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Die Kaperung der literarischen Faustfigur im Nationalsozialismus

Veranschaulicht am Beispiel von Ernst Kratzmanns "Faust"

Seminararbeit 2019 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ernst Kratzmann – nur ein Mitläufer?

3 Faust im Nationalsozialismus

4 Der Kratzmann’sche Faust – ein ideologisches Werk?
4.1 Schwerfälliger Lesestoff
4.2 Blut und Boden
4.3 Faust, der „Herrenmensch“
4.4 „Der römische Glaube ist tot!“

5 Fazit

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Faust – ein Name, der in deutschsprachigen Gefilden durchaus vielen Menschen bekannt sein dürfte, wenngleich die meisten wohl vorrangig den Faust Goethes damit assoziieren und den Doktor Faust vielleicht sogar als Erfindung des Weimarer Dichters ansehen. Der berühmte Deutsche basiert jedoch auf einer realen Person, die wiederum keineswegs dem 19. Jahrhundert entspringt, sondern viel eher der Zeit um 1480. Schon zu Lebzeiten schaffte es der historische Faust, Legenden um sich zu bilden und man munkelte beispielsweise darüber, dass er dem Teufel sein Seelenheil verkauft habe, um sein Dasein auf der Erde voll auskosten zu können.[1] Diese Mythen um die Faustfigur hielten von da an Einzug in die Literatur und wurden Bestandteil tausender Werke unterschiedlichster Kunstgattungen, deren Anzahl bis zum heutigen Tage noch immer stetig wächst.

Wenig verwunderlich also, dass die Faustfigur auch im Nationalsozialismus wieder für reichlich Gesprächsstoff sorgte, unter anderem deswegen, weil man Goethe mit seiner wohl erfolgreichsten Adaption des Fauststoffs nicht recht einzuschätzen wusste und sich daher zwei Lager mit Anhängerinnen beziehungsweise Anhängern und Gegnerinnen beziehungsweise Gegnern bildeten. Doch auch in der NS-Zeit selbst entstanden Werke, die sich mit dieser Thematik befassten, so auch das für diese Arbeit wesentliche mit dem Titel Faust. Ein Buch von deutschem Geist von Ernst Kratzmann. Der darin vorkommende – und ganz nach damaligen Vorstellungen sehr „arisch“ anmutende – Faust tritt als nahezu unbezwingbarer Held auf, der im 14. Jahrhundert von Abenteuer zu Abenteuer in einem mittelalterlichen deutschen Reich reist. Nach offiziellem Gutachten gilt der österreichische Autor als Minderbelasteter – was dies bedeutet, wird später noch erörtert werden – und sein Roman wurde als nicht ideologisch geprägt bewertet.[2] Diese Arbeit setzt es sich nun zum Ziel, zu untersuchen, ob dieses Urteil einer genaueren Untersuchung standhalten kann. Zu diesem Zweck wird daher zuerst ein Blick auf die Person des Autors geworfen und ein Überblick über die allgemeine Behandlung beziehungsweise die Kaperung der Faustfigur im Nationalsozialismus gegeben, um in weiterer Folge das Werk selbst auf Stellen mit „nationalsozialistischer Tendenz“ zu untersuchen.

2 Ernst Kratzmann – nur ein Mitläufer?

Ernst Kratzmann wurde am 8. Dezember 1889 im Budapest der ehemaligen k. u. k. Monarchie als Sohn eines Glasmalers, dessen künstlerische Neigungen den Sohn möglicherweise zu dessen Interesse für Kunst und die Schriftstellerei inspirierten, geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Kratzmann als Soldat teilnahm, wurde er Professor an einer Wiener Mittelschule und verarbeitete nebenbei seine Kriegserlebnisse auf schriftstellerische Weise in seinen Werken.[3] Nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland am 30. Januar 1933 ließ Ernst Kratzmann nicht lange auf sich warten und trat am 27. März 1933 in die Partei ein, weshalb er fast schon als Mann der ersten Stunde bezeichnet werden könnte. Im November selbigen Jahres beantragte der Autor bereits seine Aufnahme in den sogenannten „Reichsverband Deutscher Schriftsteller“ und fühlte sich somit allem Anschein nach der NS-Schriftstellerei zugehörig. Untermauert wird dies durch Taten Kratzmanns, wie etwa der Angabe „gottgläubig, früher evangelisch, arisch“[4] hinsichtlich seiner Religion im Aufnahmeantrag zu obigem „Reichsverbund“ oder der Aussage im beigefügten Lebenslauf, „von der liberal-jüdischen Literaturclique totgeschwiegen“[5] worden zu sein. Auch im Bekenntnisbuch österreichischer Dichter von 1938 war Kratzmann mit einem Ausschnitt aus seiner Dramenreihe Der deutsche Weg vertreten. Dieser Sammelband und die dazu beitragenden Schriftsteller wollten dadurch ihre angestrebte Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen Deutschland verdeutlichen und feierten so die „Heimkehr“ ins Deutsche Reich. Max Stebich, der 1965 von Österreich mit dem Staatspreis für Jugendliteratur geehrt wurde[6], schreibt dazu im Vorspruch des Bekenntnisbuchs:

