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Veränderte Kindheit - Veränderte Bewegungs- und Konzentrationsfähigkeit?

Examensarbeit 2005 87 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abriss über die Geschichte der Kindheit

3. Kindheit heute
3.1 Die gravierendste Veränderung: Der Mangel an Bewegungs-
Erfahrungen
3.2 Ausgewählte Aspekte Veränderter Kindheit, die Einfluss auf
die Bewegungserfahrungen nehmen
3.2.1 Die Familienkindheit
3.2.2 Veränderte Umweltbedingungen und die Auswirkungen auf
die Kinder
3.2.3 Der Einfluss der Medien auf die Kinder
3.3 Auswirkungen der Veränderten Kindheit
3.3.1 Die Auswirkungen auf das Leben der Kinder
3.3.2 Die Auswirkungen auf die Grundschule
3.3.3 Die Veränderungen aus Sicht der Lehrer
3.4 Zusammenfassung

4. Aufmerksamkeit und Konzentration
4.1 Definition und Begriffsunterscheidung von Aufmerksamkeit und
Konzentration
4.2 Begriffliche und inhaltliche Unterscheidungen von Aufmerksamkeit
4.3 Die Entwicklung der Aufmerksamkeit beim Kind
4.4 Die Wichtigkeit und Förderung von Konzentration und
Aufmerksamkeit in der Schule
4.5 Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern
4.5.1 Definition von Aufmerksamkeitsstörungen
4.5.2 Das Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen
4.5.3 Aufmerksamkeitsgestörte Kinder in der Schule
4.6 In wiefern beeinflusst nun Bewegung die Aufmerksamkeit und
Konzentration
4.7 Zusammenfassung

5. Bewegung
5.1 Definition von Bewegung
5.2 Funktionen von Bewegung
5.3 Erfahrungsdimensionen von Bewegung
5.3.1 Personale Erfahrung
5.3.2 Materiale Erfahrung
5.3.3 Soziale Erfahrung
5.4 Die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung
5.4.1 Die Entwicklung der Wahrnehmung durch Bewegung
5.4.2 Das Zentralnervensystem (ZNS)
5.5 Konsequenzen, die sich aus Bewegungsmangel ergeben
5.6 Zusammenfassung

6. Die „Bewegte Schule“ als Präventions- und Interventions-
maßnahme gegen Bewegungsmangel und Konzentrations-
störungen
6.1 Bewegte Schule
6.1.1 Argumente für eine Bewegungserziehung in der Grundschule
6.1.2 Ziele der Bewegten Schule
6.1.3 Elemente der Bewegten Schule
6.1.3.1 Bewegter Klassenraum
6.1.3.2 Bewegtes Lernen
6.1.3.3 Bewegungspausen im Unterricht
6.1.3.4 Stillepausen und Entspannungsphasen im Unterricht
6.1.3.5 Dynamisches Sitzen
6.1.3.6 Bewegung in den Pausen
6.1.3.7 Bewegung im Sportunterricht
6.1.3.8 Außerunterrichtliche Bewegungsangebote
6.1.4 Kann durch die Bewegte Schule ein Zuwachs bei der
Konzentrations- und Lernleistung beobachtet werden?
6.1.5 Zusammenfassung
6.2 Entspannungs- und Konzentrationsübungen für den Unterricht

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1 Übersicht über die neuen Lebensformen

Abbildung 2 Lern- und Spielorte in Nachkriegszeit

Abbildung 3 Verinselter Lebensraum

Abbildung 4 Funktionen der Gehirnhälften

Abbildung 5 Joachim 12 Jahre

Abbildung 6 Neurale Netzwerke

Abbildung 7 Das Haus der Bewegten Schule

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Immer häufiger liest und hört man in den Medien etwas über „Medien- und Fernsehkinder“ oder über die Zunahme von adipösen Kindern. Ich habe in einer relativ kleinen lokalen Tageszeitung alleine in den letzten Wochen zahlreiche Artikel mit Überschriften wie: „Fernseher: Gift für gute Noten?“ (IVZ 19.07.05), „Hoher TV-Konsum drückt die Schulnoten“ (IVZ 26.09.05), oder „Bei schlechten Noten das Verhalten geändert. Medien beeinflussen die schulischen Leistungen“ (IVZ 29.09.05) gefunden . Gleichzeitig werden zunehmend die Klagen seitens der Eltern, Erzieher oder Lehrer laut, dass die Kinder immer zappeliger und unkonzentrierter werden. Außerdem ist zu beobachten, dass viele Kinder nicht einmal mehr die einfachsten Grundfertigkeiten der Bewegung beherrschen. Diese Erfahrung habe ich selber beim Tennis-Training gemacht. Einige meiner Trainingskinder im Grundschulalter sind kaum noch in der Lage, rückwärts zu laufen oder auf einem Bein zu hüpfen. Ursachen und Erklärungen für all diese Erscheinungen sucht man in der „Veränderten Kindheit“.

