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Elemente des Phantastischen bei Julio Cortázar

Hausarbeit 2019 16 Seiten

Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs Phantastik nach Todorov

3. Analyse der beiden Cuentos
3.1. Carta a una Señorita en París
3.2. Casa Tomada

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Wesentlichen wurde die argentinische Prosa des 20. Jahrhunderts und das Genre der (Neo)-Phantastik von den beiden argentinischen Schriftstellern Cortázar und Borges geprägt. Ihre Arbeit war wegweisend für das literarische Schaffen nachfolgender Autoren in Lateinamerika.1

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Auseinandersetzung mit den Erzählungen Carta a una Señorita en París2 und Casa Tomada3 von Cortázar. Julio Cortázar ist am 26. August 1914 in Brüssel geboren und am 12. Februar 1984 in Paris gestorben. Neben einem Hang zum Spielerischen wird dem Argentinier oft nachgesagt, in der von Borges für Hispanoamerika begründeten Tradition des Phantastischen zu stehen.4

Die Untersuchung orientiert sich an der Fragestellung, inwieweit diese Gattung der Phantastik zugeordnet werden kann und auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln Cortázar in seinen Erzählungen das Phantastische etabliert. Um dies zu gewährleisten, soll der Analyse der Erzählungen selbst ein ausführlicher Definitionsversuch des Phantastischen vorangehen. Als Grundlage des Definitionsversuches zählt das Standardwerk von Todorov Introducción a la Literatura Fantástica .5 Dabei sollen neben den grundlegenden Ideen nur jene Punkte der Monografie herausgearbeitet werden, die für die Analyse der beiden Erzählungen im Hinblick auf das Phantastische von Bedeutung sind.

Zum Schluss der Hausarbeit wird ein Fazit gezogen und die Fragestellungen weitestgehend beantwortet.

2. Definition des Begriffs Phantastik nach Todorov

Der Begriff der Phantastik, der von Cortázar angesprochen wird, ist zu jener Zeit durch die Studien des Soziologen Roger Callois geprägt. Callois beschreibt in seinen Untersuchungen im Jahr 1958, dass Phantastik als ein Bruch in der literarischen Ordnung, beziehungsweise in deren fiktionalen Realität, gesehen wird.6 Durch zwei neue Studien, mehr als zehn Jahre später, bekommt die literaturwissenschaftliche Frage nach einer Gattung Phantastik einen neuen Impuls. Mit dem Buch von Todorov wird zum ersten Mal das Problem phantastischer Literatur in einem analytischen Kontext für die Literaturwissenschaft differenzierbar. Todorovs Untersuchungen berufen sich vorwiegend auf die Literatur des 19. Jahrhunderts, deshalb üben vor allem Literaturwissenschaftler der Gegenwartsliteratur Kritik an seiner Systematik.7

Bestimmte Kriterien zur systematischen Erfassung hat Tzvetan Todorov mit seiner Einführung in die phantastische Literatur8 erstellt. Todorov unternimmt in seinem Werk den Versuch einer Gattungsklassifizierung der phantastischen Literatur. Auch definiert er den Begriff der Phantastik anhand ausgewählter Texte. Tzvetan Todorov definiert das Phantastische wie folgt: „In einer Welt, die durchaus die unsere ist, […] geschieht ein Ereignis, das sich aus den Gesetzen eben dieser vertrauten Welt nicht erklären lässt.“9 Nach seiner Definition verlangt das Phantastische vor allem eine spezifisch-zweifelnde Leserhaltung gegenüber dem Wahrheitsgehalt des Textes, die Frage, „ob die evozierten Ereignisse einer natürlichen oder einer übernatürlichen Erklärung bedürfen.“10

Todorov unterscheidet, je nachdem, welche Erklärung dem Ereignis am Ende zugrunde gelegt wird, das Phantastische in vier Kategorien, nämlich „unvermischt Unheimliches“, „Phantastisch-Unheimliches“, „Phantastische-Wunderbares“ und „vermischt Wunderbares“.11 Die Unterscheidungskriterien richten sich auch danach, ob ein zunächst übernatürlich erscheinendes Ereignis am Ende als natürlich enttarnt wird oder nicht beziehungsweise der Zweifel an der Realität der Ereignisse bestehen bleibt oder aufgelöst wird.!! Sobald sich die ungeklärten Ereignisse mit den Regeln der Realität erklären lassen, handelt es sich für Todorov um unheimliche, bei neuen Naturgesetzen, die die Geschehnisse erklärbar machen, um wunderbare Literatur.12

