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Ist die Partnerwahl evolutionär bedingt? Evolutionspsychologie und die Sexual Strategies Theory (SST) von Buss

Diplomarbeit 2006 103 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zielsetzung

1 Grundlagen der evolutionären Psychologie
1.1 Evolutionstheoretische und soziobiologische Grundlagen
1.1.1 Darwins Theorie der natürlichen Auslese
1.1.2 Darwins Theorie der sexuellen Auslese
1.1.3 Gesamtfitness
1.1.4 Reziproker Altruismus
1.1.5 Parentales Investment
1.1.6 Eltern-Kind- & Verwandtschaftskonflikte
1.1.7 Kritik und Missverständnisse
1.2 Die Wissenschaft der evolutionären Psychologie
1.2.1 Evolutionsbedingte psychologische Mechanismen (EPM)
1.2.2 Die Rolle der Kultur
1.2.3 Analyseebenen der evolutionären Psychologie
1.2.4 Prüfungsmethoden evolutionspsychologischer Hypothesen
1.2.5 Aktuelle Kernthemen der Evolutionspsychologie

2 Psychologie der Partnerwahl
2.1 Physiologische Hinweise auf Geschlechtsunterschiede bei der Partnerwahl
2.1.1 Potentielle Höhe der Reproduktionsrate
2.1.2 Monogamie vs. Promiskuität
2.2 Langfristige Partnerwahl-Strategien
2.2.1 Langfristige Partnerwahlstrategien der Frau
2.2.2 Langfristige Partnerwahlstrategien des Mannes
2.3 Kurzfristige sexuelle Strategien
2.3.1 Kurzfristige Partnerwahlstrategien des Mannes
2.3.2 Kurzfristige Partnerwahlstrategien der Frau

3 Hypothesen der Replizierungen
3.1 Allgemeiner Teil
3.2 Langfristige Beziehungen
3.3 Kurzfristige Beziehungen
3.4 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen
3.5 Zusammenfassung der Hypothesen

4 Methode
4.1 Beschreibung des Fragebogens
4.2 Stichprobe
4.3 Gütekriterien des Erhebungsverfahrens
4.4 Durchführung der Befragung

5 Ergebnisse
5.1 Allgemeiner Teil
5.2 Langfristige Beziehungen
5.3 Kurzfristige Beziehungen
5.4 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen
5.5 Zusammenfassung langfristige & kurzfristige Beziehungen

6 Diskussion
6.1 Partnerpräferenzen bei langfristige Beziehungen
6.2 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen
6.3 Fazit und Ausblick

7 Abbildungsverzeichnis

8 Literaturverzeichnis

9 Internetquellen

10 Anhang
10.1 Originalitätserklärung
10.2 Verwendeter Fragebogen
10.3 Daten, Tabellen & Grafiken der SPSS-Auswertung

Zielsetzung

„Zu den ewigen seelenkundlichen Fragen gehört die Untersuchung der psychologischen Eigenart von Mann und Frau. Diesen Problemen haben Dichter und Philosophen, Sozialwissenschaftler, Pädagogen und Politiker von jeher ihr Augenmerk geschenkt.“ Fritz Giese 1939

Das Zitat aus dem „Lehrbuch der Psychologie“ von Fritz Giese (1939, S. 546) hat auch heute nicht an Aktualität verloren. Populärwissenschaftliche Bücher wie „Männer sind anders. Frauen auch.“ (Gray 1998), „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (Pease 2000), „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ (Evatt 2005) verkaufen sich in Bestsellerauflagen. Großangelegte Fernsehshows zu Themen, die sich um den „kleinen Unterschied“ drehen, werden in regelmäßigen Abständen produziert und mit hohen Zuschauerquoten gesendet.

Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik kann, siehe am Beispiel von Giese, auf eine lange Tradition zurückblicken. Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Geschlechtsunterschiede differieren hierbei stark. Vom Penisneid der psychoanalytischen Theorie über biologische Betrachtungsweisen und humanistische Ansichten der Geschlechtsrollen wurde der „Geschlechterkampf“ gemäß der jeweils vorherrschenden Lehrmeinung aus vielen verschieden Perspektiven betrachtet.

Die Psychologie hat bis zur heutigen Zeit einige wichtige Paradigmenwechsel durchlaufen. Sie hat, wie Ebbinghaus 1908 treffend ausdrückte, „eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte“ (zit. nach Zimbardo 1999, S.7). Aus der Perspektive der modernen, d.h. experimentellen und somit empirisch arbeitenden Psychologie, begann diese Geschichte vor etwa 125 Jahren mit der Errichtung eines psychologischen Laboratoriums im Jahr 1879 durch Wilhelm Wund. Seine Schüler, sowie weitere bedeutende Forscher und Schulen wie Herrmann von Helmholtz, Gustav Fechner, Ernst Heinrich Weber, Hermann Ebbinghaus, William James, der Würzburger Schule sowie der Gestaltpsychologie legten die Grundsteine der wissenschaftlichen Psychologie (vgl. Lück & Miller 2002; Zimbardo 1999). Seitdem erlebte diese beachtenswerte Wechsel der vorherrschenden Lehrmeinungen. Noch heute zählen die Sichtweisen ehemals führender Paradigmen zum Bestandteil der akademischen Psychologie. Studenten werden in die dynamische, behavioristische, kognitive und humanistische Perspektive des menschlichen Verhaltens eingeführt. Seit einiger Zeit bildet sich mit der Evolutionspsychologie ein neues Paradigma der wissenschaftlichen Psychologie heraus. Die evolutionäre Perspektive stellt den wohl jüngsten Versuch eines Paradigmenwechsels in der Psychologie dar. „Orientiert man sich an der Verwendungshäufigkeit des Begriffes in der Literatur, so nahm sie ihren Ausgang etwa Mitte der 80er Jahre. Diese Strömung ist nicht nur jung, sie ist auch radikal, das heißt, sie geht an die Wurzel (lat. radix). Sie verwehrt sich dagegen, neben anderen Disziplinen oder Theorien eingereiht zu werden. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, für die meisten – wenn nicht für alle – Disziplinen und Theorien innerhalb der Psychologie eine unentbehrliche Grundlage abzugeben. So ist die evolutionäre Psychologie angetreten, viele Kapitel der Psychologie, wie wir sie heute kennen, neu zu schreiben oder zumindest gründlich neu zu überarbeiten“ (Buss, 2004, S.19).

