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Arnold Gehlens "Über kulturelle Kristallisation". Zusammenfassung der Thesen

Zusammenfassung 2020 9 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Arnold Gehlen - Über kulturelle Kristallisation

- Angelsachsen-Verlag Bremen, 1961
- Vortrag, gehalten im Rahmen der “Geistigen Begegnungen in der Böttcherstraße“ in Bremen, am 24.02.1961
- Amerikaner und Europäer: „noch nie dagewesene Wirklichkeit aufgebaut“ (3); bezogen auf technische und industrielle Erfindungen -> so enorm, dass Gehlen von einer „neue[n] Erde“ / einer „neuen Umwelt“ (3) spricht -> in einem negativen Kontext: „die an Gewaltsamkeit und zugleich Künstlichkeit alle Vergleichbarkeiten hinter sich läßt“ (3) (Gehlen benutzt hier bereits in den ersten Zeilen den Begriff der ‚Umwelt‘, um die Lebenswelt des Menschen zu beschreiben. Wir erinnern uns, dass der Begriff der Umwelt in Gehlens Werk ‚Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt‘ die Lebenswelt der Tiere, nicht die der Menschen beschrieben hat. Gehlen spricht nun gar von einer neuen Erde, einer neuen Welt, die jedoch mit der bisherigen Welt aus ‚Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt.‘ nicht mehr viel zu tun hat. Diese neue Welt wurde jedoch von der Industrialisierung und ihren Folgen, wie zuerst dem vierjährigen, später dem dreißigjährigen Krieg, erschüttert).
- Zur modernen Kultur (physische und geistige Überzeugungskraft) -> unwiderstehlich -> ganze Völker/ Kontinente folgen dem „Beispiel“, streifen dafür eigene Traditionen ab.
- Wie Weber auch bereits 1908 voraussagte, traten Katastrophen ein (1. vierjährige technisierte Krieg, Erdumgreifendes Ereignis) (3)
- Deutschland: Industrialisierung schreitet voran (beobachtet); neue Maschinen und Sitten erfunden, ausprobiert, beobachtet, Folgen registriert (3); auch Wissenschaft schreitet mit voran (Marx ‚Das Kapital‘, allgemeines Wahlrecht im Norddeutschen Bunde durch Bismarck) -> auch Politik schreitet mit
- Begriff des „neuen Naturmilieus“ (4) bleibt bei Gehlen erhalten, stellt die nach den Weltkriegen chaotische Lebenswelt des Menschen dar, welche (politisch, wirtschaftlich, ideell, künstlerisch) erstmals wieder durch die Philosophen der Zeit (Gehlen nennt hier Scheler, Musil, Benn und Mann) an Orientierung gewann. Diese Denker versuchten kulturkritisch, das vorherrschende „nihilistische Chaos“ zu strukturieren und wieder zu stabilisieren, sodass eine erste „Kristallisation“ zu erkennen war.
- „Lebensgesetze der Technik und Industrie“: Blindheit überwunden (im Gegensatz zu Nietzsche), Spengler: „aus Philosophie-Studenten Techniker machen“ (4) -> ?
- Wissenschaft (enorm popularisierbar) als „Überzuständigkeit“ (4): zugleich eine „geistige Neuorganisation de Gesellschaft“ (missionarisch) -> erneuter Verweis auf Nietzsche, der dies versuchte, was Gehlen jedoch als „große Schlüsselattitüde“ (5) abtut. (= Versuch von einem „Unternehmen, das aus einer Gesamtschau heraus eine Weltinterpretation und darin eine einleuchtende Handlungsweisung geben möchte“ (5)). (siehe christl. Religion)
- „Erklärungsgrundsätze und die Sachanschauungen bestimmter Einzelwissenschaften ins Universelle auszuweiten“ -> Verallgemeinerung. Wert der Wissenschaft stützt dies enorm.
- Weltanschauung (phil./ wissenschaftl. Gesamtauslegung des Lebens + daraus abgeleitete ethische Forderungen (5)) -> Ersatzreligion (5) (Erklärung/ Bsp.: Vieles wird begründet durch bloße Existenz selbst, zum Beispiel der industrielle Fortschritt, Weltanschauung in ihrer Zusammensetzung, naturwissenschaftliches (Freuds Psychologie)) (5) Auch Ethik: Schuldgefühle, Gott, Aufklärung und sozialistische Gedanken (Marx) à siehe gr. Schlüsselattitüde! (6)