In meiner Arbeit möchte ich die Auswirkungen der veränderten Kindheit auf die Bewegungs- und Konzentrationsfähigkeit der Kinder darlegen.

Zunächst werde ich im 2. Kapitel einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kindheit geben und den Begriff „Kindheit“ näher erläutern. Im anschließenden 3. Kapitel geht es um die Veränderungen, die in der Entwicklung der Kindheit aufgetreten sind. Darstellen möchte ich hier besonders die „Kindheit heute“. Hierbei geht es nicht um eine Beurteilung der heutigen Kindheit, sondern um das Darlegen verschiedener Aspekte, die alle Einfluss auf den von Ärzten, Pädagogen und Wissenschaftlern festgestellten Bewegungsmangel der Kinder haben. Wie sich diese Veränderungen auswirken, wird u.a. im Kapitel 3.3 näher erläutert.

Um den Zusammenhang der veränderten Kindheit mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit darzustellen, werde ich zunächst diese Begriffe näher beschreiben und ihre Funktionen, Aspekte und Merkmale herausstellen (vgl. Kap. 4). Zudem wird die Bedeutung der Aufmerksamkeit im Hinblick auf schulisches Lernen erörtert (vgl. Kap. 4.4). Anschließend weise ich noch auf die Problematik und Schwierigkeiten von Aufmerksamkeitsstörungen und aufmerksamkeitsgestörten Kindern in der Schule hin (vgl. Kap. 4.5 ). Um Konzentration und Aufmerksamkeit mit Bewegung in Verbindung zu bringen, werde ich zunächst ein kurze Darstellung darüber in Kap. 4.6 bringen, bevor es dann im 5. Kapitel um die Funktionen und die Bedeutung der Bewegung für die psychische und physische Entwicklung der Kinder geht.

Ich werde herausstellen, warum Bewegung ein zentraler Punkt im Leben der Kinder sein muss und aus welchem Grund sich schwerwiegende Konsequenzen infolge des Bewegungsmangels ergeben. Sehr deutlich wird in Kap. 5.4.2, warum Bewegung so wichtig für die Entwicklung des Zentralnervensystems ist und welche Aufgaben diesem zukommen.

Nachdem im 5. Kapitel deutlich geworden sein wird, dass Bewegung in allen Lebensbereichen, vor allem aber auch für das schulische Lernen sehr notwendig ist, stelle ich im abschließenden 6. Kapitel eine Möglichkeit vor, wie die Kinder auch in der Schule wieder mehr Bewegung erfahren können. Ziel ist es, die Bewegung in den Unterricht und das Schulleben zu integrieren. Die Schüler sollen zu Bewegung motiviert und angeleitet werden. Als bestes Beispiel sehe ich hierfür das Konzept der „Bewegten Schule“ deren Konzept und Ziele ich ebenso darlegen werde, wie die einzelnen Elemente.

Im abschließenden Kapitel 6.2 stelle ich noch einige Formen von Konzentrationsübungen vor. Ich bin der Meinung, dass diese Übungen ergänzend zur Bewegungsförderung den Kindern gute Möglichkeiten bieten, zur Ruhe zu kommen, sich zu sammeln und zu entspannen.

Die gesamte Arbeit soll verdeutlichen, wie die Bedingungen der veränderten Kindheit das Leben und vor allem die Bewegungs- und Konzentrationsfähigkeit der Kinder beeinflussen. Es ist unerlässlich dafür Sorge zu tragen, dass den Kindern wieder ausreichende Bewegungsmöglichkeiten geboten werden und sie ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können.

2. Abriss über die Geschichte der Kindheit

Auf den folgenden Seiten möchte ich zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kindheit geben.

Vorab ist zu sagen, dass der Begriff „Kindheit“ früher nicht so selbstverständlich gebraucht wurde wie heute. Die Kindheit, wie sie heute definiert wird, gab es damals nicht. Heute können wir diese zum einen gesetzlich, als die Zeit zwischen der Geburt und der Geschlechtsreife, zum anderen anthropologisch, als entscheidenden Abschnitt der körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung benennen. Außerdem kann man nicht von der Kindheit sprechen, da es große Unterschiede zwischen Kindern aus Stadt und Land, Kindern aus der Ober- und Unterschicht, aus armen oder reichen, gebildeten oder ungebildeten Familien, zwischen deutschen- und ausländischen Kindern gibt.

Die Kindheit entwickelte und veränderte sich mit der Zeit. So gab es im Mittelalter noch keine starken Unterscheidungen zwischen Kind und Erwachsenen. „ Im sogenannten Großen Haus arbeiteten und spielten die Kinder wie Erwachsene“ (ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 8).