„Die evolutionäre Perspektive unterscheidet sich von anderen Ansätzen grundsätzlich dadurch, dass sie den extrem langen Evolutionsprozess als Grundlage zur Erklärung menschlichen Verhaltens heranzieht. Formen der psychischen Anpassung, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, können nicht in einem moralischen Sinne als ‚gut’ oder ‚böse’ bezeichnet werden. Sie sind nichts anderes als Verhaltensmuster, die sich jeweils in bestimmten Umwelten nach dem Selektionsprinzip durchgesetzt haben.“ (Zimbardo, 1999, S. 16)

Vor allem auf dem Gebiet der „psychologischen Eigenarten von Mann und Frau“ hat die Evolutionspsychologie durch fruchtbare Thesen frischen Wind in die Diskussion gebracht. Entgegen klassisch kulturpsychologischen Ansätzen, die eine Rollenbeschränkung der genetischen Faktoren für Geschlechtsunterschiede auf körperliche Merkmale vornehmen und aus diesen dann psychologische Geschlechtsunterschiede durch Nutzung lerntheoretischer Erklärungen sekundär ableiten, geht sie von genetisch prädisponierten geschlechtstypischen Präferenzen und Verhaltensweisen aus, die im Verlauf der Evolution des Menschen entstanden seien. (vgl. Asendorpf 2005).

Während die Auseinandersetzung mit der evolutionären Perspektive in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr aktiv betrieben wird, - nicht zuletzt durch die erstarkende Bewegung der Kreationisten - ist in der universitären Landschaft der deutschen Psychologie noch sehr wenig davon zu spüren. Evolutionäre Ansätze werden im Studiengang Psychologie - wenn überhaupt - eher am Rande behandelt und haben mit starken Vorurteilen zu kämpfen[1].

Die vorliegende Diplomarbeit möchte daher einen Beitrag zur Diskussion der evolutionären Psychologie leisten. Ziel der Arbeit ist, neben einer Einführung in die Evolutionspsychologie einige viel beachtete Studien zur Psychologie der Partnerwahl zu replizieren und diskutieren.

Hierfür wurde dem empirischen Teil der Arbeit eine eher narrativ gestaltete, recht ausführliche Einführung in die Evolutionspsychologie vorangestellt. Die Notwendigkeit eines solchen Theorieteils wurzelt in den vielen, häufig unberechtigten Kritik- und Widerlegungsversuchen, die zum Teil leider deutlich erkennen lassen, dass entweder keine ausführliche Beschäftigung mit den Grundlagen der evolutionären Theorie stattgefunden hat oder diese grundlegend missverstanden wurde.

Im empirischen Hauptteil der Arbeit werden dann einige Ergebnisse zum wohl zur Zeit meistdiskutierten Thema der Evolutionspsychologie, den Geschlechtsunterschieden bei der Partnerwahl, repliziert und anschließend diskutiert.

Um eine Brücke zwischen dem theoretischen und empirischen Teil der Arbeit zu schlagen, wird u.a. eine Studie repliziert und diskutiert, die Belege gegen evolutionär bedingte Partnerwahlpräferenzen erbringen wollte und – so die Autoren der Untersuchung – zumindest teilweise Belege gegen die evolutionären Thesen erbrachte.

1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

„Es ist besonders spannend, zu dieser Zeit innerhalb der Wissenschaftsgeschichte ein evolutionärer Psychologe zu sein. Die meisten Wissenschaftler arbeiten innerhalb lange bestehender Paradigmen. Die evolutionäre Psychologie ist dagegen eine radikal neue Wissenschaft, eine wahre Synthese der modernen Prinzipien der Psychologie und der Evolutionsbiologie.“

David Buss, 2004

Seit der Publikation des Werkes „Über den Ursprung der Arten“ durch Charles Darwin im Jahre 1859 ist die Evolutionstheorie in aller Munde. Mittlerweile erscheinen in kaum übersehbaren Abständen neue Publikationen mit evolutionärem Hintergrund (vgl. Abbildung 1).

Während sich die Evolutionstheorie in der Biologie zu einem unverzichtbaren Fundament entwickelt hat - „Evolution ist der wichtigste Begriff in der gesamten Biologie. Es gibt in diesem Fachgebiet keine einzige Frage nach dem Warum, die sich ohne Berücksichtigung der Evolution angemessen beantworten ließe“ (Mayr, 2003, S.14) – ist sie vor allem von den Sozialwissenschaften über Jahrzehnte hinweg schlichtweg ignoriert worden. Zeitgleich zur Genese neuer, evolutionär geprägter Disziplinen innerhalb der Biologie durch Forscher wie Konrad Lorenz, Nicolaas Tinbergen und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, durchlief die Psychologie weitgehend unbeeindruckt Paradigmenwechsel über die Psychoanalyse in den Behaviorismus und durch die so genannte „kognitive Wende“ in eine erstarke humanistische, bzw. kognitive Psychologie. Durch die rasanten Weiterentwicklungen auf den Gebieten der Hirnforschung begannen zudem viele Psychologen in den 80er und 90er Jahren psychologische Prozesse auf neuronaler Ebene zu untersuchen. Andere Wissenschaftler nahmen im Rahmen des Informationsverarbeitungsparadigma vor allem Prozesse der Kognition unter die Lupe. Innerhalb der Psychologie entstanden auf diese Weise weitgehend unabhängige Schulen, die sich zunehmend spezialisierten und vor allem auf Aussagen zu einzelnen Konstrukten und psychischen Prozessen konzentrierten (vgl. Lück & Miller 2002; Zimbardo 1999). Zur gleichen Zeit wandten sich die evolutionären Disziplinen der Biologie mit der Soziobiologie und Humansoziobiologie, bzw. Ethologie und Humanethologie zunehmend dem Menschen zu. Diese ökologisch geprägten Forschungszweige der vergleichenden Verhaltensforschung beschrieben artübergreifend – den Menschen eingeschlossen (!) – mathematisch kalkulierbare Gründe für Verhaltensweisen. Bahnbrechend waren auf diesem Gebiet z.B. Arbeiten von Hamilton (1964a, 1964b) zum altruistischen Verhalten (vgl. Kapitel 1.1.3). „Selbstloses“ Verhalten, das bisher ausschließlich dem Menschen zugesprochen wurde, bekam auf diese Weise eine biologische (und dazu noch kalkulierbare!) Basis. Weiterhin konnten Humanethologen beim Menschen in kulturübergreifenden Studien diverse erblich bedingte Verhaltesweisen belegen und begannen zunehmend das menschliche Verhalten aus biologischer Perspektive zu begründen. Der Ethologe und Mitbegründer der Humanethologie Irenäus Eibl-Eibesfeld veröffentlichte schließlich 1984 das international beachtete und mittlerweile in der dritten Auflage (1997) vorliegende Werk „Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie“. Die Psychologie konnte hiervon selbstverständlich nicht unbeeindruckt bleiben.

