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Märchenstrukturen im Vergleich - nach der Theorie von Vladimir Propp

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Märchen und Märchenforschung

3. Der strukturalistische Ansatz nach Vladimir Propp
3.1 Abgrenzung
3.2 Die 31 Funktionen der handelnden Figuren
3.3 Zum Umgang mit Propps Theorie

4. Übertragbarkeit des Ansatzes auf andere Märchen
4.1 Inhaltliche Zusammenfassungen der Märchen „Der Teufel und seine Großmutter“ und „Däumeling“
4.2 Analysen der Märchen
4.3 Ergebnisse

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung stellt eine Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen dar. Zunächst werde ich kurz den Begriff „Märchen“ und deren Forschung erläutern, bevor ich den strukturalistischen Ansatz der Märchenforschung von Vladimir Propp vorstelle. Anschließend werde ich etwas zu dem Umgang mit dem strukturalistischen Ansatz von Propp aus der Sicht von Max Lüthi sagen. Abschließend werde ich die Übertragbarkeit des Ansatzes von Propp auf zwei nichtrussische Märchen untersuchen und erläutern.

2. Märchen und Märchenforschung

Märchen sind Erzählungen in kurzer, abgeschlossener Form und beinhalten oftmals imaginäre Handlungen, ebenso wie phantastische und wundersame Elemente, die sich eindeutig von der Realität unterscheiden. Sie sind weder räumlich noch zeitlich festgelegt.

Im Märchen vorkommende Personen sind Zauberer, Hexen, Feen, Gnome, Geister, Zwerge, Riesen, Drachen, sprechende Tiere, eingreifende Naturgewalten, verwunschene Menschen etc. Zumeist wird auf Figurenebene ein typisierender Kampf von Gut gegen Böse ausgetragen, wobei am tröstlichen Ende das Gute siegt. Hier zeigt sich der Symbolcharakter dieser Textart. So sind Märchen in enger Beziehung zur Fabel sowie zu Mischformen wie Novellen und Schwänken zu sehen und tragen genau wie diese häufig eine Lehre oder Lebensweisheit mit sich.

Märchen sind aus mündlicher Überlieferung entstanden, daraus folgt, dass die Art und Weise des Vortrags, die Gestik und Mimik, sowie der Charakter des Vortragenden mit seiner Kunst zur Improvisation von entscheidender Bedeutung für die Wirkung auf das Publikum ist.

Hinweise auf Formen märchenhafter Literatur finden sich in den Überlieferungen der meisten Hochkulturen, insbesondere bei den Ägyptern, den Babyloniern, den Griechen und den Römern. Erste Märchensammlungen veröffentlichten die Italiener Gianfrancesco Straparola (in den Jahren 1550 - 1553) und Giambattista Basile (1634 - 1636) sowie die Franzosen Antoine Galland (1704 - 1717) und Charles Perrault (1697). Die Veröffentlichung des Letzteren bildete auch die Grundlage für die in Deutschland (1812 - 1815) von den Brüdern Grimm publizierten ,,Kinder- und Hausmärchen", eine der heute bekanntesten Zusammenstellungen. (Encarta Enzyklopädie, 2000)

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Märchen verläuft in unterschiedliche Richtungen. Die Brüder Grimm beschäftigten sich ausführlich mit der Entstehung der Märchen, welche sie auf Mythen und Heldensagen zurückführten. Sie gehören zu den literaturwissenschaftlichen Märchenforschern. „Die psychologische Märchenforschung bemüht sich um die Aufdeckung der überindividuellen seelischen Vorgänge, die sich im Märchen spiegeln“(Lüthi, 1985, 106). Auch Carl Gustav Jung griff diesen Gedanken auf, versuchte aber so, tiefenpsychologische Einblicke in die Gefühlswelt des Menschen und das Unterbewusste zu bekommen. „Die eigentlichen Betreuer des Märchens sind weder die Literaturwissenschaftler noch die Psychologen, sondern die Volkskundler“(Ebenda, 108).

Weiterhin gibt es Untersuchungen zu Form und Stil von André Jolles oder zu Erscheinungsformen des Märchens von Max Lüthi. In der Einordnung und Formbestimmung sind zwei wesentliche Positionen zu unterscheiden. So teilte der Finne Antti Aarne Märchen nach ihren Inhalten ein, deren diverse Ausführungen und Varianten er entsprechend zuordnete. Demgegenüber formulierte der russische Märchenforscher Vladimir Propp 31 Funktionen von handelnden Personen in einem Märchen, die in nahezu jedem russischen Zaubermärchen wieder zu finden und für eine differenzierte Märchenforschung bestimmend seien.