Bei der Kategorie „Unheimlich“ werden die Ereignisse mit einer den Naturgesetzen entsprechenden Erklärung erklärt, bei der Kategorie „Wunderbar“ werden die Ereignisse mit einer den Naturgesetzen widersprechenden Erklärung erklärt.13

Sobald ein übernatürlich erscheinendes Ereignis am Ende entsteht, ohne den Naturgesetzen zu widersprechen, und reagiert niemand mit Unglauben darauf, wird die Erzählung als phantastisch-unheimlich bezeichnet.14 Wenn von Dingen erzählt wird, „die sich gänzlich aus den Gesetzen der Vernunft erklären lassen, die jedoch auf die eine oder andere Weise unglaublich, außergewöhnlich, schockierend, einzigartig, beunruhigend oder unerhört sind und aus diesem Grund in der Person und dem Leser eine Reaktion hervorrufen, die der ähnelt, die uns von phantastischen Texten her vertraut ist“15, gilt diese Erzählung als unvermischt unheimlich. Wenn sich die übernatürlich wirkenden Ereignisse nicht den Naturgesetzen entsprechend erklären lassen, sondern „mit der Anerkennung des Übernatürlichen enden“16 wird von einer phantastisch-wunderbaren Erzählung gesprochen. Die vierte Kategorie, die als unvermischt-wunderbar bezeichnet wird, beinhaltet ebenfalls Ereignisse, die den Naturgesetzen widersprechen. Sie unterscheidet sich allerdings insofern von der dritten Kategorie, als „die übernatürlichen Elemente weder bei den Personen noch beim impliziten Leser eine besondere Reaktion [...]“17 auslösen.

Außerdem schreibt Todorov drei Bedingungen für das Phantastische:

„Das Fantastische verlangt die Erfüllung dreier Bedingungen. Zuerst einmal muß der Text den Leser zwingen, die Welt der handelnden Personen wie eine Welt lebender Personen zu betrachten, und ihn unschlüssig werden lassen angesichts der Frage, ob die evozierten Ereignisse einer natürlichen oder einer übernatürlichen Erklärung bedürfen. […] Dann ist noch wichtig, daß der Leser in Bezug auf den Text eine bestimmte Haltung einnimmt: er wird die allegorische Interpretation ebenso zurückweisen wie die »poetische« Interpretation. […] Die erste und die dritte konstituieren tatsächlich die Gattung; die zweite kann auch unerfüllt bleiben. […] Die dritte Bedingung schließlich ist allgemeineren Charakters und geht über die Einteilung in Aspekte hinaus: es handelt sich um eine Wahl zwischen mehreren Modi (und Ebenen) der Lektüre.“18

3. Analyse der beiden Cuentos

In der nun folgenden Analyse zweier Erzählungen Cortázars soll herausgearbeitet werden, inwiefern die oben besprochenen notwendigen Bedingungen für eine phantastische Erzählung im Sinne Todorovs in diesen erfüllt sind. Außerdem wird jeweils ein weiteres entscheidendes Charakteristikum betrachtet, das von Todorov als typisch für das Phantastische beschrieben wird und die Cuentos so letztlich zu besonders typischen Beispielen für Cuentos Fantásticos werden lässt.