„Evolutionspsychologische Persönlichkeitsforschung wird in größerem Stil erst seit ca.1990 betrieben und ist damit zu jung, um die empirische Bewährung dieses Paradigmas seriös einschätzen zu können. Immerhin hat das Paradigma in dieser kurzen Zeit so viele neue Konzepte und Fragestellungen in die Persönlichkeitspsychologie eingebracht [...], dass zumindest von einem guten Start gesprochen werden kann“ (Asendorpf 2005, S.112). Dennoch wird sie bereits von vielen Wissenschaftlern sehr ernst genommen und als seriöser wissenschaftlicher Ansatz behandelt. So erhält die Evolutionspsychologie zunehmend Einzug in Psychologielehrbücher (vgl. u.a. Asendorpf 2005, Zimbardo 1999, Stroebe et al. 2001). Mit der Übersetzung aus dem Amerikanischen ist mit dem Werk „Evolutionäre Psychologie“ von David Buss seit 2004 zudem das erste Lehrbuch der Evolutionspsychologie auf dem Markt.

Auf organisationaler Ebene kam es im Jahr 1988 zur Gründung der „Human Behavior and Evolution Society“ (HBES)[2], die mittlerweile über 600 Mitglieder verzeichnet und ein eigenes Journal mit dem Titel „Evolution and Human Behavior“ herausgibt. In Deutschland gibt es seit 1999 mit der Initiative „Menschliches Verhalten in Evolutionärer Perspektive“ (MVE-Liste)[3] eine erste, wenn auch nicht institutionalisierte und somit lose Vereinigung evolutionär arbeitender Wissenschaftler. Das verbindende Credo der Mitglieder ist dem Informationstext der Webseite zu entnehmen: „Gemeinsames Merkmal der in der Liste aufgenommenen Forscher/innen ist, dass sie sich auf das moderne evolutionstheoretische Paradigma beziehen, wie es von George Williams, Bill Hamilton und Robert Trivers begründet und von Edward O. Wilson 1975 zum ersten Mal als solches dargestellt und popularisiert worden ist. Dieser evolutionäre Ansatz stellt eine eigene Fragestellungsebene dar, die sich quer durch die traditionelle Biologie, Psychologie und die Sozialwissenschaften zieht. Gewünscht ist daher eine interdisziplinäre Vielfalt, die weit über den traditionellen Rahmen der ‚Biologie’ hinausreicht. Soziologen, Historiker, Psychologen, Pädagogen, Politologen, Juristen, Philosophen, usw. sollen sich genauso angesprochen und eingeladen fühlen wie Biologen, Mediziner und Anthropologen.“ (MVE-Liste, 2005, Iq[4] )

Wie aus diesem interdisziplinären Zusammenschluss deutlich wird, stellt die Evolutionspsychologie zur Zeit in Deutschland ein fachübergreifendes Konglomerat von Wissenschaftlern dar, dessen Wurzel die in der Biologie beheimatete Evolutionstheorie ist. Im folgenden soll zunächst eine Darstellung der für die evolutionäre Psychologie bedeutungsvollsten Theorien und Konstrukte der Evolutionstheorie und Soziobiologie erfolgen. Anschließend folgt eine Einführung in die US-amerikanisch geprägten theoretischen Grundlagen, Forschungsmethoden und Interessen der gegenwärtigen Evolutionspsychologie.

Dem Lauf der Dinge darf man doch nicht zürnen,
denn er kümmert sich um nichts.

Marc Aurel, 121-180 A.D.

1.1 Evolutionstheoretische und soziobiologische Grundlagen

Selbstverständlich war Charles Darwin nicht der einzige und erste Wissenschaftler, der sich mit der Entstehung der Arten beschäftigte. Sein Werk hatte jedoch unbestritten den größten Einfluss. „Der eigentliche Übergang vom Glauben an eine statische Welt zur Evolutionslehre wurde am 24.November 1859 ausgelöst, als Charles Darwins Werk „On the Origin of Species[5] (Die Entstehung der Arten[6] ) erschien. Dieses Ereignis war vielleicht der größte geistige Umbruch in der Menschheitsgeschichte. Es stellte nicht nur den Glauben an die Unveränderlichkeit (und das geringe Alter) der Welt infrage, sondern auch die Erklärung für die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit der Lebewesen und – was besonders schockierend war – die einzigartige Stellung des Menschen in der Natur. [...] Das Buch sorgte fast allein für die endgültige Säkularisierung der Naturwissenschaft“ (Mayr,2003, S.25f.).

Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Theorie und Geschichte der Evolution sei an dieser Stelle exemplarisch auf das Standardwerk „Das ist Evolution“ von Mayr(2003) verwiesen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist eine Darstellung der Kernthesen der Darwinschen Theorie, sowie einiger Ergänzungen ausreichend, um die Fundamente der Evolutionspsychologie verstehen zu können.

1.1.1 Darwins Theorie der natürlichen Auslese

Darwins Theorie der natürlichen Auslese besteht im Grunde aus der Verknüpfung dreier Bestandteile. Zunächst einmal stellte er fest, dass nicht alle Organismen einer Art zu 100% gleich sind (Variation). Einzelne Individuen differieren hinsichtlich verschiedener Merkmale. Die genetischen Variationen werden zudem an Nachkommen weitervererbt (Vererbung - da Darwin die Existenz von „Genen“ noch nicht bekannt war, wird im folgenden die Sicht des modernen Ansatzes wiedergegeben, vgl. Voland, 1993; Mayr, 2003)).

