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Der Tod der Gazelle als zentrale Textstelle und Auslöser des Dualismus der Erkenntnisinstanzen des Hayy ibn Yaqzan

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

1. Einleitung

In der vorliegenden Hauptseminararbeit wird die Transkription nach der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) verwendet. Zitate werden jedoch unverändert übernommen.

Der Titel der Arbeit weist bereits auf die zu untersuchende Hauptthese hin: Der Tod (al-maut) der Gazelle ist eine zentrale Textstelle, denn er ist der Auslöser für den Dualismus der Erkenntnisinstanzen – Philosophie (Falsafa)[1] und Mystik (TaÈawwuf)[2] – ¼ayy ibn YaqãÁns im gleichnamigen Traktat von AbÚ Bakr ibn þAbd al-Malik ibn Mu½ammad Ibn Óufail al-QaisÍ, besser bekannt als Ibn Óufail (ca. 510/1116-581/1185).[3]

Der junge Inselbewohner ¼ayy ibn YaqãÁn wird bis zu seinem siebten Lebensjahr von einer Gazelle herangezogen und begleitet. Sie erfüllt für ihn die Rolle einer Mutter und der Junge baut zu ihr eine emotionale Bindung auf. Er entwickelt sich rasch, erwirbt allerlei handwerkliche und kognitive Fähigkeiten und zieht Rückschlüsse aus vielerlei Beobachtungen. ¼ayy beginnt zudem, die Laute der Gazelle zu imitieren. Da er jedoch ohne jeglichen menschlichen Kontakt heranwächst, spricht ¼ayy keine Sprache. Allmählich wird ihm bewusst, „[…] dass er von einer ganz anderen Art war als alle anderen Arten von Lebewesen, daß er zu einem anderen Zweck geschaffen worden und zu etwas Großartigem bestimmt war, wie sonst keine andere Art unter den Lebewesen.“[4] Im Unterschied zu den Tieren, die ihn umgeben, verfügt er – nicht zuletzt aufgrund seines hervorragenden Verstands/Intellekts (þaql) – über die menschliche Veranlagung zur rationalen Erkenntnis und über einen „Göttlichen Funken“ („Divine Spark“)[5] in seiner Seele (an-nafs), die Gott durch die Erfahrung der Mystischen Einheit erkennen und sich ihm zuwenden kann.

Im Laufe seines Erkenntnisprozesses durchläuft ¼ayy ibn YaqãÁn („der Lebende, Sohn des Wachenden“) verschiedene Phasen: von der Wahrnehmung und rationalen Untersuchung sinnlich erfassbarer Phänomene, wie der Tier- und Pflanzenwelt oder der unbelebten Natur bis hin zur Wahrnehmung übersinnlicher Phänomene, wie des „Entschwindens“ des Lebensgeistes (al-rÚ½) der Gazelle aus ihrem Körper und schließlich der Existenz Gottes und der menschlichen Seele (an-nafs). Inwiefern Ibn Óufail in seinem Traktat zwischen der Philosophie und der Mystik als Erklärungsinstanzen der sinnlich wahrnehmbaren- wie der übersinnlichen Phänomene einen Dualismus konstruiert, lässt sich bildhaft anhand des Erkenntnisprozesses des ¼ayy ibn YaqãÁn auf seiner Suche nach dem Urheber allen Entstehens und Vergehens, aber auch anhand seines Erreichens der mystischen Einheit im Schlussteil des Traktats darstellen.

Zwischen den Erfahrungen des fiktiven und idealisierten Inselbewohners ¼ayy und den von Ibn Óufail[6] vertretenen Ansichten besteht folgender inhaltlicher Zusammenhang: nicht nur ¼ayy ibn YaqãÁn durchläuft jenen Erkenntnisprozess, sondern auch Ibn Óufail schwankt zwischen Philosophie und Mystik bzw. Religiosität. Schaerer bezeichnet die Ansichten des Ibn Óufail als Harmonisierung zwischen den Erklärungsinstanzen. Im argumentativen Hauptteil des Traktats werde gezeigt, so Schaerer,

[…] daß philosophische Erkenntnis sehr wohl mit den richtig verstandenen Inhalten der Offenbarungsreligion übereinstimmt, viel besser und wahrheitsgetreuer sogar als die bloß symbolhafte Religion der breiten Masse. Gleichzeitig wird aber auch die von ³azÁlÍ vollzogene Wendung hin zur Mystik berücksichtigt, indem das „Schmecken“ ( ªauq), die unmittelbare, intuitive Erfahrung als Erkenntnisinstanz etabliert und dem theoretischen Erfassen ( idrÁk naãarÍ) gleichgestellt, ja übergeordnet wird. […] die Philosophie wie die Sufik, werden dabei miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.[7]

Der Dualismus von Philosophie und Mystik (ÆÚfik) als Erkenntnisinstanzen, die sich der Inselbewohner ¼ayy bei seiner Erforschung der Existenz Gottes und der menschlichen Seele zu Nutzen macht, führt uns zu einer tiefer gehenden Frage: An welchem Punkt stoßen Philosophie und Mystik in dem Traktat Ibn Óufail’s an ihre Grenzen? In der vorliegenden Arbeit ist eine Annäherung an diese Frage von besonderem Interesse.