Die Kinder lebten unter ihnen, wurden ernährt und aufgezogen, erhielten aber keine spezifische, auf die Bedürfnisse der Kinder bezogene Erziehung oder gar pädagogische Betreuung. Sie lernten, indem sie sich die nötigen Handgriffe von den Erwachsenen abschauten. Auch äußerlich waren kaum Unterschiede zu erkennen. Sie trugen die gleiche Kleidung und sahen aus wie kleine Erwachsene. Bereits ab dem siebten Lebensjahr nahmen sie am Gesellschafts- und Arbeitsleben der Erwachsenen teil und lernten so, was sie zum und fürs Leben benötigten.

Erst ab dem 16. und besonders im 17. Jahrhundert änderte sich die Situation der Kinder. Das Große Haus wurde schrittweise aufgelöst und es entstand die Kernfamilie. Die Kindheit wurde ganz allmählich entdeckt. Dies machte sich zunächst in der Kunst bemerkbar. In der mittelalterlichen Kunst wurden Kinder lediglich als kleine Erwachsene dargestellt. Ab dem 17. Jahrhundert rückten dann die Kinder als Kinder in das Interesse der Künstler. Die Entdeckung der Kindheit als selbstständiger Lebensbereich ist jedoch ein Produkt des Bürgertums. Die Familie rückte mehr und mehr in das Blickfeld der Pädagogen, Kirchenmänner und auch Moralisten. Man erkannte, dass Kinder anders sind als Erwachsene und eine besondere Zuwendung brauchen. Die Familie hatte nun die Funktion die Kinder zu erziehen, eine pädagogische Verantwortung diesen gegenüber rückte in den Vordergrund. Die Kinder wurden als solche anerkannt und sie erhielten eine spezielle Förderung. Man trennte ihren Lebensbereich von dem der Erwachsenen und „ Kindheit galt nun als grundständige Zeit, die zur Formung des Menschen als notwendig angesehen wurde “ (ROLFF/ ZIMMERMANN 1997, S. 9).

Die besondere Zuwendung und Erziehung, die die Kinder nun bekamen, war Aufgabe der Familie und auch der Schule. Besonders im 17. Jahrhundert erhielt die Schule einen großen Aufschwung und es spiegelten sich in ihr verschiedene Erziehungs- Lehrmeinungen wieder. Bereits kurz nach der Entdeckung der Kindheit begann somit gleichzeitig eine Diskussion um die richtige Erziehung der Kinder.

Die populärsten Forscher, die sich mit den Anfängen der Kindheit beschäftigten waren Philippé Ariés und Lloyd de Mause. Sie stellten jedoch zwei sehr konträre Thesen auf.

Ariés bezeichnete die Entwicklungen im 16. Jahrhundert als die Anfänge der Leidenszeit der Kinder, denn im Gegensatz zu vorher, als das Kindsein von Freiheit und vielen Freundschaften geprägt war, musste nun das ungezwungene Aufwachsen den oft strengen und harten Bedingungen in der Schule weichen. „ Kindheit ist durch Ariés besonders durch die zunehmende systematische Erziehung charakterisiert“ (HOPF 1993, S.11). Die Kontrollen und Repressionen gegenüber den Kindern nahmen ständig zu und sind auch heute noch zu beobachten.

De Mause hingegen bezeichnete die verstärkte Aufmerksamkeit auf die Kinder als einen Fortschritt in der Geschichte der Kindheit. Er sah die Lebensumstände der Kinder im Mittelalter sehr negativ. Falsche Ernährung und unzureichende hygienischen Bedingungen verursachten eine hohe Kindersterblichkeit. Außerdem erhielten die Kinder kaum emotionale Aufmerksamkeit. So wurden in armen Familien Kinder einfach ausgesetzt, Kinder aus reichen Familien gab man oftmals in auswärtige Pflege. Nach Ariés trug die im 16. Jahrhundert entstandene Veränderung in der Eltern- Kind- Beziehung dazu bei, dass die Kinder nun umsorgt und geliebt werden. Er sah die Geschichte der Kindheit demnach „ als eine Evolution des Erwachsenen- Kind- Verhältnisses“ (HOPF 1993, S. 12).

Es gibt vermutlich kein „richtig“ oder „falsch“ bei den Ansätzen von de Mause und Ariés, wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass Kinder erst dann in das Blickfeld pädagogischer Interessen gerieten, als sie aus der Erwachsenenwelt ausgegliedert wurden. Die Erwachsenen umsorgten sie, begleiteten sie in ihrer Entwicklung und ihrer Förderung. Die Kindheit sollte nun ein Schonraum für die Kinder sein (vgl. ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 10).

Diese Umsetzung fand aber bis zum 19. Jahrhundert in kaum einer Gesellschaftsschicht statt. In den meisten Familien waren die Kinder schon in jungen Jahren als Arbeitskräfte eingeplant und unverzichtbar und bei Berufstätigkeit ihrer Eltern verbrachten die Kinder den Vormittag oft alleine zu Hause. Erst die Einführung der Schulpflicht änderte etwas an dieser Situation. Die Kinder waren jetzt zumindest in den Vormittagsstunden beaufsichtigt.

