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Lohensteins Cleopatra und Gryphius' Catharina - Politisch agierende Frauen in barocken Dramen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. 1 Frauenbilder in der Literatur
II. 2 Cleopatra
II. 3 Catharina von Georgien

III. Schlussbetrachtung

IV. Bibliographische Angaben

I. Einführung

„Ein Fürst stirbt muttig// der sein Reich nicht überlebt.“

Cleopatra, Fünfte Abhandlung, Vers 70

Daniel Casper von Lohensteins Cleopatra bringt mit dieser Aussage eine Überzeugung zum Ausdruck, die sie mit den wenigsten ihrer Geschlechtsgenossinnen des barocken Deutschlands gemein haben dürfte. Anders als diese steht Cleopatra mitten im politischen Leben. Sie ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern agiert und intregiert aktiv. Darüber hinaus verhilft sie ihren „Geheimsten“[1], Iras und Charmium, zu einer aufgeklärten politischen Sicht, indem sie ihnen sowohl ihre als auch die Pläne Augustus offen legt. Cleopatra als politisch agierende, in der Öffentlichkeit stehende Frau steht im Gegensatz zum Frauen- und Rollenbild der damaligen Zeit. Dass sie aber nicht die einzige Frau sein darf, die in den Dramen des deutschen Barock eine solch tragende Rolle einnimmt, zeigt die zeitgenössische Literatur.

Wirft man einen Blick in die barocken Dramen, so stellt man fest, dass neben Daniel Casper von Lohensteins Cleopatra Andreas Gryphius’ Catharina von Georgien aktiv in das politische Geschehen ihrer Zeit eingreift. Charakteristisch für beide Frauengestalten sind der orientalisch, teilweise sogar exotisch anmutende Ort des Geschehens sowie die Verstrickung des persönlichen in das politische Schicksal des Landes. Beide sterben aus einer Überzeugung heraus; bei näherem Hinsehen lässt sich ein entscheidender Unterschied herauskristallisieren: Während Catharina für ihre Überzeugung, für ihr Land und, in letzter Konsequenz, für ihren Glauben stirbt, entscheidet Cleopatra sich für den Freitod und damit auch für den Untergang ihres eigenen Volkes, weil sie bis zuletzt „Meisterin ihres Tuns“ sein will.

In der folgenden Arbeit sollen in einem ersten Schritt verschiedene Frauenbilder in der Literatur vorgestellt werden. Ein zweiter und dritter Schritt beschäftigt sich mit den Sterbemomenten von Cleopatra und Catharina. Im Mittelpunkt dieser Abschnitte soll über eine Charakterisierung hinaus die Frage stehen, welchem „Typ Frau“ beide entsprechen. Abschließend wird der skizzenhafte Versuch unternommen, zu klären, was das von Lohenstein und Gryphius gezeichnete Frauenbild über ihr Verständnis der morgenländischen Kultur aussagen kann.

II. 1 Frauenbilder in der Literatur

Elida Maria Szarota hat den weiblichen Bühnenfiguren des 17. Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit geschenkt[2]. Sie geht dabei sehr systematisch vor und unterteilt das frauliche Leben in einen privaten und einen öffentlichen Bereich. Im Privaten tummeln sich Frauenrollennamen wie „die Geliebte“, „die Gattin“, „die Schwester“ und natürlich „die Mutter“. Für die vorliegende Arbeit ist es jedoch von Interesse, die Frau im öffentlichen Leben zu beleuchten. Szarota sieht in diesem Feld im wesentlichen drei Hauptbereiche, die Frau im Beruf, im Widerstand gegen die Obrigkeit und zwischen Machtverlangen und Machtverzicht. Wir beschränken uns im Folgenden auf eine Beleuchtung der beiden zuletzt genannten Bereiche.

Der Tyrannenmord als solcher spielte in ganz Europa eine zentrale Rolle[3]. Bei Frauen, die Widerstand gegen eine Obrigkeit leisten, „diagnostiziert“ Szarota Hass, „und wo Hass ist, ist schon der Keim zum Mord und zur Vernichtung[4] “ vorhanden. Was bewegt eine Frau dazu, den eigenen Hass in einem Mord gipfeln zu lassen und welche Konsequenzen kann das für den Charakter der Frau haben? Die Beurteilung solcher Fragen fällt schwer, in den meisten Fällen ist es uns als Literaturrezipienten möglich, in die Motivationslage und das Gefühlsleben der Handelnden Einblick zu nehmen. Wir entwickeln Verständnis für ihr Tun, teilen möglicherweise ihren Hass. Doch verurteilt man auf der anderen Seite, so verständlich es auch immer sein mag, gewalttätiges Verhalten. Denn es gibt auch andere Arten, sich gegen Obrigkeiten aufzulehnen.

