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Wissenschaftstheorie und empirische Forschung. Ansätze zur Lösung des Demarkationsproblems

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Wissenschaftstheorie im Kritischen Rationalismus
2.2 weitere wissenschaftstheoretische Positionen

3. Bedeutungsbeimessung und Anwendung auf die Betriebswirtschaftslehre

4. Schluss

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ 1 – Johann-Wolfgang von Goethe

Die Wissenschaftstheorie steht seit jeher vor einer tiefgreifenden Unterscheidungsproblematik. Anlass hierfür bietet die Frage nach der Gestalt und Beschaffenheit „wahrer objektiver Wissenschaft“ und deren Abgrenzung zu Pseudo- oder gar Nicht-Wissenschaft. Wie kann verlässlich und universal gültig festgestellt werden, wann es sich in einer Angelegenheit um Wissenschaft und wann um bloße Behauptungen handelt? Welches Kriterium vermag es, „ empirische Wissenschaft gegenüber […] metaphysischen Systemen [abzugrenzen] “ (Popper 1935: 7)? Die Begründer und Vordenker verschiedener wissenschaftstheoretischer Strömungen haben sich dieses sogenannten Demarkationsproblems bereits nachdrücklich angenommen und die Abgrenzung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft intensiv in Theorie und Praxis diskutiert.

James Ladyman zufolge sei das Demarkationsproblem definiert als „ Problem, eine generelle Regel oder ein generelles Kriterium zur Verfügung zu stellen, um Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft zu unterscheiden (…)“ (Ladyman 2002: 265). Die Wissenschaftstheorie, gemäß Berger-Grabner (2016) zu verstehen als die Forschung und Erkenntnisgewinnung über die Wissenschaft selbst, diskutiert vielfach Lösungsansätze für das Abgrenzungsproblem (vgl. Berger-Grabner 2016: 7). Insbesondere die wissenschaftstheoretischen Positionen des Kritischen Rationalismus, des Positivismus oder des Konstruktivismus bieten hierfür fruchtbare Ansätze2.

Ungeachtet der theoretischen Annäherung an das Demarkationsproblem erwächst auch immer die Frage nach der Eignung wissenschaftlicher oder abstrakter Herangehensweisen für die Praxis. Vorzugsweise anwendungsorientierte wissenschaftliche Disziplinen wie die Volks- oder Betriebswirtschaftslehre sind vielfach auf opportunistische Ansätze angewiesen, da sich nicht alle Phänomene zwangsläufig theoriegeleitet erklären lassen (vgl Helfrich 2016: 7).

In der vorliegenden Studienarbeit sollen zunächst wichtige Begriffsdefinitionen vorgenommen und das Abgrenzungsproblem der Wissenschaftstheorie im Wesentlichen umrissen werden. Ebenso erfolgt eine Darstellung dieses Problems in den jeweiligen wissenstheoretischen Strömungen. Anschließend werden diverse Lösungsansätze der verschiedenen Theorieschulen vorgestellt sowie deren Implikationen für die Betriebswirtschaftslehre erörtert. Ich argumentiere in dieser Arbeit, dass die Betriebswirtschaftslehre aufgrund ihres anwendungsorientierten und wirtschaftlich- praktischen Selbstverständnisses keine verlässlichen Kausalzusammenhänge zwischen wissenschaftlicher Theorie und empirischer Praxis herzustellen vermag und dass insbesondere strategische und responsive Unternehmensfunktionen wie beispielsweise das Controlling eine klassisch wissenschaftliche Herangehensweise und deren Anwendung auf empirische Ereignisse ersetzen können.

2. Grundlagen

Für eine zielgerichtete Abgrenzung der Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft sind zunächst einige Begriffsdefinitionen unabdingbar. Reine Wissenschaft und der bloße alltägliche Umgang mit Wissen unterscheiden sich in einigen Aspekten offenkundig fundamental. Dieser Grundauffassung nimmt sich insbesondere die Wissenschaftstheorie an, welche als Metatheorie Überlegungen bezüglich ihrer eigenen Beschaffenheit anstellt und ihre eigene Gültigkeit stetig hinterfragt (vgl. Hermenau 2019: 11).