Obwohl jede Population theoretisch ein unbegrenztes Vermehrungspotential besitzt, ist dieses Wachstum unter natürlichen Verhältnissen nicht möglich, weil hierfür notwendige Ressourcen (z.B. Nahrung, Geschlechtspartner) nicht beliebig verfügbar sind. Dies führt zu Konkurrenz unter den Mitgliedern einer Population um den Zugang und die Nutzung der jeweils begrenzten Ressourcen. Einige dieser Konkurrenten können aufgrund ihrer speziellen Merkmale (à Variationen/Anpassungen) die Ressourcen besser erschließen und sie effektiver in Reproduktion umsetzen als andere. „So nimmt der relative Anteil des Erbmaterials dieser überdurchschnittlich erfolgreicheren Individuen im Genpool der Population zu, während hingegen die Gesamtzahl aller Populationsmitglieder wegen der wachstumsbegrenzenden Faktoren stabil bleibt. Besteht der unterschiedliche Reproduktionserfolg der Individuen zumindest zu einem Teil auf genetischen Unterschieden, kommt es so zu Verschiebungen von Genfrequenzen, und evolutiver Wandel findet statt. Diejenigen Erbinformationen, deren Trägerindividuen für sich die Wachstumsgrenzen am weitesten hinauszuschieben vermögen, also am effektivsten Nahrung beschaffen, Raubfeinden entgehen, sozialer Konkurrenz standhalten, Geschlechtspartner werben, Nachkommen großziehen usw., sind mit der Zeit zunehmend in der Population vertreten. Die Erbinformation mit den besseren Selektionseigenschaften ist vermehrt an der Herausbildung der anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmalen ihrer Mitglieder (‚Phänotypen’) beteiligt, während die Erbinformation der Verlierer in der Darwinschen Konkurrenz abnimmt und schließlich ganz verschwindet“ (Voland, 1993, S.2).

Der evolutionäre Prozess hat somit drei Produkte: Adaptationen, Nebenprodukte der Adaptationen und Zufallsrauschen (vgl. Buss 2004, S.70; Buss, Haselton, Shackelford et al., 1998; Tooby & Cosmides, 1990).

Tabelle 1: Die drei Produkte des evolutionären Prozesses, entnommen aus BUSS 2004, S.70

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Allgemeinen spricht man bei Lebewesen, die über Adaptationen verfügen, die ihnen einen Vorteil verschaffen, von gut „angepassten“, bzw. „fitten“ Individuen. Asendorpf (2005, S.100) merkt hierzu an: „Das Konzept der natürlichen Selektion wird vielfach falsch verstanden. Erstens ist Fitness kein Merkmal eines Menschen oder Genoms, sondern die Funktion eines Gens und seiner Umwelt. Ändert sich die Umwelt, kann sich die Fitness des Gens ändern. Es gibt deshalb keine ‚guten’ und ‚schlechten’ Gene, sondern nur Gene, die einer bestimmten Umwelt ‚gut’ oder ‚schlecht’ angepasst sind. Zweitens beruht natürliche Selektion nur zum Teil auf der Lebenserwartung. Ein Gen, das Kindersterblichkeit begünstigt, ist zwar schlecht angepasst, aber Gene, die die Lebenserwartung erhöhen, jedoch die Zahl der Nachkommen senken, sind auch schlecht angepasst. Entscheidend ist der Reproduktionsvorteil eines Gens; statt ‚survival of the fittest’ (Darwin) sollte es besser heißen ‚Reproduction of the fittest’“.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass sich beim Menschen etwa „1800 Gene - also etwa 7 Prozent des menschlichen Genoms - dank natürlicher Auslese während der vergangenen 10.000 bis 50.000 Jahre verändert [haben]“ die hauptsächlich mit der Fortpflanzung, Reaktion auf Krankheitserreger, Funktion von Nervenzellen, Zellteilung oder dem Stoffwechsel in Zusammenhang stehen.“ (Wang et al., 2005, zit. Spiegel, 21.12.05, Iq).

1.1.2 Darwins Theorie der sexuellen Auslese

Während die heutige Biologie die Unterscheidung zwischen sexueller und natürlicher Auslese - wenn überhaupt (vgl.Mayr, 2003) - nur noch aus didaktischen Gründen vornimmt, stellte Darwin in seinem 1871 erschienenen Werk „The descent of man and selection in relation to sex“ („Die Abstammung des Menschen“) die so genannte sexuelle Selektion als eigenständige Evolutionsprozesse vor. Er hatte zuvor vergeblich versucht, für einige offensichtlich evoluierte Merkmale, z.B. für das ausgeschmückte Federkleid des Pfaueinmännchens, innerhalb seiner Theorie der natürlichen Selektion eine schlüssige Existenzberechtigung zu finden, da dieses eher eine Behinderung und somit eine Überlebensgefahr darstellt. Nach Mayr (2003, S.353) bezeichnet sexuelle Selektion, die „Selektion von Merkmalen, die den Fortpflanzungserfolg steigern.“ Nach Darwin (1871) gibt es zwei Formen sexueller Selektion:

Intrasexueller Wettbewerb

Bezeichnet die Konkurrenz zwischen Vertretern des gleichen Geschlechtes. Als Beispiel wird für diesen Wettbewerb in der Literatur häufig der Kampf zwischen zwei Hirschen bemüht (z.B. Buss, 2004). „Der Sieger kann sich dem Weibchen sexuell nähern – dies geschieht entweder direkt oder durch die Herrschaft über Gebiete oder Ressourcen, die dem Weibchen attraktiv erscheinen. Für den Verlierer kommt es normalerweise nicht zur Paarung. Alle Eigenschaften, die in diesem gleichgeschlechtlichen Wettbewerb zum Erfolg führen, z.B. Körpergröße, Stärke, athletische Fähigkeiten, werden durch den Paarungserfolg des Siegers an die nächste Generation weitergegeben“ (S.29).

Intersexueller Wettbewerb

Bezeichnet in gewisser Weise die Konkurrenz, die aufgrund verschiedener Partnerwahlpräferenzen eines Geschlechtes als Druck auf Vertreter des anderen Geschlechts ausgeübt wird. Darwin bezeichnete diese Selektionsform „weibliche Auswahl“ (1871) und ging von der Annahme aus, dass Hauptsächlich Männchen die wählerischen Weibchen zu überzeugen hatten (vgl. Kapitel 2.2.1).

In diesem Zusammenhang wird gerne auf das Beispiel des Pfauenmännchens verwiesen, dessen prächtiges Gefieder scheinbar keine andere Funktion als das Werben um eine Pfauendame hat. Je prächtiger das Pfauenrad, desto größer ist für seinen Besitzer die Wahrscheinlichkeit, eine Pfauendame anzuziehen (vgl. Buss, 2004, 1999). Das Vorhandensein dieses Männerschmuckstückes ist also als Adaption an die Partnerpräferenz der Pfauendame zu sehen.