Jedoch setzte sich in Mitteleuropa eine vollständige Befreiung von der Arbeit erst im 20. Jahrhundert durch. Die Kinder können sich in ihrer Kindheit nun dem Spielen und Lernen widmen (vgl. FÖLLING-ALBERS 2001, S. 13).

Schule und Kindergarten rückten neben der Familie in den Vordergrund und übernahmen Aufgaben in der Erziehung und der Ausbildung. Doch erst heute im 21. Jahrhundert ist man von der Individualität des jeweiligen Kindes überzeugt. Vorher kam es oftmals nur auf reine Wissensvermittlung an. Die Kinder wurden oft nicht als Individuen gesehen, sondern als Objekte, denen durch Strenge und Disziplin Wissen vermittelt werden sollte.

Eine Veränderung erfuhr das pädagogische Denken über die Kindheit jedoch bereits ab dem 20. Jahrhundert. Durch die Reformpädagogik entwickelten sich neue Impulse. Durchgeführte Studien belegten, dass bei Kindern große Unterschiede im Denken, Lernen und Verhalten vorhanden sind, die beim Lernen beachtet werden müssen. Auf diese Erkenntnisse stützen sich die Reformpädagogen, deren Vorreiterin u.a. Maria Montessori (1870-1952) war.

Während der Bildungsreform in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das positive und optimistische Bild über die Kindheit aufrecht erhalten. Die Kinder sollten sich in einer anregenden Umwelt, in der Familie, dem Kindergarten und der Schule entwickeln und bilden können. Im Zuge der immer weiter fortschreitenden Technisierung und Modernisierung der Gesellschaft begann man jedoch in den 80er Jahren vom „Verschwinden der Kindheit“ zu sprechen (vgl. FÖLLING- ALBERS 2001, S. 12ff).

In den letzten 30 Jahren veränderten sich das Leben und die Lebensbedingungen der Kinder noch einmal sehr stark. Die heutige Situation der Kinder sieht so aus, dass sich die sozialen Beziehungen verringern, weil die Kinder nun oftmals als Einzelkinder aufwachsen und die Spielkontakte in der Nachbarschaft geringer werden. Zusätzlich wird durch die immer enger werdende Bebauung der freien Plätze das Spielen eingeschränkt und ist in großen Gruppen kaum noch möglich.

Außerdem sind die Kinder nicht mehr so flexibel und eigenständig in ihrer Freizeitplanung. Die Nachmittage werden oftmals durch feste Termine in Sportvereinen, Musikschulen etc. bestimmt.

Auch das Medium Fernsehen trägt zu einer veränderten Kindheit bei. Durch einen Überhang an Medienerfahrungen sammeln die Kinder oftmals nicht mehr ihre eigenen Erfahrungen, sondern übernehmen sie aus zweiter Hand.

Nicht vergessen sollte man allerdings auch die vielen positiven Aspekte, die dieses Zeitalter mit sich bringt. Die Ernährung und medizinische Versorgung war selten so gut und ausreichend vorhanden. Durch den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt werden den Kindern viele neue Erfahrungen, z.B. durch Reisen, ermöglicht, außerdem bestehen vielfältige Lern- und Freizeitangebote (vgl. FÖLLING- ALBERS 2001, S. 14f; ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 10f)

So schreibt MANSEL, „[...] dass Kinder heute unter einem Wohlstands- und umfassenden Versorgungsniveau aufwachsen, welches in der Entwicklungsgeschichte des Menschen noch nie erreicht worden war“ (1996, S. 7).

Als ein weiterer positiver Aspekt ist sicherlich auch das zumeist freundschaftliche Verhältnis zwischen Eltern und Kind anzusehen. Das Kind wird nicht mehr unterdrückt, sondern kann sich, mit Einschränkungen, frei entfalten (vgl. FÖLLING-ALBERS 2001, S. 13).

In welcher Form die verschiedenen Aspekte auf die Kinder wirken und von ihnen genutzt werden können, hängt allerdings immer mehr von der Schichtenzugehörigkeit der Kinder ab. Wohlstand rückt immer mehr in den Vordergrund, wird immer wichtiger, um den Kindern etwas bieten zu können.

Klaus HURRELMANN stellt die folgende These zur heutigen Kindheit auf:

„Für viele Kinder ist die Kindheit heute tatsächlich eine Lebensphase in Wohlstand und Annehmlichkeit. Vor allem in gut situierten Elternhäusern trägt sie auch Züge eines sozialen und psychischen Schutz- und Schonraumes für eine optimale persönliche Entfaltung. Für immer mehr Kinder aus sozial und finanziell schlechter gestellten Elternhäusern aber ist Kindheit heute eine Ernstphase des Lebens, ohne jeden Schonraum und mit nur begrenzten Möglichkeiten der Selbstentfaltung“ (2002, S. 44f).

