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Prüfungsangst bei mündlichen und schriftlichen Prüfungen

Empirisches Praktikum im Basisfach Psychologie

Praktikumsbericht / -arbeit 2019 20 Seiten

Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung

Leseprobe

1. Einleitung

Viele Menschen kennen das Gefühl vor einer Prüfung aufgeregt zu sein oder sogar Angst zu haben und sich auch noch lange nach dem Ablegen der Prüfung über diese Gedanken zu machen. Dieses Phänomen „Prüfungsangst“ begegnet uns immer wieder auf vielfältige Weise, sowohl bei schriftlichen, als auch bei mündlichen Prüfungen. Die Angst und Unsicherheit vor und nach einer Prüfung ist mal stärker ausgeprägt und manchmal auch kaum vorhanden.

Rund um das Thema „Prüfungsangst“ gibt es bereits vielseitige Studien, die den Einfluss der Trait-Angst auf die State-Angst erklären. Auch der Prozess des Post-event processing (negativ verzerrte Rückschau einer erlebten sozialen Situation) wurde schon in zahlreichen Studien untersucht. Es gibt jedoch keine Studien, die sich mit dem Post-event processing nach einer Prüfung befassen. Wie stark die Prüfungsangst bei unterschiedlichen Prüfungen ausfällt, hängt immer von mehreren Faktoren, wie zum Beispiel der allgemeinen Situation, den Bewältigungsstrategien oder von der Vorbereitung ab. Welche Prüfungsart ist angsteinflößender und treibt unsere Angst vor der Prüfung auf ein hohes Niveau? Diese Frage wird in Bezug auf vorhandene Studien im Rahmen dieser Studie beantwortet.

Das Post-event processing wurde vor allem mit sozialen Ängsten in Verbindung gebracht und vor diesem Hintergrund häufig auf vielfältige Weise erforscht. Jedoch gibt es auch hier Bereiche, die der Aufklärung bedürfen. Wie wirken sich die unterschiedlichen Prüfungsarten auf den Prozess der Rückschau auf dieses Ereignis aus und bei welcher Prüfungsart muss man hinterher mehr über die vergangene Situation nachdenken?

Auf Grundlage des heutigen Forschungsstandes beschäftigt sich die vorliegende Studie mit der State-Angst und dem Post-event processing im Zusammenhang mit mündlichen und schriftlichen Prüfungen.

1.1 Theoretischer Hintergrund

1.1.1 Prüfungsangst

Prüfungsängste entstehen laut des Arbeitsmodells von Fehm und Fydrich (2011) durch prädisponierende Faktoren, welche von auslösenden Faktoren „getriggert“ werden können. Außerdem gibt es die aufrechterhaltenden Faktoren, welche dazu beitragen, dass sich Probleme im Zusammenhang mit Prüfungsangst verstärken (Fehm & Fydrich, 2011). Zu den prädisponierenden Faktoren gehören die personenbezogenen Faktoren, die individuelle Lerngeschichte und die biologische Vulnerabilität. Durch die auslösenden Faktoren, wie zum Beispiel ein negatives Prüfungserlebnis oder eine problematische Lebenssituation, kann Prüfungsangst ausgelöst werden. Situative- und personenbezogene Variablen, sowie Bewältigungsstrategien in der Situation, umfassen die Aufrechterhaltenden Faktoren (Fehm & Fydrich, 2011).

Prüfungsangst wird definiert, als „eine anhaltende und deutlich spürbare Angst in Prüfungssituationen und/ oder während der Zeit der Prüfungsvorbereitung, die den Bedingungen der Prüfungsvorbereitung und der Prüfung selbst nicht angemessen ist.“ (Fehm & Fydrich, 2011). Charles Spielberger war eine bedeutende Person für die Prüfungsangstforschung. Laut ihm haben Individuen mit Prüfungsangst erlernte Gewohnheiten und Einstellungen, auch im Sinne von negativer Selbstwahrnehmung (Fehm & Fydrich, 2011). Das führt dazu, dass diese Personen in Prüfungssituationen Ängste und körperliche Reaktionen erleben, die auch ihre Wahrnehmung und Interpretation dieser Situationen beeinflussen (Fehm & Fydrich, 2011). Im Laufe der Zeit wurde erkannt, dass sich Prüfungsangst auf der emotionalen, kognitiven, physiologischen und der Verhaltensebene bemerkbar macht (Fehm & Fydrich, 2011). Zu der emotionalen Ebene gehören Gefühle der Angst, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die kognitive Ebene umfasst katastrophisierende Gedanken, welche selbst abwertend sind und sich auch mit den Folgen einer schlechten Leistung beschäftigen. Zu der physiologischen Ebene werden Aktivierungs- und Stressreaktionen gezählt und zu der Verhaltensebene gehören Aufschiebe- und Vermeidungstendenzen (Fehm & Fydrich, 2011). Prüfungsangst ist keine definierte Störungskategorie, sie wird in den beiden Klassifikationssystemen für psychische Störungen, als eine eigene Kategorie im Rahmen von sozialen beziehungsweise spezifischen Phobien genannt. Das DSM-IV-TR sieht Prüfungsangst im Rahmen der Sozialen Phobien, während das ICD-10 diese bei den spezifischen Phobien einordnet (Fehm & Fydrich, 2011). Laut Fehm und Fydrich (2011) sind die beiden zentralen Kennzeichen von Prüfungsangst zu beachten. Zum einen der kognitive Aspekt der Angst vor Bewertung durch andere und zum anderen die antizipatorische Versagensangst. Diese beiden Aspekte sind in den diagnostischen Kriterien für soziale Phobien enthalten und somit sollen klinisch bedeutsame Prüfungsängste bei sozialen Phobien eingeordnet werden (Fehm & Fydrich, 2011).