3.1. Carta a una Señorita en París

Beim zentralen Element dieser zweiten Kurzgeschichte aus Cortázars frühem Werk Bestiario19 handelt es sich auf den ersten Blick recht offensichtlich um ein Ereignis, das sich mit den dem Leser zur Verfügung stehenden Naturgesetzen nicht erklären lässt: der Ich-Erzähler, anscheinend ein Übersetzer, was sich unter anderem daran festmachen lässt, dass er seine Wörterbücher immer „al alcane de la mano, donde habrán de estar“20 wissen möchte, teilt Andreé, der Adressatin eines Briefes (dies ist die literarische Form, die Cortázar für das Cuento ausgewählt hat) zunächst nüchtern mit, dass er immer wieder kleine Hasen, „Conejitos“, erbreche. Cortázars eigene Vorstellung von einer gelungenen phantastischen Erzählung wird hier deutlich. Ihm zufolge ist für eine solche ein „desarrollo temporal ordinario“21 nötig, in diesem Fall also die wenig außergewöhnlichen Umstände, unter denen der Erzähler in die wenig außergewöhnliche Wohnung der Adressatin seines Briefes zieht, um dort einige Zeit seiner wenig außergewöhnlichen Arbeit als Übersetzer nachzugehen. In dieses wenig außergewöhnliche Setting bricht dann in Form der erbrochenen Hasen das Phantastische oder Übernatürliche ein, jedoch ohne das wenig außergewöhnliche Setting dabei vollständig zu zerstören: „es necesario que lo excepcional pase a ser […] la regla sin desplazar las estructuras ordinarias entre las cuales se ha insertado.“22 Cortázar entspricht in dieser Geschichte also seinen eigenen Ansprüchen an das Phantastische, da die uns bekannte Realität vollkommen von einem phantastischen Ereignis durchdrungen wird, ohne deren Wesen dabei grundsätzlich in Frage und die gesamte Welt auf den Kopf zu stellen. Cortázar betont, dass nur besonders schlechte Beispiele phantastischer Literatur Situationen entstehen lassen, in denen das Übernatürliche vollkommen die Überhand gewinnt: „En la mala literatura fantástica, los perfiles sobrenaturales suelen introducirse como cuña instantáneas y efímeras en la sólida masa de lo consuetudinario.“23 Hier liegt Cortázar mit Todorov insofern auf einer Linie, als dass sich bei einer Welt, die kaum mehr etwas mit der uns bekannten Welt gemein hat, der Zustand der oben beschriebenen Unsicherheit, des Schwankens zwischen Sinnestäuschung und Übernatürlichen, nicht lange aufrechterhalten lässt, so dass es sich in solchen Fällen in Todorovs Termini eher um Cuentos Maravillosos als um Cuentos Fantásticos handelt. Geschickt bettet der autodiegetische Erzähler der Erzählung das außergewöhnliche Ereignis in das dem Leser beziehungsweise auf diegetischer Ebene der Leserin bekannte Alltagsleben ein: ein erstes Mal erwähnt er die Hasen als Grund für das Verfassen des vorliegenden Briefes, allerdings nicht ohne zwei weitere, vollkommen alltägliche Begründungen für dieses Verfassen mit anzugeben. Er schreibt „esta carta se la envío a causa de los conejitos, me parece justo enterarla; y porque me gusta escribir cartas, y tal vez porque llueve.”24 Das in der Folge beschriebene Erbrechen der Hasen wird somit in eine Reihe gestellt mit zwei der wohl am wenigsten außergewöhnlichen Gesprächsthemen überhaupt, nämlich Hobby und Wetter. Ein erneuter Blick auf Todorovs Darstellung des Phantastischen erklärt die Motivation des Erzählers: er ist bemüht, das Erbrechen der Hasen möglichst natürlich wirken zu lassen, um so den Zustand des Zögerns in sich selbst und im Leser zu beenden und so die Vorkommnisse als lediglich „extraño“ abtun und die bekannten Naturgesetze als weiterhin gültig ansehen zu können. Er ist sich aber durchaus sicher, wie normal sein habituelles Hasenerbrechen wirklich ist und sieht sich daher fortwährend genötigt, dieses vor sich und der Welt zu rechtfertigen: „De cuando en cuando me ocurre vomitar un conejito. No es razón para no vivir en cualquier casa, no es razón para que uni tenga que avergonzarse y estar aislado y andar callándose.”25 Aber er weiß, dass es wohl Menschen gibt, die dies durchaus denken, und er weiß auch warum. Daher rechtfertigt er weiter und versucht krampfhaft, sich an allem festzuhalten, was ihm an den komischen Vorgängen noch Normalität bietet. Zum Prozedere selbst schreibt er „todo es veloz e higiénico, transcurre en un brevísimo instante,“26 und den Hasen, der sich als Produkt dieses schnellen hygienischen Prozederes ergibt, als „contento, […] normal y perfecto.“27 Die Beschreibung soll den Leser und den Protagonisten selbst versichern, dass alles nahezu so vonstattengeht, als sei es nie geschehen, so als werde der gewöhnliche Lauf der Dinge nicht beziehungsweise nur möglichst kurz gestört. Der Erzähler macht explizit klar, dass Normalität lebensnotwendig ist: „Las costumbres, Andrée, son formas concretas del ritmo, son la cuota del ritmo que nos ayudar a vivir. No era tan terrible vomitar conejitos una vez que se había entrado en el ciclo invariable, en el método.”28 Deshalb ist es eine Genugtuung für ihn, dass die Frau des Herrn Molina „creía en un hobby y se callaba.“29 Hier wird wiederum suggeriert, dass es sich bei dem Hasenerbrechen lediglich um einen unschuldigen Zeitvertreib handelt.