Einen anderen Punkt, der durch die veränderten Kindheitsbedingungen auftritt, spricht Neil POSTMAN an. Er schreibt bereits in den 80er Jahren vom „ Verschwinden der Kindheit “ und einer Angleichung zwischen Erwachsenen und Kindern. Hierfür verantwortlich macht er den stetig steigenden Konsum neuer Medien, vor allem das Fernsehen. Informationen, die sonst nur aus Zeitungen, Büchern etc. entnommen werden konnten und daher den „lesenden Erwachsenen“ vorbehalten waren, sind nun durch das Medium Fernsehen auch für die Kinder zugänglich. Kinder und Erwachsene sind nun den gleichen Erfahrungen ausgesetzt und es „ konstituiert sich für beide eine gemeinsame Realität“ (HOPF 1993, S. 12).

POSTMAN beschreibt das Fernsehen als „ Medium der totalen Enthüllungen “ (ROLFF/ ZIMMERMANN 1989, S. 30), mit dem sich die Kinder alle Geheimnisse dieser Welt aneignen können. Die Erwachsenen werden somit in ihrer Rolle als Vermittler nicht mehr gebraucht.

Die Aussage von Postman, dass die Kindheit verschwindet, ist sicherlich etwas zu hoch gegriffen, aber sie macht nicht zu leugnende Veränderungen durch. Die Kinder unterscheiden sich immer noch in ihrem Fühlen, Denken, Handeln vom Erwachsenen, einzig ihre Lebensbedingungen haben sich geändert (vgl. FÖLLING- ALBERS 1995, S. 30).

Da die Kindheit ausschließlich als ein soziales Konstrukt angesehen wird, (vgl. HOPF 1993, S. 12) kann daher auch nicht von der Kindheit gesprochen werden, denn alle Kinder sind unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen seitens der Umwelt und der Familie ausgesetzt. Man kann jedoch innerhalb des Sozialisationsprozesses der Kinder von einigen gemeinsamen Tendenzen ausgehen. Die grundlegenden Bedingungen der Sozialisation haben sich für alle geändert. Ein herausstechender Punkt ist das Bewegungs- und Spielverhalten der Kinder. Gab es früher noch genügend Freiraum auf den Straßen und viele öffentliche Plätze, auf denen spontanes Spielen möglich war, beschäftigen sich heute viele Kinder fast ausschließlich in ihrem Kinderzimmer, woraus gezwungenermaßen ein bewegungs- und geräuschärmeres Spielverhalten entsteht. Hinzu kommt noch der Einfluss der Medien, wie Computer und Fernseher.

3. Kindheit heute

Nachdem ich nun im vorangegangenen Kapitel die Entwicklung der Kindheit beschrieben habe, stelle ich auf den folgenden Seiten den Stand und die Veränderungen in der heutigen Zeit dar. Ich werde in den einzelnen Aspekten zudem immer auch auf die veränderten Bewegungserfahrungen eingehen.

3.1 Die gravierendste Veränderung: Der Mangel an Bewegungserfahrungen

Ein sehr wichtiger Aspekt, der aus vielen Veränderungen in der Kindheit hervorgeht, ist der immer größer werdende Bewegungsmangel von Kindern. Auf diesen und weitere Aspekte beziehen sich auch die von Renate ZIMMER (1993, S. 18) zusammengestellten Merkmale der heutigen Kindheit:

1. der Rückgang der Straßenspielkultur und die zunehmende Verhäuslichung des Kinderspiels;
2. der Verlust natürlicher Spiel- und Bewegungsgelegenheiten und der Ersatz durch künstlich geschaffene Plätze zum Spielen, die von Kindern oft nicht selbständig erreicht werden können und wo zudem das Spielen ohne Aufsicht der Erwachsenen kaum möglich ist;
3. die Ausgliederung der Bewegungsspiele aus dem Kinderalltag in den institutionalisierten, organisierten Sport;
4. die Verinselung kindlicher Lebensräume, indem Kinder von einem Freizeitangebot zum anderen, zu entfernten Freunden, zu Schwimmbädern und Musikschulen chauffiert werden. Zwischen diesen Inseln besteht kein Zusammenhang. Kinder erleben ihren Alltag nicht als selbstbestimmbaren Freiraum und als zusammenhängende Zeiteinheit, sondern als zerstückeltes Termingeschäft, das sich in z.T. völlig verschiedenen Welten abspielt;
5. die Entdeckung der Kinder als Zielgruppe für die Konsumgüterindustrie, die selbst vor der Pädagogisierung des Spielzeugs nicht halt macht;
6. die Monofunktionalität des Spielmaterials, das meist nur für bestimmte Zwecke vorgesehen ist und den Kindern nur wenig Raum für Veränderungen lässt;
7. die Zunahme des Medienkonsums und die daraus resultierende Verdrängung

vieler für die Entwicklung des Kindes wichtiger Aktivitäten.