- Wissenschaft = enormer Stellenwert, Beantwortung der kantischen Fragen „Was können wir wissen“, „Was sollen wir tun“, „Was dürfen wir hoffen“ (letztere: irrtümlicher Glaube an innerweltlichen Fortschritt zum Besseren scheint Frage zu beantworten) -> geistige Haltung ist „historisch geworden“ (6), hat sich manifestiert. à „so etwas kann jetzt nicht mehr neu entstehen“ (So kommt Gehlen zu seiner Annahme, dass keine weiteren weltanschaulichen Ideen mehr entstehen können als diese, welche bereits fest in den Industriegesellschaften verankert sind.)
- Große Schlüsselattitüde lebt in Menschen weiter, genau wie Marxismus, weil institutionalisiert! (durch polit. Durchsetzung) „wie denn überhaupt Ideen nur überleben, wenn sie als Institution verkörpert werden.“ (6).
- Gehlen: Marxismus und Religion bleiben übrig, Religion dabei „auf das menschliche Beschränkt, d.h. sozialisiert“ (7)
- à Erklärung, „warum keine weltanschaulichen Angebote mehr entstehen“ (7): praktische und theoretische Gründe. 1.: „Realisierung von Ideen, also die Zurechtbiegung der Wirklichkeit derart, daß sie der Reinheit der Idee ähnelt, stets ein Vorhaben ist, bei dem es blutig zugeht.“ (7) -> Wirklichkeit und Ideal = 2 verschiedene Dinge. Bsp.: 2 Weltkriege, geführt „unter der Fahne von Ideen“. Nur noch die Ideen und Weltanschauungen, die bereits in Industriegesellschaften integriert sind, haben Zukunft. 2.: „Das Ende der Philosophie im Sinne der Schlüsselattitüde“ (7) + Ende der „von übersteigerten Einzelwissenschaften ausgehende Ersatzreligion“; geschuldet dem heutigen Stande der Wissenschaft à Spezialisierung! (8).
- Spezialisierung = Wissenschaften sind „weit in ein Geäst von Einzelfragestellungen auseinandergegangen“ (8), fernab von einer Allgemeinkompetenz. -> Fachsprachen. (dilettantisch). Dies sorgt für eine Kluft zwischen Fachmann und Laien, die in ihrer Spezialisierung auf dem jeweiligen Fachgebiet so groß wird, das Dritte/ die Allgemeinheit davon nichts mehr verstehen (8).
- Gesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Politik, gar Weltbilder und Grundlagenreformen sind genauso spezialisiert; „dieser Zustand [hat sich] durchgesetzt [..], eingewöhnt und wird akzeptiert.“ (9) (innerhalb der Wissenschaft)
- Institutionelle Verfestigung der Wissenschaften: Hochschulen, Industriewerke, staatl. Laboratorien, Kliniken (med.), Krankenversicherungen, Gerichte, Kanzleien, Parlamente (juristisch), Ämter, Rathäuser, … (9+10) ->auch wenn nicht als Weltbild, so hängen Wissenschaften doch zusammen („nicht in den Köpfen [..], wohl aber in der Wirklichkeit der Gesamtgesellschaft“ (10)).
- Gehlen spricht hier auch von einer „Superstruktur des gesellschaftlichen Zusammenhangs“(10), wodurch auch ein ständiges Fortschreiten/ Fortschritt (zwangsweise) gegeben ist.
- ‚culture encadree‘: Kultur der Wissenschaft, eingebaut in „eine Supermaschine, welche mit einer Kapazität von 50 Millionen Menschenkräften arbeitet“ (10).
- Gehlen teilt die Welt in eine östliche und eine westliche Hälfte, stellt dazu zwei Ideologien auf: Zum einen die demokratische (älter, elastischer, weltoffen, links-tolerant, Haltung und Gesittung), zum anderen die marxistische (szientifisch, buchmäßig, gelehrt, doktrinär, prinzipiell, universal). Beide Ideologien haben nach Gehlen eine verzerrte Anschauung über menschliche Ansprüche, sind Systeme mit politischer Verflechtung (11) die bis in den Alltag der Menschen dringen.
- „Wenn Sie diese bisher gegebene Zustandsanalyse für annährend richtig halten, so haben Sie bereits den Beleg für das, was ich »kulturelle Kristallisation« nenne.“ (Ursprung: Vilfredo Pareto, ital. Soz.) Kristallisation = ein Zustand auf einem beliebigen kulturellen Gebiet, „der eintritt, wenn die darin angelegten Möglichkeiten in ihren grundsätzlichen Beständen alle entwickelt sind.“ (11). Dabei gibt es innerhalb dieser Kristallisation noch Detailfortschritte der auseinandergezweiten Einzelwissenschaften.