Der Erzähler wähnt sich „seguro por un mes“30 sobald er sein vierwöchentliches Ritual des Hasenaufziehens und -verschenkens vollziehen kann. Im Laufe seines Aufenthaltes in der Wohnung Andrées werden die Intervalle zwischen den einzelnen Hasenerbrechereignissen allerdings immer kürzer, sodass der Erzähler das Phänomen letzten Endes nicht mehr unter Kontrolle zu haben meint und sich das Leben nimmt. Der Freitod kann als das Ende eines Verrückten interpretiert werden. Nahe gelegt wird dies dadurch, dass der Erzähler insofern ein durchaus unzuverlässiger Erzähler ist, als dass er die einzige Person ist, die die Hasen je zu Gesicht bekommt: während des Tages hält der Erzähler sie versteckt, des nachts spielt er mit ihnen, und dem zentralen Ereignis des Hasenerbrechens selbst wohnen keine weiteren Zeugen bei. In dem nächtlichen spielerischen Ritual schwingt sich der Erzähler zu einer göttlichen Figur auf und lebt so seine wahnhaften Allmachtsphantasien aus. In den folgenden Passagen beschreibt er, wie er über die von ihm geschaffenen Wesen verfügt und sie bei Bedarf wie ungezogene Kinder in die Ecke stellt. Das Szenario ist das Kultes, in dem er Herr und Gebieter ist, während sich seine Untergebenen vor ihm auf die Knie werfen: „ Es casi hermoso ver cómo les gusta pararse, nostalgia de lo humano distante, quizá imitación de su dios ambulando y mirándolos hosco; además usted habrá advertido – en su infancia, quizá – que se puede dejar a un conejito en penitencia contra la pared, parado, las patitas apoyadas y muy quieto horas y horas”31 Und weiter unten noch eindeutiger: “estuvieron en círculo bajo la luz de la lámpara, en círculo y como adorándome, y de pronto gritaban, gritaban como yo no creo que griten los conejos.”32 Der Schrei der Hasen ist womöglich deshalb wenig hasenartig, weil die Schreie vom unzuverlässigen verrückten Erzähler ausgehen. In dieser Lesart ist das Zögern, die „vacilación“ des Erzählers, keine Unsicherheit bezüglich der Frage, ob es sich um natürliche oder übernatürliche Vorgänge handelt, sondern vielmehr bezüglich jener, ob es sich um tatsächliche oder nur um imaginierte Vorgänge handelt, die sich lediglich im Kopf des Erzählers ereignen. Die Verrücktheit des Erzählers würde auch die ausbleibenden Fragen der Haushälterin Sara erklären, die sich entgegen der Aussage des Erzählers wohl im Klaren darüber sein wird, dass mit diesem etwas nicht stimmt.

[...]


1 Vgl. Oviedo, J. M. (2001). Historia de la literatura hispanoamericana. 4. De Borges al presente. Madrid: Alianza.

2 Cortázar, J. (2016). Bestiario. Madrid: Debolsillo.

3 Cortázar, J. (2016).

4 Vgl. Oviedo, J. M. (2001).

5 Todorov, T. (1980). Introducción a la Literatura Fantástica. México D.F.: Primera.

6 Vgl. Cortázar, J. (1973). La Vuelta al día en ochenta mundos. Madrid: Siglo XXI. S. 69.

7 Todorov, T. (1980).

8 Todorov, T. (1980).

9 Todorov, T. (1980). S.25.

10 Todorov, T. (1980).

11 Vgl. Todorov, T. (1980).

12 Todorov, T. (1980). S.33.

13 Todorov, T. (1980). S.40.

14 Todorov, T. (1980). S.43.

15 Todorov, T. (1980). S.44-45.

16 Todorov, T. (1980). S.49.

17 Todorov, T. (1980). S.51.

18 Todorov, T. (1980). S.33. (deutsche Version)

19 Cortázar, J. (2016).

20 Cortázar, J. (2016). S. 24.

21 Cortázar, J. (2009). Ultimo Round. Madrid: Siglo XXI. S. 44.

22 Cortázar, J. (2009). S. 44.

23 Cortázar, J. (2009). S.44.

24 Cortázar, J. (2016). S. 24.

25 Cortázar, J. (2016). S. 25.

26 Cortázar, J. (2016). S. 25.

27 Cortázar, J. (2016). S. 25.

28 Cortázar, J. (2016). S. 27.

29 Cortázar, J. (2016). S. 26.

30 Cortázar, J. (2016). S. 26.

31 Cortázar, J. (2016). S. 32.

32 Cortázar, J. (2016). S. 34.

Details

Seiten
16
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346109637
ISBN (Buch)
9783346109644
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515274
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
Schlagworte
elemente phantastischen julio cortázar
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