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Die Persönlichkeit als Einflussfaktor auf Sprechangst im Fremdsprachenunterricht

Hausarbeit 2019 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theoretische Grundlagen
1.1 Sprachverwendungsangst
1.2 Die „Big Five“ der Persönlichkeitsfaktoren

2 Darstellung der Befragungsergebnisse
2.1 Ergebnis der mündlichen Befragung
2.2 Ergebnis der schriftlichen Befragung

3 Empfehlungen zur Reduzierung der Sprechangst im Fremdsprachenunterricht
3.1 Lernstil-Matching
3.2 Lernstil-Stretching

Schluss

Bibliografie

Anhang

Einleitung

Sprechangst oder Sprachverwendungsangst wird als ein typisches Phänomen im Fremdsprachenunterricht angesehen und kann die mündliche Kompetenz der Fremdsprachenlernenden negativ beeinflussen. Der Grund für die Entstehung der Sprachverwendungsangst könnte nicht nur in umweltbedingten Faktoren wie autoritären Unterrichtsatmosphären oder Prüfungssituationen, sondern auch in individuellen Faktoren wie Sprachkompetenz, Lernstil und Persönlichkeit der Lernenden liegen.

Persönlichkeitsfaktoren spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Zweit- und Fremdsprachenerwerb und können unterschiedliche Auswirkungen für einzelne sprachliche Fertigkeiten und Erwerbsbereiche haben. Somit liegt das Hautaugenmerk der Arbeit darauf, welche Persönlichkeitsfaktoren zur Sprechangst im Fremdsprachenunterricht führen können und welche fremdsprachunterrichtspraktischen Empfehlungen zur Reduzierung der Sprechangst gemacht werden können. Um die Zielsetzung der Arbeit zu erreichen, wurden ein gemeinsames Gespräch und eine schriftliche Befragung unter elf chinesischen Studierenden aus dem Master-Studiengang Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Kassel durchgeführt.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Kapitel. Im ersten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen in Bezug auf die Begriffe der „Sprachverwendungsangst“ und der „Big Five“ der Persönlichkeitsfaktoren erläutert. Zudem wird eine Hypothese über den Zusammenhang zwischen Sprachverwendungsangst und den Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren von deren Begrifflichkeiten abgeleitet. Im zweiten Kapitel werden die Ergebnisse des gemeinsamen Interviews und der schriftlichen Befragung dargestellt, damit die aufgestellte Hypothese überprüft werden kann. Im letzten Kapitel werden die konkreten Empfehlungen und Maßnahmen vorgestellt, die sich gezielt gegen die Verringerung der Sprechangst im Fremdsprachenunterricht richten.

1 Theoretische Grundlagen

Um die Begrifflichkeit der „Sprachverwendungsangst“ zu klären, soll zunächst ihr allgemeiner Oberbegriff „Angst“ ermittelt werden. In diesem Kapitel werden vor allem die Definitionen von „Angst“ und „Sprachverwendungsangst“ verdeutlicht. Darüber hinaus wird das Big Five Modell der Persönlichkeit auch im Folgenden beschrieben, da dieses Modell die Persönlichkeitspsychologie in den letzten dreißig Jahren stark beeinflusst hat und als Referenzmodell unter den Persönlichkeitsmodellen fungiert (vgl. Lang 2009: 32). Des Weiteren wird zum Schluss dieses Kapitels anhand der theoretischen Grundlagen analysiert, welche Persönlichkeitsfaktoren von den Big Five die Sprechangst im Fremdsprachenunterricht verursachen könnten.

1.1 Sprachverwendungsangst

Angst ist einer der affektiven Faktoren, die einen großen Einfluss auf zweit- und fremdsprachliche Erwerbsprozesse ausüben können. Spielberger (1972: 482) definiert Angst als „an unpleasant emotional state or condition which is characterized by subjective feelings of tension, apprehension, nervousness, and worry”. In betreffenden, empirischen Forschungen werden häufig drei Typen von Angst klassifiziert, und zwar

(1) Angst als Disposition einer Person, zu Ängstlichkeit zu neigen (trait anxiety),
(2) Angst als momentaner Zustand in einer Situation (state anxiety),
(3) Angst als Reaktion auf eine spezifische Situation (situation specific anxiety) (Rost- Roth 2010: 879).