Sparfeldt, Schneider und Rost (2016) präsentierten in ihrer Studie, Ergebnisse zu den Variationen von Leistungsängstlichkeit zwischen verschiedenen Prüfungssituationen und Schulfächern. Sie untersuchten, wie sich Leistungsängstlichkeit bei mündlichen und schriftlichen Mathematik- und Deutschprüfungen auswirkt. Der Grad der Aufgeregtheit war für schriftliche Deutschprüfungen am niedrigsten. Des Weiteren ergab sich in ihrer Studie eine höhere Besorgtheit bei schriftlichen als bei mündlichen Prüfungen, was sie sich durch nicht-aufgabenbezogene Gedanken in schriftlichen Prüfungen erklären (Sparfeldt et al., 2016). Außerdem sind sie der Meinung, dass die Ergebnisse durch Prüfungsmodusunterschiede beeinflusst werden (Sparfeldt et al., 2016). Zu diesem Bereich gibt es allerdings kaum empirisch gesicherte Studien. Die Ergebnisse bedürfen weitere Untersuchungen zum Vergleich von mündlichen und schriftlichen Prüfungen um die Aussagen zu verallgemeinern.

1.1.2 Trait- und State-Anst

Zur Erfassung der Trait- und State-Angst entwickelten Spielberger, Gorsuch und Lushene 1970 das „State-Trait Anxiety Inventory“, welches in dieser Studie als deutsche Adaption „State-Trait-Angstinventar“ (STAI) von Laux, Glanzmann, Schaffner und Spielberger (1981) verwendet wird, um die State-Angst zu erfassen. 2011 entwickelten Hodapp, Rohrmann und Ringeisen den aktuellen Prüfungsangstfragebogen (PAF), um die Trait-Angst zu erfassen. Trait-Angst beschreibt die Angst als eine Eigenschaft und ist ein relativ stabiles Merkmal (Hodapp et al., 2011). Spielberger (1970) fand schon sehr früh heraus, dass Menschen die generell hochängstlich sind, Situationen schneller als bedrohlich einschätzen und somit auch eine höhere State-Angst aufweisen, als weniger ängstliche Menschen (Hodapp et al., 2011). State-Angst wird definiert als Zustandsangst, welche in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten mit unterschiedlicher Intensität auftritt (Hodapp et al., 2011). Zustandsangst wird begleitet durch Besorgtheit, Anspannung, Unruhe und Furcht vor zukünftigen Erlebnissen (Hodapp et al., 2011). Ängste entstehen, wenn ein Mensch eine Stress-Situation als bedrohlich einschätzt. Bei dieser Bewertung spielt vor allem die Trait-Angst eine bedeutende Rolle (Hodapp et al., 2011). Die Höhe der Zustandsangst wird außerdem von Merkmalen der Situation, von spezifisch eingesetzten Bewältigungsstrategien, Abwehrmechanismen und auch vom Alter und Geschlecht beeinflusst (Laux, Glanzmann, Schaffner & Spielberger, 1981). Mehrere Studien konnten beweisen, dass die Zustandsangst bei hochängstlichen Menschen vor allem dann ansteigt, wenn sie sich in einer ich-involvierenden Situation befinden (Hodapp, Rohrmann & Ringeisen, 2011).

