Lade Inhalt...

Basel II und Risiko: Eine bilanzielle Betrachtung am Beispiel des Forderungsmanagements

Seminararbeit 2002 33 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zum Zusammenhang von Basel II und Forderungsmanagement
1.2 Gang der Untersuchung
1.3 Definitionen
1.3.1 Mittelstand
1.4 Forderungsmanagement
1.5 Besonderheiten bei der Finanzierung mittelständischer Unternehmen

2 Forderungsmanagement in Theorie und Praxis
2.1 Allgemeine und spezifische Risiken des Lieferantenkredites
2.2 Die Praxis des Forderungsmanagements in mittelständischen Betrieben
2.2.1 Kreditmanagement
2.2.2 Forderungsbearbeitung
2.3 Schlußfolgerung

3 Finanzierungsalternativen zum Lieferantenkredit
3.1 Alternativen mit Eigenkapitalcharakter
3.1.1 Beteiligungsfinanzierung
3.1.2 Börsengang
3.2 Alternativen mit Fremdkapitalcharakter
3.2.1 Leasing
3.2.2 Factoring
3.3 Mezzanine-Finanzierung
3.4 Asset Backed Securities (ABS)
3.5 Schlußfolgerung

4 Basel II als Chance für eine Renaissance des Mittelstandes
4.1 Bilanzielle Betrachtung
4.2 Notwendigkeit von Planung, Dokumentation und Transparenz
4.3 Ausnahmeregelungen von Basel II für den Mittelstand
4.4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Literatur
5.2 Periodika

1 Einleitung

1.1 Zum Zusammenhang von Basel II und Forderungsmanagement

Der neue Akkord des Baseler Bankenausschusses (Basel II) baut auf drei Säulen auf: „Säule eins beinhaltet die modifizierten Regeln für die Eigenkapitalanforderungen der Kreditinstitute bei der Kreditvergabe, Säule zwei regelt das nationale aufsichtliche Überprüfungsverfahren, das heißt die Individualisierung der Bankenaufsicht. Säule drei birgt die Förderung der Marktdisziplin, das heißt die Erweiterung der Offenlegungspflichten.“[1]

Für Unternehmen ist die erste Säule von zentraler Bedeutung. Nach den bislang geltenden Regeln von Basel I müssen Banken ihre Kredite mit 8 % Eigenkapital unterlegen – jedoch unabhängig von der Bonität des Kreditnehmers. Basel II wird dies ändern. Mittels einer Beurteilung der spezifischen Bonität eines Unternehmens (Rating) wird in Zukunft die Eigenkapitalunterlegung dem systematischen Risiko des Kreditnehmers angepaßt, d.h. es wird zu einem spread der Kreditkonditionen gemäß den Risikoklassen, ausgedrückt durch Ratingstufen, kommen.

Eine häufig geäußerte Befürchtung ist nun, daß insbesondere mittelständische Unternehmen bei diesem Ratingprozeß schlecht abschneiden werden und es somit zu einer Verteuerung oder gar einer Nichtbewilligung ihrer Bankkredite aufgrund ihres höheren Risikos kommen könnte. Zudem seien viele Unternehmen nicht in der Lage, die hohen Kosten für ein externes Rating zu tragen. Daher könnten Unternehmen in nächster Zeit verstärkt auf alternative Finanzierungsinstrumente, insbesondere Lieferantenkredite, ausweichen.

Würde dies tatsächlich so eintreten, bedeutet dies folgendes: Der Vergeber eines Lieferantenkredits (Verkäufer) muß genau prüfen, wem er einen solchen Kredit zu welchen Konditionen gibt. Da jedoch bei einem Ausfall klassischer Bankkredite jedes mittelständische Unternehmen sowohl Geber als auch Empfänger von Lieferantenkrediten wird, entsteht ein komplexes Geflecht aus Forderungen (gegenüber Kunden) und Verbindlichkeiten (gegenüber Lieferanten). Um dieses Geflecht aus Forderungen zu kontrollieren und zu sichern, ist eine Forderungsmanagementfunktion unerläßlich.