Sprechangst im Fremdsprachenunterricht oder Sprachverwendungsangst zählt zur situationsspezifischen Angst, da die Angst in diesem Kontext nur mit dem Fremdsprachenlernen assoziiert wird.

Fremdsprachverwendungsangst (Foreign Language Anxiety) wird von Horwitz, Horwitz und Cope (1986: 128) als „a complex and multidimensional phenomenon of self-perceptions, beliefs, feelings and behaviors related to foreign language learning” definiert. Die Untersuchungen von Horwitz et al. ergaben, dass sich Angst beim Zweit- oder Fremdsprachenerwerb in drei Aspekten zeigen kann: (1) die Kommunikationsbereitschaft betreffende Angst, (2) Angst vor Prüfungssituationen im Fremdsprachenunterricht, (3) Angst vor negativer Bewertung (vgl. ebd.: 127). Viele Untersuchungsergebnisse (u. a. Skehan 1989) deuten darauf hin, dass sich Ängstlichkeit beim Zweit- oder Fremdsprachenerwerb sowohl hemmend als auch fördernd auswirken kann. Allerdings könnte Angst vor der Sprachverwendung zu Sprechhemmungen führen, so dass die Sprechfertigkeit der Lernenden nicht verbessert werden kann.

Bei der auf die Fremdsprachverwendung bezogenen Ängstlichkeit spielt Persönlichkeit der Lernenden eine nicht unwesentliche Rolle. Im nachfolgenden Kapitel sollen die „Big Five“ der Persönlichkeitsfaktoren sowie deren Beziehung mit der Sprechangst im Fremdsprachenunterricht konkret geklärt werden.

1.2 Die „Big Five“ der Persönlichkeitsfaktoren

Dank des psycho-lexikalischen Ansatzes und des Fragebogenansatzes nimmt das Big Five Modell ab den späten 80er Jahren eine bedeutende Stellung unter der Vielzahl der Persönlichkeitstheorien ein (vgl. Lang 2009: 31f). Bei diesem Modell geht es darum, dass fünf unabhängige Hauptdimensionen von Persönlichkeitsfaktoren existieren, nämlich Offenheit für Erfahrungen (openness to experience), Gewissenhaftigkeit (conscientiousness), Extraversion (extraversion), Verträglichkeit (agreeableness) und Neurotizismus (neuroticism). Im Englischen wird das Fünf- Faktoren-Modell als Anagramm „OCEAN“ der Persönlichkeitsdimensionen bezeichnet. Laut Lang (ebd.: 33) wurde diese Taxonomie „nie als umfassende Theorie zur Persönlichkeit konzipiert, sondern rein als Strukturmodell zur Ordnung und Strukturierung von Persönlichkeitseigenschaften“. Das heißt, dass das Modell keine Theorie darstellt, sondern ein potentiell allgemeingültiges Phänomen der Eigenschaften beschreibt. Im Folgenden wird jeder einzelne Faktor der Big Five vorgestellt.

Offenheit für Erfahrungen

Offenheit beschreibt Verhaltensweisen gegenüber neuen und ungewöhnlichen Erfahrungen. Personen mit hoher Offenheit haben Interesse an neuen Erlebnissen, sind phantasievoll und suchen oft Abwechslung, während Personen mit niedriger Offenheit eher konservativ und konventionell eingestellt sind. Sie haben eingeschränkte Interessenbereiche und bevorzugen das Bekannte. Untermerkmale dieses Faktors sind z. B. Phantasie, Ästhetik, Ideen und Werte (vgl. ebd.: 39). Gewissenhaftigkeit

Gewissenhaftigkeit

Gewissenhaftigkeit beinhaltet Selbstkontrolle, Gründlichkeit und Beständigkeit des Verhaltens eines Menschen. Besonders gewissenhafte Personen sind zielstrebig, gut organisiert und ordentlich. Sie planen genau und führen ihre Pläne rechtzeitig aus. Weniger gewissenhafte Personen handeln spontan und verhalten sich eher nachlässig und inkonsequent. Untermerkmale dieses Faktors sind beispielsweise Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin und Leistungsstreben (vgl. ebd.: 38).

