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Umsetzung des Drehbuchs "Das Floß" in ästhetischer, filmsprachlicher und technischer Hinsicht

von Wolfgang Wambach (Autor) Jan Thüring (Autor)

Diplomarbeit 2002 34 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

INHALT

1. Vorwort

2. Inhaltliche Umsetzung
2.1. Synopsis
2.2. Filmsprache
2.3. Storyboard

3. Technische Umsetzung
3.1. Kameratechnik
3.2. Licht
3.3. Keying
3.4. Anbindung der Motion Control an Lightwave
3.5. Angleichung von realer und digitaler Welt
3.6. Neue Arbeitsweisen für Kameraleute

4. Fazit und Ausblick

1. VORWORT

Im Februar 2001 sandte mir der Regisseur Jan Thüring ein Kurzfilmtreatment zu. Er fragte, ob ich mir vorstellen könne, bei diesem Projekt die Kamera zu führen.

Ich sah in der Geschichte sofort ein spannendes Potential. Es geht um zwei Schiffbrüchige, die mehrere Tage auf hoher See auf einem Rettungsfloß daher treiben. Zusammen widerstehen sie den Naturgewalten, bis ihre Freundschaft durch einen Wink des Schicksals auf eine harte Probe gestellt wird.

Es handelt sich um mehr als nur den Kampf Mensch gegen Natur. Vor allem zwischenmenschliche Aspekte wie Zusammenhalt und Kameradschaft sollen herausgearbeitet werden. Wie verhalten sich zwei Menschen in einer derart aussichtlosen und verzweifelten Situation?

Zwischen Thüring und mir gab es bereits eine erfolgreiche Zusammenarbeit bei dem Animationskurzfilm „Endstation: Paradies“. Das bevorstehende Filmprojekt versprach neue Herausforderungen an die Kameraarbeit, die es so wohl noch nicht gegeben hat. Es fiel mir also nicht besonders schwer, dem Projekt zuzusagen.

Zusammen mit dem Producer des Projektes, Daniel Mann, der ebenfalls wie Thüring Student an der Filmakademie Baden-Württemberg ist, begannen wir das Drehbuch vorzubereiten.

Im Verlauf von fast eineinhalb Jahren bis zum Drehbeginn stießen noch zwei Animatoren, ein Setdesigner, vier 3D Programmierer und ein Bildcompositor zum Team hinzu.

Die Dreharbeiten, die noch nicht komplett beendet sind, umfassen 3 Monate. Der Film soll nach der Postproduktion im Februar 2003 fertig sein.

2. INHALTLICHE UMSETZUNG

2.1. SYNOPSIS

Nach einem Schiffsunglück treiben die Seefahrer Marty und Ernest seit Tagen auf einem provisorischem Floß irgendwo auf dem Meer. An Rettung glauben sie nicht mehr. Ein Hai umkreist das Floß bereits. Ernest hat eine Halluzination, er könne einen Fisch fangen und geht dabei über Bord. Sein Kumpel Marty rettet ihn in letzter Sekunde vor dem Hai. Erschöpft warten beide auf den Tod und schlafen auf dem Floß ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ernest Marty

Nach Stunden wird Marty durch einen Schatten geweckt, der über sein Gesicht geht. Eine Seemöwe fliegt am Himmel. Sie stürzt ins Wasser und fängt mit spielerischer Leichtigkeit einen Fisch. Mit dieser Beute landet der Vogel auf dem Mast des Floßes und beginnt ihn vor den Augen der hungrigen Schiffbrüchigen zu verzehren. Essen... Nur ein kleines bißchen und man könnte weitere Tage auf dem Floß überleben und die Chance auf Rettung erhöhen. Marty schleicht sich an das Tier heran und schlägt mit einem Ruder zu. Vor Schreck läßt die Möwe den gerade gefangenen Fisch fallen. Die beiden Seeleute beobachten wie die Beute in Richtung Floß saust. Ernest streckt seine Hand aus und fängt den Fisch. Der Jubel ist groß.

Ernest beginnt den Fisch zu essen. Doch Marty bleibt das Lachen im Hals stecken als er sieht wie Ernest die Mahlzeit nahezu allein verspeist. Es kommt zur einer Rangelei, bei der die verbliebene Fischhälfte aufs Floß fällt. Ernest zückt ein Messer, mit dem er Marty an der Hand verletzt. Dieser wehrt sich mit dem Ruder. Beim Kampf geht Marty über Bord, Ernest fällt zurück auf das Floß.