Neben diesem in Basel II selbst liegenden Grund könnte auch die steigende Insolvenzquote eine Motivation dafür sein, das Forderungsmanagement zu verbessern. So werden z.B. „die Forderungsausfälle privater Auftraggeber und die verspätet eingehenden Zahlungen der Kunden (...) als Hauptgründe für Insolvenzen im Handwerksbereich genannt.“[2] Auch angesichts der Tatsache, daß in 2001 25,1 % aller Betriebe Forderungsverluste verbuchen mußten[3], wird die Bedeutung des Forderungsmanagements offenkundig.

Dies könnte langfristig auch destabilisierend für den gesamten Unternehmenssektor und die Volkswirtschaft sein. Denn mit jeder Insolvenz wird das Geflecht aus Forderungen brüchiger. So könnten nicht befriedigte Forderungen zu Liquiditätsengpässen bei anderen mittelständischen Unternehmen führen, die dann wieder andere Unternehmen gefährden usf. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer genaueren Betrachtung des Forderungsmanagements mittelständischer Betriebe im Rahmen der durch Basel II implizierten Änderungen.

1.2 Gang der Untersuchung

Nach einer Definition der Begriffe „Mittelständisches Unternehmen“ und „Forderungsmanagement“ werden zunächst die spezifischen Risiken des Lieferantenkredits analysiert. Danach wird theoretisch und empirisch untersucht, wie ein optimales Forderungsmanagement aussehen sollte und wie es in der Unternehmenspraxis tatsächlich herrscht. Der empirische Teil stützt sich hierbei auf eine repräsentative Studie des Instituts für Mittelstandsforschung.[4]

Es wird sich herausstellen, daß das in der Theorie diskutierte Forderungsmanagement für eine Vielzahl der Unternehmen gar nicht in Frage kommt oder nicht in dieser Form angewandt wird. Daher werden – immer unter dem Aspekt der Auswirkungen von Basel II – vielfältige Alternativmöglichkeiten für die Unternehmensfinanzierung betrachtet.

Das Fazit wird jedoch erweisen, daß sowohl Forderungsmanagement als auch seine Alternativen nur eine Verschiebung des eigentlichen Problems darstellen. Die Bereiche Forderungsmanagement und Finanzierung müssen analytisch getrennt werden: Denn Forderungsmanagement betrifft die Aktivseite der Bilanz, Finanzierung jedoch die Passivseite. Hierbei besteht zwar auf der Aktivseite immer die Notwendigkeit eines effizienten Forderungsmanagements. Dieses darf jedoch nicht als Vehikel einer Pseudofinanzierung durch Lieferantenkredite mißbraucht werden. Im Ergebnis wird gerade anhand des Risikoaspektes gezeigt werden, daß Basel II, kombiniert mit einem effizienten innerbetrieblichen Forderungsmanagement, als Chance für den Mittelstand aufzufassen ist und nicht als Bedrohung.

1.3 Definitionen

Es kursieren vielfältige und z.T. widersprüchliche Auffassungen darüber, was unter Mittelstand bzw. Forderungsmanagement zu verstehen sei. Daher werden diese Begriffe für den Rahmen dieser Arbeit im folgenden definiert werden müssen.

1.3.1 Mittelstand

Im Rahmen dieser Arbeit werden als Mittelstand alle Unternehmen verstanden, die keine Einzelkaufleute oder Unternehmer in Personalunion mit dem Unternehmen sind, jedoch weniger als 50 Mio. Euro Jahresumsatz aufweisen und nicht mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen. Mittels dieser Definition wird der Bereich des Mittelstandes vollständig erfaßt. Es kommt nämlich, wie sich später herausstellen wird, in entscheidender Weise auf die kleineren Unternehmen im Mittelstand an, da die Wichtigkeit einzelner Instrumente für das Unternehmen und die Gültigkeit der Schlußfolgerungen von der Unternehmensgröße abhängig sind.