Extraversion

Extraversion bezieht sich auf zwischenmenschliches Verhalten und „die Tendenz, mit Vertrauen und Enthusiasmus Kontakt zur Umwelt zu suchen und Erfahrungen positiv auszuleben“ (ebd.: 37). Extrovertierte Personen sind gesellig, gesprächig, freundlich und fühlen sich wohl unter Menschen. Im Gegensatz dazu sind introvertierte Personen im sozialen Kontakt eher zurückhaltend, ruhig und bevorzugen es, allein zu sein. Untermerkmale dieses Faktors sind z. B. Herzlichkeit, Geselligkeit, Frohsinn und Erlebnishunger (vgl. ebd.).

Verträglichkeit

Ähnlich wie Extraversion beschreibt Verträglichkeit auch das zwischenmenschliche Verhalten, jedoch steht hier die Qualität der Beziehung im Mittelpunkt. Es geht darum, wie kompromissbereit eine Person ist. Eine hohe Ausprägung in diesem Bereich bedeutet, dass eine Person hilfsbereit, entgegenkommend und mitfühlend ist. Bei Auseinandersetzungen oder in Konflikten gibt sie eher nach. Mit einer niedrigen Ausprägung in diesem Bereich verhält sich eine Person egozentrisch, misstrauisch und wettbewerbsorientiert. Sie zeigt wenig kooperatives Verhalten und kämpft für ihre Ideen. Untermerkmale dieses Faktors sind beispielsweise Vertrauen, Bescheidenheit und Freimütigkeit (vgl. ebd.: 38).

Neurotizismus

Dieser Faktor beschreibt, wie stark eine Person emotional ist und wie sie mit negativen Erlebnissen umgeht. Personen, die von Neurotizismus ausgeprägt werden, fühlen sich häufig unsicher, stressig und ängstlich in vielen Situationen. Sie sind generell empfindlicher und ihre negativen Gefühle bleiben länger. Im Vergleich dazu sind Personen mit niedrigen Werten in Neurotizismus emotional stabil, ausgeglichen und lassen sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Untermerkmale dieses Faktors sind z. B. Ängstlichkeit, Impulsivität und Verletzlichkeit (vgl. ebd.).

Anhand der theoretischen Beschreibungen der Big-Five-Faktoren lässt sich eine Hypothese aufstellen, dass die folgenden vier Merkmale der Big-Five-Faktoren zur Sprechangst im Fremdsprachenunterricht führen können: wenig Offenheit für Erfahrungen, große Gewissenhaftigkeit, Introversion und hoher Neurotizismus. Die Gründe dafür sind folgendermaßen zu erklären.

Lernende, die wenig Offenheit für neue Erfahrungen besitzen, ziehen das Bewährte und das Bekannte dem Neuen vor. Sie lehnen Abenteuer ab und tendieren dazu, in ihrer Komfortzone zu bleiben. Das bedeutet, wenn sich weniger offene Lernende an frontalen Unterricht oder Einzelarbeit gewöhnt haben, könnte bei ihnen Angst vor kommunikativen Situationen im Unterricht auftreten.

Außerdem könnten gewissenhafte und bedachtsame Lernende Barrieren haben, im Fremdsprachenunterricht aktiv zu Wort zu kommen. Stellt die Lehrkraft eine Frage, werden spontane Meldungen von Lernenden in kurzer Zeit erwartet. Nach der Monitor-Hypothese von Krashen (1979, 1981) konzentrieren sich die Lernenden vor dem Sprechen auf die sprachliche Form und müssen ausreichende Zeit haben, ihre Sprachproduktion zu überwachen und zu kontrollieren, was der Besonderheit von gewissenhaften Personen entspricht. Deswegen könnten die Lernenden mit großer Gewissenhaftigkeit unter Zeitdruck Zögern und Angst vor der Verbalisierung ihrer Gedanken in der Zielsprache erzeugen.

Darüber hinaus könnten introvertierte Lernende auch Sprachverwendungsangst im Unterricht haben. Wegen der Zurückhaltung und Schüchternheit neigt dieser Lerntyp dazu, unabhängig von anderen zu arbeiten, und kann durch Einzelarbeit effektiver lernen als durch Gruppenarbeit. Allerdings könnte Introversion eine Fossilisierung der Interlanguage von Lernenden hervorrufen, wenn sie im Fremdsprachenunterricht immer schweigen.

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Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346110619
ISBN (Buch)
9783346110626
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520334
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,30
Schlagworte
Sprechangst Sprechangst im Fremdsprachenunterricht

Autor

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Titel: Die Persönlichkeit als Einflussfaktor auf Sprechangst im Fremdsprachenunterricht