Fest steht, dass Frauen, die in die Rolle der Rebellin schlüpfen, einen schweren Stand haben und viel Kraft brauchen, um ihr Vorhaben auf die eine oder andere Art zu realisieren.

Frauen zwischen Machtverlangen und Machtverzicht durchleben eine ganz andere Art der persönlichen Hölle. Im Gegensatz zu denen, die sich gegen eine bereits bestehende Obrigkeit durchsetzen, verkörpern diese schon jene Obrigkeit. Ihr Dilemma besteht oft in einer Entscheidung zwischen Macht teilen oder Macht besitzen. Shakespeares Lady Macbeth ist eindeutig diesem Typ Frau zuzuordnen[5]. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass dieser Frauentyp nur das kurzfristige Ziel vor Augen hat, ohne die weitreichenden Konsequenzen abzuschätzen.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die Frauengestalten Cleopatra und Catharina beleuchtet und auf ihre Zugehörigkeit zu einem der beschriebenen Frauentypen hin überprüft.

II. 2 Cleopatra

„Wer sich auf’s Zepters Glas/ des Thrones Grund-Eiß stützt;

Der komm’ und lern’ allhier/ wi der so schwanckend sitzt/

Der auf dem Gipffel steht.“

Cleopatra, Fünfte Abhandlung, Vers 5-7

Wir hören Cleopatra kurz vor der Stunde ihres Todes. Nachdem Augustus die Nachricht von Antonius’ Tod erreicht hat, eilt er mit dem Plan zu Cleopatra, sie durch Liebesvortäuschung nach Rom zu bringen. Was er nicht ahnt – Cleopatra verfolgt denselben Plan. Laut Uwe-Karsten Ketelsen stehen sich hier zwei Gegner gegenüber, die sich auf demselben Felde bewegen, nämlich auf dem der Staatsklugheit.[6] Doch hält Augustus geschichtlich gesehen alle Trümpfe in der Hand, Cleopatra versucht es mit einem Mittel, das schon vorher zweimal erfolgreich funktioniert hat: sie setzt ihre Schönheit ein und versucht, den römischen Kaiser zu becircen. „Beide reizen die Libido des Gegenspielers, beide gehen auf die Finten des anderen ein, und beide scheitern an der Klugheit des anderen.“[7] Wie klug und politisch geschickt Cleopatra agiert, zeigt sich in ihrer Reaktion: sie erkennt die Absichten Augustus und benutzt dessen Gier, sie nach Rom zu bringen. Sie bittet darum, Antonius seines Amtes würdig beerdigen zu dürfen. Eingelullt vom scheinbar in greifbare Nähe gerückten Triumph willigt Augustus ein.

Die fünfte Abhandlung beginnt mit einem Monolog Cleopatras. Sie hat sich mit ihren Geheimsten Iras und Charmium in die königliche Gruft zurückgezogen und bereitet Antonius wie versprochen tatsächlich ein würdiges Begräbnis. Sein Leib wird mit „Mirrhen// Aloe// geschärften Kräuter-Wein“ (V, 18) einbalsamiert, um ihn vor Verwesung und Würmern zu schützen, sein Körper wird prächtig geschmückt, ewig-brennendes Öl erhellt den Raum – und nun erfährt der Leser auch von Cleopatras List: „Cleopatra sol itzt noch einmal durch den Tod/ Sich dem Anton vermähln“. (V, 33/34) Angesichts der drohenden Einnahme Ägyptens durch die Römer entschließt Cleopatra sich für den Freitod. Ihre Geheimsten können die Entscheidung nicht verstehen, selbst Charmium, die in die List Cleopatras Antonius betreffend eingeweiht war, beklagt, ein aus Verzweiflung gewählter Freitod zieme einem Sklaven, nicht aber einer Königin. Und noch etwas bemerken Iras und Charmium: „Das gantze Schiff versinckt mit einem Steuer-Mann// Das grosse Reich durch Si“. (V, 46/47) Dass Cleopatra ihr ganzes Volk zuerst der Führerlosigkeit und dem wahrscheinlich anschließenden Untergang preisgibt, ist typisch für ihren egozentrischen Charakter. Zwar betont sie, es sei „ein täglich Todt// kein grimmer Ach auf Erden// Als wenn// der// der geherrscht sol andern dinstbar/ werden“ (V, 71/72), doch bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass sie nicht ganz so aufoperungsvoll den Tod wählt, wie sie ihren Geheimsten gegenüber vorgibt.

Betrachtet man Cleopatras Lage, lassen sich drei Handlungsmöglichkeiten feststellen: sie könnte entweder Augustus’ Willen nachgeben und geschlagen nach Rom ziehen, oder Augustus eine klare Absage erteilen und ihn somit zu ihrem Feind machen, was früher oder später ebenfalls auf den Untergang Ägyptens hinauslaufen würde, oder aber den Freitod wählen. Cleopatra wählt zwischen Sklaverei und Freiheit, auch für ihr Volk. Einer ähnlichen Entscheidung sah Antonius sich zu Anfang des Dramas gegenübergestellt. Und während er sich für den Weg der Freiheit entschied, auch auf die Gefahr hin, sein Volk und sein Land zu verlieren, geht Cleopatra den Weg des geringsten Widerstandes: sie entzieht sich durch ihren Freitod der Verantwortung.