Sowohl der intrasexuelle als auch der intersexuelle Wettbewerb dienen also dem Zugang zu reproduktiven Ressourcen. Die funktionellen Mechanismen der Sexuellen Selektion sind auch heute noch weitgehend ungeklärt. Verschiedene Hypothesen werden unter Verhaltensbiologen diskutiert, da alleine die zweckfreie, „optische“ Qualität eines Individuums (Beispiel Pfau) kein Selektionskriterium darstellen sollte. Einer der bekanntesten Ansätze ist die so genannte Hamilton-Zuk-Theorie (Hamilton & Zuk, 1982), die sich mit Parasitenbefall befasst. Die Wissenschaftler zeigten, dass Vogelarten, bei denen Männchen ein auffälliges, prächtiges Brutkleid ausbilden, einen höheren Parasitenbefall aufweisen als Arten, bei denen Männchen ein weniger prächtiges Brutgefieder aufweisen. Männchen mit besonders gut ausgebildeten sekundären Geschlechtsmerkmalen wiesen weniger Parasiten auf als Vogelmännchen mit weniger gut ausgebildeten sekundären Geschlechtsmerkmalen. Weibchen, die Männchen mit hoher genetischer Parasitenresistenz an ihrem Gefieder erkennen und darauf basierend einen Partner wählen, könnten ihren Nachkommen bessere Überlebenschancen sichern.

Gemäß dieser Hypothese würden Partnerwahlpräferenzen ebenfalls mit Faktoren der natürlichen Selektion (hier: der Nachkommen) zusammenhängen.

1.1.3 Gesamtfitness

Die Interpretationsweise der Hamilton-Zuk-Theorie setzt jedoch einen fortschrittlicheren Fitnessbegriff voraus, als ursprünglich von Darwin definiert. Die Evolutionstheorie definierte Fitness als Maßeinheit, die den direkten Reproduktionserfolg eines Individuums mittels Weitergabe von Genen durch die Zeugung von Nachkommen bestimmt. William D. Hamilton erweiterte den evolutionären Begriff der Fitness im Rahmen seiner Dissertation (1964) zu einem weiter gefassten Konstrukt, der Gesamtfitness.

Grundstein der Theorie ist die Erkenntnis, dass Fitness kein Merkmal eines Menschen, sondern die Funktion eines Gens und seiner Umwelt ist. Damit stellt sich die Evolution als genzentriertes Prinzip dar (Dawkins, 2005). „Beim Studium der Evolution und gerade auch beim Studium biologischer Verhaltensanpassungen ist deshalb deutlich zwischen den Replikatoren (den ‚Genen’), in denen die stammesgeschichtlich erworbene Information gespeichert ist, und deren potentielle Unsterblichkeit die Kontinuität des Lebens begründet, einerseits und den vergänglichen Individuen, die als kurzlebige Vehikel den evolutiv einzigen Zweck verfolgen, ein optimales Medium für Genreplikation zu liefern“ (Voland, 1993, S.3).

Nach Hamiltons Theorie werden diejenigen Organismen bevorteilt, die dafür sorgen, dass die Gene eines Organismus weitergegeben werden. Dabei ist es völlig unerheblich, ob dieses Individuum direkte Nachkommen produziert oder nicht. Es kann die Reproduktion seiner Gene auch fördern, indem er Verwandte, also Schwestern, Brüder, Neffen etc. dabei unterstützt, ihr Überleben zu sichern. Immerhin tragen diese Organismen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Kopien seiner Gene in sich. Diese Wahrscheinlichkeit wird mit dem so genannten Verwandtschaftskoeffizienten r ausgedrückt (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Erwartete genetische Verwandtschaft bei verschiedenen Verwandtschaftsgraden, entnommen aus ASENDORPF 2005, S.101

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor diesem Hintergrund wird altruistisches Verhalten erklärbar. „Die genetische Basis eines phänotypisch ‚altruistischen’ Verhaltens breitet sich dann in der Population aus, wenn die Bedingung der Hamilton-Gleichung (nach Hamilton 1964a, 1964b)

K < r · N

erfüllt ist. Dies ist immer dann gegeben, wenn die Kosten (K) eines Verhaltens für den ‚Altruisten’ geringer sind als der Nutzen (N) dieses Verhaltens für den Vorteilsnehmer des altruistischen Akts, und zwar gewichtet mit dem Verwandtschaftskoeffizienten r“ (Voland, 1993, S.4).

Anschaulich verdeutlichen lässt sich dieser Sachverhalt am Beispiel von Bienen oder Ameisen. Bei diesen Insektenvölkern opfern sich Arbeiterinnen für das gesamte Volk auf und sind nicht in der Lage, Nachwuchs zu zeugen. Erklärbar wird dieses Verhalten durch die Vorliegenden Verwandtschaftskoeffizienten. Während die Insektenkönigin einen diploiden Chromosomensatz besitzt, also mit r = 0.5 mit ihren Nachkommen verwandt ist, sind die Männchen haploid. Die Wahrscheinlichkeit, ein väterliches Allel gemeinsam zu haben beträgt bei den Arbeiterinnen untereinander folglich 1.0. Dies führt zu der Konsequenz, dass Arbeiterinnen untereinander enger verwandt sind (r=0.75), als sie es mit ihren eigenen Kindern wären (r = 0.50). Das scheinbar altruistische Aufopfern für ihre Geschwister hat also eine genetisch erklärbare Grundlage (vgl. Mayr 2003).

Die natürliche Selektion wirkt also nicht nur über die eigenen Nachkommen. Durch eigene Fortpflanzung erreichte Fitness bezeichnet man als „direkte Fitness“ und die durch Verwandtenunterstützung erreichte „indirekte Fitness“. Demnach ist die Gesamtfitness die Summe der direkten und indirekten Fitness:

Direkte Fitness + indirekte Fitness = Gesamtfitness

„Die Kosten/Nutzen-Bilanz, deren Ergebnis über den Anpassungswert eines Verhaltens entscheidet, rechnet sich in der Währung der Gesamtfitness, also nach Maßgabe der relativen Zunahme von persönlichen Genreplikaten innerhalb einer Population, und hat nichts zu tun mit irgendwelchen ganz unmittelbaren materiellen oder psychologischen Vor- und Nachteilen eines Verhaltens. Was wie Altruismus aussieht, kann sich deshalb durchaus als genetischer ‚Egoismus’ entpuppen“ (Voland, 1993, S.7).