Ein oft angetroffenes Merkmal mittelständischer Unternehmen ist die Einheit von Unternehmensführung und Eigentum. So ist der Unternehmer sehr oft Allein- oder größter Teileigentümer seines Unternehmens. Daher gibt es in den meisten mittelständischen Betrieben keine principal-agent-Probleme, andererseits sind unternehmerische Entscheidungen oft sehr subjektiv und von persönlicher Intuition geprägt. Aufgrund des o.a. Größeneffektes ist dieses Phänomen meist nur in kleineren Unternehmen anzutreffen. In größeren Unternehmen, die meist in Gesellschaften organisiert sind, herrschen formalisierte Entscheidungsstrukturen vor.

1.4 Forderungsmanagement

Während in der engen Begriffsauslegung unter Forderungsmanagement „alle Maßnahmen zur rechnerischen Erfassung und tatsächlichen Durchsetzung von Forderungen aufgrund eines Kaufs oder einer erbrachten Dienstleistung“[5] verstanden werden, umfaßt in der weiten Auslegung das „Forderungsmanagement auch das Kreditmanagement, worunter alle betrieblichen Maßnahmen zur Risikobegrenzung und Risikovermeidung subsumiert werden.“[6]

Da es in der letzeren Auslegung vor allem um Maßnahmen zur Sicherung der Unternehmen geht und somit hier der Gedanke von Basel II mit ausgedrückt ist, wird Forderungsmanagement im Rahmen dieser Arbeit in der weiten Auslegung verstanden. Dieser Auffassung folgt auch das Bundesministerium für Wirtschaft.[7] Bei der Detailbetrachtung wird der erwähnten Studie des IFM gefolgt, die das Forderungsmanagement unterteilt in die Äste Kreditmanagement und Forderungsbearbeitung.[8]

1.5 Besonderheiten bei der Finanzierung mittelständischer Unternehmen

Die Finanzierungssituation eines mittelständischen Unternehmens ist durch die Beziehungen zur Hausbank, geringe Eigenkapitalquoten und fehlendes Risikomanagement geprägt.

So ist die sehr geringe Eigenkapitalquote mittelständischer Unternehmen besorgniserregend: Die durchschnittliche Eigenkapitalquote (Eigenkapital in Prozent der Bilanzsumme) beträgt 14,5 %, wobei Unternehmen mit 1-19 Mitarbeitern lediglich eine Eigenkapitalquote von 10,1% aufweisen. Französische Gesellschaften dagegen haben unabhängig von der Größe Eigenkapitalquoten von 32 %.[9] Eine Studie des DSGV kommt sogar zu dem Ergebnis, daß „im Jahr 2000 die Eigenkapitalquote eines mittelständischen Unternehmens im Durchschnitt bei sieben Prozent lag – bei Mikrobetrieben sind sogar Werte unter drei Prozent anzusetzen.“[10]

Zurückgeführt werden diese gerade im internationalen Vergleich sehr niedrigen Eigenkapitalquoten auf „die erhöhte Finanzierungsbereitschaft der Hausbanken aufgrund ihres hohen Informationsstandes und der Bonitätsberurteilungsqualität.“[11] Da in Deutschland erstens das Universalbankenprinzip vorherrscht und zweitens die Bankbeziehungen durch relationship banking geprägt sind, decken „die deutschen mittelständischen Unternehmen (...) ihren Fremdkapitalbedarf für Investitionen und Betriebsmittel primär durch klassische Bankkredite, die insgesamt 91 % des Fremdkapitals ausmachen.“[12]

Die Bundesbank bestätigt diese Einschätzung in ihrem Monatsbericht:

„In Deutschland schaffen feste Hausbankbeziehungen und gläubigerfreundliche rechtliche Rahmenbedingungen den Spielraum für eine vergleichsweise hohe Verschuldung bei Banken, der hauptsächlich von kleinen und mittleren Unternehmen genutzt wird; entsprechend geringer ist die Eigenkapitalausstattung dieser Unternehmen. Die notwendige finanzielle Flexibilität stellen vor allem Kontokorrentkredite der Hausbanken sicher.“[13]

Insgesamt liegt damit eine Überausstattung mittelständischer Unternehmen mit Bankkrediten vor, was sich am deutlichsten in der Eigenkapitalrendite der Banken zeigt: Deutschland steht mit 5,1 % an vorletzter Stelle, während Spitzenreiter Großbritannien eine Rendite von 21,2 % aufweist.[14] Diese Zahlen demonstrieren eindrucksvoll den verhängnisvollen Struktureffekt, zu viele Kredite mit zu günstigen Konditionen zu vergeben.