Wie in den von R. Zimmer zusammengestellten Merkmalen deutlich wird, veränderten sich die Bewegungs- und Freizeitmöglichkeiten der heutigen Kindheit gegenüber vorherigen Generationen grundlegend. Eine Ursache für den Mangel an Bewegungserfahrungen ist unter anderem der Wegfall von frei zugänglichen Bewegungsräumen im Wohnumfeld der Kinder. Durch eine steigende Population und den dadurch benötigten Wohnraum, werden freie Grundstücke und Wiesen immer häufiger bebaut. Außerdem ist seit den 50er Jahren ein stetig steigendes Verkehrsaufkommen zu beobachten. Ein Spielen vor den Häusern, auf den Straßen und das Erkunden des Wohnumfeldes mit dem Fahrrad ist zu gefährlich und teilweise gar nicht mehr möglich. Die Kinder halten sich demnach immer öfter in ihren Kinderzimmen auf und verlieren so wichtige Erfahrungsräume in der Wohnumwelt.

Ein weiterer Grund für die Zunahme von Bewegungsmangel ist die immer weiter zunehmende Präsenz der neuen Medien. Die Kinder sind nicht mehr unbedingt auf Spielkameraden, große Räume oder freie Flächen zum Spielen angewiesen. Sie können sich zu hause alleine mit ihrem Fernseher oder Computer beschäftigen. Auch das heutige Spielzeug ist längst nicht mehr so multifunktional wie früher und meist nur auf eine bestimmte Benutzung ausgerichtet (vgl. SCHMIDT 1998, S. 83).

Von den Auswirkungen des Bewegungsmangels wird in den letzten Jahren immer häufiger in den Medien berichtet.

So liest man in einer Mitteilung der deutschen Presseagentur vom Februar 2000 unter dem Titel „ Mediziner schlagen Alarm- Deutschlands Kinder werden krank“, dass bereits bei zwölfjährigen Kindern übermäßig häufig Kreislaufprobleme festgestellt werden, dass „ jedes dritte Kind Haltungsfehler, jedes zweite Muskelschwächen und jedes fünfte Übergewicht [hat]“.

Kinder können oft nicht mehr mit ihrem Körper umgehen, ihre Bewegungen koordinieren. Sie haben in vielen Fällen einfach nicht mehr die Möglichkeiten ihren Bewegungsdrang frei auszuleben, weil in ihrer Umgebung keine geeigneten Räume zur Verfügung stehen. Ihnen fehlt fast jegliche motorische Kompetenz, die jedoch für die Entwicklung der Kinder notwendig ist (vgl. DPA 2000).

Im Folgenden gehe ich auf einige Aspekte der veränderten Kindheit ein und beschreibe ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Bewegungserfahrungen der Kinder. Einige von ihnen wurden bereits in den Kapiteln 2 und 3.1 kurz angerissen.

3.2 Ausgewählte Aspekte veränderter Kindheit, die Einfluss auf die Bewegungserfahrungen nehmen

Die in diesem Kapitel behandelten Aspekte sollen zum einen die Lebenssituationen der Kinder widerspiegeln und zum anderen zeigen, wie wenig Bewegungserfahrungen vielen Kindern zugänglich werden.

Zunächst werde ich mich in Kapitel 3.2.1 mit der familiären Situation der Kinder befassen, in Kapitel 3.2.2 geht es um ihre Bewegungs- und Erfahrungsräume und in Kapitel 3.2.3 möchte ich den Einfluss der Medien auf die kindliche Erfahrungswelt darstellen.

3.2.1 Die Familienkindheit

Die Familie ist unstrittig die erste und auch einflussreichste Sozialisationsinstanz, die sich allerdings in den letzten Jahren immer mehr verändert hat.

Die Familienformen befinden sich in einem steten Wandel. Wie bereits in Kapitel 2 beschrieben, fand man im Mittelalter meist die Form des „Großen Hauses“ vor. Alle, die in einem Haus wohnten und dort arbeiteten, waren eine Familie. Im späten 18. und im 19. Jahrhundert entstand im Bürgertum eine „ zeitliche und örtliche Trennung von Familien- und Erwerbsleben“ (ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 14).

Es entwickelte sich die auch heute noch traditionelle Familienstruktur von Vater, Mutter und Kindern. Zugleich veränderten sich die Bedingungen für das Schließen einer Ehe. Der Ehepartner wurde nicht mehr nach Nützlichkeit und Zweck ausgesucht -es gab keine standesrechtlichen Beschränkungen mehr- das emotionale Verständnis zwischen den Ehepartnern rückte mehr und mehr in den Vordergrund.

Die traditionelle Ehe erreichte ihren Höhepunkt in den 50er Jahren. Seit den 60er Jahren ist jedoch eine Trendwende zu verzeichnen. Die Anzahl der Eheschließungen sinkt und die Scheidungsrate steigt. Gleichzeitig wächst die Anzahl alleinerziehender Eltern und auch die Geburtenrate geht zurück. Ein Großteil der Kinder wächst heute ohne Geschwister auf. Ein Grund hierfür ist unter anderem die zunehmende Erwerbstätigkeit der Mütter, die mit einem Kind oft leichter zu vereinbaren ist. So wachsen in Deutschland ca. 26% der Kinder in einer Ein-Kind Familie und ca. 47% in einer Zwei-Kind-Familie auf (vgl. FÖLLING-ALBERS 2001, S. 19).