- Bsp.: Kunst. ‚Avantgardismus‘ ist überholt; es gibt vielleicht 3, 4, 5 Fundamentalmöglichkeiten. Es wird sich mit Bewegungsfreiheit auf der Stelle bewegt (12) -> kulturell genau so
- zurück auf die metaphorisch in zwei geteilte Welt mit ihren zwei Basisideologien. Gehlen geht hier mit einer unumstößlichen Endgültigkeit davon aus, dass die Ideengeschichte abgeschlossen sei und die Menschheit sich in der Posthistorie befindet. Es wird keine dritte (Global-)ideologie mehr geben. Die Menschheit, nicht mehr der Einzelne, kann sich ganz auf Gottfried Benns „Rechne mit deinen Beständen“ einstellen. Lediglich der Fortschritt wird uns erhalten bleiben, denn diesen muss es zwangsläufig geben: „Fortschritt aber gibt es überall da, wo das Zusammenspiel einer technisch und industriell hochentwickelten Gesellschaft Wissenschaft funktionsnotwendig braucht, oder wo sich Forschung übersetzen läßt [sic!] in Praktikabilität.“
- Diese Kultur des Menschen, die Gehlen einst als zweite Natur bezeichnete, hat sich von einer ‚menschlichen Kultur‘ in eine ‚technische Kultur‘ verwandelt.
- „gesellschaftseigenes Niveau allgemeiner Wissenschaftlichkeit“ (14): z.B. am Arbeitsplatz (abstrakte Informiertheit). Sinnfrage findet keinen Platz in „einer prinzipienpluralistischen Gesellschaft von höchster Dynamik und in einer unabschließbaren, exzentrischen Welterfahrung.“ (14).
- Wandel von der Epoche der Gestaltungsideologien (1789) zur Errichtung des Wunschreiches durch Mitgestaltung der Menschen hin zu einer „gewaltigen, eingespielten Maschine“, solch eine Mitgestaltung keinen Halt findet („bis heute durchgerettete Ideologien“).
- Da ideologische und religiöse Gebiete eine Endgültigkeit erreicht haben, werden die Menschen ihre ganze Kraft in die „Weiterentwicklung der Einzelheiten des großen wissenschaftlich durchorganisierten Überbaus manifestieren [..], wobei die Künste und schönen Wissenschaften mit reizvoller Unverantwortlichkeit einen Kernbestand von Ernstaufgaben sozusagen umspielen“ (15). Ernstaufgaben -> entstehen aus „der Drastik des Lebenswollens von allen“. -> wird bei einem „praktisch und informatorisch klein gewordenen Erdball“ problematisch (15).
- 2 Politika 1. Ranges in Deutschland: b) Entwicklungshilfe und a) Reorganisation der Hochschulen. a) gewaltigen Andrang an Studierenden (1/4 Mio./ Jahr) unterbringen und Intelligenzberufe steigen -> Ausleseverfahren einführen? (15+16). b) neue Chance im Wettlauf zwischen West und Ost? Unterproduktion + Zeitdruck fordern, dass „ eine steigende Zahl von Experten an Ort und Stelle sich einrichten und über lange Zeit am Platz bleiben müssen “. Hierfür ist die Menschheit weder mental noch faktisch bereit. à Mangel an Humanität, religiöse und traditionell bedingte Konflikte und die nicht überwundene kriegsgeschichtliche Vergangenheit stehen einer Lösung im Wege. Und so steht diese so unglaublich fortschrittliche, technische, industrielle, wissenschaftliche Kultur, ursprünglich entstanden aus der ins lebensdienlich umgeformten (inzwischen naturfernen) Natur, vor nicht lösbaren biologischen Problemen.
- Gehlens Aufruf: „die Wirklichkeit der offensichtlich empörenden Not anzugreifen – das wäre Fortschritt.“ (17).

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Details

Seiten
9
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346116321
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v517324
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1.7
Schlagworte
Gehlen Kulturelle Kristallisation

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