Dieses Überangebot an Krediten trifft auf eine fehlende Risikoeinschätzung und das Fehlen risikoadäquater Kreditkonditionen. Wenn Kredite jedoch aufgrund persönlicher Beziehungen und nicht aufgrund des systematischen Unternehmensrisikos vergeben werden, besteht die Gefahr, daß es zu Nachlässigkeiten und Korruption kommt. Wie schädlich dies für die ganze Volkswirtschaft sein kann, zeigen z.B. der Skandal um die Mannheimer Sparkasse oder auch der Zusammenbruch der Berliner Bank, der überdies noch die Finanzen des Landes Berlin ruinierte. Auch aus diesem Grund wird Basel II das Verhalten sowohl der Banken als auch der mittelständischen Unternehmen disziplinieren.

Dies könnte beim Mittelstand zu folgendem Effekt führen: „Kleine und mittlere Unternehmen verfügten bislang in der Regel nur über eine bescheidene Finanzierungsautonomie (...). Ihre Hauptfinanzierungsquellen waren die interne Finanzierung über einbehaltene Gewinne sowie die externe Finanzierung über Bankkredite, wobei die Bedeutung des Bankensektors für sie im Zeitverlauf eher noch weiter zugenommen hat und der Einfluß von Bankkrediten auf die finanzielle Flexibilität kleiner und mittlerer Unternehmen nachhaltig gestiegen ist.“[15] Sollte Basel II nun also die finanzielle Flexibilität tatsächlich vermindern, könnte das Forderungsmanagement einen Ausweg bieten. Dies wird in den folgenden beiden Abschnitten theoretisch und empirisch analysiert werden.

[...]


[1] Verband Creditreform e.V.: Insolvenzen in Europa 2001/2002, Neuss 2002, S.8

[2] Kokalj, L.; Paffenholz, G.; Schröer, E.: Zahlungsverzug und Forderungsmanagement in mittelständischen Unternehmen, Wiesbaden 2000: Gabler

[3] vgl. Verband Creditreform e.V.: Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand Frühjahr 2002, Neuss 2002, S.21

[4] siehe Kokalj/Paffenholz/Schröer (Fn.2), im folgenden zitiert als „Studie“

[5] Studie, S.7

[6] Studie, S.7

[7] vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi): Junge Unternehmen – Die Schritte nach dem Start, Bonn 1997

[8] vgl. Studie, S.8, Abb.2

[9] vgl. Sauvé, A.; Scheuer, M. (Hrsg.): Corporate Finance in Germany and France, in: Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Monatsbericht Oktober 1999, S. 29-46, Tabelle S.34

[10] Creditreform, Wirtschaftslage, S.28

[11] Kokalj, L.; Paffenholz, G.: Zukunftsperspektiven der Mittelstandsfinanzierung, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): Jahrbuch zur Mittelstandsforschung 1/2001, Wiesbaden 2001: Deutscher Universitäts-Verlag, S. 83-113, S.83

[12] Kokalj/Paffenholz, Zukunftsperspektiven, S.84

[13] Sauvé/Scheuer, Corporate Finance, S.46

[14] Creditreform, Insolvenzen in Europa, Tabelle S. 27

[15] Kokalj/Paffenholz, Zukunftsperspektiven, S.82

Details

Seiten
33
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638131704
ISBN (Buch)
9783638679466
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5195
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Fakultät für BWL
Note
sehr gut (1,0)
Schlagworte
Basel II Risiko Forderungsmanagement

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Basel II und Risiko: Eine bilanzielle Betrachtung am Beispiel des Forderungsmanagements