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Lässt sich Benno Werlens Theorie der alltäglichen Regionalisierung in der Lebensmittelindustrie anwenden?

Seminararbeit 2015 12 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alltägliches Geographie-Machen nach Benno Werlen

3. Werlens Arten der alltäglichen Regionalisierung
3.1. Produktiv-konsumtive Regionalisierung
3.2. Politisch-normative Regionalisierung
3.3. Informativ-signifikante Regionalisierung

4. Fallbeispiel „Original Thüringer Qualität“
4.1. Untersuchung anhand der produktiv-konsumtiven Regionalisierung
4.2. Untersuchung anhand der politisch-normativen Regionalisierung
4.3. Untersuchung anhand der informativ-signifikanten Regionalisierung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 . Einleitung:

Im Allgemeinen versteht man unter Regionalisierung das Teilen eines Raums in kleine Teilgebiete bzw. Regionen. Die Kriterien, die für die Abgrenzung entscheidend sind, hängen vom jeweiligen Untersuchungsziel ab. Bei diesen Abgrenzungen kann es sich durchaus um physische Grenzen wie zum Beispiel Flüsse oder Gebirge handeln, es können aber auch politische oder andere menschliche Grenzen sein. In diesem Sinne werden die Teilräume so zusammengefasst, bis alle Raumeinheiten aneinander grenzen. (LOSSAU/FREYTAG/LIPP- UNER 2014, S. 62) So entsteht ein Containerraum. In jenem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit diese Definition von Regionalisierung in der heutigen vernetzten und schnelllebigen Welt noch aktuell ist. In diesem Kontext tritt Benno Werlen in den Vordergrund.

Werlen versucht mit seiner Definition des alltäglichen Geographie-Machens diese Denkweise umzupolen. Er möchte mit seiner Definition weg vom „reinem Containerraum“ lenken (WERLEN 2008, S.279) und hin zum Raum des alltäglichen Handelns. Mit dieser Definition und der Entstehung dieser Konzeption wird sich diese Arbeit im Folgendem beschäftigen.

Außerdem soll anhand des Fallbeispiels des Qualitätslabels „Original Thüringer Qualität“ aufgezeigt werden, inwieweit sich Werlens Theorie auf die Lebensmittelindustrie anwenden lässt. Grundlage für diesen Teil soll der Aufsatz von Tilo Felgenhauer „Ich bin Thüringer, ... und was isst Du?“ aus Benno Werlens Band 3 seiner Reihe „Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierung“ sein. Bei der Untersuchung liegt der Fokus auf den drei Regionali- sierungsformen der alltäglichen Regionalisierung, um die Leitfrage beantworten zu können. Das Ergebnis wird am Ende in einem Fazit erläutert.

2. Alltägliches Geographie-Machen nach Benno Werlen

Wolfgang Hartke war der Erste, der sich bei der Definition von Regionalisierung vom Forschungsgegenstand Raum loslöste. Für ihn war schon damals klar, dass die menschliche Aktivität für die Regionalisierung eine wichtige Rolle spielt. (WEICHHARDT 2008, S. 250) Hartke definierte die „Landschaft“ in seiner Konzeption als „Registrierplatte“ des sozialen Handelns, auf der die „Spuren“ der menschlichen Aktivitäten hinterlassen werden. (WERLEN 2000 b, S. 144)

Werlen teilt die Sichtweise Hartkes, dass Regionalisierung von der sozialen und nicht von der räumlichen Basis abhängig ist und bezeichnet seinen Standpunkt als „kopernikanische Wende der geographischen Perspektive“ (WERLEN 1997, S. 25). Jedoch sieht Werlen in Hartkes Arbeit Aktualisierungs- und Verbesserungsbedarf, da Teile seiner Theorie auf die Gegenwart nicht mehr angewendet werden können.