Bevor es sich tatsächlich zu einer Wissenschaft herausbilden kann, ist Wissen unstrukturiert und unorganisiert. Einige Grundvoraussetzungen, die für anerkannte Wissenschaftlichkeit erfüllt sein müssen, sollen in Anlehnung an Hermenau (2019: 18fff.) nachfolgend dargestellt werden.

Wissenschaft sei definitionsgemäß als der „ professionalisierte Umgang mit Wissen “ zu verstehen (Hermenau 2019: 8), wohingegen Meinungen, Behauptungen oder alltägliche Wissensvorgänge keine inhärente Struktur oder Ordnung aufwiesen und daher nicht auf professionelle Art organisiert werden könnten (ebd.). Die Professionalisierung der Wissenschaft begründet sich zunächst aus ihrem institutionellen Rahmen. Wissenschaft kann und wird innerhalb pädagogischer Einrichtungen als Lehre und Beruf praktiziert und dort von Menschen für didaktische Zwecke angewendet. Darüber hinaus weist Wissenschaft als Institution eine innere Organisiertheit auf, indem sie sich in vielfältige Fachbereiche unterteilt. Diese Klassifikation in einzelne Bereiche ist charakteristisch für die institutionelle Wissenschaft, die als solche gleichermaßen Wissenschaft lebt und hervorbringt. Je höher der Grad der Spezialisierung ausfällt, desto bedeutsamer ist ihr Maß an Professionalität und ihre Anerkennung im Sinne von Wissenschaftlichkeit (vgl. Hermenau 2019: 10). Wissenschaft ist lebendig, funktioniert und operiert darüber hinaus aufgrund verschiedener Eigenschaften und Modi, welche es erlauben, sie von Nicht- Wissenschaft zu unterscheiden (vgl. Carrier 2008: 154ff.).

Wissenschaft kann entweder im erkenntnisorientierten oder im anwendungsorientierten Modus operieren (vgl. Helfrich 2016: 80). Sie funktioniert mithilfe von Theorien, durch Modi und aufgrund einer sogenannten Exstruktur, d.h. inhärenten Elementen, die in einem Kausalzusammenhang zueinander stehen und logische Schlussfolgerungen erlauben (Hermenau 2019: 20). Wissenschaftliche Aussagen sind daher zumeist durch Schlüssigkeit, Begründungen, logische Korrektheit und theoretische Stichhaltigkeit ausgezeichnet (ebd.).

Weiterhin sollte Wissenschaft im Vergleich zu Nicht-Wissenschaft Werturteilsfreiheit und Nachvollziehbarkeit aufweisen – Charakteristika, die man in der Nicht-Wissenschaft vergeblich sucht. An der Schnittstelle der inneren zur äußeren Organisiertheit der Wissenschaft liegt darüber hinaus die Methodologie als Teilaspekt der Wissenschaftstheorie. Wissenschaftliche Methoden, wie beispielsweise die Induktion oder Deduktion werden für die Erkenntnisgewinnung herangezogen. Induktion meint eine Verallgemeinerung besonderer Ereignisse hin zu allgemeingültigen Theorien – Deduktion den Rückschluss des Allgemeinen auf das Besondere (Helfrich 2016: 30fff.).

Der Philosoph und Historiker Thomas Kuhn betrachtet Wissenschaft als etwas Prozedurales. Die Auffassung, dass Wissenschaft sich nicht kontinuierlich weiterentwickele sondern in revolutionären Prozessen stetig auf’s Neue Umbrüche hervorbringe, sei hierbei essentiell (vgl. Helfrich 2016: 79f.).

Die Umbrüche eines vorherrschenden Zustands hin zu einer neuartigen systematischen Ordnung bezeichnet Kuhn als Paradigmenwechse l (Kuhn 1976: 57). Ein Leitbild, das für lange Zeit Geltung und Anerkennung erfahren hat, verliert aufgrund einer Häufung von Anomalien durch einen revolutionären Umbruch die Gültigkeit (ebd.). Der Schlüsselbegriff des Paradigmas lässt sich Kuhn zufolge sowohl auf ontologische Zustände als auch auf epistemologische Vorgänge anwenden (vgl. Helfrich 2016: 79f.). Durch Inkommensurabilität gerät die etablierte normale Wissenschaft in eine Krise, zerbricht und bringt in einer Revolution ein neues Paradigma hervor (Hermenau 2019: 22).