3. Strukturalistische Märchenforschung nach Vladimir Propp

3.1 Eine Abgrenzung

Vladimir Propp wählt einen Ansatz zur Märchenforschung, in dem er Gesetzmäßigkeiten innerhalb verschiedener Märchen untersucht und bestimmt. Er macht die Gesetzmäßigkeiten an inhaltlichen Strukturen fest und definiert sie allgemein, um sie in anderen Märchen wieder finden zu können. Propp stützt seine Ergebnisse auf eine Sammlung russischer Zaubermärchen, welche von Alexander Afanasev zusammengestellt worden ist. In seiner 1928 entstandenen Studie, die in seinem 1969 erschienenen Werk ,,Morphologie des Märchens" neu veröffentlicht worden ist, beginnt Propp seine Ausführungen mit der Aussage, in der Märchenforschung seien in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts keine neuen Erkenntnisse zu verzeichnen gewesen. Es liege seiner Meinung nach nicht an dem zu untersuchenden Material, was zur Genüge vorhanden sei, vielmehr an den bisherigen Forschungsmethoden. Er bemängelt an der Märchenforschung, dass zwar Untersuchungen zu Regelmäßigkeiten stattgefunden hätten, Märchen jedoch nach bereits feststehenden Schemata gruppiert würden. Er ist der Ansicht, Einteilungen würden vollzogen, um Märchen besser unterscheiden zu können, anstatt diese aus den Märchen selbst zu entwickeln. Probleme bei der Ordnung von Märchen nach Obergruppen macht er durch den exemplarischen Vergleich von Tier- und Zaubermärchen deutlich. Trotz zahlreicher Unterschiede und Gemeinsamkeiten ließ sich in vielen Fällen keine eindeutige Kategorisierung vornehmen. Weiterhin verwirft er eine Klassifizierung von Märchen in ,,Sujets". Dieser vom spätlateinischen Begriff ,,Subiectum" abstammende Ausdruck, dem die Unterscheidung von Märchen anhand ihrer Protagonisten charakteristisch ist, führt nach Propps Ansicht zu keiner sinnvollen Lösung des Problems.

Propp würdigt in diesem Zusammenhang die Märchenklassifizierungen der so genannten finnischen Schule und greift die Theorie Antti Aarnes auf. Im Hinblick auf dessen Einteilung in Tiermärchen, eigentliche Märchen und Schwänke, fragt er jedoch nach den Kriterien, die eine solche exakte Unterscheidung möglich machen. An dieser Stelle formuliert Propp sein eigenes Ziel für seine Untersuchungen. Er will versuchen, im Laufe seiner Forschungen nachzuweisen, dass eine Untersuchung aufgrund einzelner Bestandteile die richtige Methode sei, ein Märchen zu analysieren. Es sollen Elemente herausgestellt werden, mit deren Hilfe auch interkulturelle Vergleiche möglich seien. Dazu sei eine Untersuchung des Systems, wie Märchen nun im Einzelnen aufgebaut sind, unumgänglich.

Die von ihm angesprochene morphologische Untersuchung führt Propp mit einer Gruppierung der Aktivitäten durch, die innerhalb eines Märchens von den verwendeten Figuren ausgeführt werden. Er spricht von Funktionen der handelnden Personen. Diese Funktionen sollen Aktionen beschreiben, die den Handlungszusammenhang maßgeblich bestimmen. Propp geht hierbei von vier Grundsätzen aus. So sind die Funktionen erstens unabhängig von der ausführenden Person,

zweitens in ihrer Anzahl begrenzt, drittens immer in derselben Reihenfolge (wobei einzelne Funktionen fehlen können) vorzufinden und viertens auf der Grundlage von Afanasevs Zaubermärchen formuliert worden. (vgl. Propp, 1972)

3.2 Die 31 Funktionen der handelnden Personen

Ich werde nun die von Propp definierten Funktionen der handelnden Personen kurz darstellen:

Ausgangssituation: Vorstellung der Beteiligten durch Nennung ihres Namens oder Beschreibung ihrer Lage.

1.)Ein Familienmitglied verlässt das Haus für eine Zeit. Gründe dafür sind Arbeit, Reise oder Krieg.
2.)Dem Helden wird ein Verbot erteilt. Alternativ: Vorschrift, Gebot. Oftmals Grundlage, bei deren Verletzung ein Unglück droht.
3.)Das Verbot wird verletzt. Folge: Gegenspieler des Märchenhelden tritt auf, Schaden wird verursacht.
4.)Der Gegenspieler versucht, Erkundigungen einzuziehen. Zweck: Nachforschungen über Personen und Gegenstände. Auch der Held kann den Feind ausfragen.
5.)Der Gegenspieler erhält Informationen über sein Opfer (sei es bewusst oder unbewusst).
6.)Der Gegenspieler versucht, sein Opfer zu überlisten, um sich seiner selbst oder seines Besitzes zu bemächtigen. Mittel: Verwandlung, Überredung, Zaubermittel, Betrug oder Gewalt.
7.)Das Opfer fällt auf das Betrugsmanöver herein und hilft damit unfreiwillig dem Gegenspieler. Verbote werden stets übertreten, betrügerische Angebote angenommen und ausgeführt.
Ende der Einleitung

8.)Der böse Gegenspieler fügt einem Familienmitglied einen Schaden zu. Mittel: Entführung, Raub, Hinterhalt, Diebstahl oder Körperverletzung, die als Diebstahl aufzufassen ist.
8a.)Einem Familienmitglied fehlt irgendetwas, es möchte irgendetwas haben. Verlangen nach einer Person, einem Zauber- oder Existenzmittel. Kein Einfluss auf die Struktur des Märchens.
9.)Ein Unglück oder der Wunsch, etwas zu besitzen werden verkündet, dem Helden wird eine Bitte bzw. ein Befehl übermittelt, man schickt ihn aus oder lässt ihn gehen. Held als Person, deren eigenes Schicksal beschrieben wird oder die das Schicksal anderer beeinflusst. Unterscheidung: ,,leidender Held" - ,,Sucher".
10.)Der Sucher ist bereit bzw. entschließt sich zur Gegenhandlung. Bereitschaft zur Tat wird beschrieben.
11.)Der Held verlässt das Haus. Sucher: absichtlicher Aufbruch, leidender Held: gezwungener Aufbruch

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638478564
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52048
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2
Schlagworte
Märchenstrukturen Vergleich Theorie Vladimir Propp Märchen Klassenzimmer

Autor

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Titel: Märchenstrukturen im Vergleich - nach der Theorie von Vladimir Propp