Die führenden nationalen Dichter Österreichs schlossen sich im Dezember 1936 in der Zeit unerträglicher Verfolgungen und Verfemungen des deutschen Menschen ihres Heimatlandes zusammen zu einem Bund der deutschen Schriftsteller Österreichs. […] Das Ziel dieses Kampfes, den sie mit den makellosen Waffen des Geistes führten, war dasselbe Ziel, das sich alle aufrechten deutschen Dichter in vergangenen Jahrhunderten auf die Fahnen schrieben: ein einziges, freies, glückliches und ewiges Deutschland, ein Deutschland, das alle umfaßt, die desselben Blutes und derselben Sprache sind; ein Deutschland, dessen Herrlichkeit und Macht alle Länder Europas überstrahlt und überdauert […].[7]

Einen Beitrag zu einem solchen Buch und anderen, etwa dem „arischen“ Großwerk Dichterbuch. Deutscher Glaube, deutsches Sehnen und deutsches Fühlen in Österreich, zu liefern, lässt die Ansichten eines Autors schnell ersichtlich werden. Mit „unerträgliche[n] Verfolgungen und Verfemungen“ wird auf die Lage im österreichischen Ständestaat angespielt, in dem der NSDAP seit 19. Juni 1933 jegliche Betätigung verboten wurde. Dieser Umstand scheint auch auf Kratzmann aufgrund seines politischen Engagements Auswirkungen gehabt zu haben, da sein Roman Faust laut eigener Aussage „unter dem Schuschnigg-Regime 1936 polizeilich beschlagnahmt“[8] wurde.

Wäre Kratzmann erst später in die NSDAP eingetreten, als eine Mitgliedschaft oft darüber entschied, ob die eigene Karriere vorangetrieben werden konnte, ließe dies die Überlegung zu, ob es sich um reinen Opportunismus gehandelt haben könnte. Da der Autor jedoch von Anfang an dabei war und auch trotz Verbots sowie scheinbarer dadurch bedingter Nachteile seiner Partei im Ständestaat die Stange hielt, kann durchaus ein Urteil über die ideologischen Ansichten des Schriftstellers gefällt werden. Und auch der Kratzmann’sche Faust wird in diesem Kontext noch einmal interessant, da es seltsam erscheint, dass ausgerechnet dieses Werk verboten und sogar beschlagnahmt wurde. Antisemitismus war im austrofaschistischen Österreich vor dem „Anschluss“ offiziell verboten, da ihn die Christlichsoziale Partei als Hauptwerbemittel der mit ihr konkurrierenden NSDAP ansah. Dennoch war die Abneigung gegen das Judentum seit jeher heimisch in der deutschsprachigen Literatur, weshalb antisemitische Aussagen in Kratzmanns Roman mit hoher Wahrscheinlichkeit zu keinem Verbot geführt hätten, solange sie nicht zu extrem formuliert wurden. Gegen Schriften, welche die Ideologie des Nationalsozialismus vertraten, hatte die Regierung des Ständestaats jedoch durchaus etwas einzuwenden und ging meist mit strenger Zensur dagegen vor.[9] Es sei zudem erwähnt, dass der Adolf Luser Verlag, in dem Kratzmanns Roman erschien, ein Verlag war, bei dem das „Nahverhältnis zum Nationalsozialismus, zur (illegalen) NS-Bewegung in Österreich so klar auf der Hand [lag]“[10] wie bei kaum einem anderen im Ständestaat. Anhand der unten erfolgenden näheren Auseinandersetzung mit dem Inhalt von Kratzmanns Faust wird ersichtlich werden, warum er von der ständestaatlichen Regierung möglicherweise als zu ideologisch geprägt angesehen worden sein könnte.