Die Theorie Hamiltons ist einer der wichtigsten Grundbausteine der Soziobiologie. Durch sie kann zu einem bestimmten Teil soziales Verhalten erklärt werden.

1.1.4 Reziproker Altruismus

Altruismus ist jedoch nicht nur unter genetisch verwandten Individuen zu beobachten. Freunde und Bekannte helfen sich häufig gegenseitig - ohne genetische Vorteile im Sinne der natürlichen Selektion, bzw. der Gesamtfitness erwarten zu können.

Robert Trivers veröffentlichte 1971 seine Theorie “The evolution of reciprocal altruism”, in der er sich mit für beide Seiten vorteilhafte Austausch-Beziehungen zwischen Nichtverwandten beschäftigte und stieß damit die Erforschung des reziproken Altruismus an. Es kann sich auszahlen, hungernden Nichtverwandten beispielsweise Nahrungsmittel abzugeben, wenn diese sich bei anderen Gelegenheiten revanchieren. Ständig Hilfe zu leisten, ohne eine Rückleistung zu erhalten, kann jedoch nicht im Interesse eines Altruisten sein. Das „Hauptproblem für den reziproken Altruisten [liegt folglich] in der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der seine Hilfe auch tatsächlich erwidert wird. Er läuft ständig in Gefahr, ausgebeutet zu werden, sei es, weil sich aus welchen Gründen auch immer, zu selten Gelegenheiten zur Reziprozität ergeben, oder sei es, weil einige ‚Betrüger’ es gerade darauf anlegen, dem Altruisten die Rückzahlung zu verwehren“ (Voland, 1993, S.86).

Individuen sollten daher Verhaltensweisen entwickelt haben, die der Entdeckung und Bestrafung von „Betrügern“ dienen. Hinweise derartiger psychologischer Mechanismen liegen in vielfältiger Weise vor (vgl. zur Übersicht De Vos & Zeggelink, 1997; Sommer, 1994; Voland, 1993; Buss, 2004). De Waal[7] (1989, 1997) beschreibt z.B. dass Schimpansen, die erfahrungsgemäß weniger bereit sind, ihr Futter zu teilen, von essenden Gruppenmitgliedern mit höherer Wahrscheinlichkeit aggressiv abgewiesen werden.

Weitere Hinweise auf Strategien zur Förderung der Kooperation liefert die Spieltheorie, die einen Zweig der Mathematik darstellt, in dem der Erfolg verschiedener Strategien, die gegeneinander gespielt werden, formell modelliert wird (vgl. Buss, 2004, S. 339).
Das in der experimentellen Psychologie recht berühmte Gefangenendilemma[8] (Prisoner’s Dilemma, vgl. Axelrod, 2000) stellt eine Analogie der durch einen reziproken Altruisten, adaptiv zu lösenden Identifizierung und Bestrafung/Belohnung eines Partners dar. Den größten Gewinn haben Spieler, die nach der Strategie “Wie du mir, so ich dir (Tit-For-Tat)“ agieren. Nach Axelrod (2000) gibt es drei Erfolgsregeln: (1) Sei niemals der erste, der nicht kooperiert; (2) Übe nur Vergeltung, nachdem der andere nicht mehr kooperiert; (3) sei nicht nachtragend (vgl. auch Buss, 2004, S.337ff.).

1.1.5 Parentales Investment

Trivers definierte in seiner 1972 publizierten Theorie “Parental investment and sexual selection” Elterninvestment als „jegliches Investment durch den Elter in ein einzelnes Nachkommen, das die Überlebenswahrscheinlichkeit (und folglich den Reproduktionserfolg) dieses Nachkommen zu lasten der Fähigkeit des Elters erhöht, in andere Nachkommen zu investieren“ (1972, S. 139; zit. nach Voland, 1993, S. 193).

Das Elterninvestment kann verschiedene Formen annehmen. Eltern wenden Zeit, Geld und Energie auf; außerdem sind sie häufig bereit, Risiken, wenn nicht gar ihr eigenes Leben zum Schutz ihrer Nachkommen einzusetzen. Dieses Verhalten hat natürlich hohe Kosten. Neben den Ressourcen und Risiken verzichten Eltern zumindest eine gewisse Zeit auf die Zeugung weiterer Kinder. Belohnt wird ihr Einsatz durch die erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen und die Weitergabe der eigenen Gene an die Enkelkinder. Die Auswirkungen des elterlichen Investments auf die Partnerwahl- und Bindungspräferenzen wird ausführlich im Kapitel 2 dargestellt.

1.1.6 Eltern-Kind- & Verwandtschaftskonflikte

Trivers postulierte als logische Schlussfolgerung aus den Theorien der Gesamtfitness und des Elterninvestment eine Eltern-Kind-Auseinandersetzung, den so genannten Entwöhnungskonflikt (Parent-Offspring Conflict; Trivers, 1974). „Ein Säugetierweibchen sollte ihr Kind nur solange stillen, wie nicht das Nutzen/Kosten-Verhältnis dieses Handelns den Wert 1 unterschreitet, also mehr Einbuße als Reproduktionspotential erfordert, als es an Fitness bringt. Wenn dies mit zunehmendem Alter des Säuglings eintritt, sollte sie die Laktation beenden und stattdessen mit dem Investment in ein zweites Kind beginnen. [...] Das Kind hingegen sollte zunächst weiterhin auf das Investment bestehen. Erst wenn die Kosten doppelt so hoch werden wie der Nutzen, sollte es seine Forderungen einstellen. Wenn es nämlich dann immer noch Milch verlangt und damit die Produktion eines Vollgeschwisters verhindert, schadet es seiner indirekten Fitness mehr, als es seiner direkten Fitness nützt. Schließlich hat ja ein Vollgeschwister durch die gemeinsame Abstammung im Mittel die Hälfte der eigenen Gene mitbekommen und trägt seinerseits zu deren Verbreitung bei“ (Voland, 1993, S.250).

Trivers Überlegungen haben zu zahlreichen Forschungsarbeiten geführt, die empirische Belege erbringen konnten (vgl. Buss, 2004; Voland, 1993). Eltern und Kinder, bzw. Verwandte stehen untereinander in einer gewissen Form der Konkurrenz um die Höhe/Dauer der parentalen Investition, bzw. Gewinne in der Gesamtfitnessbilanz.