Der geschwächte Marty kämpft im Wasser um sein Leben. Plötzlich erscheint der Hai wieder, angelockt durch Martys blutende Hand. Ernest hält Marty spontan ein Ruder ins Wasser. In dem Moment landet die Möwe auf dem Floß. Sie hüpft zum Fisch. Der Hai schwimmt näher zu Marty. Soll Ernest sich für die Rettung seines Freundes oder für den Fisch und damit für das eigene Überleben entscheiden? Ernest läßt das Ruder los und schnappt sich blitzartig den Fisch. Die Möwe fliegt davon. Ernest dreht sich um und sieht, daß Marty verschwunden ist. Nur noch das Ruder treibt auf dem Wasser. Offensichtlich hat der Hai ihn gefressen.

Ernest liegt allein auf dem Floß, er ist eingenickt. Die Fischgräte liegt vor ihm. Plötzlich schiebt sich ein Schiff ins Bild. Das Schiffshorn ertönt und Ernest wacht auf. Das ist kein Traum, das ist die Rettung. Er kann es nicht fassen. Während er an Bord gezogen wird, grinst er und fängt an zu lachen. Das Schiff fährt dem Sonnenuntergang entgegen und wir lesen dessen Namen auf dem Heck: Titanic.

2.2. FILMSPRACHE

Auflösung

Mit der Entwicklung von der Idee zum Kurzfilm, stand man vor der Frage der Umsetzung. So gab es Überlegungen, das Thema szenisch oder pixilliert zu bearbeiten. Im Animationsfilm sahen wir jedoch beste Möglichkeiten, die Idee zu realisieren. Nur so haben wir die volle Kontrolle der Bewegungsabläufe des Floßes und der Tiere. Außerdem versprachen wir uns einen parabelhaften Eindruck durch die artifizielle Darstellungsform.

Die Auflösung der Geschichte wurde in Zusammenarbeit mit dem Regisseur gemacht. Dabei konzentrierten wir uns besonders auf eine visuelle Erzählweise. Jede Einstellung sollte in ihrer Form dem Inhalt entsprechen.

Sehr früh in der Entwicklungsphase zeichnete sich schon ab, daß die Hauptdarsteller keine Texte sprechen werden, sondern nur unverständlich krächzen. Wir wollten uns besonders auf die Bilder konzentrieren, nicht auf den Dialog. Dabei sahen wir eine besondere Herausforderung an Regie und Kamera.

Nachdem wir ein erstes Storyboard angefertigt hatten, wurde in einer alten Fabrikhalle ein 4 mal 5 Meter großes Floß aufgebaut. Zwei Tage lang drehten wir dort mit zwei Videokameras und zwei Schauspielern ein Animatic. Dieser Testdreh, der auch geschnitten und mit Ton unterlegt wurde, sollte uns einen ersten Eindruck vermitteln, wie die Geschichte funktionieren würde. Die Aufnahmen boten der Kamera und auch der Regie beste Möglichkeiten zu improvisieren und auszuprobieren.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Testdreh mit Schauspielern

Diese Vorarbeit half die Geschichte reifen zu lassen und die Darstellung zu konkretisieren. Danach wurden weitere Animatics gedreht, diesmal allerdings mit einfachen Handpuppen. Die Testdrehs verschafften uns eine große Sicherheit bei der Umsetzung der Geschichte.

Bilder

Der Film beginnt mit einer Unterwasseraufnahme (001 A). Im Hintergrund sinken verschiedene Schiffsteile in die Tiefe. Im Vordergrund kommt ein Flaschenschiff ins Bild, verharrt kurz, füllt sich mit Wasser und verschwindet im Dunkel des Ozeans. Luftblasen steigen auf, von denen eine die Kamera trifft. Überblendung in Weiß.

Dieses Bild soll einen kurzen assoziativen Abriß über die Vorgeschichte der beiden Hauptdarsteller geben. Mit der Einstellung soll verdeutlicht werden, daß es ein Schiffsunglück gegeben hat. Die genaue Vergangenheit der Beiden bleibt allerdings im Dunkeln. Wenn der Film beginnt, sind die Schiffbrüchigen gleichrangige Partner. Egal ob sie vorher Matrose oder Kapitän waren, sie sind jetzt dem gleichen Schicksal ausgesetzt.

Die Einstellung bietet noch einen weiteren Vorteil. Im Zusammenspiel mit dem Ende des Films, dem unerwarteten Erscheinen der Titanic, bildet das Motiv des Schiffs eine Klammer um den Film.

In der zweiten Einstellung (001 C) fährt die Kamera am Mast des Floßes herunter. Sieben ins Holz geritzte Kerben kommen ins Bild. Dann sehen wir zum ersten Mal Marty und Ernest. Die Kamera fährt in die Totale. Ringsherum ist nichts als Wasser. Zu allem Übel umkreist auch noch ein Hai das Floß.

Hier werden die Personen und der Handlungsort eingeführt. Die siebte Kerbe, die Marty gerade mit dem Messer in den Mast ritzt, steht für die Anzahl der Tage seit dem Schiffsunglück.

