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Die Jeschute-Episode in Wolframs von Eschenbach 'Parzival'

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Männerbild im Mittelalter

3. Das Frauenbild im Mittelalter

4. Parzivals ‚tumpheit’ und die Folgen seiner Erziehung

5. Jeschutes Schicksal und ihr Leidensweg

6. Orilus: Kränkung des ‚starken Mannes’?

7. Klärung der ‚Schuldfrage’

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der folgenden Hausarbeit liegt das Thema „die Jeschute-Episode in Wolframs von Eschenbach Parzival“ zugrunde. Um die gesamte Problematik dieser ersten Begegnung Parzivals mit einer Frau (außer seiner Mutter Herzeloyde) samt all den daraus resultierenden Konsequenzen richtig deuten zu können, soll zunächst das vorherrschende allgemeine Männer- und Frauenbild im Mittelalter skizziert werden. Im Anschluss daran wird die erste- (Buch 3) sowie auch die zweite Begegnung (Buch 5) zwischen Parzival und Jeschute sowie die daraus entstehenden Folgen aus den Szenen-Perspektiven der drei Hauptakteure betrachtet. Als Schwerpunkt wird hierbei Parzivals tumpheit eingehend beleuchtet sowie die Rolle, die die Erziehung durch seine Mutter Herzeloyde dabei spielt. Anschließend wird sowohl das Schicksal und der Leidensweg Jeschutes sowie das Verhalten ihres Mannes Orilus von Lalant dargestellt. Der Schluss stellt die Frage nach einer möglichen Schuldzuweisung.

2. Das Männerbild im Mittelalter

Der Mann als Mitglied der adelig-ritterlichen Gesellschaft ist im Mittelalter stets darum bemüht, ein äußerst maskulines Männerbild zu verkörpern. Êre, prîs und ruom sind zentrale Leitbegriffe dieser Zeit. „Sie kennzeichnen ein männliches Ideal, d.h. die jemandem aufgrund vortrefflicher Taten und Tugenden wie Tapferkeit, Mut, Stärke und anderer untadeliger Leistungen und Befähigungen entgegengebrachte Achtung, sein Ansehen in der höfischen und politischen Öffentlichkeit[1]“. Heldentum, Mut, Tapferkeit und Omnipotenz sind demnach die wichtigsten Tugenden, die ein Mann besitzen bzw. erwerben muss, um in den Augen der mittelalterlichen Gesellschaft sowie auch vor den Frauen Ansehen zu erlangen und bestehen zu können. All diese Tugenden lassen sich unter dem Oberbegriff der manheit zusammenfassen.

Die wichtigste aller Tugenden und das höchste Ziel, das es zu erlangen gilt, ist jedoch die êre. Sie ist keine Tugend, die man einmal erlangt und dann für immer besitzt. Nein. Sie ist ein äußerst labiles Gut, das sich sehr schnell in unêre, schande, schame, laster und unprîs verwandeln kann. Gründe hierfür können schon Banalitäten wie etwa hohes Alter, Gebrechen, ein nicht erwiderter Gruß, das Nichteinhalten von Versprechen oder auch nur eine abfällige Bemerkung sein. Der Mann im Mittelalter sieht sich also dem unentwegten Druck sowie „ständigen existentiellen Spannungen, aus der Bewahrung der Ehre als hohen schützenswerten Guts und der Furcht vor Schande durch ihren Verlust[2] “ ausgesetzt.

Êre muss förmlich jeden Tag neu errungen und erstritten werden. In dieser „Kultur der Ehre“ sind die Männer des Mittelalters äußerst anfällig für jede noch so kleine Möglichkeit der Ehrkränkung. Schame und schande, unêre und spot, auch nur die leiseste Befürchtung sich einer beschämenden oder peinlichen Situation aussetzen zu müssen kratzt bereits an der nach außen so rauen ‚Schale’ der höfisch-ritterlichen Helden. All dies nicht zuletzt auch wegen der Furcht, die Sexualehre des Ritters könnte gekränkt werden. Somit würde seine êre und manheit in unêre und schande gewandelt werden. Das Idealbild des ‚starken Mannes’ würde somit unwiderruflich zerstört werden. „Werden die sexuellen Fähigkeiten angezweifelt (…) wird (…) die Kampfkraft in Frage gestellt und umgekehrt, d.h. die Fähigkeit, die eigene Domäne, die Herrschaft, das Haus und zumal den intimsten Ort ehelichen Beisammenseins, das Bett, vor dem Zugriff Fremder zu schützen[3]“. Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass nur wer êre besitzt, Bestätigung in der mittelalterlich-adlig-ritterlichen Gesellschaft erhält. Er genießt ruom, Ansehen in der Öffentlichkeit und die Zuneigung von vrouwen. Der Mann sieht sich demnach also einem täglichen ‚Kampf’ um den Erhalt, bzw. die Steigerung seiner êre ausgesetzt, die er durch den Einsatz seines lîp im Turnier, Wettstreit gegen andere Ritter oder die Verteidigung seiner Frau, Familie oder Sippe in kämpferisch-draufgängerischer Weise erhalten kann.