Nichtsdestotrotz wurde Ernst Kratzmann nach seinem zweiten überstandenen Weltkrieg im Zuge der „Entnazifizierung“ als Minderbelasteter eingestuft, wie man die zahlreichen Mitläuferinnen und Mitläufer im Nationalsozialismus bezeichnete, die sich von den belasteten Personen dahingehend abgrenzten, dass sie keine prägnante Stellung in der NSDAP innehatten.[11] Trotz dieser milden Einstufung wurden Kratzmanns Werke von der „Zentralkommission zur Bekämpfung der NS-Literatur“ in Augenschein genommen, wobei der Lektor Dr. Obermayer resümierte, dass der Autor Texte verfasst habe, „die überhaupt keine nationalsozialistische Tendenz aufweisen und dann wieder solche, die absolut als Propaganda für die Ideen des Nationalsozialismus geschrieben wurden.“[12] Vor allem die Werke Die neue Erde, Die Götter und Faust scheinen letzterer Gattung zugehörig zu sein, da Frau Dr. Nagy in der Sitzung vom 10. März 1949 beantragte, eben diese auf die Verbotsliste zu setzen. Andere Mitglieder der Kommission sprachen sich dagegen aus und da Kratzmann als minderbelastet, ein nach dem Krieg sehr inflationär vergebenes Prädikat, eingestuft wurde, einigte man sich darauf, die genannten Werke stattdessen auf die Ablieferungsliste zu setzte, was einstimmig angenommen wurde.[13] Auf diese Ablieferungsliste kamen Werke, „welche zwar nationalsozialistisches Gedankengut enthalten, aber dieses nicht in propagandistischer Absicht darstellen und daher abzuliefern sind und eingezogen werden, ohne dass damit für den Autor weitere Straffolgen verbunden sind.“[14] Der österreichische Schriftsteller war somit aus dem Schneider, da sein literarisches Schaffen derartig bewertet wurde und ein auf die Verbotsliste gesetztes Werk, was den „echten Fanatikern“ vorbehalten blieb, zum Verlust des Status eines Minderbelasteten geführt hätte. Fraglich bleibt hierbei nun, was aus den oben von Dr. Obermayer erwähnten Texten, „die absolut als Propaganda für die Ideen des Nationalsozialismus“ zu sehen seien, geworden ist, denen sehr wohl ein Platz auf der Verbotsliste zustehen sollte. Stattdessen wurde Ernst Kratzmann posthum 1955 Namensgeber für eine Straße in Wien, die bis zum heutigen Tage nach ihm benannt ist.[15]

3 Faust im Nationalsozialismus

Die Faustfigur, speziell die Goethe’sche, wurde im Nationalsozialismus äußerst kontrovers behandelt. Bereits 1932 ließ Kurt Tucholsky einen fiktiven Jünger Hitlers ein Schreiben aufsetzen, in dem ein Verschwinden Goethes gefordert wird, da sich dieser samt seinem literarischen Schaffen nicht mit den völkischen Ansichten des Nationalsozialismus vereinbaren lasse.[16] Und so folgte Diskurs auf Diskurs, in denen sich braungesinnte Anhängerinnen beziehungsweise Anhänger und Gegnerinnen beziehungsweise Gegner des Weimarer Dichters darüber ereiferten, in welches Lager dieser einzuordnen sei und welche Ansichten sein Meisterwerk Faust widerspiegle. Die Person Goethes bekam hierbei immer wieder Kritik von völkischen Autoren ab, weil er ihrer Meinung nach zu viel Zurückhaltung in nationalen Belangen gezeigt sowie an „Überbildung“ gelitten und sich somit vom einfachen Volk entfremdet hätte.[17] Im nationalsozialistischen Deutschland wurde dem Intellekt, den man oft mit dem Judentum in Verbindung brachte, wenig Wohlwollen entgegengebracht, weshalb man sich daran störte, dass dieser von dem für das Land derartig wichtigen deutschen Schriftsteller in Form von Gesprächen und Briefen zur Schau gestellt wurde.