Das im Seminar gelesene Kapitel – ¼ayy’s zweiter Lebensabschnitt vom achten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr – dient bei den Überlegungen als primäre Arbeitsgrundlage. Der Tod der Gazelle in diesem Kapitel ist für ¼ayy ein einschneidendes Erlebnis.

2. Der Tod der Gazelle

Der Tod (al-maut) der Gazelle – ¼ayy ibn YaqãÁn ist zu diesem Zeitpunkt der Erzählung sieben Jahre alt – markiert den Wendepunkt im Leben des noch jungen Inselbewohners:

FaÿanhÁ lam tafÁraqhu wa lÁ fÁraqahÁ ilÁ an asinat wa ±aþufat. FakÁna yartÁdu bihÁ al-marÁþÍ al-¿aÈibati wa yaºtanÍ lihÁ aÝ-ÝamarÁta al-½ulwata wa yuÔþimuhÁ wa mÁ zÁla a±-±aþfu wa al-huzÁlu yatawÁlÍ þalayhÁ ilÁ an adrakahÁ al-mautu. Fasakanat ½arakÁtuhÁ bil-ºumlati wa taþaÔilat ºamÍþ afþÁlihÁ.[8]

Beide wichen sie kaum je von des anderen Seite, bis die Gazelle allmählich alt und schwach wurde. Da brachte nun er sie zu den fruchtbaren Weideplätzen, sammelte für sie süße Früchte und fütterte sie; aber trotzdem wurde sie immer schwächer und magerte ab, bis sie schließlich starb, wodurch ihre Bewegungen gänzlich zum Erliegen kamen und all ihre Aktivitäten erloschen. [9]

Der Tod seiner „Ersatzmutter“, der sprachlich durch die Konstruktion ºazþa ºazþan šadÍdan besonders stark zum Ausdruck gebracht wird, löst in ¼ayy zunächst tiefe Trauer aus, die aufgrund der emotionalen Bindung des Jungen an die Gazelle nachvollziehbar ist:

FalammÁ raÿhÁ a±-±abÍ þalÁ tilka al-½Áli ºazþa ºazþan šadÍdan wa kÁdat nafsuhu tufͱu asafÁ þalayhÁ.[10]

Als der Knabe sie in diesem Zustand sah, überkam ihn eine tiefe Verzweiflung, und seine Seele war übervoll mit Kummer ihretwegen.[11]

[...]


[1] Zu dem aus dem Griechischen hergeleiteten arabischen Terminus für Philosophie siehe Art. Falsafa in The Encyclopaedia of Islam, New Edition (EI²), Bd. II, S. 769b ff.

[2] Zum Begriff der islamischen Mystik siehe Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam und Art. TaÈawwuf in EI², Bd. X, S. 313b-340b.

[3] In der vorliegenden Arbeit beziehe ich mich auf die, dem Hauptseminar „Ibn Tufayl“ vom Sommersemester 2005 zugrunde liegende textkritische Ausgabe und Standard-Edition von Ibn Óufail’s ¼ ayy ibn YaqãÁn von Gauthier, Hayy ben Yaqdhân, Roman philosophique d’ Ibn Thofaïl und auf die Neu-Übersetzung von Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt .

[4] Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt, S. 76.

[5] Siehe hierzu den Artikel von Radtke, How Can Man Reach the Mystical Union? Ibn Óufayl and the Divine Spark, S. 165-194.

[6] Auf das Leben und das Umfeld Ibn Óufail’s wird im Rahmen der Arbeit lediglich eingegangen, wenn biografische Anmerkungen themenrelevant erscheinen. Zur Biografie Ibn Óufail’s siehe Conrad, The World of Ibn Óufail, S. 1-37, Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt, S. XI-XIV und Cornell, ¼ayy in the Land of AbsÁl, S. 133-164.

[7] Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt, S. LXIX.

[8] Gauthier, Hayy ben Yaqdhân, S. 38.

[9] Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt, S. 29.

[10] Gauthier, Hayy ben Yaqdhân, S. 38.

[11] Schaerer, Der Philosoph als Autodidakt, S. 29.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638473873
ISBN (Buch)
9783656814535
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51395
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Asien-Afrika-Institut
Note
Schlagworte
Gazelle Textstelle Auslöser Dualismus Erkenntnisinstanzen Hayy Yaqzan Tufayl

Autor

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