3. Das Frauenbild im Mittelalter

Die zentralen Leitbegriffe für das vorherrschende Frauenbild im Mittelalter sind triuwe, schame, kiusche [4] und staete. Die Frau in der ritterlich-höfischen Gesellschaft des Mittelalters ist ihrem Manne absolut untergeordnet. Allein der (Ehe-) Mann ist der Herr und Hüter der êre seiner Frau. Er hat die Funktion des Ernährers und, mittels Einsatz seines lîp, Beschützers seiner Frau, mit der er in der so genannten „Minnegemeinschaft[5]“, in etwa zu vergleichen mit einer Ehe, lebt. Die Frau im Gegenzug ist ihrem Beschützer (=Mann) zu strikter ‚ehelicher’ Treue, der kiusche verpflichtet. „It suggests a complete absence of all immodesty, absolute purity and fidelity in the sexual sphere; thus it is allied to triuwe[6]. „Weibliches Schamempfinden (bzw. die kiusche, die absolute Pflicht der Frau, Schamhaftigkeit und Reinheit um jeden noch so hohen Preis zu wahren, und sei es das Leben) wird in eine unmittelbare, meist kausale Beziehung zur Sexualität gestellt[7]“. So wird von Frauen der Triebverzicht mit aller Nachhaltigkeit eingefordert, während er von den Männern kaum abverlangt wird. Nicht die Frau, sondern allein der Mann besitzt die Kontrolle über die Reproduktion. Während Schamhaftigkeit, Reinheit und vor allem triuwe als oberste Pflichten der Frau in der adelig-mittelalterlichen Gesellschaft gefordert werden, ist das allgemeine Frauenbild zu dieser Zeit in der breiten Öffentlichkeit jedoch oft ein ganz anderes. Die Darstellung der Frau als ‚verführerisches Weib’, das ihre körperlichen Reize listig einsetzt und den Verlockungen des Fleisches ‚geradezu zwanghaft verfallen’ ist, ist weit verbreitet. Der Tugend der weiblichen Schamhaftigkeit wird eine oft nur geringe Bedeutung zugemessen – sie ist eine Tugend von zweifelhaftem Ruhm. Dieses Frauenbild wird besonders auch durch die Kirche und die Predigten der Geistlichen im Mittelalter untermauert, die das weibliche Geschlecht als „von Natur aus boshaft, gehässig, spottsüchtig, unehrlich, lügnerisch, eitel, hochmütig, zanksüchtig, listig, heuchlerisch und völlig ungebildet[8] “ darstellen. Die Frau in der Darstellung als „Lockvogel des Teufels[9] “ ist somit ein weit verbreitetes Bild im Mittelalter. Die eigene Partnerin vor Zudringlichkeiten fremder Männer zu schützen und damit das eigene Ansehen des ‚starken Mannes’, des ‚Beschützers von Haus und Hof’ zu wahren gilt als eine der wichtigsten Aufgaben des Mannes. Ein Ehebruch der Frau kann somit die schrecklichsten Auswirkungen nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihren Gemahl, dessen êre, sowie der êre und des Fortbestandes seiner ganzen Sippe mit sich bringen.

[...]


[1] Burkhardt Krause: ’Wirst meines Hauses Ehre sein’? Orilus de Lalander und der eigentliche Point d´honneur.

[2] Burkhardt Krause: ’Wirst meines Hauses Ehre sein’? Orilus de Lalander und der eigentliche Point d´honneur.

[3] Burkhardt Krause: ’Wirst meines Hauses Ehre sein’? Orilus de Lalander und der eigentliche Point d´honneur.

[4] Bei Wolfram werden jedoch auch Männer als kiusche bezeichnet, wie z.B. Parzival und Trevrizent. Vgl. dazu: David N. Yeandle: Commentary on the Soltane and Jeschute Episodes in Book III of Wolfram von Eschenbach’s Parzival (116,5-138,8), Heidelberg 1985, S. 314 sowie Herbert Kolb: Vielfalt der kiusche. In: Verbum et Signum II, S.233-246

[5] Vgl. dazu: Dietmar Peil: Die Gebärden bei Chrétien, Hartmann und Wolfram. Erec-Iwein-Prazival, München 1975. S. 172

[6] David N. Yeandle: Commentary on the Soltane and Jeschute Episodes in Book III of Wolfram von Eschenbach’s Parzival (116,5-138,8), Heidelberg 1985, S. 314

[7] Burkhardt Krause: ’Wirst meines Hauses Ehre sein’? Orilus de Lalander und der eigentliche Point d´honneur.

[8] Maike Vogt-Lüerssen: Lockvögel des Teufels. Über das Frauenbild im Mittelalter. 40 Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

[9] Maike Vogt-Lüerssen: Lockvögel des Teufels. Über das Frauenbild im Mittelalter. 40 Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638477246
ISBN (Buch)
9783656193593
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51873
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,3
Schlagworte
Jeschute-Episode Parzival Wolfram tumpheit Männerbild im Mittelalter Frauenbild im Mittelalter Orilus Schuldfrage Kränkung

Autor

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