„Sie stritten sich beim Wein herum,

was das nun wieder wäre;

das mit dem Darwin wär' gar zu dumm

und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,

sie stolperten aus den Türen,

sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus

gekrochen auf allen vieren“.

Wilhelm Busch, 1874

1.1.7 Kritik und Missverständnisse

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Die Evolutionstheorie ist wie jede andere Theorie mit Kritik konfrontiert. Neben äußerst berechtigten Einwänden, muss sie sich jedoch zu einem großen Teil mit vollkommen unberechtigter Kritik beschäftigen, die häufig auf mangelnde Kenntnisse oder Unverständnis der evolutionstheoretischen Grundannahmen beruht. In diesem engen Rahmen einer Einführung in die Evolutionspsychologie sollen einige relevante, weit verbreitete Missverständnisse und berechtigte Kritikpunkte exemplarisch dargestellt werden. Auf die Auseinandersetzung mit dem zur Zeit in den Vereinigten Staaten erstaunlich erstarkendem Kreationismus, der auch unter dem Begriff „Intelligent Design“ bekannt ist, wird an dieser Stelle bewusst verzichtet, da dieser in der Bundesrepublik Deutschland – wenn überhaupt – eine absolute Minderheitenmeinung darstellt.

Genetischer Determinismus

Eines der gravierenden Vorurteile gegenüber der Evolutionstheorie ist die unterstellte Annahme eines genetischen Determinismus. Dieser besagt, dass Verhalten ausschließlich von den Genen gesteuert wird und Umwelteinflüsse wenig bis gar keine Rolle spielen. Große Teile des Widerstandes gegen die Anwendung der Evolutionstheorie auf das Verständnis des menschlichen Verhaltens (die evolutionäre Psychologie) begründen sich aus dieser Fehlannahme und werden häufig von Vertretern der Geisteswissenschaften vorgebracht.

„Ein Großteil der Einwände basiert auf einem falschen Verständnis von der Wirkweise der Gene, von denen fälschlicherweise angenommen wird, sie würden biologische Merkmale unabhängig von Umwelteinflüssen determinieren. Das ist nicht der Fall, denn die Phänotypen (einschl. der Verhaltensmerkmale) entstehen immer aus einer Wechselbeziehung zwischen dem Genom und seiner Umgebung. Ontogenetische Abläufe werden genetisch kontrolliert, aber es bedarf einer passenden Umwelt, damit Entwicklungsvorgänge zu biologisch funktionalen Ergebnissen führen. Ändern sich Gene oder Umwelt, kommt es zu veränderten Phänotypen. Genetisch identische Individuen können sich in verschiedenen Umwelten sehr unterschiedlich entwickeln, und umgekehrt können sich genetisch verschiedenartige Individuen in einer selben Umwelt gleichartig entwickeln. Ontogenese beruht auf Anlage/Umwelt-Interaktionen, und das Produkt- der Phänotypus – kann unmöglich in vermeintlich genetisch- bzw. umweltdeterminierte Anteile zerlegt werden“ (Voland, 1993, S.12).“

Ein recht extremes Beispiel für eine derartige Anlage/Umwelt-Interaktion stellt zum Beispiel die komplette Geschlechtsumkehr bei diversen Fisch- und Froscharten dar (vgl. Wurmbach, 1951). In Populationen kann es aufgrund von Weibchen- oder Männchenmangel zu einer kompletten Wandlung einiger Individuen kommen. Eine Umweltbedingung löst einen genetisch angelegten Mechanismus aus, der sich in einer gravierenden Änderung des Phänotypus und einer damit einhergehenden Verhaltensweise niederschlägt.

Dieses Beispiel kann im Sinne einer Analogie auf den Menschen übertragen werden. Evolutionspsychologisch betrachtet, sollte zum Beispiel ein Mann, der alleine unter vielen (heterosexuellen) Frauen lebt daher ein anderes Benehmen zeigen, als ein Mann, der im Wettstreit mit vielen anderen Männern um eine oder wenige Frauen werben muss. Auf sexuelle Eifersucht zurückzuführende Verhaltensweisen sollten im erstgenannten Fall eher selten zu beobachten sein, da die Anlage zu eifersüchtigem Verhalten – aufgrund der Umweltbedingungen – wahrscheinlich nicht „geweckt“ würde (vgl. Oubaid, 1997). Sobald in der ersten Situation ein weiterer Mann hinzukommen würde, sollte eifersüchtiges Verhalten auch häufiger zu beobachten sein.

Dieses monokausale Beispiel stellt selbstverständlich eine sehr stark vereinfachte, hypothetische Situation dar. In der Realität ist menschliches Verhalten sehr Komplex und wird zumeist von multiplen Faktoren mitbestimmt. Entscheidend ist jedoch, dass die evolutionäre Theorie (und die Disziplinen Soziobiologie und Evolutionspsychologie) von einer Anlage/Umwelt-Interaktion ausgeht.

Teleologie, Fortschrittsglauben & optimale Ausprägung

Der Mensch – die „Krone der Schöpfung“ – steht zur Zeit am Ende des langen Stammbaums der Entwicklung. Dieses (vom Menschen geschaffene) Bild verleitet zur Fehlannahme, dass die Evolution nach einer ständigen Verbesserung und Vervollkommnung strebt. Eine Weiterentwicklung zum „Höheren“, „Besseren“ und „Komplexeren“. Doch die Annahme eines Zieles der Evolution ist schlichtweg falsch. Die Evolutionstheorie kennt neben dem Begriff „Evolution“ auch „Devolution“ und „Involution“ und beinhaltet somit ebenfalls regressive Entwicklungstendenzen. Evolution ist planlos, hat keine feste Ordnung und kennt demnach auch keinen Fortschritt. Durch die natürliche Selektion werden gewissermaßen alle Organismen aussortiert die an die aktuellen Umweltbedingungen nicht genügend angepasst sind. Evolutionäres Wachstum ist folglich ein „wuchern“ ohne Sinn und Ziel (vgl. Wuketits, 2001).

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass gegenwärtige Organismen nicht optimal ausgebildet sein müssen. „Viele Lebewesen besitzen Körperteile, die nicht oder nicht in vollem Umfang funktionsfähig sind. Beispiele sind der Blinddarm des Menschen, die Zähne bei Walembryonen und die Augen vieler Tiere, die in Höhlen leben. Solche
rudimentäre Strukturen sind Überbleibsel von Körperteilen, die bei den Vorfahren eine Funktion erfüllten, heute aber durch den Wechsel der jeweils besetzten ökologischen Nische stark zurückgebildet wurden“ (Mayr, 2003, S.51).