Die steigende Globalisierung und Vernetzung der Welt führen dazu, dass die Entankerungsmechanismen immer weiter zunehmen. Dies hat zur Folge, dass das Spurenlesen in der Landschaft geradezu unmöglich wird, da es in der Spät-Moderne nicht mehr nötig ist, am Ort des Handelns körperlich anwesend zu sein. (WEICHHARDT 2008, S. 250) Ohne diese körperliche Anwesenheit kann das handelnde Subjekt auch keine Spuren mehr hinterlassen. Man kann z. B. zu Hause am Computer handeln, ohne dass jemand anderes anwesend sein muss, und Veränderungen erzeugen an einem Ort, der variabel ist. Somit sind regionale Beobachtungen nicht mehr Ausdruck lokaler Verhältnisse, sondern globaler Zusammenhänge. (WERLEN 2007, S. 44 f.)

Ebenfalls grundlegend für Werlens Theorie ist die Strukturationstheorie, in der Giddens sein Verständnis von Regionalisierung beschreibt. Giddens Meinung nach handelt es sich bei einer Region um einen „Kontext bzw. um eine Situation in Raum und Zeit“. Die Regionalisierung, also der Vorgang, eine Region zu erschaffen, ist demnach der „Prozess, in dem dieser Kontext bzw. diese Situation von einem Subjekt konstruiert“ (WEICHHARDT 2008, S.254) wird. Werlen teilt diese Meinung, kritisiert jedoch stark die von Giddens verwendete Formulierung. So hat Giddens den „Containerraum im newtonschen Sinne“ in seiner Theorie verwendet. (WEICHHARDT 2008, S. 254 f.) Die Kritik Werlens liegt in diesem Zusammenhang darin, dass dem Raum somit eine handelnde Kraft zugesprochen werden müsste. (WEICHHARDT 2008, S.255) Jedoch möchte Werlen mit seiner Arbeit betonen, dass das Subjekt diese handelnde Kraft darstellt. (WERLEN 1997, S.212)

Werlen fordert demnach von der Definition „Raum“ als reinen Containerraum Abschied zu nehmen.

3. Werlens Arten der alltäglichen Regionalisierung

Um seine Konzeption noch näher zu präzisieren, teilt Werlen seine Theorie in drei Arten der Regionalisierung. Diese drei Regionalisierungen sollen sich mit sechs Forschungs- bereichen beschäftigen. Die produktiv-konsumtive Regionalisierung betrachtet die wirtschaft- liche Seite seiner Theorie. Dabei teilt Werlen diese Art der Regionalisierung in Produktion, um die Sichtweise der Unternehmen zu beleuchten, und in Konsumtion, um die Sichtweise der Konsumenten zu veranschaulichen Die normativ-politische Ebene geht auf die polit- ischen Aspekte der alltäglichen Regionalisierung ein. Diese Art der Regionalisierung unterteilt Werlen in die Geographie der normativen Aneignung, welche sich mit der Orientierung von Normen und Raumbezug beschäftigt, sowie in die Geographie der politischen Kontrolle, wobei der Fokus auf der Herrschaft von Bürgerinnen und Bürgern liegt. Die letzte Art der alltäglichen Regionalisierung ist die informativ-signifikante Regionalisierung. Sie wird in die Geographie der Information und die Geographien der symbolischen Aneignung untergliedert. (WERLEN 2000 b, S. 337) Im Folgenden werden alle drei Arten der alltäglichen Regionalisierung genauer erläutert.

1. Produktiv-konsumtive Regionalisierung

Die erste Art der alltäglichen Regionalisierung ist die produktiv-konsumtive Regionalisierung. Sie besteht aus den zwei Kontexten, der Produktion und Konsumtion. (WERLEN 2000 b, S .336) Sie beruht vor allem auf ökonomischer Praxis. (WERLEN 2007, S. 269)

Die produktive Regionalisierung befasst sich in erster Linie mit den Standortbestimmungen sowie mit der Festlegung der Aktionsräume und Warenströme. Entscheidend ist hierbei, inwieweit Prozesse der Konstruktion und Rekonstruktion handelnde Subjekte beeinflussen. Zwar sind Unternehmen auch unter globalisierten Bedingungen ortsgebunden, jedoch finden auch hier Entankerungsmechanismen der Produktion in der Art der Arbeitsteilung statt. Bei der Produktion eines Produkts X kann es zum Beispiel sein, dass das Unternehmen A, ansässig in Land A, für den Produktionsschritt 1 zuständig und Unternehmen B, ansässig in Land B, für den Produktionsschritt 2 ist. Dieses Beispiel zeigt, dass die Produktion nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. (WERLEN 2000 b,S.336 ff.)