1.1.3 Post-event processing

Post-event processing (PEP) beschreibt anhaltendes, nachdenkliches und negatives Denken über ein vergangenes soziales Ereignis und wird vor allem mit sozialen Ängsten in Verbindung gebracht (vgl. Brozovich & Heimberg, 2011). Es gibt viele Studien, die den Zusammenhang von Post-event processing und sozialen Ängsten überprüft und veröffentlicht haben. Perera, Rowa und McCabe (2016) untersuchten in einer Studie, ob PEP auf Menschen mit erhöhter sozialer Angst beschränkt ist. Soziale Ängste sind durch Angst vor negativer Evaluation durch andere Menschen in Sozialen- und Leistungssituationen charakterisiert (Brozovich & Heimberg, 2011). Allgemein belegte seine Studie, dass soziale Ängste als der stärkste Faktor für Post-event processing anzusehen ist (Perera et al., 2016).

Rachman, Günther-Andrew und Shafran (2000) führten eine psychometrische Studie über Post-event processing im Zusammenhang mit sozialer Angst durch. Sie stellten fest, dass PEP vor allem nach angstauslösenden oder peinlichen sozialen Ereignissen auftritt und das PEP mit sozialen Ängsten signifikant korreliert (Rachman et al., 2000). Sie charakterisierten das Nachdenken nach einem sozialen Ereignis als wiederkehrend und aufdringlich und das diese Gedanken die Konzentration beeinträchtigen. Außerdem behaupten sie, dass Post-event processing zur Vermeidung ähnlicher sozialer Situationen führt (Rachman et al., 2000). Die Studie von Lundh und Sperling (2002) bestätigte die Aussagen aus der Studie von Rachman et al. (2000), dass negatives Post-event processing ein reales Phänomen ist und das dieses sowohl bei sozial belastenden Ereignissen im Allgemeinen als auch bei negativ bewerteten Ereignissen auftritt, die von Personen mit sozialer Phobie befürchtet werden. Der Grad des negativen Post-event processing nach negativ bewerteten Ereignissen war eindeutig mit der sozialen Angst verbunden, jedoch nicht mit dem Grad der negativen Nachbearbeitung bei sozial belastenden Situationen im weiteren Sinne (Lundh & Sperling, 2002).

Mehrere Studien belegten, dass sozial ängstliche Personen ihre eigene Leistung in sozialen Situationen voreingenommen schlecht bewerten (Brozovich & Heimberg, 2011). Post-event processing hält soziale Ängstlichkeit aufrecht, indem angenommen wird, dass es als Prozess zwischen erster Interpretation und dem späteren Rückruf dient (Clark & Wells, 1995). Außerdem tritt es im Zusammenhang mit sozialen Situationen auf und kann bei negativen Erfahrungen auch in Erwartung auf eine kommende, soziale Situation vorkommen (Bozovich & Heimberg, 2011).

Fehm, Hoyer und Schneider (2007) haben untersucht ob, Post-event processing spezifisch für soziale Ängste oder soziale Situationen ist. Hierfür wurden Daten zum PEP, der sozialen Angst, der allgemeinen Angst und von Depressionen anhand von Fragebögen gemessen. Diese wurden von Menschen nach einem sozialen oder phobischen Ereignis, gefolgt von negativem Denken, ausgefüllt (Fehm et al., 2007). Die Ergebnisse zeigten, dass soziale Ereignisse häufiger und intensiver von Post-event processing gefolgt waren (Fehm et al., 2007). Außerdem kam heraus, dass die Angst vor negativen Bewertungen als Aspekt der sozialen Angst signifikant mit PEP für soziale, aber nicht für phobische Situationen verbunden war. Im Gegenzug dazu wurde PEP durch die allgemeine Angst nur nach einer Phobie vorausgesagt (Fehm et al., 2007). Soziale Angst oder Angst vor negativer Bewertung ist ein signifikanter Prädiktor für die Höhe von PEP nach sozialen, aber nicht nach phobischen Situationen. Die Studie zeigte ebenfalls, dass PEP vor allem bei Interaktionssituationen erhöht ist, während es bei Performance-Anlässen weniger hoch war (Fehm et al., 2007). Zusätzlich beinhaltet es häufig negative Bilder und Wahrnehmungen des Selbst in sozialen Situationen und deren Erinnerungen (Brozovich & Heimberg, 2011). Individuen rekonstruieren immer wieder ihre Gedanken an das Ereignis, um ihr negatives Selbstbild anzupassen. Daraus folgt eine vorausschauende Angst und negative Interpretationsvorurteile in Bezug auf zukünftige soziale Situationen (Brozovich & Heimberg, 2011). Post-event processing kann so stark ausfallen, dass eine ursprünglich positiv bewertete Situation später als totales Versagen gewertet wird (Fehm & Fydrich, 2007). Ein höherer PEP-Spiegel ist auf einen besseren Rückruf negativer, selbstbezogener Informationen und einer stärkeren negativen Voreingenommenheit bei Selbstbeurteilung zurückzuführen, was in einer Studie von Mellings und Alden (2000) herauskam.