Schnell wurde klar, dass ein dermaßen weitverbreitetes Werk im Nationalsozialismus natürlich nicht einfach totgeschwiegen werden konnte, war es doch beispielsweise schon in Form des Tornister-Faust als eine neue Art Bibel treuer Begleiter der deutschen Soldaten an den zahlreichen Fronten des Ersten Weltkrieges.[18] Aus diesem Grund ging man dazu über, zu versuchen, Goethes Faust für die eigene Ideologie zu missbrauchen. Hitler selbst versucht etwa in Mein Kampf möglichst an die allgemeine Bildung anzuknüpfen und flechtet deshalb immer wieder Zitate aus geläufigen Werken großer deutscher Schriftsteller ein, um diese für die eigene Weltanschauung zu instrumentalisieren. Im folgenden Ausschnitt der Hitler’schen Hetzschrift findet beispielsweise ein sehr bekannter Ausspruch von Goethes Mephistopheles Verwendung, wodurch der Teufel mit dem Judentum assoziiert werden soll:

[...]


[1] Vgl. Marcus Conradt / Felix Huby: Die Geschichte vom Doktor Faust. München: Steinhausen Verlag 1980, S. 8.

[2] Vgl. Claudia Wagner: Die Zentralkommission zur Bekämpfung von NS-Literatur. Literaturreinigung auf Österreichisch. Ungedruckte Diplomarbeit, Wien 2005, S. 54f.

[3] Vgl. Leo Santifaller u.a. (Hg.): Österreichisches biographisches Lexikon 1815–1950. Biographien Knolz–Lan. Bd. 4, Graz / Köln: Verlag Hermann Böhlaus Nachf. 1969, S. 219f.

[4] Bundesarchiv Berlin: RK B 100. Zitiert nach: Peter Autengruber u. a.: Umstrittene Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch. Wien / Graz / Klagenfurt: Pichler Verlag 2014, S. 190.

[5] Ebd., S. 200f.

[6] Vgl. Konstantin Kaiser: »Ständestaat« und Antisemitismus in der Literatur. In: Gertrude Enderle-Burcel / Ilse Reiter-Zatloukal (Hg.): Antisemitismus in Österreich 1933–1938. Wien: Böhlau Verlag 2018, S. 424.

[7] Max Stebich: Vorspruch. In: Bund deutscher Schriftsteller Österreichs (Hg.): Bekenntnisbuch österreichischer Dichter. Wien: Krystall-Verlag 1938, S. 7.

[8] Vgl. Bundesarchiv Berlin: RK B 100. Zitiert nach: Rathkolb u. a. 2013, S. 201.

[9] Vgl. Sylvia Maderegger: Die Juden im österreichischen Ständestaat 1934-1938. Wien: Geyer Verlag 1973, S. 117.

[10] Murray Gordon Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918 - 1938. Bd. 2, Wien u. a.: Böhlau Verlag 1985. [online unter: verlagsgeschichte.murrayhall.com/?page_id=375#_ftn33, 10.08.2019]

[11] Vgl. Dieter Stiefel: Entnazifizierung in Österreich. Wien: Europaverlag 1981, S. 33.

[12] ÖNB Verwaltungsakten, Konvolut Zentralkommission zur Bekämpfung von NS-Literatur, Gutachten über E. Kratzmann. Zitiert nach: Wagner 2005, S. 54.

[13] Vgl. Wagner 2005, S. 54f.

[14] ÖNB Verwaltungsakten, Konvolut Zentralkommission zur Bekämpfung von NS-Literatur, Brief Bick an BMfU, 13. 8. 1948. Zitiert nach: Wagner 2005, S. 16.

[15] Vgl. Autengruber u. a. 2014, S. 190.

[16] Vgl. Thomas Zabka: Vom »deutschen Mythus« zum »Kriegshilfsdienst«: »Faust«-Aneignung im nationalsozialistischen Deutschland. In: Frank Möbus / Friederike Schmidt / Gerd Unverfehrt (Hg.): Faust. Annäherung an einen Mythos. Göttingen: Wallenstein Verlag 1995., S. 313.

[17] Vgl. ebd., S. 313.

[18] Vgl. Willi Jasper: Faust und die Deutschen. Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 1998, S. 166.

Details

Seiten
26
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346139436
ISBN (Buch)
9783346139443
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520968
Note
1
Schlagworte
Faust Deutsch Nationalsozialismus Antisemitismus Herrenmensch Ernst Kratzmann Goethe Literatur Propaganda Hitler

Autor

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Titel: Die Kaperung der literarischen Faustfigur im Nationalsozialismus