In der Wissenschaftstheorie der Betriebswirtschaft unterscheidet man zwei verschiedene intentionale Ausrichtungen. Jene, die das Sein und die Beschaffenheit der Welt untersuchen möchte (Ontologie) und jene der Lehre der Erkenntnis (Epistemologie) (vgl. Helfrich 2016: 80). Die Ausrichtung verschiedener wissenschaftstheoretischer Strömungen erfolgt anhand dieser beiden Forschungsinteressen.

Verschiedene wissenschaftstheoretische Ansätze sind in der Vergangenheit vertreten worden, um auf vielfältige Weise Versuche zu unternehmen, objektive Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft zu unterscheiden. Insbesondere den wissenschaftstheoretischen Positionen mit Relevanz für die Betriebswirtschaft sollen im Folgenden diesbezüglich Rechnung getragen werden.

2.1 Wissenschaftstheorie im Kritischen Rationalismus

Der Philosoph Karl Raimund Popper gilt als Begründer des Kritischen Rationalismus und verheißt in seinem Werk „ Logik der Forschung “ (1935) einen Lösungsvorschlag hinsichtlich des Demarkationsproblems.

Im Kritischen Rationalismus gelten die Objektivitätsproblematik und weitreichender Dogmatismus als die größten Achillesfersen. Popper betont darüber hinaus, dass ein strenges Regelwerk einzuhalten sei, das der wissenschaftlichen Tätigkeit zugrunde liege (Hermenau 2019: 45). Die Verwendung von Begriffen „ die sich auf erfahrbare Wirklichkeit beziehen “ (ebd.), die Nachvollziehbarkeit von Hypothesen und deren Überprüfbarkeit sowie grundsätzlich die Vermeidung von All-Aussagen sind hierunter zu subsummieren (ebd.).

Zunächst distanziert Karl Popper sich von der wissenschaftlichen Induktionsmethode, da sich induktive Schlüsse immer auch als fehlerhaft erweisen könnten (vgl. Popper 1935: 1). Aufgrund der Unmöglichkeit, sämtliche sich jemals ereignende Fälle vorab überschauen zu können, seien induktive Schlüsse mit Applikation auf den Einzelfall zutiefst problematisch (ebd.). Popper sieht in der Anwendung induktiver Methoden die „ Gefahr eines Abgleitens der empirischen Wissenschaft in die Metaphysik “ (Popper 1935: 7). Anders verhält es sich Popper zufolge mit deduktiver Methodik. Die Übertragung allgemein geltender Theorien auf den Einzelfall sei fehlerresistenter als die Induktion. Es würden „ leicht überprüfbare Folgerungen, d.h. Prognosen “ deduziert (Popper 1935: 6), diese der Prüfung im Hinblick auf praktische Anwendbarkeit unterzogen und diese schließlich verifiziert oder falsifiziert (ebd.). Die empirische Falsifizierbarkeit einer Hypothese sei für die Abgrenzung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft unabdingbar (Fallibilitätspostulat, vgl. Hermenau 2019: 44f.) und verkörpert gleichermaßen Poppers Abgrenzungskriterium der Wissenschaft zur Nicht-Wissenschaft. Ein empirisches Falsifizierbarkeitskriterium gilt in der Pseudowissenschaft entsprechend nicht.

[...]


1 https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_johann_wolfgang_von_goethe_thema_wissen_zitat_22321.html, 16.11.2019, 16:30 Uhr

2 s. Seite 6fff. dieser Arbeit

Details

Seiten
15
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346131232
ISBN (Buch)
9783346131249
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514258
Institution / Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart
Note
1,7
Schlagworte
wissenschaftstheorie forschung ansätze lösung demarkationsproblems

Autor

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Titel: Wissenschaftstheorie und empirische Forschung. Ansätze zur Lösung des Demarkationsproblems