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Gibt es einen Zusammenhang zwischen Inhalt und formalem Aufbau in Georg Büchners Drama 'Woyzeck'?

Seminararbeit 2003 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe des gesamten Dramas

3. Der Fall Woyzeck – Die historische Vorlage

4. Formale Analyse der ersten beiden Szenen
4.1 Offenes – geschlossenes Drama
4.2 Haupttext – Nebentext
4.3 Handlungsart
4.4 Figurenrede
4.5 Personendarstellung
4.6 Handlungsdarstellung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Drama „Woyzeck“ von Georg Büchner. Untersucht werden die ersten beiden Szenen des Dramas auf ihre formalen Aspekte, wie Aufbau, Handlungsart, Figurenrede usw.

Doch zuvor möchte ich das gesamte Drama kurz zusammenfassen, um den Inhalt der ersten beiden Szenen zu verdeutlichen. Des Weiteren schildere ich kurz die Stoffgrundlage des Dramas, das auf einem wahren Fall basiert.

Außerdem versuche ich in dieser Hausarbeit eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb die einzelnen Szenen des „Woyzeck“ weder nummeriert, noch in Akte aufgeteilt sind. Spielt die Reihenfolge der Szenen in dem Drama etwa keine Rolle? Wenn ja, warum nicht? Inwieweit wird dies durch den Inhalt des Dramas bedingt?

2. Inhaltsangabe des gesamten Dramas

Der Soldat Woyzeck lebt zusammen mit seiner Geliebten Marie und ihrem gemeinsamen Kind. Woyzeck ist nicht verheiratet, möchte jedoch Marie zur Frau nehmen. Leider ist Woyzeck zu arm, um eine Hochzeit bezahlen zu können.

Woyzeck wird von seinen Vorgesetzten unterdrückt und ausgenutzt. Er wird von seinen Kameraden wenig verstanden, und von seiner Geliebten Marie mit dem Tambourmajor betrogen. Der Major verspottet und demütigt Woyzeck durch seine Handlung. Woyzeck wird außerdem von einem Doktor zu Experimenten benutzt indem er nur mit Erbsen ernährt wird. Für diese Versuche erhält Woyzeck etwas Geld, welches er aus Fürsorge seiner Geliebten und dem Kind zukommen lässt. Durch die einseitige Ernähung ist Woyzeck körperlich geschwächt und geistig verwirrt. Woyzeck verfällt des Öfteren in Wahnvorstellungen und hört Stimmen. Er erfährt von dem Betrug durch den Hauptmann, der sich einen Spaß daraus macht. Daraufhin kommt es zum Kampf zwischen ihm und dem Major, wobei Woyzeck unterliegt. In seiner Verzweiflung kauft er sich ein Messer und ersticht damit Marie, seine Geliebte, in der Nähe des Teiches, anstatt den Tambourmajor zu bestrafen. Nach der Bluttat stürzt er sich in das Getümmel im Wirtshaus, wobei er durch Blutspuren an seiner Kleidung auffällt.

Er läuft zurück zum Teich, um das Messer, die Tatwaffe, hineinzuwerfen. Woyzeck selbst kommt dabei ums Leben, er ertrinkt.

3. Der Fall Woyzeck – Die historische Vorlage

„Woyzeck“ hat ein historisches Vorbild und zwar einen Mörder aus Eifersucht. Zur Tatzeit war der 41 jährige Christian Woyzeck Diener, Soldat, Perückenmacher und Gelegenheitsarbeiter, der zuletzt so wenig Geld besaß, dass er im Freien kampieren musste.

Am Abend des 21. Juni 1821, gegen 21.30, stach er die 46 jährige Witwe eines Chirurgen namens Woost im Hauseingang ihrer Wohnung auf der Sandgasse zu Leipzig mit einer abgebrochenen Degenklinge nieder.

Die Witwe Woost war seine Geliebte. Dem Täter war es bekannt, dass sie noch mit anderen Männern, besonders mit Soldaten, Umgang pflegte. Für jenen Abend hatte sie ihm ein Rendezvous versprochen, war aber mit einem Anderen ausgegangen.

Woyzeck wurde von der Witwe Woost mehr und mehr zurückgewiesen und vernachlässigt. Sie weigerte sich, mit dem heruntergekommenen, abgerissen ausschauenden Mann, diesem Menschen ohne Arbeit und feste Stellung, öffentlich gesehen zu werden. So ließ sie ihn Missachtung und Zurückweisung fühlen. Dieser Umstand riss ihn zur Tat hin. Er wurde nach der Tat sofort ergriffen und abgeführt.

