinne dieser Definition gegeben hat. Er kommt aufgrund der folgenden Statistik zu dem Schluss, dass es keine große Depression, sondern nur eine gesamtwirtschaftliche Stagnation von 1873 bis 1877 gab.

Die Statistik betrachtet die Entwicklung der Erwerbstätigenzahl und des realen Volkseinkommens von 1852 bis 1913. Interessant zur Prüfung der oben gestellten Frage ist vor allem die Zunahme des Volkseinkommens. Hier ist in der Periode von 1852-1872 eine Zunahme von 72%, für die Periode von 1873-1893 ein Anstieg von 58% und für den Zeitraum von 1893-1913 eine Zunahme von 68% festzustellen.5 Demnach ist für den von Rosenberg genannten Zeitraum zwar eine niedrigere Zunahme des Volkseinkommens als im Zeitraum davor und danach zu sehen, dennoch steigt das Volkseinkommen im langfristigen Durchschnitt von 1852 bis 1913.

[...]


1 Rosenberg, Hans, Große Depression und Bismarckreich. Wirtschaftsablauf und Politik in Mitteleuropa, Berlin 1967, S.29.

2 Vgl. Born, Karl Erich, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs (1867/71-1914) (Wissenschaftliche Paperbacks Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 21), Stuttgart 1985, S.108.

3 Vgl. Born, Karl Erich, Wirtschafts- und Sozialgeschichte,1985, S.108-109.

4 Henning, Friedrich-Wilhelm, Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands, Bd.2. Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert, Paderborn 1996, S.803.

5 Vgl. Henning, Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 1996, S. 805.

Details

Seiten
10
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638131919
ISBN (Buch)
9783640521418
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5224
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Große Depression Depression Kaiserreich Bismarck Konjunkturzyklen Hans Rosenberg Schumpeter Kondratieff 1873-1896 Wirtschaftskrise Konjunktur Abschwung Great Depression

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