Bei der konsumtiven Regionalisierung stellt sich die Frage, inwieweit die Globalisierung Auswirkungen auf den Konsum der handelnden Subjekte hat. Unter globalisierten Bedingungen wächst auch die Anzahl der angebotenen Produkte, sodass der Konsument eine größere Auswahl und Entscheidungsmacht hat. Jedoch sind auch hier Entankerungsmechanismen zu erkennen. Man ist bisher davon ausgegangen, dass der Konsum von der Produktion abhängig ist, doch sorgt die Globalisierung dafür, dass der Konsum an Gestaltungspotenzial in der Wirtschaft gewinnt. So beeinflusst ein Konsument das handelnde Subjekt, welches an der Produktion beteiligt war, an einem variablen Ort. Der Konsum ist also nicht mehr von der Produktion abhängig, sondern stellt einen eigenen Prozess dar. (WERLEN 2000 b ,S 338 f.)

2. Politisch-normative Regionalisierung

Bei der zweiten Art der alltäglichen Regionalisierung handelt es sich um die politisch- normative Regionalisierung. Diese Art besitzt die Eigenschaft, sowohl auf staatlicher wie auf privater Ebene präskriptiv zu sein.

Die normative Ausrichtung der alltäglichen Regionalisierung wird in zwei Forschungs- fragen unterteilt. Zuerst stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis private Orte und öffentliche Plätze stehen. Die zweite Frage befasst sich damit, was, wo und wann getan werden darf und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Ein Beispiel dafür ist die geschlechtsspezifische Regionalisierung oder die ethnische Regionalisierung. (WERLEN 2000 b, S. 341 f.)

Bei der politischen Ausrichtung der alltäglichen Regionalisierung geht es hauptsächlich um die Ausrichtung der Herrschaft über Personen. Dabei steht die „Macht über den Raum“ im Vordergrund. Jedoch ist mit „Raum“ nicht der herkömmliche Begriff gemeint, sondern die handelnden Subjekte, die diesen „Raum“ konstruieren bzw. rekonstruieren. (WERLEN 2000 a, S. 16)

Diese handelnden Subjekte haben drei zentrale Rechte. Sie besitzen zum einen das zivile Recht, welches z.B. Meinungs- und Niederlassungsfreiheit beinhaltet, das politische Recht, welches z.B. Stimm- und Wahlrecht beinhaltet und abschließend das ökonomische Recht, welches z.B. das Recht auf Existenzgründung und Eigentum beinhalten kann. (WERLEN 2000 b, S.344). Voraussetzung für diese Gesetze ist die Lokalisierbarkeit der Subjekte, um diese auch politisch kontrollieren zu können. (WERLEN 2000b, S.345)

3. Informativ-signifikante Regionalisierung

Bei der dritten Art der alltäglichen Regionalisierung handelt es sich um die informativ- signifikante Regionalisierung. Diese lässt sich in die Geographie der Informationen und die Geographie symbolischer Aneignungen unterscheiden. Bei der Informationsaneignung liegt der Fokus darauf, wie Personen sich Informationen aneignen können und wie sie die erhaltenen Informationen interpretieren. In diesem Bereich der Regionalisierung ist der Unterschied zwischen dem Traditionellen und dem Spät-Modernen besonders stark zu er- kennen. Durch die Globalisierung und die damit einhergehenden Entankerungs- mechanismen entstehen Massenmedien, sodass es für das Subjekt leichter ist, sich Informationen zu beschaffen. Bei der traditionellen Informationsaneignung wurden die Informationen noch mündlich überliefert. (WERLEN 2000 b, S. 346 f.)

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346106414
ISBN (Buch)
9783346106421
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v516586
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Geographisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Benno Werlen

Autor

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Titel: Lässt sich Benno Werlens Theorie der alltäglichen Regionalisierung in der Lebensmittelindustrie anwenden?