Bei HEIN (2004) findet man eine Übersicht über die mittlerweile bestehenden Familienformen. Daraus ist zu entnehmen, dass neben der traditionellen Familienform vier weitere Formen in verschiedenen Konstellationen bestehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Übersicht über die neuen Lebensformen (Hein 2004, S. 49)

Das verheiratete Ehepaar mit Kindern ist auch heute noch eine der häufigsten Familienformen. Es kommen aber immer mehr nichteheliche Lebensgemeinschaften hinzu. Im Bundesdurchschnitt wächst etwa jedes zehnte Kind in dieser Familienform auf. Jedes neunte Kind lebt hingegen entweder bei Vater oder bei Mutter und diese Kinder sind in 88% der Fälle Einzelkinder. Wie schon erwähnt steigt die Zahl der Einzelkinder, da gleichzeitig auch die Berufstätigkeit der Mütter zunimmt. Gleichzeitig ist eine größere Kinderzahl in den Familien auch eine zusätzliche finanzielle Belastung. Kinderlose Paare haben oft viel mehr finanzielle Ressourcen als Familien mit Kindern (vgl. FÖLLING-ALBERS 2001, S. 18f; 1995, S. 10f; ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 15ff; HOPF 1993, S. 23ff).

Die Einzelkindsituation ist in der Öffentlichkeit durch ein eher negatives Bild belastet. Einzelkinder „ seien altklug, eigensinnig, schwierig und nicht in der Lage zu teilen [...]“ (ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 25).

Allerdings kann dies wissenschaftlich nicht bewiesen werden und es existieren auch durchaus sehr positive Bilder von Einzelkindern: Sie erscheinen „kooperativer, selbstbewusster, unabhängiger, weniger ängstlich und zurückhaltend“ (ROLFF/ZIMMERMANN 1997, S. 25).

Man kann also nicht von den Einzelkindern sprechen und beurteilen, ob ihre Situation nun besser oder schlechter ist als die von Kindern mit Geschwistern, laut ROLFF/ZIMMERMANN ist die Situation einfach anders. Das Besondere an ihrer Situation ist, dass sie auf Sozialkontakte von außen angewiesen sind, denn sie haben keine etwa gleichaltrigen Spielkameraden in der Familie. Durch die Abnahme der Straßensozialisation finden sie diese auch nicht mehr so leicht vor der Haustür, sondern müssen sie sich im Kindergarten oder später in der Schule suchen.

3.2.2 Veränderte Umweltbedingungen und die Auswirkungen auf die

Kinder

Der Verlust von Bewegungs- und Erfahrungsräumen beeinflusst in großem Maße die Straßensozialisation, aber auch das alltägliche Bewegungs- und Spielverhalten der Kinder. Wie genau die Bewegungsräume vieler Kinder in der heutigen Zeit aussehen, erläutere ich im Folgenden.

Durch die räumlichen Veränderungen der Wohnumgebung der Kinder ist auch gleichzeitig eine Veränderung im Spielverhalten zu beobachten. Freie Plätze und Wiesen, die früher zum Spielen einluden und auf denen alle Kinder der Nachbarschaft sich trafen, um gemeinsam zu spielen, sind heute meist Häusern und Straßen gewichen. Wenn versucht wird einen Ersatz zu schaffen, dann besteht dieser aus Spielplätzen mit vorgegebenen Spielgeräten, die keine Möglichkeit zur kreativen Entfaltung lassen. Sie sind fast immer mit den gleichen Spielgeräten ausge-stattet die, einmal von den Kindern „durchgespielt“, keinen Raum für Veränderungen lassen. Demnach wird der Spielplatz schnell uninteressant und je mehr Freiraum in der Umgebung vorhanden ist, desto weniger wird der Spielplatz genutzt. Außerdem findet auf den Spielplätzen meist ein Nebeneinanderher spielen der Kinder statt. Jedes Kind benutzt einzeln die Spielgeräte, aber sie spielen nicht gemeinsam. Trotz der immer weniger werdenden Spielmöglichkeiten auf der Straße wird sie jedoch immer noch dem Spielplatz gegenüber bevorzugt (vgl. HEIN 2004, S. 64f).