Die Utopie der optimalen Ausprägung lässt sich auch bei der Erwartungshaltung gegenüber Evolutionspsychologen wieder finden. Häufig werden im Alltag gerade dysfunktionale Verhaltensweisen als Beispiele genutzt , um die evolutionären Theorie auf den Prüfstand zu stellen. Einwände der Art: „Wenn das Verhalten den Zweck hat, seine eigenen Gene weiterzugeben, wie passt dann Selbstmord oder Depression in die Theorie?“ werden in alltäglichen Gesprächen recht häufig geäußert. Und in der Tat stellt eine derartige Kritik die Evolutionspsychologie vor eine gewaltige Aufgabe. Einerseits ist sie davon überzeugt, dass nicht alle gegenwärtigen Mechanismen optimal ausgeprägt sind, auf der anderen Seite versucht sie, möglichst viele Phänomene zu erklären und vorherzusagen. Erklärungen bieten Reputation; Unerklärbarkeit einzugestehen hingegen nicht. Doch gerade diese ehrliche Herangehensweise an das menschliche Verhalten kann eine große Chance darstellen. Auf dem Gebiet der klinischen Psychologie existieren bereits erste derartige Bestrebungen (vgl. Buss, 2004).

„Psychology will be based on a new foundation, that of the necessary acquirement of each mental power by graduation.“ Charles Darwin, 1859

1.2 Die Wissenschaft der evolutionären Psychologie

Aus der Distanz betrachtet erscheint die evolutionäre Psychologie wie eine einzige, solide, in sich geschlossene Theorie. Wechselt man jedoch die Perspektive und beschäftigt sich intensiver mit der Evolutionspsychologie, so stellt man fest, dass sie mitnichten so leicht zu überblicken ist. Die Wissenschaftler arbeiten weitgehend unabhängig voneinander und stammen häufig aus differierenden Disziplinen. Dennoch haben mittlerweile einige Evolutionspsychologen in gewisser Weise eine Art „Wortführerschaft“ erobert. Die Wissenschaftler Leda Cosmides und John Tooby, welche beide an der University of California in Santa Barbara lehren und forschen, leiten dort seit Mitte der 90er Jahre das Center for Evulutionary Psychology (CEP)[9], zu dessen Mitgliedern u.a. die bekannten Forscher Irven DeVore, Paul Ekman, Michael S. Gazzaniga, Steven Pinker und Roger N. Shepard zählen. Tooby & Cosmides gehören neben David M. Buss zu den eifrigsten Vorantreibern der Evolutionspsychologie und sind Urheber einiger der wichtigsten Publikationen innerhalb des Paradigmas (Tooby & Cosmides, 2005, 1992, 1989; Cosmides & Tooby, 2003, 1989, 1987). Die folgende Einführung in die Eckpunkte der evolutionären Psychologie folgt im wesentlichen ihren Schriften.

1.2.1 Evolutionsbedingte psychologische Mechanismen (EPM)

Verhalten beeinflusst maßgeblich die Fitness eines Individuums und unterliegt deshalb ebenso der biologischen Selektion wie die anatomisch-physiologischen Merkmale der Phänotypen. Man sollte daher erwarten können, dass es im Durchschnitt zur Maximierung der Gesamtfitness beiträgt. Die Evolutionspsychologie unterscheidet zwischen ultimaten (funktionelle Zweckursachen) und proximaten Erklärungen (kausalen Wirkursachen). „Ultimate Erklärungen beruhen auf Überlegungen zum Selektionsdruck und beschreiben, wie sich Individuen unter den angenommenen Umweltbedingungen der evolutionären Vergangenheit hätten verhalten sollen. Aber damit sie sich tatsächlich so verhalten haben, bedurfte es proximater Mechanismen, die sie dazu gebracht hatten, sich tatsächlich so zu verhalten“ (Asendorpf, 2005, S.102). „Ultimate Zweckursachen beziehen sich auf den Anpassungswert und Selektionsvorteil eines Verhaltens. Auf die Frage: ‚Warum beginnen im Frühjahr die männlichen Frösche zu quaken?’ lautet eine um ultimate Ursachen bemühte Antwort: ‚Weil sie dadurch Weibchen anlocken, was ihnen Fortpflanzung ermöglicht’. Eine proximate Erklärung desselben Verhaltens stellt auf den Zusammenhang von Tageslänge, Gonadenentwicklung und Sexualhormonspiegel ab und behandelt damit den physiologischen Regelmechanismus des Quakens“ (Voland, 1993, S.11).

[...]


[1] Ein Beispiel sei an dieser Stelle genannt: Dem Autor dieser Arbeit wurde in der mündlichen Prüfung des Vordiploms in Sozialpsychologie zum Thema Evolutionspsychologie als erstes die Frage gestellt, ob diese Theorie denn nicht sehr frauenfeindlich sei. Unabhängig davon, ob die prüfende Dozentin mit ihrer Frage vielleicht nur das Wissen über verbreitete Kritik an der evolutionären Psychologie abfragen wollte, zeigt das Beispiel deutlich, welche Assoziationen durch die Evolutionspsychologie geweckt werden.

[2] http://www.hbes.com

[3] http://www.mve-liste.de

[4] Internetquellen werden in diese Arbeit zusätzlich mit der Abkürzung „Iq“ gekennzeichnet. Die ausführliche Quellenangabe findet sich im Quellenverzeichnis.

[5] Das Werk Online: http://pages.britishlibrary.net/charles.darwin/texts/origin1859/origin_fm.html

[6] Die deutschen Erstausgabe http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/darwin/arten/

[7] Homepage des Living Link Institutes von de Waal: http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/

[8] Interaktive OnlineVersion des Spiels: http://www.iterated-prisoners-dilemma.net/

[9] Homepage CEP: http://www.psych.ucsb.edu/research/cep/index.html

Details

Seiten
103
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638477628
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51930
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,15
Schlagworte
Belege Partnerwahlpsychologie Replizierungen Rahmen Sexual Strategies Theory BUSS Einführung Evolutionspsychologie

Autor

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Titel: Ist die Partnerwahl evolutionär bedingt? Evolutionspsychologie und die Sexual Strategies Theory (SST) von Buss