Gleich bei der Voruntersuchung tauchte die Vermutung auf, dass Woyzeck geistig nicht für normal genommen werden könne. Er neigte zu Unberechenbarkeiten. Woyzeck sagte aus, „Stimmen“ gehört zu haben, Stimmen die ihm befohlen hätten: „Stich zu! Stich zu!“ Nicht er also hätte getötet, sondern eine Macht außerhalb seines Bewusstseins und außerhalb seiner Gewissenszuständigkeit. Die Untersuchung des Gerichtsarztes fand jedoch keine Anzeichen geistiger Verwirrung. So wurde Woyzeck zum Tode durch das Schwert verurteilt.

Der Tag der Hinrichtung, der 13. November 1823, war festgesetzt, als beim Gericht ein Schreiben einlief, dessen Absender sich erbot, genaue Beweise dafür zu erbringen, dass Woyzecks Verstand zeitweise zerrüttet war. Nun wurde ein neues gerichtsmedizinisches Gutachten angefordert, die Hinrichtung verschoben. Der Sachverständige Hofrat, Dr. Clarus, kam aber zu keinem neuen Ergebnis. Woyzeck musste seine Strafe erleiden; er wurde am 27. August 1824 auf dem Marktplatz durch das Schwert öffentlich hingerichtet.

4. Formale Analyse der ersten zwei Szenen

4.1 Offenes – geschlossenes Drama

Das Drama beginnt mit einer Personenaufzählung, in der die Personen der Häufigkeit ihres Erscheinens nach aufgelistet sind.

Die erste Szene trägt nur die Überschrift „Beim Hauptmann“. Sie ist weder nummeriert noch als eine Szene des ersten Aktes eingeordnet. Die folgenden Szenen sind ebenfalls nur durch Überschriften gekennzeichnet. Es ist also offensichtlich, dass es sich bei diesem Drama um keine Fünfgliedrigkeit handelt. Fünfgliedrigkeit bedeutet, dass ein Drama in genau fünf Akten aufgebaut ist. Die einzelnen Szenen sind den fünf Akten zugeordnet. Jeder Akt hat eine bestimmte Funktion innerhalb des Dramas. Zum Beispiel die Exposition, die einen informierenden Charakter besitzt. Sie stellt die handelnden Personen vor und berichtet über eventuelle Geschehnisse, die vor Beginn des Dramas passiert sind, und für die weitere Handlung relevant sind. Dramen, die in der Fünfgliedrigkeit aufgebaut sind, nennt man geschlossene Dramen.

Da „Woyzeck“ eine solche Fünfgliedrigkeit nicht besitzt und die einzelnen Szenen nicht nummeriert sind, handelt es sich um ein offenes Drama.

Weitere Kennzeichen für die offene Form des Dramas ist zum einen der Schauplatzwechsel. Die erste Szene spielt in der Stadt in der Stube des Hauptmanns. Die zweite Szene spielt auf einem Feld, weit von der Stadt entfernt. Bei einem geschlossenen Drama wäre dieser Ortswechsel nicht möglich, denn es gibt die Einheit von Handlung, Ort und Zeit. Das bedeutet, dass nur eine Haupthandlung, an einem Ort, innerhalb eines Tages stattfindet. Diese Bestimmung wurde damals aus technischen Gründen getroffen. Später löste man sich jedoch etwas davon.

Ein weiteres Kennzeichen für die offene Form des Dramas besteht darin, dass „Woyzeck“ nicht nur über eine Haupthandlung verfügt, sondern auch über bedeutende Nebenhandlungen. Zum Beispiel dient Woyzeck dem Doktor als Versuchsobjekt. Die Wichtigkeit dieser Handlung kommt zum Ausdruck, indem sie den Inhalt von drei Szenen darstellt.

Auch spielt das Drama nicht an einem einzigen Tag. Es ist zwar keine exakte Zeitangabe vorhanden, dennoch ist es sicher, dass das Drama nicht an einem einzigen Tag spielen kann, denn Zeitangaben im Nebentext zu Beginn der Szenen, wie „Morgen“, „Sonnenuntergang“, „helle Dämmerung“, „Abend“ und „Vormittag“ bestätigen, dass es sich um mehrere Tage handelt.[1]

Trotz der vielen Merkmale des offenen Dramas, verfügt „Woyzeck“ über eine geregelte Personenverteilung. Es tauchen nie mehr als drei Personen gleichzeitig auf der Bühne bzw. in einer Szene auf. In der ersten Szene treten Woyzeck und der Hauptmann auf, in der zweiten Szene Woyzeck und Andres. Diese klare Übersicht ist eigentlich ein Kennzeichen des geschlossenen Dramas, sie wurde aber dennoch bei diesem offenen Drama angewandt.

[...]


[1] Bei den im folgenden Text kursiv gedruckten Passagen handelt es sich um Zitate aus dem Originaltext

Büchner, Georg, Woyzeck. Eine Tragödie, hrsg. v. Ernst Hardt.

Details

Seiten
11
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638478557
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v52047
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2
Schlagworte
Gibt Zusammenhang Inhalt Aufbau Georg Büchners Drama Woyzeck Einführung Literaturwissenschaft

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