Edwards, Rapee und Franklin (2003) untersuchten, ob Menschen mit einem hohen Maß an sozialer Angst durch ein größeres Nachdenken über ein soziales Ereignis gekennzeichnet sind, insbesondere durch einen negativen Beigeschmack und durch eine Rückrufverzerrung gegenüber negativen Informationen im Zusammenhang mit diesem Ereignis, im Laufe der Zeit. Auch sie fanden einen Unterschied im Post-event processing bei sozial hoch- und niedrigängstlichen Personen nach einem sozialen Ereignis. Soziale Angst und Depressionen waren jeweils unabhängig mit dem negativem Grübeln für das soziale Ereignis verbunden (Edwards et al., 2003). Als die Depressivität in der Gruppenanalyse kontrolliert wurde, war die Interaktion zwischen Erinnerungsbias und Grübeln bei positivem und negativem Ruminationsverhalten zwischen den Gruppen schwächer und zeigte nur einen Trend zur Signifikanz. Das allgemeine Grübeln unterschied sich jedoch weiterhin zwischen den Gruppen in die erwarteten Richtung, selbst wenn die Depression kontrolliert wurde (Edwards et al., 2003). Dieselben Ergebnisse wurden auch in Studien von Rachman et al. (2000) und Mellings und Alden (2000) empirisch gesichert (Edwards et al., 2003). Auch Clark und Wells (1995) sind dieser Meinung und verweisen auf ein „Postmortem“ von Ereignissen, welches die Tendenz für negative Bewertungen beinhaltet und bei sozial Hochängstlichen stark ausgeprägt ist (Edwards et al., 2003). Das Postmortem scheint mit der mentalen Repräsentation von Menschen mit hoher sozialer Angst im Hinblick auf die negative Voreingenommenheit übereinzustimmen, wenn auch trotzdem positive und negative Gedanken an das Ereignis beteiligt sind (Edwards et al., 2003). Die Studie lieferte außerdem Ergebnisse die belegten, dass negatives Wiederkäuen nach einem sozialen Ereignis ebenfalls unabhängig mit dem Depressivitätsniveau assoziiert war. Deshalb lässt sich vermuten, dass negative Vorurteile über soziale, evaluative Ereignisse nicht nur mit der sozialen Angst verbunden sind (Edwards et al., 2003). Die Studie zeigte ein weiteres Beispiel für die enge Beziehung zwischen sozialer Ängstlichkeit und Depression. Außerdem war sie eine der ersten Studien, die eine Tendenz zwischen dem Wiederkäuen nach einem Ereignis bei sozial Hochängstlichen nach einer relevanten, sozialen Situation und einem hohen Potential für negative Bewertung aufzeigte (Edwards et al., 2003). Das Wiederkäuen basiert auf negativen Überzeugungen und stimmt mit den kognitiven Modellen der sozialen Phobie überein (Edwards et al., 2003).

Da Post-event processing in erster Linie hauptsächlich in Beziehung zu sozialer Angst (SAD) gesetzt wurde, wollten Laposa, Collimore und Rector (2014) die Auswirkung des PEP in Bezug zu anderen Angststörungen untersuchen. Hierbei wurden beispielsweise Panikstörungen, generalisierte Angststörungen oder Zwangsstörungen betrachtet. Die umfassende Studie kam zu dem Ergebnis, dass PEP ein transdiagnostischer Prozess sein kann, welcher Relevanz für eine breite Palette von Angststörungen besitzt und somit nicht nur für soziale Ängste eine Rolle spielt (Laposa et al., 2014).

Durch Anreiz der genannten Studie von Laposa et al. (2014) befasst sich diese Studie mit dem kaum erforschten Zusammenhang vom Post-event processing mit Prüfungsängsten. Dadurch, dass PEP ein transdiagnostischer Prozess sein kann, stellt sich die Frage ob Prüfungsängste auch mit zu den anderen Angststörungen gehört bei denen der PEP-Spiegel nach sozialen Situationen und in diesem Fall nach mündlichen und schriftlichen Prüfungen stark ansteigt. Anhand von dieser Studie wäre es möglich die breite Palette von Angststörungen, welche für PEP relevant sind, um Prüfungsangst zu erweitern und im gleichen Zuge zu ermitteln bei welcher Prüfungsart das PEP höher ist.