Eine solche Einschätzung Cleopatras passt zu dem politischen Kalkül, das sie an den Tag legt. Auch wenn sie jetzt in augenscheinlicher Verzweiflung handelt, hat sie doch zuvor sehr wohl und durchdacht geplant, Antonius in den Selbstmord zu treiben. Ihre List zielte dabei ganz auf Antonius’ mangelnde Affektkontrolle ab, eine Schwäche, die sich ihr wahrlich nicht vorwerfen lässt. Denn auch im Moment ihrer Niederlage reagiert sie abwägend und nüchtern, schafft es sogar unter Aufrechterhaltung des Machtspiels zwischen ihr und Augustus, diesen ein letztes Mal hereinzulegen und Zeit herauszuschlagen: „Wir wünschen eh den Geist als seine Gunst zu missen// Doch laß’ uns nur August noch dieser Hold genüssen; / Daß: da der Wegzug nich kann hintertriben sein// Uns// die wir allen Heisch des Keisers gehen ein// Vor frey-steh den Anton Egiptisch zu begraben“. (V, 505-509)

Und auch angesichts ihres Todes bleibt sie gelassen. Iras und Charmium versuchen verzweifelt, sie von ihrem Entschluss abzubringen. Cleopatra nutzt die Chance und entdeckt ihnen Augustus Absichten: „Er ist nun auch bedacht// Nach Rom ins Sigs-Gepräng zum Schau-Spiel uns/ zuführen“. (V, 66/67). Auf die wiederholten Ausrufe der beiden hin, gibt Cleopatra sogar noch Verhaltensregeln an die Hand – „gebt auf di Thaten acht// Ob er als unser Feind und Schutzherr hier gebahre?“ (V, 74/75) – und erklärt die Situation. Das Erstaunliche an ihren Einschätzungen ist die Sachlichkeit, mit der sie die Gegebenheiten erfasst. Sie stellt fest, dass Augustus sie als Gefangene mit nach Rom nehmen will, sie verurteilt ihn nicht dafür, tatsächlich geht sie noch einen Schritt weiter und offenbart ihren Vertrauten ihre eigene Schuld: „Zu dem ist unsre Schuld geringer als die Pein? / Wir schenckten dem Anton nicht süß’re Wermuth ein.“ (V, 121/122) Ganz logisch schlussfolgert sie daraus, dass es nun an ihr ist, dass Gift zu trinken und dem Konflikt ein Ende zu bereiten, denn es „ist nicht zu vermeiden// Was di Geburts-Gestirn und Götter uns bescheiden.“(V, 119/120) Cleopatra ist ohne Zweifel eine Frau des öffentlichen Lebens. Lohenstein zeichnet ihren Charakter als den einer Königin, die Macht hat und sich nicht scheut, diese zu benutzen. Im Verlauf des Dramas wird sie in mehren Rollen gezeigt, tritt neben der „Königin“ noch als „Mutter“ und „Geliebte“ auf. Allerdings sind die Rollen ihres privaten Lebens nicht sehr differenziert beschrieben. Den größten Teil ihrer Bühnenpräsenz verbringt sie als „Königin“. Als solche lehnt sie sich gegen die Obrigkeit des römischen Kaisers auf. Im gleichen Maße wie sie diesem Frauentyp entspricht, lassen sich ebenfalls Elemente ihres Charakters der Frau zwischen Machtverlangen und Machtverzicht zuordnen. Hätte sie die Wahl, würde sie ihre Macht vergrößern. Da diese Option in ihrer Situation nicht gegeben ist, gibt es für sie nur eine logische Konsequenz – Machterhalt durch Freitod!

[...]


[1] von Lohenstein, Daniel Casper: Cleopatra. Trauerspiel. 1661, S. 9 (im Folgenden werden Angaben aus Lohensteins Cleopatra im Fließtext in einer runden Klammer durch eine römische Zahl für die Abhandlung und eine Verszahl gekennzeichnet)

[2] vgl. Szarota, 1987

[3] vgl. Szarota, 1987, S. 215

[4] Szarota, 1987, S. 215

[5] vgl. Szarota, 1987, S. 220

[6] vgl. Ketelsen 2000, S. 129

[7] Ketelsen 2000, S. 129

Details

Seiten
13
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638478144
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51995
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Deutsche Philologie II
Note
2,0
Schlagworte
Lohensteins Cleopatra Gryphius Catharina Politisch Frauen Dramen Morgenland Arabisches Literatur

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