Gleich anschließend kommt eine deliriumartige Szene (002 - 011). Der erschöpfte Ernest beugt sich über den Floßrand um einen Fisch zu fangen. Die Einstellungen sind mit extrem weitwinkligen Brennweiten aufgenommen, um einen halluzinogenen Effekt zu erzielen. Ernests Subjektive wird mal scharf, mal unscharf gedreht. Die Sonne strahlt in die Kamera, ab und zu wird sie von Ernest verdeckt. Hier verdeutlicht die Sonne Ernests Schwächungen.

Zum Ende des ersten Aktes (019 – 020), wenn die beiden Protagonisten auf dem Floß liegen und sozusagen auf den Tod warten, gibt es zwei Einstellungen mit toten Gegenständen, die filmisch zum Leben erweckt werden. Ein Fernrohr, das gleichzeitig hiermit eingeführt wird, rollt langsam über das Floß. Die Frontlinse kommt der Kamera näher, wir erkennen in der Spiegelung die Weite des Meers und den Hai, der immer noch um das Floß kreist. Das Tuch, welches zerrissen an der Mastspitze weht, läßt ab und zu Lichtstrahlen durch, die als Einstrahlungen in die Kamera gelangen. Es soll verdeutlicht werden, daß quälend lange Zeit vergeht. Diese Langsamkeit wollte ich visuell interessant erzählen.

In Einstellung 078, in der Mitte des dritten Aktes, gibt es eine Bildaufteilung mit Marty links und Ernest rechts. Zwischen ihnen liegt der Mast in der Bildmitte. Die Beiden arbeiten nun nicht mehr als Team zusammen. Durch das Auftauchen des Fisches sind beide zu Rivalen geworden. Sie sind in der Komposition auch räumlich getrennt.

Die nächste Einstellung zeigt die Beiden von oben wie sie den Fisch umkreisen. Im Vordergrund des Bildes schwankt eines der Schiffsseile und zeigt den Fisch mal mit Marty, mal mit Ernest zusammen. Die Entscheidung wer den Fisch bekommt, ist noch nicht gefallen.

Marty will sich auf den Fisch stürzen, da verletzt Ernest ihn mit dem Messer. In Einstellung 83 hält sich Marty in seiner Subjektiven die blutende Hand vor seine Augen. Er nimmt sie weg und nach einer Schärfenverlagerung sehen wir Ernest mit dem Messer, bereit die Beute zu verteidigen. Ernest steht im Gegenlicht, hinter ihm strahlt die Sonne ab und zu in die Kamera. Mit der Sonne im Rücken erscheint Ernest stärker. Marty, der geblendet ist, ist der Schwächere.

Es kommt zum Showdown, Mann gegen Mann. Marty und Ernest werden jeweils in des anderen Subjektive gezeigt. Langsam springen wir in den Einstellungsgrößen näher, von halbnah bis zur Großaufnahme. Damit will ich die Emotionen der Figuren verdichten.

Der vierte Akt endet mit Einstellung 123. Ernest hat gerade den Fisch vor dem Vogel gerettet, aber seinen Kumpel dem Hai überlassen. Ernest findet aber nur noch das Ruder vor, an dem Marty hing. In Ernests Subjektive sehen wir das Ruder ruhig auf dem Wasser treiben. Da Ernest sich langsam über den Floßrand beugt, kommt die Spiegelung seines Gesichts im Wasser hervor. Das soll seinen verzerrten inneren Seelenzustand darstellen.

Das Bild von Ernest wird überblendet in den letzten Akt. Er beginnt mit der Abwärtsfahrt am Mast (124), wie in der Anfangseinstellung (001 C). Die Kamera fährt wieder in die zentralkompositorische Halbtotale. Ernest sitzt rechts an seinem Platz am Mast, der Stelle links ist frei. Man hat den Eindruck, daß etwas mit dem Bild nicht stimmt. Die Einstellung droht visuell zu kippen. Absichtlich wurde dieser kompositorische Fehler begangen, um zu zeigen, daß einer der beiden Seefahrer nicht mehr da ist.

Ernest wird gerettet (126), er kann sein Glück nicht fassen. Seine Haare und die Stoffetzen auf dem Floß flattern im Fahrtwind des Schiffes. Während man sich fragt, warum der lachende Ernest für seine schlechten Taten auch noch belohnt wird, fährt die Kamera weiter zurück in die Supertotale. Der untergehenden Sonne entgegenfahrend erkennt der Zuschauer den Namen des Schiffes. Es ist die Titanic.

Dieser Name steht in der (Film-) Geschichte für den Untergang. Ernest wird seine Strafe erhalten.

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638475938
ISBN (Buch)
9783638683982
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51696
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Kunsthochschule
Note
mit Auszeichnung
Schlagworte
Umsetzung Drehbuchs Floß Hinsicht

Autoren

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Titel: Umsetzung des Drehbuchs "Das Floß" in ästhetischer, filmsprachlicher und technischer Hinsicht