Durch die kaum oder nicht mehr vorhandene Straßensozialisation gehen verschiedene Erfahrungsfelder verloren und die Bewegungs- und Erfahrungsräume werden eingeschränkt. Die Kinder haben immer weniger Sozialkontakte in ihrer Freizeit. Sie treffen sich nicht mehr zufällig draußen zum Spielen, sondern verabreden sich telefonisch, und dann meist mit nur einem Freund. Das von den Eltern unbeobachtete Herumstreifen und Erkunden der Wohnumwelt ist somit kaum noch gegeben. Der Spielraum der Kinder wird von außen nach innen verlagert. Das „Spielfeld“ wird immer mehr in das Kinderzimmer verlegt. Obwohl viele Kinderzimmer heute bestens ausgestattet sind, regen viele Spiele „mehr zum passiven Konsumieren als zum aktiven (Bewegungs-)handeln [an]“ (MÜLLER 2003, S. 30). Der weitere Teil des Hauses ist, wie auch viele andere Gebäude, häufig sehr funktional gestaltet. Einteilungen sind eher nach „ Zweckmäßigkeit für die Erwachsenen als nach kindgemäßen Erlebnis-, Erfahrungs- und Lernbedürfnissen konzipiert [...]. Die Kinder müssen sich [...] den zweckrationalen räumlichen Vorgaben anpassen“ (PÜHSE 1995, S. 422).

Begünstigt werden das Spielen in den Kinderzimmern und das „passive Konsumieren“ (vgl. Müller) durch den ansteigenden Medienkonsum. Fast jedes Kind verfügt über einen Computer, Fernseher oder eine Musikanlage in seinem Zimmer. Das freie Spiel mit anderen Kindern draußen auf der Wiese ist dem Spiel mit meist teuren Spielsachen gewichen (vgl. HOPF 1989, S. 86). Da es platztechnisch oft nicht möglicht ist und auch von den Eltern nicht erlaubt wird, spielt das Kind, wenn nicht sogar alleine, höchstens mit zwei bis drei Freunden gleichzeitig (vgl. KRAPPMANN/OSWALD 1989, S. 94).

Gleichzeitig finden viele der Freizeitbeschäftigungen nicht mehr in der unmittelbaren Umgebung der Wohnumwelt statt. HEIN (1994), SCHMIDT (1998), HOPF (1989 u. 1993) und auch ZIMMER (1993) (vgl. Kap. 3.1) sprechen von einer „ Verinselung der kindlichen Erfahrungswelten“.

Im Vergleich dazu, gab es in den 50er Jahren kaum ausgegrenzte Spielräume für Kinder. Treffpunkt war, wie oben schon erwähnt, die Straße. Dort spielten die Kinder in großen alters- und geschlechtsheterogenen Gruppen. Sie erfanden eigene Spielideen und bestimmten eigenständig ohne Anleitung und Aufsicht der Erwachsenen, was unternommen wurde. Dies war die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung der Kinder in der Nachkriegszeit (vgl. SCHMIDT 1998, S. 116f).

Die folgende Abbildung aus dem Buch von SCHMIDT (1998) zeigt beispielhaft, welche Bewegungs- und Erfahrungsräume den Kindern in der Nachkriegszeit zur Verfügung standen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Lern- und Spielorte in Nachkriegszeit (Schmidt 1998, S. 116)

Die kleineren Kinder hielten sich meist am Spielort 1, nahe des Hauses auf. Hier wurden einfache Gestaltungsspiele oder das Knickern gespielt. In den Straßennischen (Spielort 2) beschäftigte man sich mit „Fangen“ oder „Verstecken“ spielen. Spielort 3, der Bürgersteig, lud zu Hüpf- und Geschicklichkeitsspielen ein.

Auf den Wegen (Spielort 4) fanden Völkerball- oder Fußballspiele statt und auf asphaltierten Straßen auch das Rollschuh laufen oder Rollhockey spielen.

Der Spielort 5 kennzeichnet den Hinterhof, in dem Teppichstangen als Markierung für Kopfballspiele dienten.

Auf alten Trümmergrundstücken (Spielort 6 und 7) wurden Wettkämpfe der Straßenmannschaften ausgetragen oder „Reiterspiele“ durchgeführt.

Der Sandkasten auf öffentlichen Spielplätzen wurde zum Torwarttraining benutzt (Spielort 8).

Auch auf dem Fußweg zur Schule, der meist einige Kilometer betrug, konnte die weitere Umgebung erkundet werden. So bot der Stadtgarten im Winter die Möglichkeit, zu rodeln oder Schlittschuh zu laufen (vgl. SCHMIDT 1998, S. 116ff).

Den oben beschriebenen Straßenspielen, werden von SCHMIDT drei sportpädagogische Funktionen zugewiesen:

1. Motorischer Aspekt:

Ausbildung der Grob- und Feinmotorik durch tägliche Auseinandersetzung mit den motorischen Anforderungen.

2. Sozialer Aspekt:

Entwicklung des Regelbewusstseins und des moralischen Urteils durch Übernahme, Umgestaltung und Einhaltung von Vernunftregeln.

3. Kognitiver Aspekt:

Erwerb von sinnvollen Strategien, um die übernommenen Spielerrollen anwenden und ausgestalten zu können ( 1998, S. 118).

[...]

Details

Seiten
87
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638473804
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51385
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
gut
Schlagworte
Veränderte Kindheit Bewegungs- Konzentrationsfähigkeit

Autor

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Titel: Veränderte Kindheit - Veränderte Bewegungs- und Konzentrationsfähigkeit?