1.2 Design und Hypothesen

Die Studie arbeitet mit einem Fragebogendesign zur Erfassung von Elementen der Prüfungsangst. Die Trait-Angst und die Furcht vor negativer Evaluation sind stabile, unabhängige Variablen und lassen sich nicht von anderen Variablen beeinflussen. Im Rahmen dieser Studie werden die zwei genannten Variablen mit erhoben, aber es wird innerhalb der Hypothesenüberprüfung nicht explizit mit ihnen gerechnet. Für die Überprüfung der Hypothesen werden die Art der Prüfung und die Notendiskrepanz als unabhängige Variablen betrachtet. Die abhängigen Variablen sind die State-Angst, die Prüfungsangst und das Post-event processing. Im Zusammenhang mit den Ergebnissen der präsentierten Studien wurden drei Hypothesen aufgestellt.

Bei der ersten Hypothese wird davon ausgegangen, dass die State-Angst bei mündlichen Prüfungen höher ist als bei schriftlichen (Hypothese 1). Wie bereits genannt, fand Spielberger (1972) heraus, dass hochängstliche Personen generell eine höhere State-Angst aufweisen. Um die generelle Ängstlichkeit mitzuerfassen und innerhalb weiterer Analysen zu überprüfen, ob die generelle Ängstlichkeit einen Einfluss auf die Zustandsangst hat, wurde der Prüfungsangstfragebogen (PAF) (Hodapp et al., 2011) eingesetzt. Bei mündlichen Prüfungen besteht außerdem eine direkte Kommunikation und es handelt sich, wie bei schriftlichen Prüfungen, um eine ich-involvierende Situation, in der der Selbstwert beeinträchtigt werden kann. In mündlichen Prüfungen ist die State-Angst voraussichtlich höher, da man weniger an Sie gewohnt ist, weil diese Prüfungsart seltener ablegt wird als eine schriftliche. Außerdem spielen bei mündlichen Prüfungen viele soziale Komponenten eine Rolle, die die Angst erheblich steigern können. Während bei schriftlichen Prüfungen keine Kommunikation besteht und die Möglichkeit besteht zunächst leichtere Aufgaben zu lösen, muss man bei mündlichen Prüfungen schnell und präzise antworten und erlebt somit höchstwahrscheinlich mehr Leistungs- und sozialen Druck vor der Prüfung. Auf dieser Grundlage wird in der ersten Hypothese allgemein davon ausgegangen, dass die State-Angst bei mündlichen Prüfungen höher ist als bei schriftlichen. Bei dieser Hypothese ist die Prüfungsart die unabhängige Variable und die State-Angst die abhängige Variable.

Die zweite Hypothese geht davon aus, dass es einen Unterschied in der Ausprägung von Post-event processing bei mündlichen und schriftlichen Prüfungen gibt (Hypothese 2). Das Post-event processing nach einer mündlichen Prüfung kann durch die sozialen Komponente sehr hoch sein, sodass das Grübeln über die Performance in der sozialen Situation ansteigt. Fehm et al. (2007) zeigten bereits, dass PEP vor allem bei Interaktionssituationen erhöht ist, während es bei Performance-Anlässen weniger hoch war. Außerdem wird die Note direkt bekannt gegeben, was gegebenfalls auch zu starkem grübeln über das Ereignis führen kann (zum Beispiel: „warum war die Note nicht besser?“). Wie Rachman et al (2000) erwähnte, ist PEP vor allem nach angstauslösenden, oder peinlichen, sozialen Ereignissen erhöht, was bei mündlichen Prüfungen durch beispielsweise eine unangemessene Antwort und die darauffolgende Reaktion des Prüfers häufiger vorkommen kann. Bei schriftlichen Prüfungen hingegen bleibt die Note noch längere Zeit unbekannt, was jedoch das PEP auf andere Art und Weise ansteigen lassen kann, indem sich der Proband zum Beispiel Gedanken darüber macht, ob seine Leistung für eine gute Note gereicht hat. Außerdem kann das PEP bis zu der Notenbekanntgabe bestehen bleiben, während es nach mündlichen Prüfungen eventuell schneller abklingt. In beiden Prüfungsarten gibt es somit mehrere Faktoren, welche das PEP erhöhen können. Aufgrund dieser Voraussetzungen wurde die Hypothese ungerichtet aufgestellt. Auch hier ist die Prüfungsart die unabhängige Variable, während das Post-event processing die abhängige Variable ist.

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Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346115911
ISBN (Buch)
9783346115928
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513163
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
prüfungsangst prüfungen empirisches praktikum basisfach psychologie

Autor

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Titel: Prüfungsangst bei mündlichen und schriftlichen Prüfungen